Das Wort des Lebens
lebensstudium

Das Gott-Mensch-Leben des Menschen-Erretters (2)

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Viele Christen wissen, dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist, aber weniger bewusst ist, wie entscheidend sein ganzes Leben auf der Erde für unsere Errettung war. Die Evangelien zeigen nicht nur Wundertaten, sondern den Alltag eines Menschen, in dem Gott selbst sichtbar wird. Wenn wir dieses Gott-Mensch-Leben betrachten, entdecken wir, wer Christus wirklich ist – und was er in unserem eigenen Leben ausdrücken möchte.

Der Mensch-Erretter: wahrer Mensch und vollkommener Gott

Wenn die Schrift vom Mensch-Erretter spricht, stellt sie uns keinen schattenhaften Halbgott vor, sondern einen wirklichen Menschen mit echter menschlicher Natur. Er ist ein Kind von Blut und Fleisch, in allem uns gleich außer der Sünde. So heißt es in Hebräer 2:14–17, dass Er „in gleicher Weise an denselben Anteil erhalten“ hat wie die Kinder, „damit Er durch den Tod den vernichte, der die Macht des Todes hat“ und dass Er „in allen Dingen Seinen Brüdern gleich gemacht“ werden musste. Die Rettung, die Er vollbringt, ist daher keine abstrakte Idee, sondern hat den Stoff unseres eigenen Lebens aufgenommen: Müdigkeit und Hunger, Freude und Schmerz, Versuchung und Kampf. Gerade darin liegt seine Fähigkeit, uns als Menschen wirklich zu vertreten; Er rettet nicht von außen, sondern von innen her, als einer, der den Weg des Menschen bis ans Ende gegangen ist.

Der Menschen-Heiland ist ein wirklicher Mensch mit der echten menschlichen Natur und den vollkommenen menschlichen Tugenden. Hier gebrauchen wir drei Adjektive, um den Menschen-Heiland in Seiner Menschheit zu beschreiben: echt, wirklich und vollkommen. Als Mensch ist der Menschen-Heiland echt. Seine Natur ist wirklich; das heißt, Er war ein wirklicher Mensch, kein Phantom. Außerdem sind die menschlichen Tugenden des Menschen-Heilandes vollkommen. Um qualifiziert zu sein, der Heiland des Menschen zu sein, musste der Herr Jesus ein wirklicher Mensch mit einer echten menschlichen Natur und den vollkommenen menschlichen Tugenden sein. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft einundsechzig, S. 519)

Doch derselbe, der so tief in unser Menschsein hinabstieg, ist von Ewigkeit her der vollständige Gott, der Dreieine Gott selbst. Philipper 2.erinnert daran, dass Er „in der Gestalt Gottes existierte“ und dass Er Gott gleich war, bevor Er die „Gestalt eines Sklaven“ annahm (Phil. 2:6–7). Unser Erretter ist nicht nur ein vollkommener Mensch, sondern auch der vollkommene Gott mit der ganzen Fülle göttlicher Eigenschaften: unerschöpfliche Liebe, durchdringende Heiligkeit, unveränderliche Treue, souveräne Macht. In seiner Menschheit liegt die Qualifikation, uns vertreten und unser Blutpreis werden zu können; in seiner Gottheit liegt die Kraft, dieser Erlösung unendliches Gewicht und ewigen Bestand zu geben. Wenn die Schrift von „dem Blut Jesu, Seines Sohnes“ spricht (1. Joh. 1:7), berühren sich hier zwei Welten: Es ist das Blut eines wirklichen Menschen, vergossen an einem Ort und zu einer Zeit, und zugleich das Blut des Sohnes Gottes, dessen Wert keine Grenze kennt.

So entsteht vor uns das Bild eines Mensch-Erretters, dessen Person selbst die Garantie seiner Rettung ist. Wäre Er nur Mensch, könnte Er vielleicht mitfühlen, aber nicht durchtragen; wäre Er nur Gott, könnte Er herrschen, aber nicht wirklich unsere Last als Mensch auf sich nehmen. In Ihm aber sind Menschlichkeit und Gottheit unvermischt, ungetrennt, weder verschmolzen noch getrennt nebeneinander, sondern in einer Person wunderbar geeint. Darum ist seine Rettung gleichzeitig zärtlich nah und absolut zuverlässig: Er kennt das Zittern unserer Schwachheit, und doch trägt seine Hand die ganze Schöpfung. Diese Einheit aus menschlicher Nähe und göttlicher Beständigkeit ist mehr als Lehre – sie ist die stille Zuversicht, aus der ein Leben wachsen kann, das sich nicht mehr an sich selbst festklammern muss. Wer diesen Gott-Menschen ansieht, darf entdecken: Zwischen Gottes Herz und unserem Menschsein liegt kein Abgrund mehr, den wir selbst überbrücken müssten; Er selbst ist die Brücke, die beide Ufer für immer verbindet.

Da Darum die Kinder Anteil bekommen haben an Blut und Fleisch, hat auch Er in gleicher Weise an denselben Anteil erhalten, damit Er durch den Tod den vernichte, der die Macht des Todes hat, das heißt den Teufel, … Darum musste Er in allen Dingen Seinen Brüdern gleich gemacht werden, damit Er zu einem barmherzigen und treuen Hohen Priester würde in Bezug auf die Dinge, die Gott betreffen, um für die Sünden des Volkes Sühnung zu schaffen. (Hebr. 2:14-17)

der, als Er in der Gestalt Gottes existierte, es nicht als ein gewaltsam festzuhaltendes Raubgut ansah, Gott gleich zu sein, sondern Sich Selbst entleerte, indem Er die Gestalt eines Sklaven annahm und in der Gleichgestalt der Menschen wurde; (Phil. 2:6-7)

Das Bewusstsein, dass unser Erretter zugleich wahrer Mensch und vollkommener Gott ist, verändert die Art, wie wir sowohl unsere Schwachheit als auch Gottes Größe wahrnehmen. Unsere Begrenztheit wird nicht länger zur Barriere, die uns von Ihm trennt, sondern zum Ort, an dem Er als der mitfühlende Mensch in unsere Geschichte eintritt. Und Gottes Majestät bleibt nicht eine ferne, fordernde Größe, sondern trägt in der Person des Sohnes die Gestalt eines, der uns kennt und versteht. Aus dieser doppelten Wirklichkeit wächst leise Mut: unser Leben ist nicht zu niedrig für Gott, und Gottes Kraft ist nicht zu fern für uns. In der Gemeinschaft mit diesem Gott-Menschen lernen wir, uns selbst nicht zu überschätzen und unsere Not nicht zu unterschätzen – aber noch weniger unterschätzen wir die Tiefe seiner Erlösung, die in seiner Person bereits vollendet vor uns steht.

Der Gott-Mensch: menschliche Tugenden als Gefäß für göttliche Eigenschaften

Im Gott-Menschen Jesus begegnen sich zwei Welten, ohne sich zu verwischen: die menschliche Natur mit ihren Tugenden und die göttliche Natur mit ihren Eigenschaften. Seine Menschlichkeit ist nicht bloß Hülle oder Maske, sondern ein fein durchgebildeter Raum, geschaffen, um Gottes Wesen aufzunehmen. So sagt Johannes 1:14: „Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns … voller Gnade und Wirklichkeit.“ Das ewige Wort nimmt nicht nur eine menschliche Gestalt an, es „zeltet“ mitten unter den Menschen und füllt die alltäglichen Formen menschlichen Lebens mit göttlichem Inhalt. Jesu Geduld, seine Sanftmut, seine Wahrhaftigkeit, seine Barmherzigkeit sind echte menschliche Tugenden, doch sie bleiben nicht auf menschlichem Maß. Gott selbst durchdringt und trägt sie, so dass in ihnen mehr leuchtet, als bloßes Menschsein hervorbringen könnte.

Die menschliche Natur mit ihren Tugenden zu haben, um Gott zu enthalten und auszudrücken Als ein wirklicher Mensch und der vollständige Gott ist der Menschen-Heiland der Gott-Mensch. Er hat die menschliche Natur mit ihren Tugenden, um Gott zu enthalten und Ihn auszudrücken. Niemand hat jemals so viel von Gott enthalten wie der Herr Jesus. Mit Seinen menschlichen Tugenden enthielt Er Gott und drückte Ihn aus. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft einundsechzig, S. 521)

Man kann sich diese Verbindung wie ein feines Gefäß vorstellen, das ganz dafür geformt ist, einen kostbaren Inhalt zu tragen. Die menschliche Natur des Herrn – mit allen berechtigten Empfindungen, den Grenzen von Müdigkeit, den Regungen von Mitgefühl – ist dieses Gefäß; die göttlichen Eigenschaften – Liebe, Heiligkeit, Weisheit, Gerechtigkeit – sind der Inhalt. In Ihm bleibt beides unterscheidbar, aber untrennbar verbunden: Wenn Er liebt, liebt ein Mensch, und doch ist es Gottes Liebe, die durch diese menschliche Liebe hindurchströmt. Wenn Er richtet, urteilt ein Mensch, und doch ist es Gottes Gerechtigkeit, die in seinem Urteil sichtbar wird. So erfüllt sich, was Gott in 1. Mose 1:26 beabsichtigte: „Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt.“ Der Mensch war von Anfang an dafür bestimmt, Bild und Gleichgestalt Gottes zu sein; im Gott-Menschen Jesus sieht man dieses Bild nicht mehr als Ahnung, sondern als gelebte Wirklichkeit.

Darum hat das Betrachten seiner menschlichen Tugenden immer eine doppelte Wirkung. Einerseits erkennen wir, wie tief Gott die Menschlichkeit ehrt: Er verwirft sie nicht, sondern macht sie zu seinem Gefäß. Andererseits merken wir, wie begrenzt unsere eigenen Tugenden sind, solange sie nicht von Gottes Eigenschaften erfüllt werden. Jesus ist nicht nur moralisch vorbildlich, sondern transparent für Gott. Das macht sein Leben zugleich nahbar und unerreichbar: nahbar, weil es zutiefst menschlich ist; unerreichbar, weil es ganz von Gott erfüllt ist. In dieser Spannung geschieht etwas Befreiendes: statt uns an einem äußeren Ideal aufzurichten und daran zu zerbrechen, dürfen wir in Ihm sehen, was Gott selbst aus menschlichen Tugenden machen kann, wenn Er sie mit sich füllt. So wird Seine Menschlichkeit zu einer Einladung, unsere eigene Menschlichkeit nicht zu verachten, sondern sie Gott hinzuhalten, damit Er sie nach dem Maß des Gott-Menschen durchdringen und verwandeln kann.

Aus dieser Sicht bekommt auch unser Alltag eine andere Farbe. Wo wir Geduld, Treue oder Freundlichkeit nur als moralische Forderung verstehen, bleiben wir leicht bei uns selbst stehen – bei unserer Kraft, unserem Versagen, unseren Grenzen. Im Gott-Menschen erscheint dieselbe Geduld, dieselbe Treue, dieselbe Freundlichkeit als Ort, an dem Gott sich mitteilt. Seine menschliche Tugend ist das sichtbare Gesicht göttlicher Eigenschaften. Je mehr diese Einsicht das Herz prägt, desto weniger müssen wir uns an einem abstrakten Bild von Frömmigkeit abarbeiten. Stattdessen kann die stille Hoffnung wachsen: Der Gott, der in Christus menschliche Tugenden so völlig erfüllt hat, ist derselbe, der durch den Geist in uns wohnt. Das macht aus nüchterner Ethik ein erwartungsvolles Leben – nicht, weil wir schon sind wie Er, sondern weil Er sich nicht scheut, unser fragiles Gefäß mit seinem eigenen Inhalt zu füllen.

Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns (und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als des Einziggeborenen vom Vater), voller Gnade und Wirklichkeit. (Joh. 1:14)

Und Gott sprach: Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt, und sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über jedes Kriechtier, das auf der Erde umherkriecht! (1.Mose 1:26)

Wenn wir den Gott-Menschen betrachten, lernen wir, Menschlichkeit nicht gegen Gottlichkeit auszuspielen. Unsere Empfindsamkeit, unsere Fähigkeit zu trösten, zu hören, zu leiden – all das sind nicht Hindernisse, sondern mögliche Gefäße für Gottes Eigenschaften. Er bleibt der Einzige, der diese Verbindung vollkommen gelebt hat; dennoch zeigt Er mit seinem Leben, dass Gott sich gerade in menschlichen Tugenden zeigen will. Wo diese Sicht das Herz erreicht, wird der Alltag zu einem stillen Raum der Erwartung: nicht, dass wir alles im Griff hätten, sondern dass Gott selbst sich entscheidet, durch begrenzte Menschlichkeit etwas von seiner unbegrenzten Wirklichkeit aufscheinen zu lassen. Das gibt Halt in der Spannung zwischen Sehnsucht und Unvollkommenheit und ermutigt, den eigenen Weg als einen Ort zu sehen, an dem Gott seine Spur in menschlichen Linien zieht.

Das Gott-Mensch-Leben: ein menschliches Leben, das Gott ausdrückt

Blickt man auf das irdische Leben Jesu, fällt zunächst auf, wie unspektakulär vieles davon nach außen wirkt. Dreißig Jahre verborgenes Leben in Nazareth, ein einfacher Handwerker, eingebettet in die Strukturen seiner Zeit. Und doch geschieht in diesem unscheinbaren Alltag etwas Einzigartiges: Ein echter Mensch lebt sein Leben nicht von den Quellen des bloß menschlichen Lebens her, sondern aus der inneren Wirklichkeit Gottes. Jesus denkt, entscheidet und fühlt mit einem menschlichen Verstand, einem menschlichen Willen, einem menschlichen Herzen – doch der Antrieb, die Richtung, der Inhalt kommen aus der Gemeinschaft mit dem Vater. Er selbst beschreibt dies mit den Worten: „Ich kann nichts von Mir Selbst aus tun … denn Ich suche nicht Meinen eigenen Willen, sondern den Willen dessen, der Mich gesandt hat“ (Johannes 5:30).

Dies ist das Leben eines wirklichen Menschen, aber nicht durch das Leben des Menschen - den menschlichen Verstand, Willen und die Gefühle -, um den Menschen in den menschlichen Tugenden auszudrücken. Zwei Verse aus dem Johannesevangelium helfen, dies zu verstehen. In Johannes 5:30 sagt der Herr Jesus: „Ich kann nichts von mir selbst tun; wie ich höre, so richte ich; und mein Gericht ist gerecht, weil ich nicht meinen eigenen Willen suche, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.“ In Johannes 6:38 fährt Er fort zu sagen: „Denn ich bin aus dem Himmel herabgekommen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.“ In diesen Versen sehen wir, dass der Herr Jesus nicht Seinen eigenen Willen tat oder suchte. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft einundsechzig, S. 523)

Darum ist sein menschliches Leben nicht das Leben eines starken Charakters, der sich moralisch aufrichtet, sondern das Leben eines Sohnes, der sich vom Vater bestimmen lässt. In Johannes 6:38 erklärt Er: „Denn Ich bin nicht vom Himmel herabgekommen, um Meinen eigenen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der Mich gesandt hat.“ Seine Freiheit besteht nicht darin, sich selbst zu verwirklichen, sondern darin, sich vom Willen Gottes her zu verstehen. Die alltäglichen Entscheidungen – welchen Weg Er geht, wem Er begegnet, wie Er reagiert – sind Ausdruck einer inneren Abstimmung auf den Vater. So werden seine menschlichen Tugenden zu sichtbaren Linien göttlichen Denkens: seine Barmherzigkeit bildet Gottes Erbarmen ab, seine Klarheit trägt Gottes Wahrheit, seine Sanftmut widerspiegelt Gottes Langmut.

Dieses Gott-Mensch-Leben zeigt sich besonders deutlich dort, wo menschliche Reaktionen naheliegen und doch etwas anderes geschieht. Wenn Er beleidigt, missverstanden, angeklagt wird, könnte Er als Mensch mit Gegenwehr, Rückzug oder Bitterkeit antworten. Stattdessen sieht man einen, der in den Verletzungen still bleibt, nicht weil er gefühlskalt wäre, sondern weil Gottes Blick sein Empfinden trägt. In den Begegnungen mit Zöllnern, Kranken, Randfiguren der Gesellschaft wird sichtbar, wie göttliche Liebe eine menschliche Nähe wählt, in der sich niemand überfahren oder benutzt fühlen muss. Der barmherzige Samariter, von dem Jesus erzählt, und sein Umgang mit Menschen wie Zachäus oder der Samariterin am Brunnen sind Spiegel dieses Lebens: Es ist menschlich greifbar und zugleich göttlich überraschend.

Für uns bedeutet dieses Gott-Mensch-Leben mehr als ein unerreichbares Ideal. In Christus zeigt Gott, dass wahre Menschlichkeit nicht darin besteht, sich von Gott zu lösen, sondern von Ihm her zu leben. Das entlarvt die Vorstellung, man müsse sich zwischen einem „frommen“ Leben und einem „wirklich menschlichen“ Leben entscheiden. In Jesus fallen diese scheinbaren Gegensätze zusammen: je tiefer Er aus Gott lebt, desto wahrer wird seine Menschlichkeit. Und indem Er unser Menschsein angenommen hat, öffnet Er den Weg, dass sein Leben nicht nur vor uns, sondern in uns Gestalt gewinnt. Die Beziehung zu Ihm ist daher nicht bloß Bewunderung auf Abstand, sondern Teilhabe: Er bleibt der Einzige, der dieses Leben vollkommen gelebt hat, aber Er teilt durch den Geist etwas von diesem Leben mit denen, die zu Ihm gehören.

Ich kann nichts von Mir Selbst aus tun; wie Ich höre, richte Ich, und Mein Gericht ist gerecht, denn Ich suche nicht Meinen eigenen Willen, sondern den Willen dessen, der Mich gesandt hat. (Joh. 5:30)

Denn Ich bin nicht vom Himmel herabgekommen, um Meinen eigenen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der Mich gesandt hat. (Joh. 6:38)

Das Gott-Mensch-Leben Jesu lädt dazu ein, das eigene Leben nicht mehr nur von innen her – von unseren spontanen Gedanken, Wünschen und Reaktionen – zu deuten, sondern vom Blick Gottes her. Je mehr sein Wort in uns Raum gewinnt, desto deutlicher wird: Wahres Menschsein entsteht nicht durch die Steigerung unserer natürlichen Kräfte, sondern durch das stille Wirken seines Lebens in uns. Wo wir lernen, im Kleinen auf den Willen des Vaters zu achten, wird unser Alltag nicht zwanghaft, sondern durchlässig für Gott. Die Erfahrungen bleiben menschlich, mit allen Höhen und Tiefen; doch mitten in ihnen wächst eine andere Gewissheit: Wir sind nicht allein auf uns zurückgeworfen, denn der, der als Gott-Mensch auf dieser Erde gelebt hat, teilt uns etwas von seinem Leben mit. Aus dieser Gewissheit kann eine leise, tragfähige Hoffnung entstehen, die trägt, wenn die eigenen Tugenden nicht ausreichen, und die gerade dann daran erinnert, dass unsere Rettung in der Person dessen gründet, der in allem „nicht seinen eigenen Willen“, sondern den Willen des Vaters gesucht hat.


Herr Jesus Christus, Mensch-Erretter und Gott-Mensch, staunend bekennen wir, dass du zugleich wahrer Mensch und vollkommener Gott bist, der uns im Blut des Kreuzes ewig wirksam erlöst hat. Danke, dass du ein ganzes Leben auf der Erde gelebt hast, in dem Gottes Liebe, Heiligkeit und Barmherzigkeit durch menschliche Worte, Gesten und Taten sichtbar wurden. Lass uns neu Vertrauen fassen, dass deine göttliche Kraft stärker ist als unsere Schwachheit und dass deine vollkommene Menschlichkeit unsere zerbrochene Menschlichkeit heilen kann. Erfülle unsere Gedanken, unseren Willen und unsere Gefühle mit deinem Leben, damit in unserem Alltag etwas von deiner Liebe, deiner Geduld und deiner Gerechtigkeit aufleuchtet. Wo wir uns unzulänglich und schuldig sehen, lass uns auf dein vollendetes Leben und Werk schauen und daraus Trost und Zuversicht schöpfen. Und wenn wir an unsere Grenzen kommen, erinnere uns daran, dass du in uns lebst und uns durch deinen Geist in dein Gott-Mensch-Leben hineinziehst, bis der Vater in uns etwas von dir wiedererkennt. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 61