Das Gott-Mensch-Leben des Menschen-Erretters (1)
Viele Christen verbinden das Erlösungswerk Jesu fast ausschließlich mit den Stunden am Kreuz, während die dreiunddreißig Jahre davor wie ein langer Vorspann wirken. Doch warum lebte der allmächtige Gott als Mensch in einer armen Familie, arbeitete als Zimmermann und ging Schritt für Schritt den Weg eines ganz normalen Lebens, statt uns „auf einen Schlag“ aus der Hölle in den Himmel zu versetzen? Gerade in dieser scheinbaren Langsamkeit und Normalität liegt ein tiefes Geheimnis von Gottes Art zu retten.
Warum musste Gott Mensch werden und ein ganzes Leben leben?
Wenn die Bibel schildert, wie Gott die Welt erschafft, wirkt alles schnell, souverän und unangefochten. „Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht“ (1.Mose 1:3). Ein Wort, und das Nichts wird fruchtbar. Gott braucht keine langen Prozesse, um Galaxien ins Dasein zu rufen. Umso erstaunlicher ist die andere Linie der Schrift: Derselbe Gott, der mit einem Wort Welten schafft, bindet sich für unsere Errettung an dreiunddreißigundeinhalb Jahre menschliches Leben. Der Hebräerbrief fasst es zusammen: „Da Darum die Kinder Anteil bekommen haben an Blut und Fleisch, hat auch Er in gleicher Weise an denselben Anteil erhalten“ (Hebr. 2:14). Der, der das Universum trägt, nimmt Blut und Fleisch an und geht den Weg eines Menschen – vom Mutterleib bis zum Grab.
Um uns zu retten, musste Gott dreiunddreißig und ein halbes Jahr in einem Menschen leben. Haben Sie jemals darüber nachgedacht? Bei der Erschaffung des Universums brauchte Gott nur sechs Tage, und am siebten Tag ruhte Er. Warum musste Gott dann so viele Jahre auf der Erde in einem Menschen leben, um uns zu retten? (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft sechzig, S. 511)
Offenbar geht es Gott bei der Errettung des Menschen um mehr als um eine einmalige Machtdemonstration. Er hätte uns juristisch in einem Augenblick freisprechen können. Stattdessen wählt Er den Weg der Menschwerdung, der Erniedrigung und des Lernens. In Philipper 2.wird beschrieben, wie Christus, „als Er in der Gestalt Gottes existierte“, sich nicht an seinem Gottgleichsein festklammerte, „sondern Sich Selbst entleerte, indem Er die Gestalt eines Sklaven annahm und in der Gleichgestalt der Menschen wurde“ (Phil. 2:6–7). Der Sohn Gottes steigt nicht für eine symbolische Geste kurz in unsere Welt hinab, um danach wieder zu verschwinden; Er tritt wirklich in unsere Geschichte ein und durchlebt sie Schritt für Schritt. So wird die Errettung nicht als äußerer Akt an uns vollzogen, sondern als inneres Durchdringen unserer menschlichen Existenz.
In Jesus tritt Gottes eigenes Leben in die konkrete Wirklichkeit unseres Alltags ein. Er weint, wird müde, lernt zu gehorchen, trägt Spannungen in der Familie und Missverständnisse von Menschen. Hebräer 2:17 sagt: „Darum musste Er in allen Dingen Seinen Brüdern gleich gemacht werden, damit Er zu einem barmherzigen und treuen Hohen Priester würde“. Dieses „musste“ ist kein Zwang von außen, sondern Ausdruck eines inneren göttlichen Entschlusses. Gott will kein abstrakter Retter sein, der uns aus distanzierter Höhe hilft. Er will unser Bruder werden, der weiß, wie sich Versuchung, Schmerz und Begrenzung anfühlen, und der gerade darin zum barmherzigen und treuen Hohenpriester wird. Die Errettung, die aus einem solchen Leben hervorgeht, ist tief, weil sie unser Menschsein nicht umgeht, sondern heiligt.
So wird das Kreuz in seiner eigentlichen Bedeutung erst verständlich: Der Tod Jesu ist nicht das isolierte Ende eines ansonsten beliebigen Lebens, sondern die Krönung eines durch und durch gottgemäßen Menschseins. Am Kreuz stirbt kein „Wundertäter auf Durchreise“, sondern der vollkommene Mensch, in dessen ganzem Lebensweg sich Gott offenbart hat. Darum kann Er nicht nur Schuld tilgen, sondern als der vollkommen Qualifizierte an unserer Stelle vor Gott stehen. Wenn wir auf dieses lange, verborgene, scheinbar unspektakuläre Leben Jesu schauen, darf im Herzen eine stille Ermutigung aufgehen: Gott hält es mit uns genauso aus. Er arbeitet nicht nur mit plötzlichen Durchbrüchen, sondern mit geduldigem Mitgehen, mit stiller Gegenwart im Alltag und mit einem Heil, das unsere Geschichte von innen her neu schreibt.
Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht. (1.Mose 1:3)
Da Darum die Kinder Anteil bekommen haben an Blut und Fleisch, hat auch Er in gleicher Weise an denselben Anteil erhalten, damit Er durch den Tod den vernichte, der die Macht des Todes hat, das heißt den Teufel, (Hebr. 2:14)
Wer sich von der Langsamkeit seiner eigenen Veränderung entmutigt fühlt, darf in der Langmut Gottes, der dreiunddreißig Jahre Menschsein für unsere Errettung nicht zu viel fand, eine leise, aber starke Hoffnung entdecken: derselbe Jesus, der damals die Zeit nicht scheute, ist auch heute bereit, die ganze Länge deines Weges zu teilen und dein Menschsein Schritt für Schritt zu heilen.
Das Gott-Mensch-Leben: Ein Mensch, der Gott ausdrückt
Die Evangelien zeichnen kein übermenschliches Wunderwesen, sondern einen erstaunlich nüchternen Jesus. Lukas schreibt: „Und das kleine Kind wuchs heran und wurde stark, war mit Weisheit erfüllt, und die Gnade Gottes war auf Ihm“ (Lk. 2:40). Jesus wächst, wie jedes andere Kind wächst. Er durchläuft Kindheit, Jugend, Reife; erst „ungefähr dreißig Jahre alt“ beginnt Er öffentlich aufzutreten (Lk. 3:23). Er kennt Handwerk, Familie, Freundschaft, Alltag. Gerade diese Normalität ist der Boden, auf dem etwas radikal Neues sichtbar wird: In diesem Menschen leuchtet nicht das verzerrte Bild des gefallenen Adams, sondern der Charakter Gottes selbst.
Im Lukasevangelium sehen wir, dass der Herr ein wirklicher Mensch war, ein normaler Mensch; Er war keine magische Person. Der Herr wuchs auf eine normale, menschliche Weise heran. Schließlich, im Alter von dreißig Jahren, war Er zur Reife für den göttlichen Dienst gelangt. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft sechzig, S. 516)
Was dieses Leben von jedem anderen unterscheidet, ist nicht äußerer Glanz, sondern innere Ausrichtung. Jesus lebt als Mensch, dessen innerstes Zentrum Gott ist. Er bezeugt: „Ich kann nichts von Mir Selbst aus tun … denn Ich suche nicht Meinen eigenen Willen, sondern den Willen dessen, der Mich gesandt hat“ (Joh. 5:30). Und an anderer Stelle: „Denn Ich bin nicht vom Himmel herabgekommen, um Meinen eigenen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der Mich gesandt hat“ (Joh. 6:38). In diesem Herzen gibt es kein Eigenprojekt, keine versteckte Selbstdurchsetzung. Die göttlichen Eigenschaften – Liebe, Heiligkeit, Treue – kleiden sich in menschliche Tugenden: Gehorsam, Sanftmut, Barmherzigkeit, klare Wahrhaftigkeit. Was Gott ist, wird in menschlicher Gestalt sichtbar und greifbar.
Johannes fasst dieses Geheimnis mit einem kühnen Satz: „Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns … voller Gnade und Wirklichkeit“ (Joh. 1:14). Das ewige Wort, das bei Gott war und Gott ist, zieht in ein Zelt aus Fleisch, um inmitten der Menschen zu wohnen. Nicht als abstrakte Idee, sondern als Lebensweise. Man könnte sagen: In Jesus lernt Gott, Mensch zu sein – und der Mensch lernt, wie Gott aussieht. Sein Gott-Mensch-Leben ist daher weit mehr als ein ethisches Ideal. Es ist das Muster der Errettung: Gott will nicht nur unsere Stellung ändern, sondern unser inneres Leben so durchdringen, dass auch in uns ein menschliches Leben entsteht, das Gott ausdrückt.
Darum ist dieses Leben zugleich Trost und Ruf. Trost, weil wir sehen: Ein ganz normales, sogar unscheinbares menschliches Leben kann zur Wohnstätte Gottes werden. Nichts Alltägliches ist zu gering, um von der Gegenwart Gottes durchzogen zu werden. Und Ruf, weil wir eingeladen werden, unsere Vorstellung von Errettung zu weiten: Sie erschöpft sich nicht darin, einmal „gerettet“ zu sein, sondern sie zielt darauf, dass unser Charakter, unsere Reaktionen, unsere Beziehungen von demselben Geist geprägt werden, der Jesus erfüllte. Wo dieser Ruf gehört wird, wächst eine stille Sehnsucht: dass das, was in Ihm vollkommen war, in uns wenigstens in Keimen aufbrechen darf – als Vorgeschmack auf jenes vollendete Gott-Mensch-Leben, das Gott für seine Menschen vorgesehen hat.
Und das kleine Kind wuchs heran und wurde stark, war mit Weisheit erfüllt, und die Gnade Gottes war auf Ihm. (Lk. 2:40)
Und er selbst, Jesus, war ungefähr dreißig Jahre alt, als er auftrat, und war, wie man meinte, ein Sohn des Joseph, des Eli, (Lk. 3:23)
Wer das Gott-Mensch-Leben Jesu betrachtet, muss sich nicht von einer unerreichbaren Messlatte bedrückt fühlen, sondern darf staunen, dass Gott gerade das gewöhnliche Menschsein zur Bühne Seiner Gegenwart erwählt hat – in diesem Staunen wächst Vertrauen, dass Er auch das eigene, so begrenzte Leben zu einem leisen, aber wirklichen Ausdruck Seiner selbst formen kann.
Dynamische Errettung: Christus lebt sein Leben in uns weiter
Mit dem Tod und der Auferstehung Jesu ist Gottes Werk nicht abgeschlossen, sondern tritt in eine neue Phase ein. Paulus schreibt: „Denn wenn wir, als wir Feinde waren, mit Gott versöhnt wurden durch den Tod Seines Sohnes, werden wir viel mehr in Seinem Leben gerettet werden, nachdem wir versöhnt worden sind“ (Röm. 5:10). Der Tod Christi versöhnt; sein Leben rettet weiter. Errettung ist demnach nicht nur ein Punkt in der Vergangenheit, sondern ein fortlaufender Prozess, in dem das Leben des auferstandenen Christus in uns wirksam wird. Was Er in den Jahren auf der Erde gelebt hat, bleibt nicht ein bewundertes, aber fernes Vorbild, sondern wird zum inneren Prinzip, das in den Glaubenden Gestalt gewinnen will.
Der erste Schritt von Gottes Errettung bestand darin, Mensch zu werden, auf der Erde zu leben, am Kreuz zu sterben und auferweckt zu werden. Im zweiten Schritt kommt der Menschen-Heiland in die Erretteten, lebt in uns und wächst in uns, indem Er Sein Leben in uns wiederholt. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft sechzig, S. 515)
Dieses „viel mehr in Seinem Leben gerettet werden“ erfordert Zeit. So wie Jesus nicht als erwachsener Mann vom Himmel fällt, sondern heranwächst, so entfaltet sich auch sein Leben in uns nicht schlagartig in voller Reife. Gottes Errettung ist dynamisch: Christus kommt als der Menschen-Erretter in unser Inneres, wohnt in uns, prägt Gedanken, Haltungen, Wünsche um und wiederholt Stück für Stück sein eigenes Gott-Mensch-Leben in unserem Kontext. Manchmal geschieht das sichtbar, wenn ein Mensch offensichtlich verändert wird; oft aber leise, in unscheinbaren Entscheidungen, in einem neuen Ton in der Stimme, in einer ungewohnten Bereitschaft zu vergeben oder zu warten. Die Zeitspanne zwischen seiner vollbrachten Erlösung und der vollen Verwirklichung in unserem Leben ist kein Leerlauf, sondern Raum für Wachstum im Leben bis zur Reife.
Gerade weil dieses Werk innerlich und prozesshaft ist, erlebt der Glaube Spannungen: Wir wissen um das vollendete Werk am Kreuz und spüren gleichzeitig unsere Unreife, unsere Brüche, unsere hartnäckigen Muster. Doch hier liegt die Tröstung des Evangeliums: Der, der uns durch seinen Tod mit Gott versöhnt hat, hat sich durch seine Menschwerdung dafür qualifiziert, uns auch in allen Zwischenstadien zu begleiten. Er ist kein ungeduldiger Kontrolleur, sondern ein innerlich wirkender Retter, der die Zeit nicht scheut, die es braucht, bis sein Bild in uns klarer hervortritt. Die Geschichte Jesu auf der Erde ist damit auch ein Kommentar zu unserer eigenen: Gott rechnet mit langen Wegen und unreifen Phasen – und gibt uns gerade darum sein eigenes Leben als stille, beharrliche Kraft mit.
Wer so auf die dynamische Errettung schaut, darf die Gegenwart mit anderen Augen sehen. Tage, die wie Stillstand wirken, werden zu Wachstumszeit, in der der unsichtbare Christus in uns Wurzeln nach unten treibt, damit später Frucht nach oben sichtbar wird. Rückschläge verlieren ihren endgültigen Charakter und werden zu Stationen auf einem Weg, den Er selbst kennt. In dieser Sicht reift eine gelassene Hoffnung: dass Gott sein Werk nicht nur begonnen hat, sondern es durch das Leben seines Sohnes in uns auch vollenden wird – bis unser Menschsein, bei aller Begrenztheit, etwas von der Schönheit des Gott-Menschen spiegelt, der sich nicht scheute, sein Leben in uns weiterzuleben.
Denn wenn wir, als wir Feinde waren, mit Gott versöhnt wurden durch den Tod Seines Sohnes, werden wir viel mehr in Seinem Leben gerettet werden, nachdem wir versöhnt worden sind. (Röm. 5:10)
Im Licht der dynamischen Errettung dürfen selbst langsame Fortschritte und schmerzhafte Umwege von einem leisen Vertrauen umhüllt werden: Der Christus, der durch seinen Tod alles Notwendige vollbracht hat, ist mit seinem Leben in dir gegenwärtig und wird die Geduld aufbringen, dein inneres Wachstum zu tragen, bis sein eigenes Gott-Mensch-Leben in deinem Alltag zunehmend Gestalt gewinnt.
Herr Jesus Christus, Du wahrer Gott und wahrer Mensch, danke, dass Du nicht den schnellen, bequemen Weg gewählt hast, sondern als Menschen-Erretter ein ganzes Leben auf dieser Erde gelebt hast, um uns wirklich zu retten. Du kennst die Normalität und die Mühen des Alltags, Du kennst Freude und Leid, und in allem hast Du den Vater vollkommen ausgedrückt. Lass dein Gott-Mensch-Leben mehr und mehr in uns Gestalt gewinnen, damit in unserer Schwachheit deine Stärke sichtbar wird und in unserer Begrenztheit deine Herrlichkeit aufleuchtet. Stärke den Glauben, dass dein langsames, geduldiges Wirken in uns nicht vergeblich ist, sondern uns Schritt für Schritt näher an dein Herz und dein Bild bringt. Fülle unsere menschlichen Tugenden mit deinen göttlichen Eigenschaften, damit unser Leben zu einem stillen, aber klaren Zeugnis deiner Gegenwart wird. Bewahre uns in der Hoffnung, dass Du dein gutes Werk in uns vollenden wirst und dein Gott-Mensch-Leben einmal vollkommen in deiner Gemeinde widerhallen wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 60