Die Menschwerdung des Menschen-Erretters, die den Zweck von Gottes Schöpfung des Menschen erfüllt (2)
Beim Blick auf die Weltgeschichte und auch auf unsere eigene Biografie drängt sich die Frage auf, ob der Mensch wirklich so ist, wie Gott ihn ursprünglich gedacht hat. Zwischen der Würde, zu der wir geschaffen wurden, und der Realität von Zerbruch, Sünde und innerer Zerrissenheit scheint eine große Kluft zu liegen. Das Evangelium von Christus als Menschen-Erretter zeigt, dass Gott diese Kluft nicht von außen, sondern von innen überbrückt: Er wird selbst Mensch, um den Sinn der Schöpfung des Menschen zu erfüllen und unsere beschädigte Menschlichkeit zu heilen.
Gottes ursprüngliche Absicht mit dem Menschen
Am Anfang der Schrift steht eine erstaunlich hohe Sicht des Menschen. In 1. Mose 1:26 heißt es: „Und Gott sprach: Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt“. Bild und Gleichgestalt sind keine frommen Verzierungen, sondern Hinweise auf eine Bestimmung: Der Mensch soll innerlich so beschaffen sein, dass er Gottes Wesen widerspiegeln kann (Bild), und er soll äußerlich zu einem sichtbaren Ausdruck dieses unsichtbaren Gottes werden (Gleichgestalt). Gott schafft kein fremdes Wesen, das Ihm lediglich gehorcht, sondern ein Gegenüber, das Ihn tragen, widerspiegeln und ausstrahlen kann – eine Art vervielfältigte Darstellung Gottes in menschlicher Gestalt. So erklärt sich auch, dass der Mensch nicht nur „funktional“ eingesetzt wird, um über die Erde zu herrschen, sondern in 1. Mose 2.in die Nähe des Baumes des Lebens gestellt wird. „Und aus dem Erdboden ließ Jehovah Gott allerlei Bäume emporwachsen … und auch den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens“ (1. Mose 2:9). Die Herrschaft über die Schöpfung sollte aus der inneren Teilnahme am Leben Gottes hervorgehen.
In der vorangehenden Botschaft haben wir darauf hingewiesen, dass Gott den Menschen dazu entworfen hat, eins mit Ihm zu sein. Weil Gott den Menschen auf diese Weise entworfen hat, schuf Er den Menschen in Seinem Bild und nach Seinem Gleichnis. Bild bezieht sich auf das innere Wesen, und Gleichnis auf das äußere Erscheinungsbild. Tatsächlich schuf Gott den Menschen in Seinem eigenen Bild mit der Absicht, dass der Mensch Seine Vervielfältigung sein würde. Außerdem muss der Mensch, um eine Vervielfältigung Gottes zu werden, die Fähigkeit haben, das zu enthalten, was Gott ist. Daher wurde der Mensch in Gottes Bild gemacht, um Seine Vervielfältigung zu sein, und nach Seinem Gleichnis, um Sein Ausdruck zu sein. Gottes Absicht bei der Erschaffung des Menschen war, dass der Mensch Seine Vervielfältigung sei, um Ihn auszudrücken. Damit diese Absicht ausgeführt werden kann, ist es notwendig, dass der Mensch Gott empfängt und Ihn als Baum des Lebens enthält. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft siebenundfünfzig, S. 491)
Dieses Bild wird durch den Sündenfall nicht ausradiert, aber zerbrochen. Die Fähigkeit, Gott aufzunehmen und Ihn zum Ausdruck zu bringen, ist beschädigt; an die Stelle des Baumes des Lebens tritt der Weg der eigenen Erkenntnis, des selbständigen Urteilens, des sich selbst genügenden Menschen. Die Geschichte der Menschheit – auch in ihrer religiösen Form – ist zu einem großen Teil die Geschichte dieses beschädigten Bildes: der Mensch bleibt groß in seinen Anlagen, aber unfähig, seine eigentliche Bestimmung zu erfüllen. An diesem Punkt wird deutlich, warum die Menschwerdung nicht ein nachträgliches Rettungsmanöver, sondern der entscheidende Schritt zur Erfüllung von Gottes ursprünglicher Absicht ist. Das ewige Wort, „das Wort war Gott“ (Johannes 1:1), tritt in genau diese beschädigte Geschichte ein und „wurde Fleisch“ (Joh. 1:14). In Jesus Christus begegnet uns zum ersten Mal ein Mensch, in dem der ursprüngliche Entwurf Gottes unverfälscht Gestalt angenommen hat: Er ist wahrer Mensch, aber nicht mehr vom Fall deformiert; Er enthält Gott, lebt aus Gott, drückt Gott in allem aus. Philipper 2:7 beschreibt dies schlicht und tief: Er „entleerte, indem Er die Gestalt eines Sklaven annahm und in der Gleichgestalt der Menschen wurde“. Indem der Sohn sich in diese Gleichgestalt der Menschen hineinbeugt, erhebt Er sie zugleich zu ihrer wahren Bestimmung. Wer auf diesen Menschen-Erretter blickt, sieht nicht nur, wie Gott ist; er sieht auch, wozu der Mensch geschaffen ist. Darin liegt eine stille, aber mächtige Ermutigung: Unsere Berufung ist nicht an unserer Schwachheit gescheitert. In Christus ist der Weg zurück zu einem Menschsein eröffnet, das Gott enthält, Gott genießt und Gott sichtbar macht.
Und Gott sprach: Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt, und sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über jedes Kriechtier, das auf der Erde umherkriecht! (1.Mose 1:26)
Und aus dem Erdboden ließ Jehovah Gott allerlei Bäume emporwachsen, die angenehm anzusehen und gut zur Speise waren, und auch den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. (1.Mose 2:9)
Die Betrachtung von Gottes ursprünglicher Absicht nimmt uns aus dem engen Kreis unserer individuellen Fragen heraus und stellt uns in den weiten Horizont seines Schöpfungswillens. Wenn Gott den Menschen als Gefäß geschaffen hat, um Ihn als Baum des Lebens zu enthalten, dann sind unsere tiefsten Sehnsüchte nach Sinn, nach innerer Fülle und Beständigkeit nicht Illusionen, sondern Spuren dieses Entwurfs. Die Menschwerdung des Sohnes bedeutet: Gott gibt diesen Entwurf nicht auf. In Christus blickt der gefallene Mensch auf seine eigene, von Gott erdachte Würde – nicht als Selbstverwirklichung, sondern als Durchdrungensein von Gottes Leben. Es kann befreiend sein, das eigene Leben neu von diesem Ende her zu betrachten: Nicht Erfolg, nicht religiöse Leistung, sondern die stille, reale Gemeinschaft mit dem Gott-Menschen ist das Zentrum. Wer sich an Ihm orientiert, wird Schritt für Schritt in ein Menschsein hineingezogen, das weniger von Selbstbehauptung und mehr von Gottes Gegenwart geprägt ist. Diese Aussicht relativiert unsere Brüche nicht, aber sie lässt sie in einem anderen Licht erscheinen: als Orte, an denen der Menschen-Erretter Sein eigenes, wahres Menschsein in uns einpflanzen will.
Der Gott-Mensch: göttliche Liebe in menschlichen Tugenden
Im Menschen-Erretter Jesus Christus berühren sich zwei Welten, ohne sich zu vermischen oder zu zerstören: Er ist „sowohl der vollständige Gott als auch der vollkommene Mensch, der die göttliche Natur und die menschliche Natur unterscheidbar besitzt“. Gerade weil Er aus einer menschlichen Jungfrau geboren wurde, trägt Er die volle Wirklichkeit unserer Menschlichkeit, und weil Er vom Heiligen Geist empfangen wurde, ist in Ihm die Fülle der Gottheit gegenwärtig. Sein irdisches Leben ist nicht das Leben eines übermenschlichen Wesens, das menschliche Erfahrungen nur spielt, sondern das tief real gelebte Leben eines Menschen, dessen Inhalt das göttliche Leben selbst ist. In Ihm nehmen die göttlichen Eigenschaften – Liebe, Licht, Heiligkeit, Gerechtigkeit – Gestalt in menschlichen Tugenden an: in Zuwendung, Sanftmut, Wahrhaftigkeit, Treue, Leidensbereitschaft.
Eine entscheidende Sache in Bezug auf den Gott-Menschen ist, dass Er ein menschliches Leben führte, das vom göttlichen Leben als seinem Inhalt erfüllt war. Entgegen dem, was manche vielleicht meinen, ist das Evangelium nach Lukas nicht einfach nur ein Buch mit Geschichten. Dieses Evangelium ist eine Offenbarung des Gott-Menschen, der ein menschliches Leben führte, das vom göttlichen Leben als seinem Inhalt erfüllt war. Als derjenige, der ein solches Leben lebte, besaß der Menschen-Heiland die göttliche Natur mit den göttlichen Eigenschaften, das heißt mit der göttlichen Liebe, dem göttlichen Licht, der göttlichen Gerechtigkeit und der göttlichen Heiligkeit. Die göttliche Natur mit ihren Eigenschaften wurde in der menschlichen Natur des Menschen-Heilandes mit all den menschlichen Tugenden ausgedrückt. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft siebenundfünfzig, S. 492)
Das Lukasevangelium führt uns dicht an diese Wirklichkeit heran. Wenn Jesus die Geschichte vom barmherzigen Samariter erzählt, dann zeichnet Er nicht nur ein moralisches Vorbild, sondern legt sein eigenes Herz offen. Der Samariter, der „ihn sah, wurde … innerlich bewegt“ und „verband seine Wunden und goss Öl und Wein darauf“ (Lukas 10:33–34), ist ein Bild dessen, wie der Gott-Mensch dem verwundeten Menschen begegnet. Oder die Frau, von allen als „Sünderin“ abgestempelt, die im Haus des Pharisäers seine Füße mit Tränen benetzt und mit Salböl salbt (Lukas 7:37–38): Aus der Sicht der Frommen überschreitet Jesus jede Grenze, indem Er sich von ihr berühren lässt. Aus Sicht Gottes geschieht hier Offenbarung: „Ihre vielen Sünden sind ihr vergeben, weil sie viel geliebt hat“ (Lukas 7:47). In solchen Szenen leuchtet auf, was wahre, von Gott erfüllte Menschlichkeit ist. Es ist nicht edle Moral über den anderen, sondern göttliche Liebe, die sich in menschlicher Nähe, in verletzbarer Zuwendung, in konkreter Barmherzigkeit verkörpert. Diese Liebe bleibt nicht abstrakt; sie nimmt den Sünder auf, sie geht mit, sie trägt, sie vergibt. Darin liegt Trost und Herausforderung zugleich: Trost, weil wir wissen dürfen, dass Gott uns nicht anders begegnet als in dieser zärtlichen, starken Menschlichkeit Christi; Herausforderung, weil gerade in der Nähe zu Ihm unsere eigenen Tugenden verwandelt werden. Wo sein Leben in uns Gestalt gewinnt, wird unsere Menschlichkeit nicht ausgeschaltet, sondern erhoben – zu einem Leben, das den Alltag mit einem stillen, aber spürbaren Abglanz göttlicher Liebe durchzieht.
Aber ein Samariter, der auf der Reise war, kam zu ihm hin; und als er ihn sah, wurde er innerlich bewegt; (Lk. 10:33)
und er kam zu ihm und verband seine Wunden und goss Öl und Wein darauf. Und er setzte ihn auf sein eigenes Lasttier und brachte ihn in eine Herberge und sorgte für ihn. (Lk. 10:34)
Der Blick auf den Gott-Menschen befreit aus zwei gegensätzlichen Irrwegen: aus einem rein menschlichen Idealismus, der glaubt, mit eigener Anstrengung das Gute verwirklichen zu können, und aus einem geistlichen Fluchtreflex, der Menschlichkeit am liebsten hinter frommen Begriffen verstecken möchte. Jesus Christus zeigt, dass Gott uns weder zu Übermenschen noch zu entkörperlichten „Geistwesen“ machen will, sondern zu Männern und Frauen, in denen Seine Liebe in ganz menschlichen Gesten sichtbar wird. Wo seine göttlichen Eigenschaften unsere menschlichen Tugenden durchdringen, bekommt Geduld Tiefe, Barmherzigkeit Weite, Wahrheit Sanftmut. Es ist entlastend zu wissen, dass dies nicht aus eigener Kraft hervorgebracht werden muss: Der Menschen-Erretter bleibt der Handelnde, auch heute, als der Auferstandene. Wo Er Raum in uns gewinnt, wächst eine Menschlichkeit, die andere nicht beschämt, sondern anzieht – weil sie den Duft dessen trägt, der als Gott-Mensch mitten unter uns lebte.
Wiederherstellung gefallener Menschlichkeit durch den Menschen-Erretter
Die gefallene Menschheit ist nicht einfach eine schwache, sondern eine von innen her deformierte Menschheit. Paulus beschreibt die Sünde als eine wohnende Macht: „Nun aber vollbringe nicht mehr ich es, sondern die in mir wohnende Sünde“ (Römer 7:17). Das von Gott geschaffene Menschsein bleibt, aber es steht unter einer fremden Herrschaft, die Denken, Fühlen und Wollen durchdringt. Johannes fasst es scharf: „Wer die Sünde praktiziert, ist vom Teufel … Zu diesem Zweck ist der Sohn Gottes offenbar gemacht worden, dass Er die Werke des Teufels zerstöre“ (1. Johannes 3:8). In dieser Lage hätte Gott den Menschen verwerfen und etwas völlig Neues schaffen können. Stattdessen entscheidet Er sich für einen Weg, der seine Treue zu seinem ursprünglichen Entwurf und seine Liebe zur gefallenen Menschheit gleichermaßen offenbart: Er kommt selbst in die Geschichte des gefallenen Menschen hinein.
Die Menschwerdung des Menschen-Erretters hatte in erster Linie das Ziel, Gott in den Menschen hineinzubringen. Sie diente aber auch dazu, die beschädigte Menschheit wiederherzustellen und zurückzugewinnen. Gott schuf Adam in Seinem eigenen Bild und nach Seiner eigenen Ähnlichkeit, doch Adam fiel. Nun ist in der gefallenen Menschheit die Sünde – die böse Natur des Teufels (Röm. 7:17; 1.Joh. 3:8). Dennoch besteht die von Gott geschaffene Menschheit weiterhin. Als Christus, der der eigentliche Gott ist, Mensch wurde, stellte Er die verlorene und beschädigte Menschheit wieder her. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft siebenundfünfzig, S. 495)
Römer 8:3. sagt, Gott habe „Seinen eigenen Sohn in der Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und der Sünde wegen“ gesandt. Der Sohn nimmt die menschliche Gestalt an, wie sie im Fall geworden ist – unter der Herrschaft der Sünde –, ohne selbst zu sündigen. In Ihm tritt zum ersten Mal eine Menschlichkeit auf, die mitten im Feld der Sünde steht und doch von ihr unberührt bleibt. Das ist mehr als nur Vorbild; es ist der Beginn einer Wiederherstellung. In der Nähe Jesu sieht man, wie Menschen aus ihren deformierten Reaktionen herausgelöst werden: Jünger, die von Ehrgeiz bestimmt sind, lernen, einander zu dienen; ein Petrus, der aus Angst verleugnet, findet den Mut, Christus öffentlich zu bekennen; Männer und Frauen, die sich schämen, vor Gott überhaupt zu erscheinen, werden fähig, mit Freiheit und Vertrauen zu kommen. Was im Evangelium als persönliche Begegnung beginnt, setzt sich in der Apostelgeschichte als gemeinschaftliche Wirklichkeit fort: Die gleichen Menschen, die eben noch von Konkurrenz, Furcht und Rückzug geprägt waren, leben nun „ein Herz und eine Seele“, in Einmütigkeit und Freimut. Das ist nicht Verdrängung ihrer Menschlichkeit, sondern deren Heilung.
Gottes Ziel mit dieser Wiederherstellung geht über individuelle Heilung hinaus. Er will nicht nur einzelne „gerettete Seelen“, sondern eine erneuerte Menschheit, die in Christus zu dem wird, wozu sie in 1. Mose geschaffen wurde: Bild und Ausdruck Gottes, fähig, Sein Leben aufzunehmen und auszustrahlen. Wenn Christus unsere gefallene Menschlichkeit rettet, dann immer so, dass Er sie zugleich zurückgewinnt und erhöht. Er macht uns nicht weniger menschlich, sondern wahrhaft menschlich – frei vom Zwang der Sünde, durchdrungen von der Gegenwart Gottes. Für den Alltag bedeutet das: Unsere biographischen Brüche, Verwundungen und Schuldgeschichten sind unter seiner Hand nicht Endpunkte, sondern Ansatzpunkte. Wo der Menschen-Erretter seine Wiederherstellungskraft entfaltet, wächst eine neue Qualität von Menschsein, oft leise, unspektakulär, aber real: in der Bereitschaft zu vergeben, wo früher Bitterkeit blieb; in der Fähigkeit zu Wahrheit, wo zuvor Ausflüchte herrschten; in einer Liebe, die sich nicht aus sich selbst speist, sondern aus dem, der die Werke des Teufels zerstört. Die Aussicht, einmal in der Herrlichkeit ganz in dieses erneuerte Menschsein eingehüllt zu sein, macht Mut, den Weg der Umwandlung heute nicht zu scheuen. Der zweite Mensch, „aus dem Himmel“ (1. Korinther 15:47), begleitet auch unsere kleinen Schritte und schreibt sie in seine große Geschichte der Wiederherstellung ein.
Nun aber vollbringe nicht mehr ich es, sondern die in mir wohnende Sünde. (Röm. 7:17)
Wer die Sünde praktiziert, ist vom Teufel, weil der Teufel von Anfang an gesündigt hat. Zu diesem Zweck ist der Sohn Gottes offenbar gemacht worden, dass Er die Werke des Teufels zerstöre. (1.Joh. 3:8)
Wiederherstellung ist ein leises, aber starkes Wort. Es nimmt ernst, wie tief der Fall reicht, und doch rechnet es mit mehr als mit bloßer Schadensbegrenzung. Wenn Christus unsere Menschlichkeit wiederherstellt, dann geschieht etwas, das wir uns oft kaum vorstellen können: Unsere Geschichte bleibt unsere Geschichte, aber sie verliert nicht das letzte Wort; unser Temperament bleibt unser Temperament, aber es wird nicht mehr von der Sünde dirigiert; unsere Beziehungen bleiben verwundbar, aber sie stehen unter einem neuen Vorzeichen. Das nimmt den Druck, sich selbst reparieren zu müssen, und öffnet zugleich für eine tiefere Hoffnung: Dort, wo wir am meisten an uns verzweifeln, ist der Ort, an dem der Menschen-Erretter seine erneuernde Gegenwart am deutlichsten erweisen kann. Seine Menschwerdung, sein Weg ans Kreuz und in die Auferstehung zielen darauf, dass am Ende nicht die deformierte, sondern die geheilte, erhobene Menschlichkeit bestehen bleibt. In diesem Licht dürfen wir unser eigenes Menschsein nicht verachten, sondern es Ihm hinhalten – in der Erwartung, dass Er mehr daraus machen kann, als wir je zu hoffen wagten.
Herr Jesus Christus, Du wahrer Gott und wahrer Mensch, danke, dass Du als zweiter Mensch gekommen bist, um den verfehlten Plan unseres ersten Vaters Adam nicht zu verwerfen, sondern zu erfüllen. Du hast inmitten unserer gefallenen Welt ein Leben gelebt, in dem göttliche Liebe und menschliche Nähe eins sind, und hast damit gezeigt, wie schön der Mensch in Gottes Hand sein kann. Vater, wir bringen Dir unsere zerbrochene und widersprüchliche Menschlichkeit und halten sie hin vor die Menschlichkeit Deines Sohnes. Wo Schuld, Entstellung und innere Verhärtung uns geprägt haben, lass die heilende Kraft der Menschwerdung Christi wirksam werden. Lass sein auferstandenes Leben in uns die alten Muster der Sünde überwinden und unsere Menschlichkeit Schritt für Schritt erneuern. Heiliger Geist, erfülle uns mit der Gegenwart des Gott-Menschen, damit in unseren Beziehungen, in unserem Reden und Handeln etwas von seiner erhobenen Menschlichkeit sichtbar wird. Stärke in uns die Hoffnung, dass Du Dein Werk der Umwandlung vollenden wirst, bis wir in der Herrlichkeit als wiederhergestellte Menschen vor Dir stehen. In dieser Hoffnung preisen wir Dich und verlassen uns auf Deine Treue. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 57