Die Menschwerdung des Menschen-Erretters, die den Zweck von Gottes Schöpfung des Menschen erfüllt (1)
Viele Christen verbinden die Menschwerdung Jesu vor allem mit Weihnachten und der Krippe in Bethlehem. Doch hinter diesem vertrauten Bild verbirgt sich eine viel größere Frage: Warum hat Gott den Menschen überhaupt so geschaffen, wie er ist, und wie hängt das mit der Menschwerdung Christi zusammen? Wer 1. Mose aufmerksam mit dem Neuen Testament liest, entdeckt eine durchgehende Linie: Gott hat den Menschen mit einer erstaunlichen Bestimmung entworfen – und der Menschen-Erretter kommt als wahrer Mensch genau in diese Geschichte hinein, um Gottes Plan mit uns wieder aufzugreifen und zu vollenden.
Der Mensch als Gottes Entwurf: Bild, Gleichnis und Bestimmung
Wenn die Bibel von der Schöpfung des Menschen spricht, öffnet sie uns nicht zuerst ein Lehrbuch der Moral, sondern das Herz Gottes. Noch bevor ein Mensch geformt war, stand in der Ewigkeit ein Entschluss fest: Gott wollte ein Gegenüber, das Ihn widerspiegelt und mit Ihm Gemeinschaft haben kann. So heißt es: „Und Gott sprach: Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt … Und Gott schuf den Menschen in Seinem Bild; im Bild Gottes schuf Er ihn; als Mann und Frau schuf Er sie“ (1. Mose 1:26–27). In diesem doppelten Ausdruck – Bild und Gleichgestalt – liegt eine tiefe Andeutung: Der Mensch ist nicht zufällig, sondern nach einem Entwurf geformt, der aus Gott selbst stammt. Das Bild Gottes meint sein inneres Wesen, das, was Ihn in seinem Sein auszeichnet: „Gott ist Liebe“ (1. Johannes 4:8) und „Gott ist Licht und … überhaupt keine Finsternis in Ihm“ (1. Johannes 1:5). Zu Gottes Bild geschaffen zu sein heißt dann, einen inneren Raum zu besitzen, der für Liebe, Licht, Gerechtigkeit und Heiligkeit empfänglich ist.
Gemäß Seinem Entwurf schuf Gott den Menschen in Seinem Bild und nach Seiner Gleichgestalt. „Und Gott sprach: Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt … Und Gott schuf den Menschen in Seinem Bild; im Bild Gottes schuf Er ihn“ (1. Mose 1:26a, 27a). (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft sechsundfünfzig, S. 484)
Die Gleichgestalt Gottes spricht von der äußeren Erscheinung, davon, dass diese inneren Möglichkeiten des Menschen sichtbar und wirksam werden sollen. Der Mensch sollte nicht nur feine Anlagen in sich tragen, sondern auf der Erde zu einem erkennbaren Ausdruck Gottes werden, wie ein lebendiger Schatten, der auf sein Urbild verweist. 1. Mose 1.beschreibt den Menschen darum wie ein kunstvoll bereitetes Gefäß: tragfähig, beziehungsfähig, fähig zu lieben, zu unterscheiden, zu verantworten – und doch, für sich genommen, noch leer in Bezug auf das eigentliche Inhaltliche. Gott plante nicht, einen moralisch korrekten, aber innerlich von Ihm getrennten Menschen zu haben. Er wollte eine Schöpfung, die Ihn aufnehmen und tragen kann. In dieser Berufung liegt eine große Würde, aber auch eine stille Sehnsucht, die jeder Mensch kennt: das Empfinden, dass selbst gute Leistungen und edle Vorsätze nicht genügen. Diese innere Unruhe verliert ihre Härte, wenn sie im Licht von Gottes Entwurf verstanden wird. Wer entdeckt, dass er geschaffen ist, um Gott zu enthalten und Ihn zu verkörpern, beginnt sein Menschsein nicht mehr nur als Aufgabe, sondern als Gabe zu sehen – als einen Weg hinein in die Fülle dessen, der uns nach seinem Bild geschaffen hat.
Diese Sicht kann trösten und zugleich wach machen. Sie tröstet, weil sie zeigt, dass nichts an unserem Menschsein Gott überrascht oder überfordert: unsere Fähigkeit zu lieben ebenso wie unsere Erfahrungen von Dunkelheit und Bruch stehen in einem größeren Horizont. Sie macht wach, weil sie uns erinnert, dass wir unsere Bestimmung verfehlen, wenn wir bei uns selbst stehen bleiben. Wenn Gott den Menschen als sein Bild geschaffen hat, dann ist die Frage nach Gott nicht ein Zusatz für besonders Religiöse, sondern die Mitte unseres Daseins. Jeder Schritt, in dem ein Mensch sich Gott öffnet, ist dann nicht eine fremde Frömmigkeit, sondern ein Heimfinden zu dem, wozu er ursprünglich gedacht und geschaffen wurde.
Und Gott sprach: Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt, und sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über jedes Kriechtier, das auf der Erde umherkriecht! (1.Mose 1:26)
Und Gott schuf den Menschen in Seinem Bild; im Bild Gottes schuf Er ihn; als Mann und Frau schuf Er sie. (1.Mose 1:27)
Wer sich als nach Gottes Bild geschaffen erkennt, kann sein Leben neu deuten: nicht mehr primär als Projekt der Selbstoptimierung, sondern als Weg, auf dem Gottes Liebe und Licht in einem ganz konkreten, einmaligen Menschen Gestalt gewinnen wollen. In dieser Sicht wird das eigene Menschsein – mit all seiner Zerbrechlichkeit – zum Raum für Gottes Nähe und nicht länger zum Hindernis für Ihn.
Baum des Lebens und menschliche Tugenden: Gott als Inhalt des Menschen
Nachdem 1. Mose 1.den Menschen als Träger von Bild und Gleichgestalt Gottes zeigt, führt 1. Mose 2.näher heran an die Frage nach dem Inhalt dieses Gefäßes. Dort wird der Mensch zuerst als geformtes Wesen beschrieben: „Da formte Jehovah Gott den Menschen vom Staub des Erdbodens und hauchte ihm den Lebensatem in die Nasenlöcher, und der Mensch wurde zu einer lebenden Seele“ (1. Mose 2:7). Der Mensch ist damit sorgfältig gestaltet – Leib, Seele, Persönlichkeit –, aber im Blick auf Gottes Ziel ist er an dieser Stelle noch wie ein kostbarer, aber leerer Kelch. Unmittelbar danach pflanzt Gott einen Garten, setzt den Menschen hinein und lässt „den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen“ (1. Mose 2:9) emporwachsen. Diese beiden Bäume stellen zwei Lebenswege dar. Der Baum des Lebens, der sich durch die ganze Schrift hindurchzieht bis zur Offenbarung, steht für Gott selbst als Leben, das aufgenommen, genossen und zur inneren Quelle werden soll. So heißt es von Christus: „In Ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen“ (Johannes 1:4) und: „Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es überfließend haben“ (Johannes 10:10).
In 1. Mose 1:26 und 27 haben wir den Behälter, aber nicht den Inhalt. Der Inhalt findet sich in 1. Mose 2. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft sechsundfünfzig, S. 487)
In diese Konstellation hinein gehören die menschlichen Tugenden, mit denen jeder Mensch ausgestattet ist. Liebe, Wahrhaftigkeit, Sinn für Gerechtigkeit, das Verlangen nach Reinheit – all das sind keine zufälligen Eigenschaften, sondern bewusst geschaffene Gefäße. Sie sind wie feine Gefäße aus Ton, dazu vorgesehen, von göttlichen Eigenschaften erfüllt zu werden. Menschliche Liebe soll zum Träger von Gottes Liebe werden, menschliches Lichtempfinden zum Ort, an dem Gottes Licht Raum gewinnt, menschlicher Gerechtigkeitssinn zum Widerhall seiner Gerechtigkeit, und unser Durst nach Innerlichkeit zum Resonanzraum seiner Heiligkeit. In dem Maß, in dem der Mensch aus sich selbst leben will, losgelöst von Gott als Quelle, beginnen diese Tugenden sich zu verdrehen oder zu erschöpfen. Hier liegt die Tragik von 1. Mose 3: Der Mensch greift nach der Erkenntnis von Gut und Böse, ohne zuvor vom Baum des Lebens genommen zu haben. Er wählt ein Leben aus eigener Einsicht und eigener Kraft, statt sich von Gott als Leben durchdringen zu lassen.
Dennoch bleibt Gottes ursprüngliche Absicht unverändert: Der Mensch ist geschaffen, um Gott als Leben aufzunehmen und seine Tugenden von diesem Leben her zu entfalten. Wenn die Offenbarung am Ende der Bibel den „Strom des Wassers des Lebens“ und den „Baum des Lebens“ mitten in der Stadt zeigt (Offenbarung 22:1–2), dann wird sichtbar, dass Gott sein Ziel nicht aufgegeben hat, sondern zur Vollendung bringt. Für unser heutiges Leben bedeutet das: Menschliche Tugenden sind nicht Ersatz für Gott, sondern Vorbereitung auf Ihn. Geliebt, ehrlich, gerecht und rein zu handeln ist nicht das Ende, sondern der Anfang – eine Hinführung zu dem Einen, in dem das Leben selbst wohnt. Dort, wo Gott als Leben aufgenommen wird, gewinnen unsere Tugenden Tiefe, Beständigkeit und eine Sanftheit, die nicht aus uns, sondern aus Ihm stammt. Und in dieser Vermengung von göttlichen Eigenschaften mit menschlichen Tugenden beginnt das zu leuchten, wozu der Mensch ursprünglich geschaffen wurde.
da formte Jehovah Gott den Menschen vom Staub des Erdbodens und hauchte ihm den Lebensatem in die Nasenlöcher, und der Mensch wurde zu einer lebenden Seele. (1.Mose 2:7)
Und aus dem Erdboden ließ Jehovah Gott allerlei Bäume emporwachsen, die angenehm anzusehen und gut zur Speise waren, und auch den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. (1.Mose 2:9)
Wer sich als von Gott geformter Kelch versteht, in dessen Mitte der Baum des Lebens stehen soll, kann seine eigenen Tugenden als Einladung sehen: Sie wollen mehr sein als bloße menschliche Anstrengung – sie wollen sich von Gottes Leben durchdringen lassen. In dieser Sicht verlieren unsere Begrenzungen ihren lähmenden Charakter; sie werden zu offenen Stellen, an denen Gottes eigenes Leben einfließen und das Menschliche tragen, vertiefen und verwandeln kann.
Der Menschen-Erretter als wahrer Gott-Mensch
Vor dem Hintergrund von 1. Mose wird die Menschwerdung Christi in ein anderes Licht gestellt. Adam verfehlte seine Berufung, ein Mensch zu sein, der Gott als Leben in sich trägt; die Menschheit trägt seither diese Verfehlung in sich. Doch Gott legt seinen Entwurf nicht beiseite. In der Fülle der Zeit kommt Er selbst als Mensch in die Geschichte: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ – und dann: „Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns“ (Johannes 1:1.14). In Jesus Christus tritt uns der wahre Gott-Mensch entgegen, der Menschen-Erretter, in dem der ursprüngliche Plan Gottes mit dem Menschen erfüllt ist. Er ist nicht ein überirdisches Idealmenschentum, das über unserer Wirklichkeit schwebt, sondern „entleerte Sich Selbst, indem Er die Gestalt eines Sklaven annahm und in der Gleichgestalt der Menschen wurde“ (Philipper 2:7). Gleichzeitig bezeugt die Schrift: „Und anerkanntermaßen groß ist das Geheimnis der göttlichen Lebensweise: Er, der offenbar gemacht wurde im Fleisch … aufgenommen in Herrlichkeit“ (1. Timotheus 3:16). In Ihm wohnen die Fülle der Gottheit und die Realität wahren Menschseins in einer Person.
Wenn Adam dies getan hätte, wäre er gewiss ein Gott-Mensch geworden. Es wäre nicht nötig gewesen, tausende von Jahren zu warten, bis ein Gott-Mensch in Bethlehem geboren würde. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft sechsundfünfzig, S. 490)
In diesem Menschen-Erretter erkennen wir, was es heißt, Gottes Bild auf menschliche Weise auszudrücken. Die Liebe Gottes erscheint in seinen menschlichen Regungen – in seinem Erbarmen, seiner Zuwendung, seiner Klarheit. Das Licht Gottes wird greifbar in seiner Wahrhaftigkeit, seinem durchschauenden, aber nie verletzenden Blick. Gottes Gerechtigkeit zeigt sich in seinen Entscheidungen und seinem Umgang mit Schuld, und Gottes Heiligkeit wird sichtbar in einem Leben, das mitten im Staub der Welt ungetrennt von Gott bleibt. Die göttlichen Eigenschaften leuchten durch menschliche Tugenden hindurch; gerade dadurch ist Jesus wahrer Mensch. Wenn Hebräer 2.sagt, dass Er sich „der Nachkommenschaft Abrahams annimmt“ und dass er „in allen Dingen Seinen Brüdern gleich gemacht werden musste“ (Hebräer 2:16–17), wird deutlich: Er ist nicht Mensch geworden, um Menschsein zu umgehen, sondern um es zu tragen und zu erfüllen. In Ihm erreicht Gottes ursprünglicher Gedanke mit dem Menschen seine konkrete Form.
Was Christus in seiner Person ist, bleibt jedoch nicht in einer heiligen Distanz zu uns. Durch sein Sterben und seine Auferstehung eröffnet Er uns Anteil an seinem Leben. Er ist der wahre Baum des Lebens, zugänglich geworden für gefallene Menschen. „Und dies ist das Zeugnis, dass Gott uns ewiges Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in Seinem Sohn“ (1. Johannes 5:11). Wo dieser Sohn im Glauben aufgenommen wird, beginnt inmitten gebrochener Menschlichkeit ein neues Leben zu fließen. Unsere menschlichen Tugenden werden nicht ausgelöscht, sondern innerlich erneuert und durchdrungen. Liebe wird geduldiger, Licht wird sanfter und zugleich klarer, Gerechtigkeit bekommt Barmherzigkeit, Heiligkeit verliert ihre Härte und gewinnt Wärme. So beginnt in uns – tastend, bruchstückhaft und doch real – das aufzuleuchten, was in Jesus vollkommen verwirklicht ist: der Mensch, der Gott als Leben trägt und Ihn in menschlicher Gestalt ausdrückt.
Diese Sicht macht die Menschwerdung des Menschen-Erretters zu mehr als einer Lehre. Sie berührt die Art, wie wir unsere eigene Geschichte lesen. Kein Scheitern, keine Verirrung, keine Müdigkeit kann Gottes Ziel, uns in das Maß Christi hineinzuziehen, endgültig zunichtemachen. Entscheidend ist nicht, wie weit wir von einem idealen Bild entfernt sind, sondern dass der Eine, der dieses Bild vollkommen erfüllt, sich uns schenkt. Er wohnt durch seinen Geist in denen, die Ihm vertrauen, und beginnt, Schritt für Schritt, seine göttlichen Eigenschaften in unseren menschlichen Tugenden anzulegen und zu vertiefen. In diesem Licht verliert das eigene Menschsein seine Fremdheit vor Gott. Es wird durch Christus zu dem Ort, an dem Gott seine Freude hat, weil Er darin etwas von sich selbst wiedererkennt.
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. (Joh. 1:1)
Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns (und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als des Einziggeborenen vom Vater), voller Gnade und Wirklichkeit. (Joh. 1:14)
Wer den Menschen-Erretter als wahren Gott-Menschen vor Augen hat, kann aufatmen: Er muss nicht aus eigener Kraft zu einem „geistlichen Ideal“ aufsteigen, sondern darf sich von dem Leben Christi in sich formen lassen. In dieser Zuversicht wird der Alltag zum Raum, in dem der auferstandene Herr seine göttlichen Eigenschaften in sehr gewöhnlichen menschlichen Tugenden sichtbar macht – leise, beharrlich und mit einer Treue, die stärker ist als unsere Schwankungen.
Herr Jesus Christus, du wahrer Gott und wahrer Mensch, danke, dass du in unsere beschädigte Menschheit hineingekommen bist, um Gottes ursprünglichen Plan mit uns wieder aufzugreifen. Du bist das vollkommene Bild Gottes und zugleich der wahre Mensch, in dem Liebe, Licht, Gerechtigkeit und Heiligkeit sichtbar geworden sind. Öffne unser Herz neu für dich als den Baum des Lebens, damit du unser inneres Leben und unseren tiefsten Inhalt prägen darfst. Wo unsere Menschlichkeit zerbrochen oder verdunkelt ist, erfülle unsere menschlichen Tugenden mit deinen göttlichen Eigenschaften und Lass uns in der Hoffnung ruhen, dass dein Plan mit uns nicht scheitert, sondern in deiner Treue zur Vollendung kommt. Dir sei Ehre in unserer Schwachheit und in deiner verwandelnden Gegenwart mitten in unserem Menschsein. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 56