Der Tod des Menschen-Erretters (2)
Der Tod Jesu am Kreuz ist vielen vertraut, und doch bleiben die tieferen Beweggründe und geistlichen Zusammenhänge oft im Unklaren. War er nur Opfer grausamer religiöser und politischer Mächte, oder geschah in diesen Stunden etwas viel Größeres im unsichtbaren Bereich zwischen Gott und der Menschheit? Lukas berichtet mit besonderer Genauigkeit, wie der Menschen-Erretter am Kreuz sowohl als Märtyrer der Menschen als auch als von Gott eingesetzter Stellvertreter für Sünder stirbt – und öffnet damit den Blick für das Herz Gottes hinter Golgatha.
Der Menschen-Erretter als leidender Märtyrer unter Menschen
Lukas führt uns in die ersten Stunden am Kreuz hinein wie in einen Gerichtssaal, in dem sich das Herz des Menschen entblößt. Um neun Uhr hängt der Menschen-Erretter zwischen Himmel und Erde, und von allen Seiten prallt Verachtung auf ihn. Die Obersten spotten: „Andere hat er gerettet. Er rette sich selbst, wenn dieser der Christus ist, der Auserwählte Gottes!“ (Lk. 23:35). Die römischen Soldaten fallen ein, bringen ihm Essig und verhöhnen ihn als angeblichen König. Einer der Mitgekreuzigten nutzt seine letzten Atemzüge, um zu lästern: „Bist du nicht der Christus? Rette dich selbst und uns!“ (Lk. 23:39). So verdichtet sich in dieser Szene die Ablehnung des Menschengeschlechts gegen den, der ohne jede Schuld ist. Das Kreuz wird zum Brennpunkt der Feindschaft des Menschen gegen Gott, und doch redet diese Stunde weniger über die Macht der Menschen als über den Zustand ihres Herzens: religiöser Hochmut, zynische Gewalt, verzweifelte Selbstrettung – alles tritt offen hervor.
Daher war der Herr während der ersten drei Stunden am Kreuz ein Opfer menschlicher Verfolgung, und Er erlitt diese Verfolgung als Märtyrer. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft zweiundfünfzig, S. 452)
Mitten in diese aggressive Dunkelheit hinein zeichnet Lukas eine andere Gestalt: den leidenden Märtyrer, der nicht mit gleicher Münze zurückzahlt. Sein Schweigen ist nicht Resignation, sondern geerdete, wache Hingabe an Gott. Wo der Ruf nach Selbstrettung laut wird, antwortet Jesus mit einem anderen Wort: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk. 23:34). Während die Menge um ihn herum die Kontrolle zu behalten scheint, behält in Wahrheit nur einer die innere Freiheit: der, der sich willig diesem Leiden übergibt. Er ist, wie er selbst sagt, das „grüne Holz“ (Lk. 23:31) mitten unter „dürren“ Menschen – voll Leben, in einem Organismus, der in Gott verwurzelt ist, während ringsum Trockenheit, Schuld und geistliche Ödnis herrschen. Dass er als Märtyrer leidet, heißt: er bezeugt Gottes Wahrheit nicht nur durch Worte, sondern durch eine Art zu sterben, in der Gottes Liebe, Sanftmut und Gerechtigkeit sichtbar werden.
Die Begegnung mit dem reumütigen Verbrecher verstärkt dieses Zeugnis. Gerade dort, wo die Schande am größten ist, wo menschliche Ehre unwiderruflich verloren scheint, bricht eine stille Umkehr auf. Der eine Verbrecher bleibt in der Lästerung stecken, der andere aber kommt zur Besinnung: „Auch du fürchtest Gott nicht, da du in demselben Gericht bist? Und wir zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts Ungeziemendes getan“ (Lk. 23:40–41). In dem Augenblick, in dem er seine eigene Schuld anerkennt und den Unschuldigen bekennt, öffnet sich für ihn eine Wirklichkeit, die kein Mensch ihm mehr nehmen kann. Sein schlichtes Vertrauen – „Jesus, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst!“ (Lk. 23:42) – trifft auf eine Antwort, die weit über seine Bitte hinausgeht.
„Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk. 23:43). Während Menschen Jesus demütigen, öffnet er einem schuldig Gesprochenen die Tür in die Gegenwart Gottes. Gerade in der äußersten Ohnmacht erweist sich seine rettende Vollmacht als unmittelbar und persönlich. Kein Vorlauf, keine lange Bewährungszeit, sondern in der letzten Stunde: Paradies – mit ihm. Die Schönheit des Herzens des Menschen-Erretters zeigt sich darin, dass er in seinem eigenen Leiden Raum hat für den, der neben ihm leidet. Wer diese Szene betrachtet, steht nicht nur vor einem historischen Bericht, sondern vor einer Einladung, die eigene Haltung zu prüfen: Wo in mir lebt der Spötter, wo der verzweifelte Selbstretter, wo der ehrliche Schuldige? Im Licht dieses Kreuzes wird die Tiefe der menschlichen Bosheit sichtbar, aber noch mehr die stille, tragende Güte Christi. In dieser Güte liegt Trost: Kein Spott, keine Schuld und keine Trockenheit sind so tief, dass sein Blick vom Kreuz her sie nicht erreichen könnte.
Und das Volk stand und sah zu; es höhnten aber auch die Obersten und sagten: Andere hat er gerettet. Er rette sich selbst, wenn dieser der Christus ist, der Auserwählte Gottes! (Lk. 23:35)
Und Jesus sagte: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Und beim Verteilen Seiner Gewänder warfen sie Lose. (Lk. 23:34)
Die ersten Stunden am Kreuz halten dem Menschen einen Spiegel vor und eröffnen zugleich einen Raum der Hoffnung. Wer sich in den Spöttern, Soldaten oder Verbrechern wiedererkennt, muss nicht bei dieser Erkenntnis stehenbleiben. Der Menschen-Erretter, der sich inmitten der Verachtung nicht verhärtet, sondern vergibt und rettet, ist derselbe heute. Seine menschliche Vollkommenheit ist kein fernes Ideal, sondern eine lebendige Realität, die unser hart gewordenes Herz erweichen kann. In seinem stillen Ertragen, in seinem Wort der Vergebung und in der Zusage des Paradieses an den Schuldigen liegt eine Kraft, die Schuld nicht relativiert, sondern durch Liebe überwindet. Wer sich von dieser Szene innerlich berühren lässt, wird entdecken: Im Licht des Kreuzes ist Platz für aufrichtige Reue, für neue Wahrnehmung des eigenen Herzens – und für das leise Staunen darüber, dass über jeder Geschichte, und sei sie noch so verfahren, ein „Heute wirst du mit mir“ stehen kann.
Der Menschen-Erretter unter dem Gericht Gottes als Stellvertreter für Sünder
Mit der sechsten Stunde verändert sich das Bild. Vorher steht der Menschen-Erretter im grellen Licht der Öffentlichkeit, der Spott der Menschen ist laut und sichtbar. Nun zieht eine andere Dunkelheit auf: „Es war aber um die sechste Stunde; und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde“ (Lk. 23:44). Diese Finsternis ist mehr als ein Naturphänomen; sie ist ein Zeichen, dass nun ein anderer Richter in Aktion tritt. Menschen können den Himmel nicht verfinstern. Der gerechte Gott selbst tritt in die Szene der Kreuzigung ein, nicht als Zuschauer, sondern als der, der richtet. Was jetzt geschieht, entzieht sich dem Blick der Menge. Der Hohn verstummt, die Worte werden weniger, und das Geschehen verlagert sich in die unsichtbare, aber entscheidende Dimension: Gott rechnet ab – nicht mit Christus, als wäre er ein Sünder, sondern mit der Sünde, die er stellvertretend trägt.
In 23:44-49 sehen wir, dass der Menschen-Heiland während der zweiten Periode der sechs Stunden am Kreuz das Gericht Gottes für Sünder erlitt, um den stellvertretenden Tod für sie zu vollbringen. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft zweiundfünfzig, S. 452)
Die Prophetie aus dem Alten Testament gibt dem, was hier geschieht, eine innere Deutung: „Doch dem HERRN gefiel es, ihn zu zerschlagen. Er hat ihn leiden lassen. Wenn er sein Leben als Schuldopfer eingesetzt hat, wird er Nachkommen sehen“ (Jes. 53:10). Gott legt auf den Menschen-Erretter die Last, die uns gehört: „Wir alle irrten umher wie Schafe, wir wandten uns jeder auf seinen Weg; aber der HERR ließ ihn treffen unser aller Schuld“ (Jes. 53:6). Die Menge sieht nur einen Gekreuzigten, Gott sieht in diesem Gekreuzigten das Sünd- und Schuldopfer. „Christus ist um unserer Sünden willen gestorben“ – so fasst es Paulus zusammen –, „nach den Schriften“ (1. Korinther 15:3). Sünde als Macht, Sünden als Taten, die tief verwurzelte Rebellion des Herzens und die sichtbaren Ausbrüche in unserem Leben, werden in diesen drei Stunden auf einen einzigen Träger konzentriert. Deshalb ist die Finsternis so schwer: Sie ist das Zeichen dafür, dass Christus in die ganze Distanz hinabgeht, die Sünde zwischen Gott und Menschen aufgerissen hat.
Der Schrei, der am Ende dieser drei Stunden durch die Finsternis dringt, macht diese Distanz hörbar: „Um die neunte Stunde aber schrie Jesus mit lauter Stimme auf und sagte: Eli, Eli, lema sabachthani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27:46). Der, der während seines Dienstes den Vater als den nahen, liebenden Vater gekannt hatte, spricht hier vom „Gott“, der ihn verlassen hat. Die Verlassenheit ist real; sie ist Ausdruck des gerichteten Zustandes, in den er freiwillig eingegangen ist. Gott nimmt ihn ernst als Stellvertreter, so ernst, dass er ihm nicht die Nähe lässt, die der Sünde unmöglich ist. Gerade dadurch wird deutlich, wie wirkungsvoll diese Stellvertretung ist: Kein Schatten unserer Schuld bleibt unberührt, kein Abstand zu Gott, der nicht in diesem „Warum hast du mich verlassen?“ mitschwingt. Wo er diesen Abstand trägt, verliert er für uns seine Macht.
Als die Finsternis weicht, wird sichtbar, was dieses Gericht bewirkt hat. Lukas berichtet: „der Vorhang des Tempels aber riß mitten entzwei“ (Lk. 23:45). Matthäus fügt hinzu, der Vorhang sei „von oben bis unten“ zerrissen (Matthäus 27:51) – ein stiller Hinweis darauf, dass nicht Menschen sich den Weg zu Gott erkämpfen, sondern Gott selbst die Trennung aufhebt. Der Vorhang stand für die Grenze zwischen Gottes Heiligkeit und der sündigen Menschheit. Dass er zerreißt, bedeutet: Das, was bisher die unmittelbare Gemeinschaft mit Gott verwehrte, ist gerichtet worden. Der Hebräerbrief sieht darin das Bild eines Weges: Christus hat uns „einen Eintritt eröffnet als einen neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang hindurch, das heißt durch Sein Fleisch“ (Hebr. 10:20). Sein durchbohrter Leib, in dem die Sünde verurteilt wurde, ist die Schwelle, über die der Mensch nun in Gottes Gegenwart treten darf.
ES war aber um die sechste Stunde; und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, (Lk. 23:44)
Wir alle irrten umher wie Schafe, wir wandten uns jeder auf seinen Weg; aber der HERR ließ ihn treffen unser aller Schuld. (Jes. 53:6)
Die letzten drei Stunden am Kreuz stellen die Frage nach unserem Verständnis von Schuld, Gericht und Gnade in ein neues Licht. Wenn Gott seinen eigenen Sohn in diese Finsternis hineingibt, zeigt er, wie ernst er Sünde nimmt – und wie weit seine Liebe geht, um den Sünder zu erreichen. Das kann Angst auslösen, aber es will vor allem Vertrauen wecken: Nichts, was ans Licht kommt, ist zu schwer für das, was Christus getragen hat. Wo die innere Stimme hart anklagt oder alte Schuldbilder sich festsetzen, darf das Kreuz in Erinnerung rufen: Dieses Gericht hat schon stattgefunden, und an deinem Platz stand ein anderer. Die Finsternis, die ihn umhüllte, ist nicht mehr dein Aufenthaltsort; dein Ort ist der Raum hinter dem zerrissenen Vorhang, die Nähe Gottes. Wer das in sich einsinken lässt, wird nicht leichtfertig mit Sünde umgehen, aber auch nicht mehr unter einer diffusen Angst leben müssen. In der Mitte steht ein Stellvertreter, der das Gericht vollendet hat und uns einlädt, in der Freiheit der Versöhnten vor Gott zu stehen.
Der Gott-Mensch: wesensmäßig mit Gott eins, wirtschaftlich von Gott verlassen
Im Hintergrund des Kreuzesgeschehens steht die Frage: Wer ist dieser, der dort leidet? Lukas hat bereits im Anfang seines Evangeliums sorgfältig gezeigt, dass Jesus mehr ist als ein gerechter Mensch. Der Engel sagt zu Maria: „Heiliger Geist wird über dich kommen, und Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren werden wird, Sohn Gottes genannt werden“ (Lukas 1:35). Von Anfang an ist dieser Mensch von Gott her bestimmt und vom Heiligen Geist gezeugt. In seinem Dienst tritt dasselbe Muster hervor: Bei seiner Taufe wird er betend sichtbar vom Himmel her bestätigt, der Geist kommt auf ihn herab (Lukas 3:21–22), und zugleich lebt er in der ständigen Gemeinschaft mit dem Vater. Man könnte sagen: In seinem Inneren trägt er Gott wesensmäßig, und zugleich ruht der Geist äußerlich auf ihm zum Dienst. Diese doppelte Spur – inneres Sein und äußere Salbung – bereitet uns auf das Geheimnis vor, das am Kreuz seinen Höhepunkt findet.
Als der Herr Jesus, der Gott-Mensch, am Kreuz unter dem Gericht Gottes starb, trug Er Gott wesensmäßig als Sein göttliches Sein in Sich. Dennoch wurde Er vom gerechten, richtenden Gott in Seiner Ökonomie verlassen. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft zweiundfünfzig, S. 455)
Wenn Jesus nun als Stellvertreter ins Gericht hineingeht, hört er nicht auf, der Gott-Mensch zu sein. Sein göttliches Sein verschwindet nicht, als würde Gott sich aus ihm zurückziehen. Und doch ist da dieser Schrei der Verlassenheit, der uns stutzen lässt. Wie kann der, in dem die Fülle Gottes wohnt, sagen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27:46). Der Schlüssel liegt in der Unterscheidung zwischen Gottes Wesen und Gottes Heilsordnung. Wesensmäßig bleibt der Sohn eins mit dem Vater; die Göttliche Dreieinigkeit zerbricht nicht am Kreuz. Aber in der „Ökonomie“ Gottes, das heißt in seiner heilsgeschichtlichen Weise zu handeln, vollzieht sich eine reale, ernste Distanz: Gott behandelt den Sohn als den, der an unserer Stelle steht, und entzieht ihm das Empfinden der Nähe, das Sündern im Gericht nicht zusteht. So wird deutlich, dass unsere Errettung kein bloßes Dekret ist, sondern ein durchlittenes, durchgetragenes Werk.
Diese Spannung bewahrt vor zwei Missverständnissen. Das eine wäre, das Verlassensein zu verharmlosen, als wäre es bloß ein Zitat aus Psalm 22 ohne reale Entsprechung. Aber der Schrei am Kreuz ist mehr als liturgische Sprache; er ist Ausdruck einer tatsächlich erlebten Gottesferne im Gericht. Das andere Missverständnis wäre, eine Spaltung in Gott zu denken, als ob der Vater sich vom Sohn im Wesen trennte. Hier hilft die Unterscheidung weiter, die in der Schrift angelegt ist: Gott bleibt, wer er ist, und doch tritt er uns in der Geschichte in verschiedenen Weisen entgegen – als Schöpfer, als Richter, als Erlöser. Am Kreuz konzentrieren sich diese Weisen: Gott richtet in Gerechtigkeit und rettet in Liebe, und beides geschieht in ein und derselben Person, im Gott-Menschen. Wenn Paulus sagt: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinweg nimmt!“ (Johannes 1:29), dann spricht er von diesem einen, in dem Gott selbst das Problem der Sünde trägt.
Gerade darin liegt die Tiefe unserer Erlösung. Wenn Gott in Christus in die äußerste Konsequenz der Sünde hinabsteigt, dann ist keine Ferne mehr denkbar, in der er uns nicht begegnen könnte. Paulus fasst dies so: „Gott aber beweist seine Liebe zu uns dadurch, dass Christus, als wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist“ (Römer 5:8). Der Beweis ist nicht ein Gefühl, sondern ein Ereignis, in dem der Gott-Mensch den Ort einnimmt, der uns zustünde – den Ort der Gottesferne. Wer an den Menschen-Erretter glaubt, steht deshalb nicht mehr unter dem Zorn, sondern im Raum der Versöhnung. Die Distanz, die Christus am Kreuz geschmeckt hat, ist nicht mehr unser Grundklima; stattdessen gilt das Wort: „Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus“ (Römer 5:1).
Und der Engel antwortete und sprach zu ihr: Heiliger Geist wird über dich kommen, und Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren werden wird, Sohn Gottes genannt werden. (Lk. 1:35)
um die neunte Stunde aber schrie Jesus mit lauter Stimme auf und sagte: Eli, Eli, lema sabachthani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Mt. 27:46)
Die Spannung zwischen der Einheit des Gott-Menschen mit Gott und seinem Ruf der Verlassenheit ist kein theologisches Rätsel zum Bestaunen, sondern ein Fenster in die Tiefe der göttlichen Liebe. Wer sie ernst nimmt, wird nüchterner im Blick auf Sünde – denn sie kostete Gott diesen Weg – und zugleich gewisser im Blick auf die Gnade – denn Gott hat sich selbst in Christus nicht geschont. Aus dieser Gewissheit kann ein neues, gelassenes Gottvertrauen entstehen: nicht getragen von der Stabilität unserer Gefühle, sondern vom Gewicht dessen, was am Kreuz geschehen ist. Das Herz darf lernen, sich auch in dunklen Stunden an den zu halten, der die dunkelste Stunde bereits durchschritten hat. So wird der Blick auf den Gott-Menschen am Kreuz zu einer stillen, aber kraftvollen Ermutigung: Hinter allem, was uns zu trennen scheint, steht ein vollbrachtes Werk, in dem Gott näher gekommen ist, als wir es uns je hätten erarbeiten können.
Herr Jesus Christus, du Menschen-Erretter, du hast dich unter die Verachtung der Menschen gestellt und bist dann unter das gerechte Gericht Gottes gegangen, um an unserer Stelle die Last der Sünde zu tragen. In deiner Finsternis hast du unsere Schuld getragen, damit für uns das Licht eines offenen Weges zu Gott aufgehen konnte. Öffne unsere Augen neu für die Tiefe deines stellvertretenden Todes, damit unser Herz von Dankbarkeit und Vertrauen erfüllt wird. Wo uns Schuld anklagt oder Dunkelheit uns umgibt, lass uns im Glauben wissen, dass du schon alles getragen hast und der Vorhang für immer zerrissen ist. Stärke uns durch deinen Geist, in dieser Gewissheit zu leben und aus der von dir geschenkten Versöhnung zu schöpfen. Dein Kreuz sei uns Trost, Gewissheit und Quelle neuer Hoffnung, bis wir dich von Angesicht zu Angesicht sehen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 52