Das Wort des Lebens
lebensstudium

Der Tod des Menschen-Erretters (1)

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Die letzten Stunden vor der Kreuzigung Jesu sind von menschlicher Finsternis, religiöser Heuchelei und politischer Berechnung geprägt – und gerade darin leuchtet seine Herrlichkeit am klarsten auf. Während Jünger versagen, geistliche Leiter in ihre Masken flüchten und Machthaber aus Angst handeln, bleibt der Sohn des Menschen in einer unerschütterlichen Würde, die sowohl seine wahre Menschlichkeit als auch seine Gottheit offenbart. Wer diesen Weg von Gethsemane bis zum Urteil vor Pilatus betrachtet, entdeckt nicht nur eine dramatische Passionsgeschichte, sondern den Weg, auf dem Gott selbst durch den Tod hindurch in die Freiheit der Auferstehung und des Jubeljahres führt.

Der Gott-Mensch in der Stunde der Finsternis

Die Nacht von Gethsemane ist äußerlich die Stunde der Gegner, innerlich aber der Augenblick, in dem der Menschen-Erretter in einer souveränen Freiheit sichtbar wird. Er entzieht sich nicht, sondern geht bewusst an den Ort, an dem er gefunden werden kann. Während die Volksmenge mit Schwertern und Stöcken anrückt, spricht er die entlarvenden Worte: „Als ich täglich bei euch im Tempel war, habt ihr die Hände nicht gegen mich ausgestreckt; aber dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis“ (Lukas 22:53). In dieser nüchternen Feststellung liegt keine Spur von Panik, sondern die ruhige Kenntnis des göttlichen Zeitplans. Die Stunde der Finsternis ist zugelassen, aber sie ist begrenzt und bleibt unter der Hand dessen, der sich freiwillig überliefert. Der, der scheinbar überwältigt wird, ist in Wahrheit der Handelnde: niemand entreißt ihm das Leben, er gibt es hin.

Der Menschen-Heiland fürchtete sich nicht davor, verhaftet zu werden. Im Gegenteil, Er war kühn, der Situation ins Auge zu sehen, und Er tadelte sogar die Falschheit derer, die Ihn verhafteten. Tatsächlich wurde der Herr nicht verhaftet; Er übergab sich selbst denen, die Ihn verhafteten. Hätte Er dies nicht getan, wer hätte Ihn verhaften können? (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft einundfünfzig, S. 442)

Gerade in dieser Dunkelheit wird deutlich, wer hier verhaftet wird. Es ist nicht ein inspirierender Lehrer, der zufällig zwischen die Fronten gerät, sondern der Gott-Mensch, dessen menschliche Sanftmut von göttlicher Autorität durchdrungen ist. Vor dem Hohen Rat bekennt er, dass der Sohn des Menschen „zur Rechten der Macht Gottes sitzen wird“ (vgl. Lukas 22:69) – er, der Angeklagte, verweist auf seine kommende Stellung als Richter. Vor Pilatus und Herodes begegnet er falschen Anklagen nicht mit hektischer Selbstverteidigung, sondern mit einer Stille, die schwerer wiegt als alle Worte; am Ende muss der römische Statthalter aussprechen, dass er keine Schuld an ihm findet (vgl. Lukas 23:4). Wie das Passahlamm in 2. Mose 12 vor der Schlachtung geprüft werden musste, wird hier der Menschen-Erretter durch die religiöse und die weltliche Gerichtsbarkeit untersucht und als schuldlos befunden. Dieses unschuldige, geprüfte Lamm lässt sich fesseln, um viele zu lösen. Wer ihn so betrachtet, findet in ihm mehr als ein Vorbild: man findet einen Herrn, dessen Herrlichkeit durch Leiden nicht verdunkelt, sondern sichtbar wird. In den eigenen Stunden der Finsternis darf dieses Bild in der Seele aufgehen: Der, der sich damals freiwillig übergab und die Macht der Finsternis begrenzte, ist derselbe, der heute verborgen zur Rechten der Macht Gottes regiert. Sein Weg durch die ungerechte Verhaftung hindurch macht Mut, ihm gerade dann zu vertrauen, wenn eigene Wege im Schatten liegen.

Als ich täglich bei euch im Tempel war, habt ihr die Hände nicht gegen mich ausgestreckt; aber dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis. (Lukas 22:53)

SIE ergriffen ihn aber und führten ihn hin und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. Petrus aber folgte von fern. (Lk. 22:54)

Die Betrachtung des verhafteten, aber innerlich souveränen Gott-Menschen lädt dazu ein, die eigenen dunklen Stunden neu zu deuten: nicht als Beweis der Abwesenheit Gottes, sondern als Bühne, auf der sich seine stille Majestät erweisen will. Wer den Menschen-Erretter sieht, wie er sich freiwillig in die Hände der Menschen gibt und dennoch der Herr der Stunde bleibt, darf lernen, die eigene Ohnmacht nicht als letztes Wort zu lesen. In der Erinnerung an seine geprüfte Unschuld und seine verborgene Erhöhung wächst eine stille Zuversicht: Die Macht der Finsternis hat eine Stunde, Christus aber hat den Tag. Aus dieser Gewissheit kann ein Vertrauen erwachsen, das nicht an sichtbaren Siegen hängt, sondern an der Person, die sich für uns übergeben hat und uns gerade durch das Unbegreifliche hindurch trägt.

Natürliche Jünger und ihre Erneuerung am Kreuz

Rund um den verhafteten Herrn stehen nicht nur Feinde, sondern auch Freunde – und gerade sie spiegeln mit schmerzhafter Klarheit das natürliche Herz des Menschen. Die Jünger sind erfüllt von guten Vorsätzen, doch ihre Reaktionen bleiben im Bereich der alten Schöpfung. Sie schlafen, wo sie wachen sollten; sie sprechen große Worte, wo ein stilles Vertrauen nötig wäre; sie greifen zum Schwert, wo der Weg des Lammes gefragt ist. „Als aber die, welche um ihn waren, sahen, was es werden würde, sprachen sie: Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen? Und einer von ihnen schlug den Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das rechte Ohr ab“ (Lukas 22:49–50). Eifer, der aus Liebe entspringt, aber im eigenen Temperament verankert ist, trifft die Falschen und verletzt statt zu dienen. In dieser Szene zeigt sich, wie schnell echte Zuneigung in fleischlichen Aktionismus umschlägt, wenn sie nicht im Geist, sondern im natürlichen Leben verwurzelt bleibt.

Die zweite Kategorie von Menschen um den Herrn Jesus, als Er verhaftet wurde, bestand aus Seinen Nachfolgern. Die Jünger hatten eine gute Absicht, aber sie waren völlig im natürlichen Bereich. Hier sehen wir kein Anzeichen dafür, dass sie im geistlichen Bereich waren; vielmehr waren sie in der alten Schöpfung. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft einundfünfzig, S. 440)

Petrus steht besonders deutlich für diese Spannung. Noch kurz zuvor hatte er beteuert, mit Jesus bis in den Tod zu gehen (vgl. Lukas 22:33), nun folgt er von ferne (Lukas 22:54) und verleugnet ihn dreimal. „Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich“ (Lukas 22:62). Zwischen Versprechen und Wirklichkeit klafft ein Abgrund, den viele kennen: aufrichtige Vorsätze – und doch ein Herz, das der Prüfung nicht standhält. Jesus verwirft Petrus deshalb nicht, sondern lässt ihn an den Punkt kommen, an dem das eigene Selbstvertrauen zerbricht. Das bittere Weinen ist nicht das Ende der Geschichte, sondern der Beginn einer tiefen Erneuerung. In der Sprache des Paulus heißt das: „Unser alter Mensch ist mitgekreuzigt worden“ (Röm. 6:6), und „nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal. 2:20). Der Weg dorthin führt über die Entdeckung, dass natürliches Leben – so religiös, so gut gemeint, so tatkräftig es erscheinen mag – Gottes Plan nicht tragen kann. Die Jünger werden durch das Kreuz hindurch in die Auferstehungswirklichkeit Christi hineingenommen und verwandelt. Aus Verteidigern mit dem Schwert werden Zeugen mit dem Wort; aus furchtsamen Nachfolgern werden Männer, die vor Räten und Königen stehen. Wer sich in ihrem Versagen wiedererkennt, darf zugleich hoffen: Gott rechnet mit diesem Versagen, um es in die Geschichte seiner Gnade einzubauen. Er führt bis an die Grenzen der eigenen Kraft, nicht um zu beschämen, sondern um Raum für das Leben Christi zu schaffen, das treu bleibt, wo wir untreu sind.

In dieser Perspektive verlieren auch unsere eigenen Brüche ihren rein destruktiven Charakter. Das, was wie ein endgültiges Scheitern erscheint, kann zum Ort werden, an dem die Selbstgewissheit aufgegeben und ein neues Vertrauen geboren wird. Der Blick auf Petrus, der weinend hinausgeht und dennoch später als Säule der Gemeinde wirkt, öffnet ein Fenster für die Geduld Christi mit allen, die an ihm scheitern. Seine Liebe bleibt, wo unsere Standhaftigkeit zerbricht. Mit dieser Gewissheit können selbst schmerzliche Erinnerungen an eigenes Versagen zu stillen Wegmarken werden: nicht als Mahnmale der Scham, sondern als Hinweise auf den Punkt, an dem der Herr begonnen hat, das natürliche Leben zu beenden, um uns tiefer in die Wirklichkeit seines Auferstehungslebens hineinzunehmen.

Als aber die, welche um ihn waren, sahen, was es werden würde, sprachen sie: Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen? Und einer von ihnen schlug den Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das rechte Ohr ab. (Lukas 22:49-50)

Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich. (Lukas 22:62)

Die Geschichte der Jünger in jener Nacht konfrontiert mit der ernsten Wahrheit, dass gutes Wollen und religiöser Eifer das natürliche Leben nicht in geistliches verwandeln. Sie öffnet zugleich eine tröstende Perspektive: Gott ist nicht überrascht von der Kluft zwischen unseren Idealen und unserem tatsächlichen Verhalten. Er führt durch Erfahrungen, in denen die eigene Stärke versagt, um gerade dort seine Treue und sein Auferstehungsleben sichtbar zu machen. Wer seine Tränen über verfehlte Treue im Licht des Blickes Jesu versteht – jenes Blickes, der Petrus trifft, bevor er hinausgeht –, darf darin den Anfang nicht des Endes, sondern eines vertieften Weges mit Christus erkennen. So kann aus der Beschämung über das eigene natürliche Leben eine stille Dankbarkeit entstehen, dass Gott gerade solche Menschen in seine Geschichte hineinnimmt und sie nach dem Kreuz ganz neu formt.

Durch den Tod in die Auferstehung – der Weg ins Jubeljahr Gottes

Auf der Ebene der Geschichte wirkt das Geschehen vor Pilatus und Herodes wie ein bedrückender Justizskandal. Der unschuldige Gott-Mensch wird zwischen religiösem Hass und politischem Kalkül hin- und hergeschoben, bis schließlich die Menge die Freilassung eines Aufrührers und Mörders fordert. „Er gab aber den los, der eines Aufruhrs und Mordes wegen ins Gefängnis geworfen war, den sie forderten; Jesus aber übergab er ihrem Willen“ (Lukas 23:25). Die Entscheidung scheint von unten bestimmt: vom Willen des Volkes, von der Schwäche des Statthalters. Doch im Hintergrund vollzieht sich eine tiefere Regie. Der, der ohne Schuld befunden wurde, lässt sich verurteilen; der wahre König stellt sich unter das Urteil seiner Untertanen. So wird der Weg frei, auf dem der Tod, dieses letzte Feindeswerk, zum Werkzeug göttlicher Erlösung wird. Wenn der unschuldige Gott-Mensch am Kreuz endet, dann nicht, weil er überwältigt wurde, sondern weil er bewusst dorthin geht, um den Tod von innen her zu entmachten.

Wir müssen erkennen, dass Er nicht zum Kreuz gebracht wurde - Er ging zum Kreuz. Am Kreuz legte Er Seine Seelenleben absichtlich nieder, um einen allumfassenden Tod zu vollbringen. Dieser Tod führte Ihn in die Auferstehung hinein. Durch Seinen Tod und Seine Auferstehung ist das Jubeljahr vollbracht. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft einundfünfzig, S. 448)

Die Kreuzigung, eine römische Hinrichtungsform, nimmt zugleich alttestamentliche Linien auf. In 5. Mose 21:23 heißt es, ein Gehenkter sei „ein Fluch Gottes“, und doch legt Gott gerade diesen Fluch auf seinen Sohn, damit der Fluch von uns genommen werde. „Christus hat uns aus dem Fluch des Gesetzes freigekauft, indem Er für uns zu einem Fluch geworden ist; denn es steht geschrieben: ‚Verflucht ist jeder, der am Holz hängt‘“ (Galater 3:13). Der Menschen-Erretter nimmt die ganze Last von Schuld und Fluch auf sich, um in seinem Tod eine allumfassende Wende herbeizuführen. In der Auferstehung tritt er aus dem Bereich der alten, vom Tod beherrschten Schöpfung in die Sphäre des neuen Lebens. Schon zu Beginn seines Wirkens hatte er in der Synagoge von Nazareth aus Jesaja 61 gelesen und dieses Wort auf sich bezogen: „Er hat mich gesalbt, Armen gute Botschaft zu verkündigen, Gefangenen Befreiung… auszurufen ein angenehmes Jahr des Herrn“ (vgl. Lukas 4:18–19). Am Kreuz und in der Auferstehung wird dieses „angenehme Jahr“, das Jubeljahr Gottes, Wirklichkeit: Schuld wird erlassen, Gefangene werden frei, Verlorenes wird heimgebracht, und Menschen werden in eine neue Beziehung zum Dreieinen Gott gestellt.

Das bedeutet, dass der Weg zur Freiheit nicht an der Wirklichkeit des Todes vorbeiführt, sondern hindurch. Christus ist nicht nur an unserer Stelle gestorben; er hat unser altes Leben mit sich genommen, damit sein Auferstehungsleben unsere neue Existenzgrundlage wird. Wo dieses Geschehen im Glauben ergriffen wird, beginnt jetzt schon ein inneres Jubeljahr: Das Alte hat seine letzte Bindekraft verloren, und ein neues Leben mit einer anderen Qualität von Ruhe, Gemeinschaft und Hoffnung nimmt Gestalt an. Dieses Jubeljahr wird einmal in der kommenden Herrlichkeit voll sichtbar sein, wenn der neue Himmel und die neue Erde aufgehen und Gott bei den Menschen wohnt. Doch es ist schon heute erfahrbar, wenn Menschen im Vertrauen auf den gekreuzigten und auferstandenen Menschen-Erretter loslassen, was nicht in die neue Schöpfung gehört, und sich der Freiheit öffnen, die er erworben hat. So wird der dunkle Hügel von Golgatha zum Tor in einen weiten Raum: in die bleibende Freiheit der Kinder Gottes, in der der Tod nicht mehr das letzte Wort hat und die Gnade regiert.

Christus hat uns aus dem Fluch des Gesetzes freigekauft, indem Er für uns zu einem Fluch geworden ist; denn es steht geschrieben: „Verflucht ist jeder, der am Holz hängt“; (Gal. 3:13)

Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.


Herr Jesus Christus, Du Gott-Mensch, der Du Dich in der Stunde der Finsternis nicht selbst gerettet, sondern Dich für uns hingegeben hast, wir beten Dich an für Deine Liebe und Deine heilige Entschlossenheit. Du kennst unsere natürliche Schwachheit und unser Versagen wie bei Petrus, und doch hast Du uns in Deinen Kreuzesweg mit hineingenommen, um unser altes Leben zu beenden und uns in Deine Auferstehungskraft zu stellen. Lass das Licht Deines Leidens und Deiner Herrlichkeit unsere Sicht auf uns selbst und auf die Welt verändern, damit wir innerlich frei werden von Angst, Selbstvertrauen und religiöser Fassade. Stärke in uns die Gewissheit, dass Dein vollbrachtes Werk genügt, dass Deine Gnade größer ist als jede Schuld und dass das Jubeljahr Deiner Gnade schon jetzt in unserem Herzen begonnen hat. Fülle unsere Hoffnung auf die kommende Sabbatruhe bei Dir und lass uns in der Gegenwart aus der Ruhe Deines vollendeten Werkes leben. In Deinem Namen vertrauen wir uns Dir neu an und preisen Dich als unseren Menschen-Erretter. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 51