Die Darbietung des Menschen-Erretters Seiner Selbst zum Tod für die Erlösung (7)
Die letzte Nacht vor der Kreuzigung ist von einer erstaunlichen Spannung geprägt: Während Jesus mit klarer Zielrichtung in den Tod geht, denken seine Jünger an Rang und Ehre. Inmitten von Verrat, Unverständnis und nahender Finsternis offenbart der Herr im Passahmahl und im Abendmahl, was sein Tod wirklich bewirkt: eine Erlösung, die in ein neues, gemeinsames Leben als Leib Christi hineinführt.
Vom Lamm zum Brot – Erlösung mit einem Leib als Ziel
Wenn Lukas das letzte Passah und das erste Mahl des Herrn schildert, begegnen sich zwei Welten auf einem Tisch. „Es kam aber der Tag der ungesäuerten Brote, an dem das Passah geschlachtet werden mußte“ (Lk. 22:7). Hinter diesem Tag steht die ganze Geschichte Israels mit dem Passah-Lamm, dem Blut an den Türpfosten, dem hastig gebackenen Brot und dem Auszug aus Ägypten. In 2. Mose 12 wird das Lamm gewählt, geschlachtet, sein Blut schützt vor dem Gericht, sein Fleisch stärkt für den Weg. Die Erlösung ist in erster Linie Befreiung aus der Macht des Todes unter dem Zeichen eines einzelnen Opfertieres. Als Johannes später Jesus kommen sieht, greift er diese Linie auf: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!“ (Johannes 1:29). Hier steht wieder eine einzelne Person im Mittelpunkt, das eine Lamm, das stellvertretend trägt, was wir nicht tragen können.
Als der Herr Jesus Gott für unsere Erlösung dargebracht wurde, wurde Er nicht als Brot, sondern als Lamm dargebracht. Das Ergebnis ist jedoch nicht das Lamm, sondern Brot. Das Lamm war eine einzelne Person, Brot hingegen ist etwas Gemeinschaftliches. Ein einziges Weizenkorn kann keinen Laib Brot bilden. Ein Laib ist etwas Gemeinschaftliches, etwas, das aus vielen Körnern zusammengesetzt und gebildet ist. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft fünfzig, S. 429)
Doch im Obersaal verschiebt Jesus den Akzent. Das Lamm wird nicht eigens hervorgehoben; stattdessen nimmt er Brot und Kelch in die Hand. „Und Er nahm ein Brot und sagte Dank, und Er brach es und gab es ihnen und sagte: Dies ist Mein Leib, der für euch hingegeben wird; tut dies zur Erinnerung an Mich“ (Lk. 22:19). Das Kreuz vollzieht sich noch als Werk des einen Lammes; aber was auf dem Tisch liegt, ist kein Lamm, sondern ein Laib. Brot ist von seinem Wesen her etwas Gemeinschaftliches. Ein Weizenkorn kann für sich sterben, aber es kann für sich kein Brot werden. Damit aus vielen Körnern ein Laib entsteht, müssen sie zermahlen, zusammengebracht, vermengt und „gebacken“ werden. So deutet der Herr seinen Weg: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viele Frucht“ (Johannes 12:24). Sein Tod nimmt die Sünde hinweg, seine Auferstehung schafft eine neue, korporative Wirklichkeit.
Paulus schaut später auf dieses Brot und sieht mehr als ein Symbol der Erinnerung. Er schreibt: „Denn ein Brot, ein Leib sind wir, die Vielen; denn wir alle haben teil an dem einen Brot“ (1. Korinther 10:17). Das gebrochene Brot ist einerseits Zeichen des Leibes, der für uns gegeben wurde, andererseits Zeichen des Leibes, der aus uns gebildet wird. Darin liegt eine stille, aber weitreichende Verschiebung im Verständnis von Erlösung: Sie endet nicht an der Türschwelle des Gerichts, sondern führt in das Haus der Gemeinschaft. Wer nur beim Lamm stehen bleibt, schaut vor allem auf die Schuldfrage; wer das eine Brot sieht, erkennt, dass Gottes Ziel ein Leib ist – die Gemeinde als der Leib Christi, in dem Christus selbst lebt, wirkt und sich ausdrückt.
So entsteht aus der Darbietung des Menschen-Erretters als Lamm Gottes eine neue Menschheit. Der Weg führt vom Blut an den Pfosten zum Brot in den Händen, von der Flucht aus Ägypten zum gemeinsamen Mahl mit dem auferstandenen Herrn. Darin liegt Trost und Herausforderung zugleich. Trost, weil unser Platz im Leib nicht aus unserer Tauglichkeit stammt, sondern aus dem Werk des Lammes, das zum Brot geworden ist. Herausforderung, weil das Leben dieses Leibes bedeutet, dass wir nicht mehr isolierte „Körner“ bleiben. Wir werden miteinander verbunden, geformt, manchmal auch durch Leiden und Reibung hindurch. Doch das Ziel bleibt herrlich: ein einziger Laib, in dem der auferstandene Christus gegenwärtig ist. Wer das Brot des Herrn empfängt, bekennt – vielleicht ohne Worte, aber doch real: Ich gehöre Dir, und ich gehöre zu den Deinen. In solcher Zugehörigkeit beginnt Erlösung zu leuchten als bleibende Gemeinschaft mit Christus und miteinander.
ES kam aber der Tag der ungesäuerten Brote, an dem das Passah geschlachtet werden mußte. (Lk. 22:7)
Am folgenden Tag sah er Jesus zu sich kommen und sagte: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt! (Joh. 1:29)
Die Bewegung vom Lamm zum Brot zeigt, wie weit Gott uns führen möchte: weg von einem rein individuellen Verständnis der Errettung hin zu einem geteilten Leben im einen Leib Christi. Wenn das Kreuz den Boden bereitet, damit wir überhaupt leben, dann ist der Laib das Ziel, in dem dieses Leben Gestalt gewinnt. Erlöst sein heißt darum auch, sich innerlich darauf einzulassen, nicht mehr für sich zu leben, sondern als Teil eines Ganzen, das größer ist als alle persönlichen Geschichten. Wo wir so miteinander vor dem einen Brot stehen, wird der Alltag – gerade auch in seiner Unvollkommenheit – zum Raum, in dem der auferstandene Herr sein Leben unter uns teilt und vermehrt.
Der Kelch des Bundes – der dreieine Gott als unser Anteil
Neben dem Brot steht auf dem Tisch des Herrn der Kelch. Lukas berichtet: „Und ebenso den Kelch, nachdem sie gegessen hatten, und sagte: Dieser Kelch ist der neue Bund, begründet in Meinem Blut, das für euch vergossen wird“ (Lk. 22:20). Damit ist mehr gesagt als nur: Dieser Kelch erinnert an mein Leiden. Jesus nennt ihn „den neuen Bund in meinem Blut“. Sein vergossenes Blut wird in Gottes Hand zur Rechtsgrundlage eines Bundes, den er selbst stiftet und garantiert. Im Alten Bund waren Tiere, Opfer und Rituale die sichtbaren Zeichen dieser Beziehung: Schon in 1. Mose 3:21 heißt es, dass Gott Adam und seiner Frau Fellkleider machte und sie bekleidete, und Abel brachte „von den Erstgeburten seiner Herde“ ein Opfer dar (vgl. 1. Mose 4:4). Doch alle diese Opfer standen stellvertretend und vorläufig für das eine Opfer, das kommen sollte.
Außerdem ist das Blut, das Er am Kreuz vergoss, zu einem Bund geworden, und dieser Bund ist zu einem Kelch geworden, einem Anteil, der Gott selbst als Segen für unseren Genuss ist. Gott ist uns in diesem Kelch zugeteilt; Er ist unser Anteil zu unserem Genuss. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft fünfzig, S. 432)
In der Fülle der Zeit nimmt der Sohn Gottes einen Leib an, um dieses endgültige Opfer zu sein. Sein Blut spricht eine andere Sprache als das Blut von Stieren und Böcken: nicht nur von zeitweilig zugedeckter Schuld, sondern von endgültiger Versöhnung und einer neuen Beziehung. Wenn Jesus den Kelch reicht, kommt dieser Bund auf den Tisch – nicht als trockenes Vertragsdokument, sondern als Getränk, als Anteil. Der Kelch des neuen Bundes bedeutet, dass Gott sich selbst an sein erlöstes Volk bindet. Er schenkt nicht nur Vergebung, sondern sich selbst. In den Worten eines Psalms: „Jehova ist meines Erbteils und meines Bechers; du hältst mein Los“ (vgl. Ps. 16:5). Der dreieine Gott wird zum Inhalt dieses Kelches: der Vater, der den Bund beschlossen hat, der Sohn, der das Blut für ihn vergossen hat, und der Geist, in dem uns die Fülle dieses Bundes gegenwärtig gemacht wird.
Wer so aus dem Kelch trinkt, nimmt nicht nur das Gericht vom Kreuz ernst, sondern auch die Zuwendung, die dahintersteht. Der Kelch erzählt von einer Geschichte, in der Gott sich nicht zurückzieht, nachdem er vergeben hat, sondern nahe bleibt und sich als „Portion“ gibt. Er ist wie das Erbteil eines Landes, das nicht veräußert wird, weil der Eigentümer sich unwiderruflich an dieses Volk gebunden hat. Auch die ganz persönlichen Lebenslinien werden damit neu gelesen: Nicht mehr Schuld und Unzulänglichkeit schreiben das letzte Kapitel, sondern der Bund, den Gott in Jesu Blut besiegelt hat. In den wechselnden Umständen bleibt dieser Kelch ein stilles Zeugnis dafür, dass die Sätze Gottes über uns mit Gnade beginnen und mit Segen enden.
So wird der Kelch des neuen Bundes zum Bild einer Beziehung, die trägt, wenn eigene Sicherheiten brüchig werden. Er erinnert daran, dass Gott selbst der eigentliche Inhalt unseres Lebens ist – nicht erst in der Ewigkeit, sondern schon jetzt im unscheinbaren Alltag. Dort, wo die Zusagen dieses Bundes unser inneres Sprechen prägen, verliert die Angst vor dem Morgen an Gewicht. Der dreieine Gott bleibt derselbe, sein Bund bleibt derselbe, und der Kelch bleibt ein Zeichen, dass wir in seine Geschichte von Treue und Gnade hineingenommen sind. In diesem Licht kann selbst ein einfacher Schluck vom Kelch des Herrn zu einer leisen, aber tiefen Freude werden: Wir leben nicht mehr vor einem ungewissen Himmel, sondern unter der Zusage eines Gottes, der gesagt hat, dass er unser Teil und unser Becher sein will.
Und ebenso den Kelch, nachdem sie gegessen hatten, und sagte: Dieser Kelch ist der neue Bund, begründet in Meinem Blut, das für euch vergossen wird. (Lk. 22:20)
Und Jehovah Gott machte Adam und seiner Frau Fellkleider und bekleidete sie. (Gen. 3:21)
Der Kelch des neuen Bundes hält zusammen, was wir im Inneren so leicht trennen: die Ernsthaftigkeit des Kreuzes und die Wohltat der göttlichen Nähe. Wer ihn im Glauben annimmt, steht nicht mehr vor einem fernen Gott, der nur über Schuld und Unschuld urteilt, sondern vor dem dreieinen Gott, der sich als Anteil schenkt. Gerade in Zeiten der Unsicherheit kann diese Perspektive das Herz stiller machen: Nicht die wechselhafte Bilanz unseres Lebens entscheidet, sondern der unverrückbare Bund, den Gott in Jesu Blut geschlossen hat. In diesem Bund liegt eine ruhige Freiheit, aus der heraus Vertrauen wachsen darf – Vertrauen, daß der, der uns den Kelch gereicht hat, uns auch durch alle kommenden Tage trägt.
Tod, Auferstehung und Jubeljahr – Freiheit, Leib und Segen
Die Evangelien lassen uns am inneren Weg des Menschen-Erretters teilhaben, bevor er sich zum Tod darbringt. Im Garten Gethsemane verdichtet sich sein Ringen in einem Bild: „Vater, wenn Du willst, nimm diesen Kelch von Mir; doch nicht Mein Wille, sondern Deiner geschehe“ (Lk. 22:42). Der Kelch, von dem hier die Rede ist, ist der Kelch des Leidens, des Gerichts, der ganzen Schwere des Kreuzes. Die Entscheidung, ihn zu nehmen, geschieht nicht in äußerer Ruhe, sondern im „ringenden Kampf“, bis „sein Schweiß wie große Blutstropfen, die auf die Erde herabfielen“ (Lk. 22:44). Gerade in dieser Tiefe seines Gehorsams wird deutlich, dass sein Tod kein tragischer Zufall ist, sondern die Erfüllung eines lange zuvor gefassten Vorsatzes Gottes.
Am Tisch des Herrn haben wir das Brot, das den Leib im Leben bezeichnet, und wir haben den Kelch, der den Segen des dreieinen Gottes bezeichnet. Am Tisch haben wir Leben und Segen. Hier sind wir frei von der Knechtschaft, und wir sind im Genuss des dreieinen Gottes. Dies ist die Bedeutung des Tisches des Herrn als ein Zeichen des Jubeljahres. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft fünfzig, S. 433)
Schon während seines Weges hatte Jesus von seinem Tod und seiner Auferstehung gesprochen. Er kündigt an, dass der Sohn des Menschen leiden, verworfen und getötet werden und am dritten Tag auferweckt werden muss (vgl. Lukas 9:21–22). Doch die Jünger verstehen es kaum, und ihre Reaktion in der Passahnacht spiegelt diese Spannung wider: Noch während der Menschensohn den Weg des Gehorsams geht, „entstand … ein Streit unter ihnen, wer von ihnen für den Größten zu halten sei“ (Lk. 22:24). Jesus läßt sich davon nicht aus der Spur bringen. Er bleibt der, der dient, der den Kelch des Leidens nimmt, um danach den Kelch des Segens auszuteilen. Sein Tod beendet das alte, in Sünde verfangene Leben, seine Auferstehung bringt eine neue Wirklichkeit hervor – den Leib, der durch das eine Brot dargestellt wird, und die Freiheit, die in dem neuen Bund liegt.
Wenn Jesus beim Mahl Brot und Kelch gibt, verbindet er Tod, Auferstehung und das, was man mit guten Gründen das wahre Jubeljahr Gottes nennen kann. Im alttestamentlichen Jubeljahr wurden Gefangene freigelassen, Schulden erlassen, verlorenes Erbland zurückgegeben. Am Tisch des Herrn geschieht etwas Entsprechendes in geistlicher Weise: Das Brot deutet auf den Leib in Leben hin, der Kelch auf den Segen der Göttlichen Dreieinigkeit. Wo beides zusammenkommt, ist Raum für Freiheit und Freude. „Hier sind wir frei von Knechtschaft, und wir sind in dem Genuß des Dreieinen Gottes“ – so lässt sich der Sinn dieses Mahls fassen. Die Zeichen sind einfach, aber die Wirklichkeit dahinter ist weitreichend: Wer Anteil an Christus hat, steht nicht länger unter der Herrschaft von Schuld, Angst und Bindungen, sondern wird in das weite Land der Gnade gestellt.
Dabei bleiben die Schwächen der Jünger nicht ausgeblendet. Petrus bekennt großherzig: „Mit dir bin ich bereit, auch ins Gefängnis und in den Tod zu gehen“ (Lk. 22:33), und doch kündigt Jesus an, dass er ihn verleugnen wird. Zugleich sagt er: „Ich aber habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht aufhöre; und wenn du einst zurückgekehrt bist, so stärke deine Brüder“ (Lk. 22:32). So zeigt sich, worauf die Freiheit des Jubeljahres tatsächlich ruht: nicht auf konsequentem Jüngersinn, sondern auf der Treue dessen, der für uns betet und uns durch seinen Tod und seine Auferstehung festhält. In dieser Perspektive wird das Mahl des Herrn zu einem stillen Fest der Hoffnung. Es erinnert nicht nur an einen vergangenen Kreuzestag, sondern lässt etwas von der kommenden Fülle aufleuchten, in der der Leib Christi vollendet, die Knechtschaft endgültig beendet und der Segen Gottes ungehindert erfahrbar sein wird.
und sagte: Vater, wenn Du willst, nimm diesen Kelch von Mir; doch nicht Mein Wille, sondern Deiner geschehe. (Lk. 22:42)
Und als er in ringendem Kampf war, betete er heftiger. Es wurde aber sein Schweiß wie große Blutstropfen, die auf die Erde herabfielen. (Lk. 22:44)
Der Zusammenhang von Gethsemane, Kreuz und Mahl des Herrn lässt erahnen, wie umfassend Gottes Weg mit uns ist. Er kennt das Ringen, er kennt das Scheitern, und doch führt er auf einen Raum zu, in dem Freiheit und Gemeinschaft mit ihm zusammenfinden. Wenn Brot und Kelch uns vor Augen stehen, wird deutlich: Die tiefste Wirklichkeit unseres Lebens besteht nicht aus dem, was an uns bricht, sondern aus dem, was in Christus schon vollendet ist. Aus dieser Gewissheit kann ein leiser Mut wachsen, den kommenden Tag im Vertrauen zu erwarten – wissend, dass der, der für uns den Kelch des Leidens getrunken hat, uns auch im Alltag Anteil geben will am Jubel seiner Auferstehung.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 50