Die Darbietung des Menschen-Erretters Seiner Selbst zum Tod für die Erlösung (3)
Wenn Menschen Jesus prüfen, statt sich von ihm prüfen zu lassen, tritt ein erstaunlicher Kontrast zutage: Der Schöpfer steht vor seinen Geschöpfen, der wahre Richter vor einem menschlichen Gericht. Lukas zeichnet diese Szene bewusst so, dass sich die Frage zuspitzt, wer Jesus wirklich ist, was sein Weg zum Kreuz bedeutet und wie sich an scheinbar kleinen Szenen – wie einer armen Witwe am Gotteskasten – das wahre Herz vor Gott zeigt.
Die Frage nach dem Christus: Sohn Davids und Herr Davids
Mitten in einem dichten Netz von Fragen über Vollmacht, Politik und Auferstehung wendet Jesus unvermittelt die Richtung. Nachdem die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten ihn mit ihren Prüfungen überhäufen, fragt er sie selbst: Wie kann der Christus zugleich Sohn Davids und Herr Davids sein? Lukas berichtet, dass ihnen zuvor bereits ein Wort der Anerkennung über die Lippen kam: „Lehrer, wir wissen, daß du recht redest und lehrst und die Person nicht ansiehst, sondern den Weg Gottes in Wahrheit lehrst“ (Lk. 20:21). Sie bezeugen seine Wahrhaftigkeit – und doch bleibt ihnen seine wahre Identität verborgen. Ihr Wissen reicht, um messianische Titel zu nennen, aber nicht, um die Person zu erkennen, die vor ihnen steht. So erinnert Jesus sie an den Psalm, in dem David sagt: „Der HERR sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten…“ (Ps. 110:1). Wenn David den kommenden Messias „meinen Herrn“ nennt, kann er dann nur ein menschlicher Nachkomme Davids sein? In dieser einfachen Frage öffnet sich ein Abgrund zwischen religiösem Wissen und geistlicher Offenbarung.
In den Versen 41 bis 44 sagte der Herr zu Seinen Prüfern: „Wie sagen sie, dass der Christus Davids Sohn sei? Denn David selbst sagt im Buch der Psalmen: Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze Dich zu Meiner Rechten, bis Ich Deine Feinde hinlege als Schemel für Deine Füße. David nennt Ihn also Herr, und wie ist Er sein Sohn?“ Als Gott in Seiner Göttlichkeit ist Christus der Herr Davids. Als Mensch in Seiner Menschheit ist Er der Sohn Davids. Seine Prüfer hatten nur die Hälfte der schriftgemäßen Erkenntnis in Bezug auf die Person Christi, nämlich dass Er nach Seiner Menschheit der Sohn Davids war. Sie hatten nicht die andere Hälfte, die Christi Göttlichkeit als Sohn Gottes betrifft. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft sechsundvierzig, S. 396)
In diesem Licht erscheint die Szene im Tempel nicht mehr nur als intellektuelle Auseinandersetzung, sondern als Offenbarung der Mitte. Vor den Prüfern steht der Gott-Mensch: In seiner Menschheit wirklich Sohn Davids, in seiner Gottheit wirklich Davids Herr. Die religiösen Leiter hatten eine halbe Erkenntnis: Sie erwarteten einen starken, aber nur menschlichen Messias. Die andere Hälfte – dass in diesem Messias Gott selbst zu ihnen kommt – war ihnen verschlossen. Kolosser 1.beschreibt, was hier unsichtbar vor ihnen geschieht: „Denn in ihm ist alles geschaffen worden, was in den Himmeln und was auf der Erde ist…; und er ist vor allem, und alles besteht durch ihn“ (Kolosser 1:16-17). Der, der das All trägt, lässt sich von den Menschen prüfen. Gerade in der Stunde, da er sich als wahres Passahlamm dem Tod entgegengibt, legt er seine Identität offen: Er ist der, in dem alle Dinge ihren Mittelpunkt haben, Gott und Mensch in einer Person. Das tröstet und weckt zugleich: Unser Glaube gründet sich nicht auf eine Lehre über Christus, sondern auf den lebendigen Christus selbst. Wo er als der Sohn Davids und Herr Davids unser Inneres berührt, fällt die Halbheit unseres Wissens. Aus der Bibelstelle wird Begegnung; aus Begriffen wird Beziehung. Und in dieser Beziehung wächst stille Zuversicht: Der, der sich damals unter Fragen stellte, bleibt auch heute der Herr über alle Fragen unserer Geschichte.
Und sie fragten ihn und sagten: Lehrer, wir wissen, daß du recht redest und lehrst und die Person nicht ansiehst, sondern den Weg Gottes in Wahrheit lehrst. (Lk. 20:21)
Wenn Jesus als Sohn Davids und Herr Davids in den Mittelpunkt rückt, ordnen sich unsere Vorstellungen neu. Die Grenzen unserer halben Erkenntnis werden sichtbar, ohne dass wir verurteilt werden. Stattdessen lädt seine Gegenwart ein, ihn nicht nur als Helfer in menschlichen Nöten zu kennen, sondern als den, in dem Gott selbst uns begegnet. Das löst eine sanfte Bewegung im Herzen aus: Vertrauen wird tiefer, Gebet wird schlichter, und selbst unbeantwortete Fragen verlieren ihre Schärfe, weil sie vor einem Herrn stehen, der größer ist als all unsere Kategorien.
Der geprüfte Passahlamm-Gott-Mensch und der höchste Maßstab an Moral
Die Zuspitzung der Ereignisse in Jerusalem fällt nicht zufällig in die Tage vor dem Passah. Im Gesetz hatte Gott geboten, das Passahlamm einige Tage vor dem Schlachten auszuwählen und im Haus zu behalten: „Ein jedes nehme ein Lamm nach den Häusern der Väter…; und ihr sollt es verwahren bis auf den vierzehnten Tag dieses Monats“ (2. Mose 12:3-6). In dieser Zeit stand das Lamm unter stiller Beobachtung: Ist es wirklich ohne Fehl, ohne Flecken? Lukas zeigt, wie sich dieses Bild im Leben Jesu erfüllt. Er lehrt im Tempel, und eine Prüfung nach der anderen bricht über ihn herein: Fragen nach seiner Vollmacht, nach der Steuer an den Kaiser, nach der Auferstehung, schließlich die nächtliche Verhandlung vor dem Hohen Rat und das Verhör durch Pilatus und Herodes. „Und sie konnten ihn in (seinem) Wort vor dem Volk nicht fangen; und sie verwunderten sich über seine Antwort und schwiegen“ (Lk. 20:26). Die untersuchenden Blicke entlarven die Prüfer – und bestätigen das Lamm.
Wir müssen erkennen, dass der hier Geprüfte der Gott-Mensch war. Ja, in dieser Situation war der Menschen-Heiland ein Mensch, aber Er war auch Gott. Das bedeutet, dass Er als Gott von Widersachern umgeben war, die Ihn prüften. Wie blind, töricht und unwissend sie waren! Sie erkannten nicht, dass der, den sie prüften, Gott selbst war. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft sechsundvierzig, S. 396)
Der, der hier geprüft wird, ist mehr als ein moralischer Held. Er ist der Gott-Mensch, der sich freiwillig dem Blick von Juden und Heiden aussetzt. Unter Druck bricht das Innere eines Menschen auf; hier wird sichtbar, dass Jesu Menschsein von göttlicher Reinheit durchdrungen ist. Er antwortet klar, ohne Eitelkeit, ohne Hinterlist, ohne empörte Selbstverteidigung. Er lässt Fallen ins Leere laufen, ohne seine Gegner zu demütigen. In seinem Schweigen vor Herodes und in seiner Sanftmut am Kreuz schimmert dieselbe Reinheit wie in seinen kraftvollen Worten im Tempel. Petrus fasst diesen Eindruck später zusammen: „… mit dem kostbaren Blut Christi, als eines Lammes ohne Fehl und ohne Flecken“ (1. Petrus 1:19). Gerade so qualifiziert er sich, das wahre Passahlamm zu sein, das Gottes Gericht an unserer Stelle trägt, damit Gott an uns vorübergehen kann. Darin liegt eine stille Ermutigung: Unser Heil ruht nicht auf der Fragwürdigkeit unserer eigenen Moral, sondern auf der Unangreifbarkeit seiner. Wer sich in diesem Lamm birgt, steht nicht mehr unter dem prüfenden Blick des Gerichts, sondern unter dem liebenden Blick dessen, der sich prüfen ließ. So wird seine vollkommene Moral nicht nur Vorbild, sondern wohltätige Kraft, die unser eigenes Leben nach und nach durchleuchtet und verwandelt, ohne uns zu zerschlagen.
Und sie konnten ihn in (seinem) Wort vor dem Volk nicht fangen; und sie verwunderten sich über seine Antwort und schwiegen. (Lk. 20:26)
Wo wir Jesus als das geprüfte Passahlamm betrachten, wächst eine stille Sicherheit: Unser Leben hängt an einem, der auch im härtesten Licht keine verborgene Finsternis zeigt. Diese Gewissheit entspannt das Herz. Sie löst das Bedürfnis, sich ständig selbst zu rechtfertigen, und macht offen für ein Leben, in dem seine durchscheinende Reinheit Schritt für Schritt in unseren Alltag einsickert. So wird sein Weg durch die Prüfung nicht nur zur Grundlage unserer Erlösung, sondern auch zur leisen Schule eines neuen, von Liebe und Wahrhaftigkeit geprägten Umgangs mit Menschen.
Neue Schöpfung und frei werdendes Herz: vom Tod zur Keimung und vom Besitz zur Hingabe
Der Weg des Man-Erretters nach Jerusalem ist von Anfang an vom Schatten des Kreuzes begleitet. Immer wieder kündigt er seinen Jüngern an, dass er verworfen, getötet und am dritten Tag auferstehen wird. Doch seine Worte bleiben ihnen fremd: „Sie aber verstanden nichts von diesen Dingen, und dieses Wort war vor ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was gesagt wurde“ (Lukas 18:34). Hinter dieser Unverständigkeit steht mehr als fehlende Information. Die Jünger gehören, wie wir, zur alten Schöpfung, die an Selbsterhalt, Ehre und Besitz hängt. Wenn Jesus vom Kreuz spricht, trifft das nicht nur die Zukunft ihres Meisters, sondern die Grundlage ihres eigenen Lebens. In seinem Tod nimmt er nicht nur unsere Schuld, sondern die ganze alte Art des Menschseins mit ans Ende. Der Apostel Paulus fasst es später so: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2. Korinther 5:17).
Der Tod des Herrn schließt die Beendigung Seiner Nachfolger ein. Die Nachfolger des Menschen-Heilandes waren alle in der alten Schöpfung, und es war notwendig, dass diese alte Schöpfung zum Kreuz gebracht und beendet wurde. Nach der Beendigung durch das Kreuz gibt es ein Keimen. Für das Keimen ist die Auferstehung nötig. Daher war es notwendig, dass der Herr starb und dann auferstand. Er starb, um Seine Nachfolger in die Beendigung hineinzubringen, und Er ist auferstanden, um sie in ein neues Leben hineinzubringen. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft sechsundvierzig, S. 400)
Lukas zeichnet dieses innere Ende und den neuen Anfang unter anderem am Thema Besitz nach. Am Rand des religiösen Glanzes stehen Menschen, deren Herzen in dieser Begegnung mit Jesus gelockert werden. Zachäus, der Zöllner, begegnet dem Herrn, und spontan beginnt sich seine Beziehung zum Geld zu verändern: Betrug wird offengelegt, Verlorenes zurückgegeben, und freiwillige Großzügigkeit entsteht. Kurz darauf stellt Jesus im Tempel zwei Bilder nebeneinander: den demonstrativen Geiz der Frommen und die verborgene Hingabe einer Witwe. Über sie heißt es: „Denn alle diese haben von ihrem Überfluß eingelegt zu den Gaben; diese aber hat aus ihrem Mangel heraus den ganzen Lebensunterhalt, den sie hatte, eingelegt“ (Lk. 21:4). Hier beginnt die neue Schöpfung sichtbar zu keimen: Das Herz löst sich vom Besitztum, weil es in Christus einen größeren Halt gefunden hat. Erlösung bleibt nicht im Unsichtbaren; sie drängt in unseren Umgang mit Geld, Anerkennung und Sicherheit hinein. So wird der Weg vom Tod zur Auferstehung zu einem Weg in die Freiheit – nicht durch heroische Anstrengung, sondern durch die leise Kraft dessen, der für uns starb und lebt. Wer spürt, wie seine innere Bindung an das Materielle nachlässt, entdeckt darin ein Zeichen: Der Auferstandene schreibt bereits seine neue Geschichte in das eigene Leben hinein.
Denn alle diese haben von ihrem Überfluß eingelegt zu den Gaben; diese aber hat aus ihrem Mangel heraus den ganzen Lebensunterhalt, den sie hatte, eingelegt. (Lk. 21:4)
Die Bewegung vom alten zum neuen Menschen geschieht oft unauffällig, aber sie ist real: Gewohnte Sicherheiten verlieren ihre Selbstverständlichkeit, neue Freigebigkeit und Vertrauen wachsen. Im Licht des Kreuzes verliert Besitz seine letzte Macht, ohne dass Verantwortung verschwindet. Daraus erwächst eine stille Freude: Christen müssen nicht krampfhaft „loslassen“, sondern dürfen entdecken, dass sie gehalten werden. In dieser Erfahrung reift das Herz – und aus einem innerlich frei gewordenen Herzen kann Hingabe entspringen, die nicht aus Zwang kommt, sondern aus der Dankbarkeit gegenüber dem Man-Erretter, der uns in seine neue Schöpfung hineinzieht.
Herr Jesus Christus, du Gott-Mensch und wahres Passahlamm, vor dem alle Fragen, Anklagen und Prüfungen verstummen, wir beten dich an dafür, dass du dich freiwillig in den Tod gegeben hast, um uns aus der alten Schöpfung herauszuretten. Lass uns neu staunen darüber, dass du als Sohn Davids und Herr Davids mitten in menschlicher Schwachheit den höchsten Maßstab an Reinheit und Liebe gelebt und unsere Schuld auf dich genommen hast. Stärke in uns das Vertrauen, dass dein Tod alles Alte beendet hat und deine Auferstehung in uns ein neues Leben keimen lässt, das frei wird von Angst, Bindungen und der Macht des Besitzes. Fülle unser Herz mit derselben Lauterkeit wie bei der armen Witwe und derselben Freude wie bei Zachäus, damit unser Leben ein stilles Zeugnis deiner rettenden Gegenwart ist. Halte uns nahe an deinem Kreuz und lass uns in der Kraft deiner Auferstehung gehen, bis wir dich als unseren Herrn von Angesicht zu Angesicht sehen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 46