Der Dienst des Menschen-Erretters in Seinen menschlichen Tugenden mit Seinen göttlichen Eigenschaften von Galiläa nach Jerusalem (19)
Wer die Geschichten in Lukas 18 aufmerksam liest, spürt eine leise, aber drängende Frage: Wer darf eigentlich in Gottes Königreich hineinkommen – und wie geschieht das konkret im wirklichen Leben? Jesus antwortet nicht mit Theorie, sondern mit einer scharfen Gegenüberstellung von religiösem Stolz und zerbrochener Buße, von klarem Kinderherz und verstricktem Reichtum. In diesen Begegnungen wird sichtbar, wie der Mensch-Erretter in seinen menschlichen Tugenden und göttlichen Eigenschaften an unseren tiefsten Haltungen rührt und uns den Weg in das wahre Leben öffnet.
Demütige Buße vor Gott: Der Sünder und das Gnadenlager
Im Tempel stehen zwei Menschen, und doch sind vor Gott Welten zwischen ihnen. Der Pharisäer zählt auf, was er geleistet hat, und vergleicht sich mit anderen; der Zöllner bringt nichts als einen zerbrochenen Ruf hervor. Von ihm heißt es: „Und der Zöllner stand von fern und wollte sogar die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: O Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig!“ (Lukas 18:13). Er hat aufgehört, sich zu erklären, zu verteidigen oder zu schmücken. Er stellt sich unter das Licht der Heiligkeit Gottes und bekennt, dass er keinen Boden in sich selbst hat. So wird die Distanz, die er äußerlich wahrt – „stand von fern“ – zum Ausdruck eines inneren Schauens: Gott ist heilig, ich bin Sünder. Diese einfache, schlichte Selbstkenntnis ist geistlich tiefer als alle religiöse Selbstzufriedenheit des Pharisäers.
356 Als ich jung war, war ich stolz und arrogant und niemals bereit zuzugeben, dass ich Unrecht hatte. Aber eines Tages ergriff mich der Geist, und ich wurde überführt, gedemütigt und unterworfen. Es schien mir, dass niemand so sündig war wie ich. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft einundvierzig, S. 356)
Doch der Ruf des Zöllners bleibt nicht im Unbestimmten stehen. Wörtlich sagt er: „Gott, sei mir, dem Sünder, versöhnt“, und greift damit auf ein Wortfeld zurück, das im Alten Bund an den Gnadenort im Allerheiligsten erinnert. Dort stand die Bundeslade mit dem goldenen Deckel; in 2. Mose wird beschrieben, wie Gott sagte: „Und dort werde ich mich dir zu erkennen geben und von der Deckplatte herab, zwischen den beiden Cherubim hervor … alles zu dir reden“ (2. Mose 25:22). Auf dieser Deckplatte sprengte der Hohepriester das Blut, und über diesem blutbesprengten Ort begegneten sich die Gerechtigkeit Gottes und seine Barmherzigkeit. Wenn der Zöllner um Versöhnung ruft, stellt er sich im Glauben an diesen Gnadenort – nur dass dieser Ort jetzt nicht mehr ein goldener Deckel, sondern eine Person ist: Jesus Christus, der wahre Gnadenstuhl. Daher heißt es über ihn: „Darum musste Er in allen Dingen Seinen Brüdern gleich gemacht werden, damit Er zu einem barmherzigen und treuen Hohen Priester würde in Bezug auf die Dinge, die Gott betreffen, um für die Sünden des Volkes Sühnung zu schaffen“ (Hebräer 2:17).
Der Mensch-Erretter steht also im Gleichnis verborgen im Hintergrund: Er ist der, auf den der Zöllner sich unbewusst stützt, der wahre Sühnort, an dem das Blut spricht und der Sünder gerecht ausgeht. Lukas 18:14 fasst das Urteil Gottes zusammen: „Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus im Gegensatz zu jenem.“ Gott erklärt gerecht, wer nichts mehr vorzuweisen hat als Christi Sühnung. Demut vor Gott ist darum nicht ein frommes Gefühl, sondern eine geistliche Stellung: das Aufgeben jedes eigenen Anspruchs, jeder eigenen Gerechtigkeit, jeder versteckten Hoffnung, doch noch etwas selbst beitragen zu können.
So wird verständlich, warum echte Demut vor Gott die unverzichtbare Voraussetzung für den Eingang in das Königreich ist. Das Königreich Gottes ist die Sphäre seiner Herrschaft; dort bleibt kein Raum für menschliche Selbstherrlichkeit. Wer sich selbst erhöht, wie der Pharisäer, bleibt vor der Tür; wer sich selbst erniedrigt, wie der Zöllner, wird hinein erhoben. Demut ist hier nicht moralische Zierde, sondern der Weg, auf dem wir aus uns selbst heraus- und in Christus hineintreten. In dieser Bewegung nach unten, in der wir uns selbst als „niemand“ sehen, öffnet sich uns der Reichtum dessen, der alles ist. Wer so vor Gott steht, muss nicht länger an sich arbeiten, um voranzukommen; er darf mit leeren Händen auf den Gnadenstuhl blicken und staunen, wie weit Gottes Errettung geht. Aus solcher Demut wächst eine stille Gewissheit: Wenn ich vor Gott nichts bin, kann Christus in mir alles sein – und genau dort beginnt die Wirklichkeit des Königreichs in einem Menschenherzen.
Und der Zöllner stand von fern und wollte sogar die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: O Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig! (Lk. 18:13)
Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus im Gegensatz zu jenem; denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer aber sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. (Lk. 18:14)
Demütige Buße heißt, vor Gott jeden Anspruch auf eigene Gerechtigkeit fallen zu lassen und sich ganz auf Christus als unseren Gnadenort zu stützen; wer so arm an sich selbst wird, erfährt reich die Rechtfertigung und den inneren Eintritt in das Königreich Gottes.
Wie ein Kind empfangen: Ein unbesetztes Herz für das Königreich
Nachdem Jesus den Kontrast zwischen Pharisäer und Zöllner gezeigt hat, wendet sich die Szene überraschend den Kleinsten zu: „Sie brachten aber auch die (kleinen) Kinder zu ihm, daß er sie anrühre. Als aber die Jünger es sahen, fuhren sie sie an. Jesus aber rief sie herzu und sprach: Laßt die Kinder zu mir kommen und wehrt ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes“ (Lukas 18:15–16). Die Jünger meinen, die Kinder seien „zu wenig“, zu unbedeutend für die Anliegen des Messias. Jesus dagegen macht sie zu Trägern einer großen Verheißung: „solchen gehört das Reich Gottes“. Das Königreich Gottes wird hier nicht als Lohn für Leistung beschrieben, sondern als Besitz derer, die nichts vorzuweisen haben als ihre Bedürftigkeit.
355 Sünden, um die Gerechtigkeit Gottes zu besänftigen und uns zu versöhnen, indem der Anspruch der Gerechtigkeit Gottes erfüllt wird. In Römer 3:25 ist hilasterion der Ort der Sühnung. So wird in Hebräer 9:5 dieses Wort für den Deckel der Lade im Allerheiligsten verwendet, und in 2. Mose 25:16–22 und 3. Mose 16:12–16 gebraucht auch die Septuaginta dieses Wort für die Deckplatte der Lade. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft einundvierzig, S. 355)
Kinder stehen am Anfang ihres Weges. Sie haben noch keine begründeten Ansprüche, keine religiösen Biographien, keine ausgearbeiteten Systeme über Gott. Sie leben von der Beziehung her: Sie vertrauen einer Person und öffnen sich ohne Berechnung. Darauf antwortet Jesus mit dem ernsten Wort: „Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht aufnehmen wird wie ein Kind, wird nicht hineinkommen“ (Lukas 18:17). Es geht also nicht nur darum, dass Kinder zum Reich gehören, sondern dass das Muster ihres Empfangens für alle gilt. Das Königreich Gottes drängt sich niemandem auf; es will aufgenommen werden. Und aufnehmen kann es nur ein Herz, das nicht bereits besetzt ist von eigenen Sicherheiten und fertigen Vorstellungen.
Ein kindliches Herz ist kein naives Herz, sondern ein unbesetztes. Es ist zuhörfähig, korrigierbar, bereit, Neues von Gott zu lernen. Ein solches Herz lässt zu, dass Gottes Wort unsere eingeübten Sichtweisen durchkreuzt und neu ordnet. Wenn Jesus vom Reich Gottes spricht, spricht er von einer Herrschaft, die unser Denken, Wollen und Fühlen durchdringen möchte. Wer darauf mit den Kategorien eigener Stärke und eigener Erfahrung reagiert, schließt sich unmerklich ab. Wer aber innerlich „klein“ wird, lässt sich definieren, statt selbst zu definieren. So wie der Zöllner im Vergleich mit dem Pharisäer nichts einbringen konnte als seine Schuld, so bringt das Kind im Vergleich mit dem Erwachsenen nichts ein als seine Offenheit – und gerade diese Offenheit macht es fähig, das Königreich zu empfangen.
Zwischen dem kindlichen Empfangen und dem Gnadenort der Sühnung besteht eine tiefe Verbindung. In der Stiftshütte war die Bundeslade mit ihrer Deckplatte der Ort, an dem Gott sich offenbarte und sprach (2. Mose 25:16–22). Dieser Ort war nicht ein Schauobjekt, sondern der Mittelpunkt einer Beziehung: Dort begegnete Gott einem Volk, das von sich aus nichts bringen konnte als Opfer, Blut und Schuld. Wenn der Hebräerbrief daran erinnert, dass „oben über ihr aber die Cherubim der Herrlichkeit, die den Versöhnungsdeckel überschatteten“ waren (Hebräer 9:5), dann wird deutlich: Gottes Gegenwart wohnt über dem Gnadenort, nicht über menschlicher Leistung. Um diese Gegenwart zu empfangen, braucht es Herzen, die glauben, nicht Herzen, die prahlen. Kindlicher Glaube und demütige Buße treffen sich an demselben Punkt: im Anerkennen, dass alles von Gott kommt und nichts aus uns selbst.
SIE brachten aber auch die (kleinen) Kinder zu ihm, daß er sie anrühre. Als aber die Jünger es sahen, fuhren sie sie an. (Lk. 18:15)
Jesus aber rief sie herzu und sprach: Laßt die Kinder zu mir kommen und wehrt ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes. (Lk. 18:16)
Wie ein Kind zu empfangen heißt, mit einem unbesetzten, lernbereiten Herzen vor Gott zu stehen, das seine eigenen Sicherheiten und Vorstellungen loslässt und sich vertrauend der Herrschaft des Mensch-Erretters öffnet, sodass das Königreich Gottes in unserem Inneren Raum gewinnt.
Alles loslassen und Christus gewinnen: Reichtum, Reich Gottes und wahres Erbe
Auf die Szene mit den Kindern folgt die Begegnung Jesu mit einem Mann, der alles andere als kindlich erscheint: „Und es fragte ihn ein Oberster und sprach: Guter Lehrer, was muß ich getan haben, um ewiges Leben zu erben?“ (Lukas 18:18). Dieser Oberste ist moralisch achtbar, religiös geprägt, gesellschaftlich anerkannt. Als Jesus ihn an die Gebote erinnert – „Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen …“ (Lukas 18:20) –, antwortet er: „Dies alles habe ich befolgt von meiner Jugend an“ (Lukas 18:21). Auf der Ebene äußerlicher Gerechtigkeit scheint nichts zu fehlen. Und doch weiß der Mann, dass etwas fehlt, sonst würde er nicht nach dem Erben des ewigen Lebens fragen. Er spürt: zwischen dem, was er lebt, und der kommenden Herrlichkeit des Königreichs liegt eine Kluft.
358 Ihn über alle Dinge stellen – das ist die höchste Voraussetzung, um in das Königreich Gottes einzugehen. In 18:22 sagte der Herr Jesus zu dem Obersten. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft einundvierzig, S. 358)
Jesus legt diese Kluft offen, indem er den Punkt berührt, an dem das Herz des Mannes gebunden ist: „Als aber Jesus dies hörte, sprach er zu ihm: Eins fehlt dir noch: verkaufe alles, was du hast, und verteile es an die Armen, und du wirst einen Schatz in den Himmeln haben, und komm, folge mir nach!“ (Lukas 18:22). Das Problem sind nicht die Güter an sich, sondern die innere Bindung an sie. Der Mensch-Erretter stellt sich selbst in die Mitte: „folge mir nach“. Das ewige Leben, nach dem der Oberste fragt, ist keine abstrakte Größe, sondern die Teilhabe an Christus und seinem Reich. Dieses Erbe lässt sich jedoch nicht hinzufügen zu einem Leben, dessen Mitte bereits vom Besitz besetzt ist.
Als der Mann betrübt weggeht, kommentiert Jesus: „Wie schwer werden die, welche Güter haben, in das Reich Gottes kommen! Denn es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr eingeht, als daß ein Reicher in das Reich Gottes kommt“ (Lukas 18:24–25). Das Bild ist drastisch, und die Zuhörer sind erschrocken: „Und wer kann (dann) errettet werden?“ (Lukas 18:26). Jesus antwortet: „Was bei Menschen unmöglich ist, ist möglich bei Gott“ (Lukas 18:27). Das Loslassen materieller Sicherheiten ist mit der Kraft des natürlichen Lebens tatsächlich unmöglich. Unser natürliches Leben klammert sich an Sichtbares, Greifbares, Kontrollierbares. Es braucht das unerschaffene Leben Gottes, das in Christus zu uns gekommen ist, um das Materielle an seinen Platz zu stellen und den Mensch-Erretter über alles zu lieben.
Hier wird der Zusammenhang von Verlust und Erbe sichtbar. Jesus ruft nicht ins Leere: Er lädt zu einem Tausch ein – von vergänglicher Sicherheit zu unvergänglicher Herrlichkeit. Wenn er vom „Schatz in den Himmeln“ spricht (Lukas 18:22), denkt er an das Königreich des Sohnes der Liebe Gottes, das sich über das gegenwärtige Zeitalter, das kommende Zeitalter und die Ewigkeit erstreckt. Wer hier lernt, um des Königreichs willen zu verzichten, sammelt dort, wo keiner der Verluste mehr zählt, aber jeder Schritt des Vertrauens in ewigen Lohn eingeht. Der Apostel Paulus kann darum sagen: „Alles vermag ich in Ihm, der mich stark macht“ (Philipper 4:13). Diese Stärke zeigt sich nicht zuerst im Tun großer Werke, sondern im Loslassen dessen, was uns von Christus trennt.
Und es fragte ihn ein Oberster und sprach: Guter Lehrer, was muß ich getan haben, um ewiges Leben zu erben? (Lk. 18:18)
Er aber sprach: Dies alles habe ich befolgt von meiner Jugend an. (Lk. 18:21)
Alles loszulassen, was unser Herz mehr bindet als Christus, ist kein Verlustgeschäft, sondern der Weg, auf dem Gott uns schon jetzt innerlich freisetzt und in der kommenden Herrlichkeit des Königreichs reich belohnen wird, weil unser wahres Erbe die Person des Mensch-Erretters selbst ist.
Herr Jesus Christus, Mensch-Erretter, vor Dir verstummen unser Stolz und unsere Ausreden. Du hast Dich selbst als wahres Sühnopfer und als Gnadenort gegeben, damit Sünder wie wir gerechtfertigt und in das Königreich Deines Vaters hineingetragen werden. Lehre uns, wie der Zöllner mit zerbrochenem Herzen zu Dir zu kommen, wie Kinder Deine Worte ohne Vorbehalt zu empfangen und die Dinge dieser Welt nicht höher zu achten als Deine Person. Wo unser Herz noch an Reichtum, Ansehen oder Sicherheiten hängt, berühre uns durch Deinen Geist und löse uns, damit wir freier, fröhlicher und hingebungsvoller mit Dir gehen können. Stärke in uns die Hoffnung auf das kommende Zeitalter, in dem Deine Herrschaft offenbar wird und die Überwinder in der Fülle des ewigen Lebens ruhen. Lass uns schon heute in Deinem Frieden leben und aus der Kraft Deines Lebens handeln, bis wir Dich von Angesicht zu Angesicht sehen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 41