Das Wort des Lebens
lebensstudium

Der Dienst des Menschen-Erretters in Seinen menschlichen Tugenden mit Seinen göttlichen Eigenschaften von Galiläa nach Jerusalem (18)

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Es gehört zu den schmerzlichsten Erfahrungen von Christen, wenn sie treu dem Herrn folgen, aber Unrecht, Druck und Missverständnisse einfach kein Ende zu nehmen scheinen. Man betet, man hofft, man wartet – und doch scheinen die Feinde des Evangeliums zu triumphieren, während Gott zu schweigen scheint. Lukas zeichnet auf dem Weg Jesu nach Jerusalem genau diese Spannung nach: Christus spricht vom Königreich Gottes, von der wahren Freiheit des Jubeljahres, und gleichzeitig bereitet Er Seine Jünger auf eine Zeit vor, in der sie wie eine einsame Witwe in einer ungerechten Welt dastehen. In dieses Ringen hinein erzählt Er das Gleichnis vom ungerechten Richter und von der Witwe, um zu zeigen, wie Gottes verborgenes Handeln, beharrliches Gebet und das Kommen des Menschensohnes zusammengehören.

Das Jubeljahr: Christus als unsere wahre Freiheit und unser Erbteil

Wenn Jesus in Lukas 18 die Jünger dazu ermutigt, allezeit zu beten und nicht den Mut zu verlieren, steht dieses Wort im Strom einer viel größeren Geschichte. In 1. Mose beginnt Gott, ein Volk zu rufen, dem Er sich selbst als Erbteil geben will; die ganze Geschichte Israels läuft auf das Jubeljahr zu, jenes fünfzigste Jahr, in dem Schulden erlassen, Sklaven freigelassen und verlorene Felder wieder heimgegeben wurden. Das Jubeljahr war wie ein Atemzug Gottes in eine erstarrte Gesellschaft hinein – ein Hinweis darauf, dass für Gott kein Verlust endgültig ist. Im Neuen Testament wird dieses Bild erfüllt: Christus selbst ist das Jubeljahr, die Gegenwart Gottes in menschlicher Gestalt, in der sich Freiheit und Erbteil verdichten. Wenn Er in der Synagoge von Nazareth die Worte Jesajas liest: „… zu predigen das angenehme Jahr des Herrn“ (Lukas 4:19), kündigt Er an, dass das Jubeljahr jetzt nicht mehr ein Kalenderjahr, sondern eine Person ist.

Als der Erretter von Galiläa nach Jerusalem unterwegs war, war Er dabei, Seine Nachfolger darin zu trainieren, die Ökonomie Gottes in Bezug auf das Jubeljahr zu erkennen. Das Jubeljahr ist in Wirklichkeit Christus als die Verkörperung Gottes zu unserem Genuss. Solche Worte findet man im Lukasevangelium nicht. Dennoch ist dieser zugrunde liegende Gedanke vorhanden: Das Jubeljahr, das das Königreich Gottes ist, ist Christus als die Verkörperung Gottes zu unserem Genuss. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft vierzig, S. 345)

In diesem Licht erhält das beharrliche Gebet in Lukas 18 Tiefe. Wer Christus als sein Jubeljahr erkannt hat, weiß: Die eigentliche Gefangenschaft ist nicht zuerst sozial oder politisch, sondern eine Bindung an Sünde, Satan, Welt, das Selbst und die alte Schöpfung. Durch Sein Kreuz hat Christus jede dieser Fesseln objektiv zerbrochen, durch Seine Auferstehung hat Er uns den Dreieinen Gott als allumfassenden Geist zum Erbteil gegeben. Beharrliches Gebet ist darum nicht ein verzweifelter Versuch, an einem fernen Gott vorbeizureden, sondern das stetige Sich-Ausstrecken nach dem, was schon gegeben ist: „Erzählte ihnen ein Gleichnis im Hinblick darauf, dass sie allezeit beten und nicht den Mut verlieren sollten“ (Lukas 18:1). Inmitten einer Welt, die uns betäuben und in fremde Abhängigkeiten ziehen will, wird Gebet zur Bewegung zurück in unser wahres Stück Land – in Christus als unser Erbteil. Indem wir im Gebet bei Ihm verweilen, kommt eine stille Freude auf, die nicht an gelöste Umstände gebunden ist, sondern an den, der unser Jubeljahr geworden ist.

Wenn der Herr uns so beten lehrt, bindet Er unser inneres Leben an eine Freiheit, die auch dann Bestand hat, wenn vieles äußerlich unverändert bleibt. Wir erfahren, dass das größte Wunder nicht die Veränderung der Lage, sondern die Bewahrung der Gemeinschaft ist. Wer im Gebet an Christus als seinem Jubeljahr festhält, wird nach und nach innerlich losgelöst von dem, was ihn bisher definiert hat – Erfolg, Scheitern, Schuld, Erwartungen anderer Menschen. Je mehr wir im Gebet in Ihm ruhen, desto deutlicher wird: Unser wahres Erbteil ist kein besser eingerichtetes Leben, sondern Gott selbst, der sich uns in Christus gibt.

So wird das beharrliche Gebet zu einem stillen, aber kraftvollen Widerspruch gegen die Logik dieses Zeitalters. Während eine betäubte Generation sich an das Sichtbare klammert, lernt der Beter, sein Gewicht auf den unsichtbaren, treuen Gott zu legen. In dieser Haltung wächst eine Freiheit, die niemand nehmen kann: die Freiheit, geliebt zu sein und zu lieben, unabhängig davon, ob die äußere „Gefangenschaft“ schon sichtbar beendet ist. Wer im Glauben an dieses Jubeljahr festhält, wird entdecken, dass Gott ihn gerade durch das beharrliche Rufen Schritt für Schritt in eine tiefere Freude hineinführt – jene Freude, in der man sagen kann: Selbst mitten in der Verzögerung ist mein Leben doch aufgehoben in einer großen, guten Hand.

Und Er erzählte ihnen ein Gleichnis im Hinblick darauf, dass sie allezeit beten und nicht den Mut verlieren sollten, (Lk. 18:1)

Beharrliches Gebet ist in diesem Zusammenhang kein frommer Zusatz, sondern der Weg, die Wirklichkeit des Jubeljahres im Alltag lebendig zu halten. Indem wir immer wieder vor Christus als unserem Erbteil verweilen, lernen wir, unsere innere Freiheit nicht an das Tempo äußerer Veränderungen zu knüpfen. So reift ein stiller Mut, der uns trägt, wenn vieles dunkel bleibt, und eine sanfte, aber tiefe Freude, die aus der Gewissheit kommt: Der, der uns das Jubeljahr gebracht hat, wird unser Erbteil nicht wieder aus der Hand geben.

Die Witwe und der Gegner: Leben im Glauben in einer betäubten Generation

Das Bild der Witwe, das Jesus in Lukas 18 zeichnet, ist zart und zugleich scharf. Eine Witwe steht ohne Schutz da, ohne Stimme, ohne Machtmittel in einer von Männern dominierten Rechtsordnung. So beschreibt der Herr die Lage der Gläubigen in der gegenwärtigen Zeit: Ihr himmlischer Bräutigam ist unsichtbar, der Glaube lebt gewissermaßen in der Abwesenheit des Geliebten. Paulus greift dieses Bild auf, wenn er sagt: „Ich habe euch einem Mann verlobt, um euch Christus als eine reine Jungfrau darzustellen“ (2. Korinther 11:2). Zwischen Verlobung und Hochzeit liegt eine Zeit der Bewährung. Die Gemeinde lebt in dieser Zwischenzeit – verlobt, aber noch nicht heimgeholt, geliebt, aber noch nicht bei dem, der sie liebt.

Die Witwe in Vers 3 bezeichnet die Gläubigen. In gewissem Sinn sind die Gläubigen in Christus in diesem Zeitalter eine Witwe, weil ihr Ehemann Christus (2. Kor. 11:2) von ihnen abwesend ist. In Vers 3 bat die Witwe den Richter, sie an ihrem Widersacher zu rächen. Das griechische Wort, das mit „rächen“ wiedergegeben ist, kann auch mit „Recht verschaffen“ übersetzt werden. In diesem Gleichnis zeigt der Herr, dass die Gläubigen in Christus einen Widersacher haben. Dieser Widersacher ist Satan, der Teufel, in Bezug auf den wir Gottes Rache brauchen. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft vierzig, S. 347)

Hinzu kommt, dass diese Witwe einem Gegner ausgeliefert ist. Jesus fasst die feindliche Wirklichkeit nüchtern zusammen: Es gibt einen Widersacher, der sich gegen Gottes Plan und gegen Gottes Volk stellt. Wer Christus als sein Jubeljahr ergreift, wer sich nicht in den Strom einer betäubten Generation einspannen lässt, erfährt diese Feindschaft. Der Gegner ist nicht zuerst ein bestimmter Mensch oder ein System, sondern Satan selbst, der versucht, die Gläubigen zu entmutigen, zu verwirren, zu isolieren. Darum ruft die Witwe nicht allgemein um Hilfe, sondern sehr konkret: „Räche mich an meinem Widersacher“ (Lukas 18:3).

In der Umgebung dieser Witwe beschreibt der Herr eine Gesellschaft, die sich in einem rastlosen Alltag eingerichtet hat: Essen und Trinken, Heiraten, Kaufen und Verkaufen, Pflanzen und Bauen – alles an sich normale Dinge, die jedoch zu einem Nebel werden können, der das Empfinden für Gott erstickt. Die Witwe steht mitten in dieser Welt; sie wohnt in derselben Stadt wie der Richter, sie teilt die gleichen Straßen und Märkte – und doch lebt sie innerlich anders, weil sie ihre Lage im Licht ihres unsichtbaren Bräutigams erkennt. Während ihre Umwelt sich durch Aktivität betäubt, bewahrt ihr ständiges Kommen zum Richter ihr Herz davor, sich der Müdigkeit und Gleichgültigkeit zu ergeben.

So wird die Witwe zum Spiegel für die Gemeinde in jeder Generation. Ihr Leben ist kein heroisches Spektakel, sondern eine unspektakuläre, aber unbeirrbare Bewegung: immer wieder aufstehen, immer wieder kommen, immer wieder sprechen. In dieser Einfachheit liegt eine große Würde. Die Gemeinde, die so lebt, bleibt innerlich wach, auch wenn sie schwach erscheint. Sie verliert ihre Identität als Braut nicht, obwohl der Bräutigam scheinbar fern ist, und sie bleibt nicht in der Opferrolle gefangen, obwohl sie unter Druck steht. Gerade indem sie beharrlich den gerechten Richter sucht, wächst in ihr ein leiser, aber tiefer Trost: Sie ist nicht vergessen, und ihre Geschichte ist nicht dem Gegner ausgeliefert.

Und in jener Stadt war eine Witwe, und sie kam immer wieder zu ihm und sagte: Räche mich an meinem Widersacher. (Lk. 18:3)

Denn ich bin eifersüchtig um euch mit Gottes Eifersucht; denn ich habe euch einem Mann verlobt, um euch Christus als eine reine Jungfrau darzustellen. (2.Kor 11:2)

Das Bild der Witwe hilft, die eigene Schwachheit nicht als Gegensatz zum Glauben zu sehen, sondern als Raum, in dem Glauben konkret wird. Gerade dort, wo Schutz fehlt und der Gegner übermächtig erscheint, gewinnt das schlichte, beharrliche Kommen zu Gott sein Gewicht. Wer so lebt, bleibt in einer betäubten Generation innerlich nüchtern und wach, und erfährt inmitten von Druck und Unsicherheit eine stille Bestätigung: Der Bräutigam ist zwar noch nicht sichtbar da, aber Er hat Seine Braut nicht vergessen.

Der scheinbar ungerechte Richter und der gerechte Gott

Der ungerechte Richter in Lukas 18 irritiert. Jesus wählt bewusst eine Figur, die Gott nicht fürchtet und vor keinem Menschen Achtung hat, um etwas über den gerechten Gott zu sagen. Dieser Richter handelt nur, weil er seine Ruhe haben will, nicht aus Liebe zum Recht. Und doch benutzt der Herr gerade dieses extreme Gegenbild, um zu zeigen, wie grundverschieden der himmlische Richter ist. „Der Herr aber sprach: Hört, was der ungerechte Richter sagt“ (Lukas 18:6). Wenn schon ein solcher Mann sich schließlich bewegen lässt, wie viel mehr wird der Gott, der heilig und wahrhaftig ist, nicht kalt bleiben gegenüber dem Rufen Seiner Auserwählten.

Danach fuhr der Herr fort und sagte: „Hört, was der ungerechte Richter sagt; Gott aber, wird Er nicht vielmehr die Rache Seiner Auserwählten ausführen, die Tag und Nacht zu Ihm schreien, und ist Er doch langmütig über ihnen? Ich sage euch, dass Er ihre Rache schnell ausführen wird. Doch wenn der Menschensohn kommt, wird Er wohl den Glauben finden auf der Erde?“ (V. 6-8). Das Wort des Herrn in Vers 8 zeigt, dass Gottes Rache an unserem Feind beim Wiederkommen des Heilandes sein wird. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft vierzig, S. 347)

Gerade hier aber benennt der Herr eine Spannung, die viele Herzen kennt: „Und wird Gott etwa nicht auf jeden Fall Rache nehmen für Seine Auserwählten, die Tag und Nacht zu Ihm schreien, obwohl Er ihnen gegenüber langmütig ist?“ (Lukas 18:7). Gott ist langmütig – das heißt: Er eilt nicht, Er ordnet die Dinge nach einem größeren Plan, als wir überblicken. Diese Verzögerung ist kein Ausdruck von Gleichgültigkeit, sondern von Souveränität. In der Offenbarung sehen wir dieselbe Spannung, wenn unter dem Altar die Seelen der Märtyrer rufen: „Wie lange noch, o Gebieter, der Du heilig und wahrhaftig bist, willst Du nicht richten und unser Blut rächen an denen, die auf der Erde wohnen?“ (Offb. 6:10). Das Rufen ist real, die Verzögerung ebenso.

Das Gleichnis will diese Spannung nicht wegdiskutieren, sondern in den Glauben hineinnehmen. Jesus sagt: „Ich sage euch, dass Er schnell Rache für sie nehmen wird.“ Das „schnell“ bezieht sich nicht auf unser Gefühl von Zeit, sondern auf den Moment, wenn Gottes Stunde gekommen ist. Dann wird das Gericht nicht zögerlich sein, sondern entschlossen und durchdringend. Bis dahin aber ist beharrliches Gebet Ausdruck eines Glaubens, der sich an Gottes Charakter festhält, nicht an sichtbaren Ergebnissen. Darum fügt der Herr die nüchterne Frage hinzu: „Dennoch, wenn der Sohn des Menschen kommt, wird Er Glauben finden auf der Erde?“ (Lukas 18:8).

In dieser Frage klingt etwas zutiefst Persönliches mit. Es geht nicht nur darum, ob es zu Seiner Wiederkunft noch Kirchengebäude, christliche Begriffe oder religiöse Aktivitäten geben wird, sondern ob Er Menschen findet, die in der Verzögerung an Seiner Gerechtigkeit festgehalten haben. Beharrliches Gebet wird so zu einem Ort, an dem der Glaube geprüft und geläutert wird. Wer weiter ruft, obwohl scheinbar nichts geschieht, vertraut nicht auf seine Gebetstechnik, sondern auf den, der hört. In solchen Zeiten wächst eine stille Vertrautheit mit Gott, die tiefer ist als jede sichtbare Erhörung.

Der Herr aber sprach: Hört, was der ungerechte Richter sagt. (Lk. 18:6)

Und wird Gott etwa nicht auf jeden Fall Rache nehmen für Seine Auserwählten, die Tag und Nacht zu Ihm schreien, obwohl Er ihnen gegenüber langmütig ist? (Lk. 18:7)

In Zeiten, in denen Gott zu zögern scheint, lädt dieses Gleichnis dazu ein, den Blick von den ausstehenden Antworten auf den Charakter des Antwortenden zu richten. Beharrliches Gebet wird dann weniger zu einem Kampf um bestimmte Ergebnisse und mehr zu einem Weg, in der Bekanntschaft mit dem gerechten Richter zu wachsen. Daraus erwächst eine stille Standhaftigkeit, die den Glauben auch durch lange Phasen des Wartens hindurch trägt und inmitten der Verzögerung eine leise, aber echte Vorfreude auf den Tag nährt, an dem Er sichtbar Recht schaffen wird.


Herr Jesus Christus, gerechter Richter und herrlicher Bräutigam, danke, dass Du unser Jubeljahr bist und uns aus jeder Knechtschaft in die Freiheit und den Genuss des dreieinen Gottes geführt hast. Wo Deine Gerechtigkeit in dieser Welt noch verhüllt ist und Unrecht scheinbar ungestraft bleibt, berühre unser Herz neu mit dem Glauben der Witwe, der nicht aufgibt, sondern sich an Deinen Charakter klammert. Stärke alle, die um Deines Namens willen bedrängt, missverstanden oder verfolgt werden, und lass sie gerade im Feuer der Anfechtung Deine Gegenwart tiefer genießen als je zuvor. Möge dein Geist in uns die innere Betäubung dieser Generation zerbrechen, damit wir nüchtern, wach und sehnsuchtsvoll auf Dein Kommen hin leben. Richte unsere Augen weg von der Macht des Gegners hin zu Dir, dem souveränen Herrn, der die Zeiten in Händen hält und der Seinen schnell Recht schaffen wird. Lass in uns eine stille, standhafte Gewissheit wachsen, dass keine Träne und kein Leiden vor Dir verloren ist, sondern alles in Deine ewige Gerechtigkeit und Herrlichkeit eingeht. So bewahre uns im Gebet, im Vertrauen und in der Freude an Dir, bis Du offenbar machst, was Du schon lange in Treue vorbereitet hast. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 40