Der Dienst des Menschen-Erretters in Seinen menschlichen Tugenden mit Seinen göttlichen Eigenschaften von Galiläa nach Jerusalem (15)
Man kann äußerlich religiös tadellos wirken und innerlich doch weit vom Herzen Gottes entfernt sein. In der Begegnung Jesu mit den geldliebenden Pharisäern prallen menschliche Selbstrechtfertigung und Gottes Sicht des Herzens aufeinander. Anhand einer eindrücklichen Geschichte öffnet der Herr den Vorhang zur unsichtbaren Welt nach dem Tod – nicht um Neugier zu bedienen, sondern um zu zeigen, wie entscheidend unser Verhältnis zu Geld, Lust und vor allem zu Gottes Wort ist.
Gott sieht das Herz – zwischen Selbstrechtfertigung und wahrem Eingang in das Königreich Gottes
Die Szene in Lukas 16 ist unscheinbar und zugleich entlarvend: Der Herr spricht über Treue im Umgang mit fremdem Gut, über den Mammon und die Unmöglichkeit, zwei Herren zu dienen. Dann öffnet sich der Blick auf eine zweite Zuhörerschaft. „Dies alles hörten aber auch die Pharisäer, die geldliebend waren, und sie verhöhnten ihn“ (Lk. 16:14). Ihr Spott verrät mehr als ihre Worte: Sie fühlen sich nicht getroffen, sondern überlegen. In ihren eigenen Augen stehen sie über der Mahnung Jesu – moralisch, religiös, gesellschaftlich. Der Menschen-Erretter aber geht nicht auf die Oberfläche ihres Auftretens ein, sondern legt den inneren Kern offen: „Ihr seid es, die sich selbst rechtfertigen vor den Menschen, Gott aber kennt eure Herzen; denn was unter den Menschen hoch ist, ist ein Greuel vor Gott“ (Lk. 16:15). Vor Menschen gelten sie als Erfolgsgeschichten, vor Gott sind sie Beispiel für eine Religion, die das eigene Ich krönt und Ihn entthront.
In Vers 15 fuhr der Herr fort, zu den Pharisäern zu sagen: „Ihr seid die, welche sich selbst vor den Menschen rechtfertigen, aber Gott kennt eure Herzen; denn was unter Menschen hoch ist, ist ein Gräuel vor Gott.“ Die Selbstrechtfertigung der Pharisäer war eine Erhöhung des Selbst im Stolz. Daher war sie ein Gräuel vor Gott. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft siebenunddreißig, S. 317)
An diesem Punkt verschiebt der Herr die Perspektive. Er spricht vom Gesetz und von der veränderten Haushaltung, ohne den Ernst Gottes zu mindern: „Das Gesetz und die Propheten (gehen) bis auf Johannes; von da an wird das Evangelium des Reiches Gottes verkündigt, und jeder dringt mit Gewalt hinein“ (Lk. 16:16). Nicht die Heiligkeit Gottes hat sich geändert, sondern die Weise, wie diese Heiligkeit in Christus als Gnade auf uns zukommt. Der Ruf des Königreichs trifft nun nicht zuerst unsere Leistungen, sondern unser Innerstes. Selbstrechtfertigung ist deshalb so zerstörerisch, weil sie das Licht Gottes abwehrt und sich mit menschlicher Anerkennung zufriedengibt. Was vor Menschen hoch ist – Frömmigkeit mit Glanz, Position mit Ansehen, Frömmigkeit ohne Zerbruch – kann in Gottes Augen ein Greuel sein, wenn es das Herz vom Vertrauen auf den Menschen-Erretter wegführt. Das Hineindrängen in das Königreich ist kein Aktivismus, sondern die entschiedene innere Bewegung, in der ein Mensch seine Bindung an Geld, Ruhm und Lust preisgibt und Gottes Herrschaft über sein Leben nicht nur bejaht, sondern willkommen heißt.
Der Herr zeigt diese Spannung gerade in seinen menschlichen Tugenden: Er geht mit den Pharisäern nicht zynisch um, sondern redet klar, durchdringend, zugleich einladend. In Seiner Menschlichkeit begegnet Er ihnen auf Augenhöhe, in Seiner göttlichen Erkenntnis sieht Er, was sie sich selbst und anderen verbergen. Wo Menschen sich in religiöser Respektabilität einrichten, bleibt Er nicht höflich an der Oberfläche stehen, sondern stellt das eine entscheidende Angebot vor sie: aufgehobene Selbstrechtfertigung gegen erfahrene Gnade, verlorene Selbstherrlichkeit gegen Anteil am Reich. Die Frage ist nicht, ob jemand viel weiß oder viel leistet, sondern ob er es wagt, Gott das letzte Wort über sein Herz zu geben. Dort, in der verborgenen Mitte, entscheidet sich, ob Religion zur Mauer gegenüber Gott wird oder zur Tür in Sein Königreich. Wer beginnt, das eigene Innere so zu sehen, wie Gott es sieht, entdeckt in der Stimme des Menschen-Erretters keinen Angreifer, sondern den einzigen, der mit heilender Autorität in den Stolz hineinsprechen und ihn in eine neue Freiheit verwandeln kann.
Dies alles hörten aber auch die Pharisäer, die geldliebend waren, und sie verhöhnten ihn. (Lk. 16:14)
Und er sprach zu ihnen: Ihr seid es, die sich selbst rechtfertigen vor den Menschen, Gott aber kennt eure Herzen; denn was unter den Menschen hoch ist, ist ein Greuel vor Gott. (Lk. 16:15)
Wo Menschen uns bewundern, neigen wir dazu, uns selbst zu glauben; wo Gott unser Herz anspricht, steht uns ein anderer Weg offen. Die Pharisäer erinnern daran, wie leicht man mitten in religiösem Dienst das Zentrum verfehlt: Man verteidigt das eigene Bild, statt das eigene Herz zu öffnen. Der Herr scheut sich nicht, unsere verborgenen Bindungen zu Geld, Ehre oder Lust zu benennen, nicht um zu demütigen, sondern um zu befreien. Wer sich von Ihm aus der Selbstrechtfertigung herausrufen lässt, entdeckt das Königreich nicht als fernes Ideal, sondern als gegenwärtige Wirklichkeit: Gottes sanfte, aber reale Herrschaft beginnt dort, wo wir aufhören, uns selbst zu erklären, und beginnen, uns von Ihm erklären zu lassen. In dieser ehrlichen Begegnung mit Seinem Blick wächst eine neue Entschiedenheit – nicht fanatisch, aber echt –, die den Wert des Evangeliums höher achtet als das Urteil der Menschen und die Gnade der Jubelzeit höher als jede menschliche Sicherheit.
Hades, Paradies und ewige Verdammnis – der ernsthafte Ausgang zweier Lebenswege
Nach der Auseinandersetzung mit den Pharisäern wendet sich der Herr einer Erzählung zu, die die Zeitlichkeit unseres Lebens radikal relativiert. „Es war aber ein reicher Mann, und er kleidete sich in Purpur und feine Leinwand und lebte alle Tage fröhlich und in Prunk. Ein Armer aber, mit Namen Lazarus, lag an dessen Tor, voller Geschwüre“ (Lk. 16:19–20). Zwischen beiden besteht eine sichtbare Kluft: hier glänzender Überfluss, dort elende Bedürftigkeit. Doch das Evangelium verschiebt die Perspektive ein zweites Mal: „Es geschah aber, daß der Arme starb und von den Engeln in Abrahams Schoß getragen wurde. Es starb aber auch der Reiche und wurde begraben. Und als er im Hades seine Augen aufschlug und in Qualen war, sieht er Abraham von fern und Lazarus in seinem Schoß“ (Lk. 16:22–23). Die sichtbaren Unterschiede sind vorüber, die unsichtbare Wirklichkeit tritt hervor. Lazarus wird getröstet, der Reiche ist in Qual – nicht, weil Armut an sich rettet und Reichtum an sich verdammt, sondern weil hier offenbar wird, woran die Herzen dieser Menschen im Leben hingen.
Diese Geschichte ist kein Gleichnis, weil sie die Namen Abraham, Lazarus und Hades erwähnt. Es ist eine Geschichte, die vom Erretter als eine veranschaulichende Antwort an die geldliebenden und sich selbst rechtfertigenden Pharisäer gebraucht wurde (V. 14-15). Durch diese Geschichte warnt der Herr sie, indem Er enthüllt, dass ihre elende Zukunft wie die des reichen Mannes sein wird. Eine solche Zukunft wird aus ihrer Ablehnung des Evangeliums des Erretters wegen ihrer Liebe zum Geld resultieren. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft siebenunddreißig, S. 320)
Die Schrift kennt den Scheol bzw. Hades als den unsichtbaren Aufenthaltsort der Verstorbenen vor der Auferstehung. Jakob ruft aus: „Gewiss, trauernd werde ich zu meinem Sohn in den Scheol hinabfahren!“ (1.Mose 37:35). Jesus spricht vom Hades als Ort der Aufbewahrung, den Er selbst nicht sehen sollte: „denn du wirst meine Seele nicht im Hades zurücklassen“ (Apg. 2:27). In der Erzählung von Lazarus leuchtet auf, dass dieser Hades zwei Bereiche umfasst: einen Ort des Trostes, den der Herr an anderer Stelle Paradies nennt, und einen Ort der Qual. Zwischen den beiden ist „eine große Kluft festgelegt“ (Lk. 16:26). Was hier als Vermutung, als vielleicht austauschbares Schicksal erscheint, ist dort unwiderruflich: „damit die, welche von hier zu euch hinübergehen wollen, es nicht können, noch die, welche von dort zu uns herüberkommen wollen“ (Lk. 16:26). Nach dem Tod wird nicht mehr verhandelt, sondern offenbar, wie man sich zu Christus gestellt hat, als Gnade und Ruf noch zugänglich waren.
Der Menschen-Erretter erzählt diese Geschichte nicht, um Sensationslust zu bedienen oder Angst zu schüren, sondern um eine ernste Linie zu ziehen: Die Liebe zum Geld, die Verstockung des Herzens und die Ablehnung des Evangeliums führen nicht in eine neutrale Zone, sondern in eine reale, bewusste Trennung von Gottes Trost. Der Reiche spricht, bittet, erinnert sich, leidet – er ist nicht ausgelöscht, sondern in seiner Person in einem Zustand der Qual. Zugleich wird deutlich, dass Lazarus nicht wegen seiner Bedürftigkeit, sondern als einer, der unter den Gerechten gesehen wird, Trost empfängt. Vor uns stehen zwei Wege, die sich in diesem Leben vielleicht nur in der inneren Ausrichtung unterscheiden, in der unsichtbaren Welt aber zu völlig verschiedenen Ausgängen führen. Am Ende, wenn die Auferstehung kommt, wird sich diese Trennung endgültig bestätigen: die einen zur Auferstehung des Lebens, die anderen zur Auferstehung des Gerichts, das im Feuersee, in der ewigen Verdammnis, seinen Abschluss findet. Gerade darin liegt eine stille, aber tiefe Ermutigung: Kein Leiden um Christi willen, keine unscheinbare Treue, keine verborgene Hoffnung bleibt ohne Antwort; Gott vergisst weder den Namen Lazarus noch die Tränen derer, die Ihm vertrauen.
Wer diese Perspektive ernst nimmt, muss sein eigenes Leben nicht mit bedrückter Schwermut betrachten. Die Erzählung lenkt den Blick nicht auf eine katalogisierte Jenseitskunde, sondern auf die Frage, in wessen Nähe ein Mensch innerlich lebt. Lazarus liegt im Leben vor einem verschlossenen Tor, nach dem Tod liegt er im Schoß Abrahams. Der Reiche lebt im Leben in der Nähe seiner Genüsse, nach dem Tod erlebt er die Ferne von Gott als brennende Realität. Der Menschen-Erretter, der selbst im Herzen der Erde war und aus dem Hades heraus auferstand, ist es, der dieses Bild vor uns stellt. In Seiner Hand liegt sowohl die Macht über Tod und Hades als auch die zarte Fähigkeit, verängstigte Herzen zu trösten. Wer heute in Seiner Nähe leben lernt, entdeckt in der Aussicht auf Gottes Trost keinen düsteren Druck, sondern eine leise Freude: Das letzte Wort über unser Leben spricht nicht der Grabstein, sondern der, der sagt: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk. 23:43).
ES war aber ein reicher Mann, und er kleidete sich in Purpur und feine Leinwand und lebte alle Tage fröhlich und in Prunk. (Lk. 16:19)
Es geschah aber, daß der Arme starb und von den Engeln in Abrahams Schoß getragen wurde. Es starb aber auch der Reiche und wurde begraben. (Lk. 16:22)
Zwischen den bunten Bildern dieser Welt und der unsichtbaren Wirklichkeit Gottes scheint ein Schleier zu liegen. Die Geschichte vom reichen Mann und von Lazarus reißt ihn ein Stück weit zurück und zeigt: Reichtum und Mangel, Ehre und Verachtung, Gesundheit und Krankheit sind nicht das Letzte, was über ein Leben gesagt wird. Entscheidend ist, wohin das Herz gezogen wird – in die eigenmächtige Selbstverwirklichung oder in das stille Vertrauen auf den Menschen-Erretter. Wer die Ernsthaftigkeit von Hades, Paradies und ewiger Verdammnis nicht wegschiebt, sondern vor Gottes Angesicht bedenkt, gewinnt paradoxerweise Leichtigkeit: Es muss nicht alles hier und jetzt erfüllt werden; nicht jede Ungerechtigkeit wird in dieser Zeit korrigiert. Aber nichts bleibt letztlich ohne Antwort. So kann Treue im Verborgenen, Großzügigkeit, die niemand bemerkt, und Leiden, die scheinbar sinnlos sind, in ein neues Licht treten. In diesem Licht ist die Nähe Christi kostbarer als jede Sicherheit und die Hoffnung auf Sein Reich stärker als die Angst vor dem Tod.
Das hörende Herz – Gottes Wort als Weg zur Errettung aus Liebe zum Geld
Der Wendepunkt in der Erzählung vom reichen Mann liegt nicht erst in der unsichtbaren Welt, sondern in einem Gespräch, das den Kern der Verantwortung des Menschen berührt. Der Reiche, vom Ort der Qual aus sprechend, denkt plötzlich missionarisch: „denn ich habe fünf Brüder, daß er ihnen ernstlich Zeugnis gebe, damit sie nicht auch an diesen Ort der Qual kommen“ (Lk. 16:28). Seine Bitte ist verständlich: Ein außergewöhnliches Zeichen, ein Toter, der zurückkehrt, soll die Gleichgültigen aufrütteln. Doch die Antwort Abrahams weist in eine andere Richtung: „Abraham aber spricht zu ihm: Sie haben Mose und die Propheten; mögen sie die hören“ (Lk. 16:29). Nicht das Spektakuläre, sondern das schon gegebene Wort Gottes wird als entscheidender Faktor genannt. Darin liegt eine stille, aber gewichtige Wertung: Gott hat im Gesetz und in den Propheten, später im Evangelium, genug gesagt, um das Herz eines Menschen zu treffen. Der Ort, an dem sich entscheidet, ob ein Mensch gerettet wird oder verloren geht, ist nicht das Feld außergewöhnlicher Erlebnisse, sondern die schlichte Begegnung mit der Stimme Gottes in der Schrift.
Darauf antwortete Abraham: „Sie haben Mose und die Propheten; sie sollen die hören“ (V. 29). „Mose und die Propheten“ beziehen sich auf das Gesetz des Mose und die Bücher der Propheten, die das Wort Gottes sind (Mt 4:4). Ob man das Wort Gottes hört oder nicht, bestimmt seine Errettung oder sein Verderben. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft siebenunddreißig, S. 322)
Der reiche Mann widerspricht: „Nein, Vater Abraham, sondern wenn jemand von den Toten zu ihnen geht, so werden sie Buße tun“ (Lk. 16:30). Die Erwiderung ist ernüchternd und zugleich prophetisch in Bezug auf Christus selbst: „Wenn sie Mose und die Propheten nicht hören, so werden sie auch nicht überzeugt werden, wenn jemand aus den Toten aufersteht“ (Lk. 16:31). Genau dies geschah, als Jesus von den Toten auferstand und dennoch viele in ihrer Ablehnung verharrten. Das Problem ist nicht Mangel an Beweisen, sondern ein Herz, das sich der Stimme Gottes verschließt. Paulus beschreibt den anderen Weg: „in dem auch ihr, nachdem ihr das Wort der Wahrheit, das Evangelium von eurer Errettung, gehört habt, auch an Ihn geglaubt habt, mit dem Heiligen Geist der Verheißung versiegelt worden seid“ (Eph. 1:13). Hören und Glauben gehören zusammen; das Wort dringt an das Ohr, der Glaube öffnet das Herz, der Geist versiegelt. Wo das Wort verachtet wird, bleibt auch das größte Wunder äußerlich. Wo es im Innersten aufgenommen wird, entsteht eine neue Wirklichkeit, oft ohne äußeres Spektakel, aber mit bleibender Kraft.
Damit erhält auch unser Umgang mit Geld, Besitz und Lust eine neue Tiefe. Der Herr hat zuvor gesagt: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Lk. 16:13). Das ist mehr als eine moralische Weisheit; es ist eine Diagnose. Wessen Stimme hat letztlich Gewicht: die des Evangeliums oder die des Mammons? In der Geschichte vom reichen Mann sieht man, wie die Liebe zum Geld das Herz für das Wort Gottes unempfänglich macht. Vielleicht hörte er Predigten, kannte Schriftworte, wusste vom Gesetz – aber das andere Wort, das leise und hartnäckig sagte: „Sichere dich ab, genieße, nimm dir, was du kannst“, bekam den Vorrang. Der Menschen-Erretter dient uns, indem Er dieses innere Ringen nicht romantisiert. Er ruft nicht zu einem blinden Sprung ins Ungewisse, sondern zu einem nüchternen, hörenden Glauben, der Gottes Wort mehr traut als den Versprechen des Reichtums. Wo Sein Wort nicht nur analysiert, sondern als lebendige Rede wahrgenommen wird, beginnt es, Bindungen zu lösen, Prioritäten zu verschieben und das Herz zu weiten.
Für den Weg des Glaubens bedeutet das eine stille Ermutigung. Es ist nicht die Stärke unserer religiösen Eindrücke, die uns trägt, sondern die Zuverlässigkeit dessen, der spricht. Wer sich immer wieder der Schrift aussetzt, sie nicht als frommen Text, sondern als Gegenwart des redenden Gottes achtet, erlebt, dass der Glaube nicht aus sich selbst leben muss. Gottes Wort trägt, wo Gefühle schwanken, korrigiert, wo Selbsttäuschung sich breitmacht, und tröstet, wo Angst vor Gericht und Zukunft aufsteigt. So wird die Frage nach Geld, Besitz und Lust nicht zu einer moralistischen Selbstoptimierung, sondern zur Folge eines hörenden Herzens. In dem Maß, in dem Gottes Wort den inneren Raum füllt, verlieren andere Stimmen ihre Selbstverständlichkeit. Gerade darin liegt eine leise, aber nachhaltige Freude: Die Errettung hängt nicht an der eigenen religiösen Brillanz, sondern an einem Gott, der redet – und an einem Herzen, das lernt, dieser Stimme mehr zuzutrauen als allem, was glänzt und vergeht.
denn ich habe fünf Brüder, daß er ihnen ernstlich Zeugnis gebe, damit sie nicht auch an diesen Ort der Qual kommen. (Lk. 16:28)
Abraham aber spricht zu ihm: Sie haben Mose und die Propheten; mögen sie die hören. (Lk. 16:29)
Die Spannung zwischen „Mose und die Propheten“ und dem Wunsch nach spektakulären Zeichen berührt eine tiefe Sehnsucht unserer Zeit. Man wünscht sich Überwältigung, ein Erlebnis, das alle Zweifel wegbläst. Jesus aber lenkt den Blick auf etwas unscheinbareres und zugleich Verlässlicheres: Gottes Wort, das schon in unserer Mitte ist. Wer lernt, dieses Wort nicht nur zu kennen, sondern zu hören, entdeckt darin eine Kraft, die leiser, aber nachhaltiger wirkt als jedes außergewöhnliche Ereignis. So wird der Alltag – das schlichte Lesen, Hören, Nachsinnen – zu dem Ort, an dem der Menschen-Erretter selbst dient: Er deckt falsche Sicherheiten auf, löst die Faszination des Mammons, schenkt Mut zur Umkehr und tröstet, wo die Ernsthaftigkeit von Gericht und ewiger Zukunft schwer auf der Seele liegt. In dieser Beziehung zum redenden Gott wächst ein Glaube, der nicht ständig neue Beweise braucht, weil er den kennt, der verheißen hat – und der sein Wort nicht zurücknimmt.
Herr Jesus, Menschen-Erretter, du kennst mein Herz besser als ich selbst und siehst, woran ich mich festhalte. Danke, dass du nicht müde wirst, mich durch dein Wort zu rufen und mir den Weg in das Königreich Gottes zu öffnen. Richte mein Inneres aus auf dich, löse die verborgenen Bindungen an Geld, Lust und Selbstrechtfertigung und schenke mir ein demütiges, hörendes Herz. Lass mich jetzt in deinem Licht leben, damit mein Anteil nach dem Tod Trost bei dir und nicht Qual in der Ferne ist. Stärke meinen Glauben an dein Wort mehr als an jedes sichtbare Zeichen, und erfülle mich mit der Freude deiner Gnade und der Gewissheit deiner Erlösung. Dein Geist halte mich nahe bei dir, bis du wiederkommst und mich in deine Herrlichkeit aufnimmst. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 37