Das Wort des Lebens
lebensstudium

Der Dienst des Menschen-Erretters in Seinen menschlichen Tugenden mit Seinen göttlichen Eigenschaften in Galiläa (12)

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Viele Christen spüren, dass die Vergebung der Sünden nicht das Ende, sondern erst der Anfang von Gottes Werk in ihrem Leben ist. Es bleibt eine innere Sehnsucht nach echter Freiheit, nach einem Leben, das nicht ständig von alten Mustern, Bindungen und innerer Leere eingeholt wird. Lukas berichtet von einer Szene auf einem Berg in Galiläa, in der die Herrlichkeit Jesu plötzlich sichtbar wird – und im Licht dieser Begebenheit wird klar, dass Gott mehr für uns bereithält als bloße religiöse Verbesserung: Er möchte uns in eine neue Wirklichkeit hineinführen, in der Sein Sohn in uns Gestalt gewinnt.

Die Umgestaltung des Mensch-Erretters und das Reich Gottes

Auf dem Berg der Verklärung öffnet sich für einen Moment der Vorhang: Drei Jünger sehen den Mensch-Erretter nicht mehr nur in der Gewöhnlichkeit Seiner galiläischen Tage, sondern in dem Licht, das Ihn von Ewigkeit her umgibt. Lukas verbindet ausdrücklich die Verheißung, dass einige das Reich Gottes sehen würden, bevor sie sterben, mit dieser Szene: „Ich sage euch aber in Wahrheit: Es sind einige unter denen, die hier stehen, die den Tod nicht schmecken werden, bis sie das Reich Gottes gesehen haben. Es geschah aber etwa acht Tage nach diesen Worten, daß er Petrus und Johannes und Jakobus mitnahm und auf den Berg stieg, um zu beten. Und als er betete, veränderte sich das Aussehen seines Angesichts, und sein Gewand wurde weiß, strahlend“ (Lukas 9:27–29). Das Reich Gottes erscheint hier nicht als politische Ordnung, sondern als Gegenwart des verherrlichten Christus selbst. Wo Er in Seiner wahren Gestalt aufleuchtet, dort berühren Himmel und Erde einander; dort ist der Raum, in dem Gott als König regiert.

Wir haben die Tatsache betont, dass das Reich Gottes der Erretter (17:21) als der Same des Lebens ist, der in Seine Gläubigen, Gottes auserwähltes Volk, gesät wird (Mk 4:3, 26) und sich zu einem Bereich entwickelt, den Gott als Sein Reich in Seinem göttlichen Leben regieren kann. Die Verklärung des Menschen-Erretters war tatsächlich das Erscheinen dieses Reiches. Als Petrus, Johannes und Jakobus in der Atmosphäre der Verklärung des Herrn waren, waren sie im Reich Gottes. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft zweiundzwanzig, S. 189)

Der, der so strahlt, ist derselbe, von dem es in Römer 8 heißt, dass Gott Ihn „in der Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und der Sünde wegen“ gesandt hat (Röm. 8:3). Gerade als Mensch unter den Bedingungen der alten Schöpfung trägt Er in sich die ganze Herrlichkeit Gottes. Auf dem Berg wird nicht jemand anders gezeigt, sondern das wird sichtbar, was Er immer schon ist. Die Verklärung ist darum ein Vorausbild Seiner Auferstehung und Seiner endgültigen Verherrlichung, in der auch unser Leib umgestaltet werden wird in Gleichgestalt Seines verherrlichten Leibes (vgl. Phil. 3:21). Wer Ihn so sieht, erkennt, dass das Jubeljahr – die Zeit göttlicher Freisetzung und Heimkehr – kein äußerer Ausnahmezustand ist, sondern Atmosphäre dort, wo dieser Christus anerkannt wird. Die Jünger waren, solange sie in der Wolke Seiner Herrlichkeit standen, tatsächlich „im Reich“. So ermutigt uns diese Szene, den Blick auf Ihn richten zu lassen: Je mehr Sein Licht in unserem Verständnis aufgeht, desto mehr schmecken wir schon jetzt die Freiheit, die Freude und die Ruhe des göttlichen Jubeljahres, mitten in einer Welt, die davon nichts weiß.

Ich sage euch aber in Wahrheit: Es sind einige unter denen, die hier stehen, die den Tod nicht schmecken werden, bis sie das Reich Gottes gesehen haben. (Lk. 9:27)

Und als er betete, veränderte sich das Aussehen seines Angesichts, und sein Gewand wurde weiß, strahlend. (Lk. 9:29)

Die Verklärung lädt zu einer stillen inneren Umkehr des Blickes ein: Weg von einem äußerlich gedachten Reich Gottes hin zu der Person des verherrlichten Mensch-Erretters. Wer Ihn im Glauben so betrachtet, beginnt zu ahnen, dass das Reich nicht erst kommt, wenn sich die Umstände ändern, sondern da, wo Seine Herrschaft im eigenen Inneren Platz findet. In diesem Blick wächst eine Motivation, den Alltag als Raum Seiner Gegenwart zu verstehen und die Freude des Jubeljahres nicht in äußeren Sensationen, sondern in der Beziehung zu Ihm zu suchen.

Umgestaltung statt alter Mensch – der Weg ins Jubeljahr

Das biblische Bild des Jubeljahres ist von einer tiefen Großzügigkeit Gottes geprägt: Gefangene gehen frei, verschuldete Menschen bekommen ihr Land zurück, jeder kehrt in sein Erbteil heim. Im Dienst Jesu erhält dieses Bild eine überraschende Erfüllung. In der Synagoge von Nazareth liest Er aus Jesaja und sagt: „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, Armen frohe Botschaft zu verkündigen … auszurufen das angenehme Jahr des Herrn“ (Lukas 4:18–19). Er selbst ist das lebendige Jubeljahr: wo Er ist, da geschieht Freilassung, Wiederherstellung, Heimkehr zu Gott. Und doch wird deutlich, dass nicht jeder, der äußerlich in diesem „Jahr des Wohlgefallens“ lebt, seine Freude wirklich erfährt. Der alte Mensch kann das Jubeljahr hören, ohne es zu schmecken.

Gegenwärtig findet unsere Umwandlung, oder Verklärung, in unserer Seele statt. Unser Geist ist wiedergeboren worden, und unsere Seele wird umgewandelt. Ein gereifter Gläubiger ist jemand, der in seiner Seele völlig umgewandelt worden ist, das heißt, in seinem Verstand, Willen und Gefühl umgewandelt ist. Ein solcher Gläubiger braucht nur noch, dass sein physischer Leib bei der Wiederkunft des verklärten Erretters verklärt wird. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft zweiundzwanzig, S. 186)

Paulus entfaltet, warum das so ist. Unser Geist wird durch den Glauben an Christus neu geboren, aber in unserer Seele – in Denken, Wollen und Fühlen – wirkt noch lange die Prägung der alten Schöpfung. Er schreibt: „Wir … werden verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ (2. Korinther 3:18), und an anderer Stelle spricht er vom „Wandel“ durch die „Erneuerung des Sinnes“ (Röm. 12:2). Umgestaltung heißt: Der auferstandene Christus dringt von unserem wiedergeborenen Geist aus in unser Inneres vor und formt es um. Solange der alte Mensch mit seinen vertrauten Mustern – Selbstbehauptung, Stolz, Misstrauen, religiöse Eigenleistung – den Ton angibt, bleibt die Erfahrung des Jubeljahres innerlich blockiert. Doch gerade hier liegt eine leise Hoffnung: Dass Gott nicht fordert, was Er nicht zugleich wirkt. Wo Er unser Inneres erneuert, löst sich die innere Gefangenschaft, und die Atmosphäre Seines Reiches wird spürbar – oft unspektakulär, aber real, als neue Freiheit zu lieben, zu vertrauen und loszulassen.

Diese Umgestaltung ist kein theoretischer Zusatz zum Evangelium, sondern der Weg, auf dem die Erlösung ihre Fülle gewinnt. In Römer 8 beschreibt Paulus, wie wir „die Erstlingsgabe des Geistes“ haben und in uns eine Sehnsucht lebt, „die Erlösung unseres Leibes“ zu erfahren (Röm. 8:23). Zwischen der Wiedergeburt unseres Geistes und der künftigen Verherrlichung unseres Leibes zieht Gott einen langen Bogen geduldiger Arbeit an unserer Seele. Ein gereifter Gläubiger ist nicht jemand, der alles im Griff hat, sondern jemand, in dessen Innerem Christus so viel Raum gewonnen hat, dass alte Reaktionsweisen zu verblassen beginnen. In solchen Menschen wird ein Stück Jubeljahr sichtbar: Versöhnung, die früher unmöglich schien; Frieden mitten in Umständen, die eigentlich nur Unruhe hervorbringen; eine stille Freude, die nicht an äußeren Erfolgen hängt. Diese Perspektive darf trösten: Auch wo wir unsere Unreife schmerzhaft wahrnehmen, ist der, der uns verändert, derselbe, der das Jubeljahr ausgerufen hat. Er führt nicht zurück in die Enge, sondern Schritt für Schritt in die Weite Seiner Freude.

Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, Armen frohe Botschaft zu verkündigen; er hat mich gesandt, Gefangenen Befreiung auszurufen und Blinden, daß sie wieder sehen, Zerschlagene in Freiheit hinzusenden, auszurufen das angenehme Jahr des Herrn. (Lk. 4:18-19)

Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung des Sinnes, damit ihr prüfen mögt, was der Wille Gottes ist, das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene. (Röm. 12:2)

Der Weg der Umgestaltung lädt dazu ein, die Spannungen zwischen empfangener Erlösung und erlebter Begrenzung nicht zu verdrängen, sondern im Licht des Jubeljahres zu betrachten. In dieser Spannung wird deutlich, dass Gott uns nicht nur die Tür öffnet, sondern uns auch durch sie hindurchführt, indem Er unser Inneres formt. Daraus kann eine stille Zuversicht wachsen: Was heute noch nach alter Schöpfung riecht, ist für Ihn kein Hindernis, sondern der Ort, an dem Er Seine verwandelnde Treue zeigt – bis die Freude des Jubeljahres nicht nur bekannt, sondern zunehmend erfahren ist.

Mit Christus sterben, um das Jubeljahr zu erfahren

Im Zusammenhang der Verklärung steht ein Wort Jesu, das nüchterner kaum sein könnte: „Wenn jemand mir nachkommen will, so verleugne er sich selbst und nehme täglich sein Kreuz auf und folge mir nach. Denn wer sein Seelenleben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Seelenleben verliert um meinetwillen, der wird es retten“ (Lukas 9:23–24). Noch bevor die Jünger die Herrlichkeit auf dem Berg sehen, macht Er klar, dass Sein Weg durch das Kreuz führt – und dass ihre Teilhabe an Seiner Herrlichkeit nicht ohne Teilnahme an Seinem Sterben zu haben ist. Das Jubeljahr wird nicht einfach dadurch erfahren, dass man Zeuge großer geistlicher Ereignisse ist. Es ist gebunden an eine innere Loslösung von dem, was wir als „unser Leben“ festhalten.

In 9:23 und 24 sagt der Herr: „Wenn jemand mir nachkommen will, verleugne er sich selbst und nehme täglich sein Kreuz auf und folge mir nach. Denn wer seine Seele retten will, wird sie verlieren; wer aber seine Seele verliert um meinetwillen, dieser wird sie retten.“ Unser Kreuz zu tragen, um dem Herrn zu folgen, und unser Seelenleben zu verleugnen, bedeutet, uns mit Seinem Tod einszumachen. Der Tod des Herrn streicht das natürliche Leben und die alte Schöpfung aus, damit wir in die neue Schöpfung, in einen verklärten Zustand, hineingehen können. Hier, in einem verklärten Zustand, nehmen wir an dem Genuss des Jubeljahres teil. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft zweiundzwanzig, S. 188)

Die Ereignisse nach der Verklärung zeichnen ein ehrliches Bild: Die Jünger steigen vom Berg hinab, geraten vor einem dämonisch gequälten Jungen in Hilflosigkeit, verstehen Jesu Ankündigung von Seinem Leiden nicht und diskutieren, wer der Größte unter ihnen sei (Lukas 9:37–46). Sie haben die Wolke der Herrlichkeit gesehen, und doch reagiert ihr Inneres weiterhin aus der alten Logik: sichern, kontrollieren, sich behaupten. Jesus stellt ein Kind neben sich und sagt: „Wer dieses Kind aufnehmen wird in meinem Namen, nimmt mich auf … denn wer der Kleinste ist unter euch allen, der ist groß“ (Lukas 9:48). Hier wird sichtbar, was es heißt, mit Christus zu sterben: Die eigenen Ansprüche auf Größe, Recht und Durchsetzungskraft werden im Licht Seines Kreuzes als das erkannt, was sie sind – Ausdruck des alten Menschen. Mit Christus gekreuzigt zu sein, wie Paulus es in Galater 2:20 bekennt, bedeutet, dass diese Selbstmitte nicht mehr der unangefochtene Bezugspunkt ist.

In diesem Mitsterben liegt paradox die Tür zur Freude des Jubeljahres. Paulus beschreibt in Römer 6, dass unser alter Mensch mit Christus gekreuzigt wurde, „damit der Leib der Sünde abgetan sei, sodass wir der Sünde nicht mehr dienen“ (Röm. 6:6). Und in 2. Korinther 4:10 fasst er zusammen, wie sein Dienst aussieht: „Allezeit das Sterben Jesu am Leib umhertragend, damit auch das Leben Jesu an unserem Leib offenbar werde.“ Wo unser festgehaltenes „Ich“ losgelassen wird, gewinnt das Leben Christi Raum. Das zeigt sich oft unscheinbar: in der Bereitschaft, nicht das letzte Wort haben zu müssen; im Mut, sich verletzlich zu zeigen; im Schweigen, wo man sich früher verteidigt hätte. Gerade in solchen Gesten einer innerlich mitgestorbenen Seele bricht eine Freiheit auf, die keine äußere Macht geben kann. Das Jubeljahr wird dann nicht zum frommen Konzept, sondern zur täglichen Erfahrung, dass Schuldknechtschaft, Bitterkeit und verbissener Ehrgeiz ihr Recht verlieren.

So ist das Kreuz keine dunkle Gegenwelt zur Freude, sondern der schmale Weg, auf dem die Freude Christi Gestalt gewinnt. Die Verklärung zeigt, wohin dieser Weg führt: in eine Herrlichkeit, die nicht mehr vergeht. Bis dahin begleitet uns der Ruf Jesu, unser Leben nicht um jeden Preis zu retten, sondern Ihm zu überlassen, was wir nicht halten können. In dieser Haltung beginnt die Seele aufzuleben – gerade durch das, was sie loslässt. Die Erfahrung des Jubeljahres wird dann weniger an außergewöhnlichen Momenten gemessen, sondern an einer wachsenden inneren Weite: einer Freude, die auch im Schatten des Kreuzes nicht erlischt, weil sie aus der Gemeinschaft mit dem Gekreuzigten und Verklärten selbst entspringt.

Er sprach aber zu allen: Wenn jemand mir nachkommen will, so verleugne er sich selbst und nehme täglich sein Kreuz auf und folge mir nach. Denn wer sein Seelenleben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Seelenleben verliert um meinetwillen, der wird es retten. (Lk. 9:23-24)

und sprach zu ihnen: Wer dieses Kind aufnehmen wird in meinem Namen, nimmt mich auf, und wer mich aufnehmen wird, nimmt den auf, der mich gesandt hat; denn wer der Kleinste ist unter euch allen, der ist groß. (Lk. 9:48)

Die Verbindung von Kreuz und Jubeljahr öffnet einen anderen Blick auf Verluste, Verzicht und zerbrochene Eigenpläne: Sie sind nicht nur schmerzliche Brüche, sondern können zu Orten werden, an denen das Leben Christi freigesetzt wird. In der Bereitschaft, den eigenen Anspruch aus der Hand zu geben, entsteht Raum für eine Freude, die nicht an äußere Sicherheiten gebunden ist. So kann selbst der Weg durch das Sterben mit Christus von der leisen Gewissheit getragen sein, dass jenseits jedes Loslassens mehr Leben, mehr Freiheit und mehr Jubel auf uns warten, als wir aus eigener Kraft je hätten festhalten können.


Herr Jesus Christus, verherrlichter Mensch-Erretter, danke, dass Du durch Deinen Tod und Deine Auferstehung das wahre Jubeljahr eröffnet hast, in dem Gefangene frei werden und Menschen in die Freude Gottes heimkehren. Du siehst, wie oft wir noch im alten Denken und in eigener Kraft leben und dadurch an der Fülle Deiner Freiheit vorbeigehen. Öffne unsere Augen neu für Deine Herrlichkeit und ziehe unser Herz dorthin, wo Du bist, damit Deine Gegenwart für uns wichtiger wird als alle eigenen Vorstellungen und Ansprüche. Lass Dein Leben von unserem wiedergeborenen Geist aus unsere Gedanken, Entscheidungen und Gefühle durchdringen, sodass Dein Bild in uns klarer wird und Deine Freude unsere innere Atmosphäre prägt. Inmitten aller Schwachheit stärke uns im Vertrauen, dass Du Dein gutes Werk in uns vollendest und uns einst auch leiblich in die Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes hineinstellen wirst. Bewahre uns in dieser Hoffnung, bis wir Dich in Deiner Verklärung sehen und vollkommen in Dein Jubeljahr eintreten. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 22