Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Vorbereitung des Menschen-Erretters in Seiner Menschlichkeit mit Seiner Göttlichkeit (6)

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Wenn Menschen an Jesus denken, sehen viele entweder den erhöhten Herrn im Himmel oder den Lehrer mit großer moralischer Autorität. Lukas zeichnet ein anderes, sehr konkretes Bild: Bevor Jesus öffentlich auftrat, ließ Er sich taufen und wurde vom Heiligen Geist gesalbt. Gerade diese beiden unscheinbaren Schritte öffnen den Blick dafür, wie Gott ein menschliches Leben so vorbereitet, dass es nicht nur gut und edel, sondern wirklich ein Ausdruck Seiner selbst wird.

Die Taufe des Menschen-Erretters: Das vollkommene Ich beiseite setzen

Dass der Menschen-Erretter sich in die Reihe der zu Johannes kommenden Sünder stellt, erstaunt. Lukas berichtet schlicht: „Es geschah aber, als das ganze Volk getauft wurde und Jesus getauft war und betete, daß der Himmel aufgetan wurde“ (Lk. 3:21). Er, der kein Bekenntnis abzulegen hatte, geht dennoch hinunter ins Wasser. Hier begegnet uns nicht ein Bedürftiger, sondern ein Vollkommener, der sich freiwillig unter ein Handeln Gottes stellt, das eigentlich anderen gilt. Im Licht von 1. Mose 1–2.erkennen wir, was hier auf dem Spiel steht: Der Mensch ist mit hohen Tugenden geschaffen – fähig zur Liebe, zur aufrichtigen Gerechtigkeit, zu einem transparenten, lichtvollen Leben vor Gott. Im Herrn Jesus sind diese gottgeschaffenen Tugenden in ihrer reinsten Form vorhanden; Er ist, was der erste Adam hätte sein sollen. Dennoch lässt Er sich taufen. Warum? Weil selbst die beste, unbefleckte Menschlichkeit nicht das Ziel Gottes ist, wenn sie in sich selbst stehen bleibt.

Die Tatsache, dass Johannes der Täufer den Menschen-Retter mit Wasser taufte, zeigt an, dass es sogar für Ihn notwendig war, getauft zu werden. Für den Herrn Jesus, getauft zu werden, bedeutet, dass Er Sich selbst beiseite setzte. Er erlaubte, dass Er in den Tod hineingebracht wurde, damit Er nicht auf natürliche Weise, sondern auf die Weise der Auferstehung dienen möge. Daher war es für den Herrn Jesus als Mensch notwendig, Sich selbst beiseite zu setzen, damit Er Gott leben konnte. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft acht, S. 65)

Schon im Paradies wurde der Mensch zwischen zwei Bäumen gestellt: dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen und dem Baum des Lebens (1. Mose 2). Nicht nur das Böse, auch das „Gute“ kann ein Weg an Gott vorbei sein, wenn es vom eigenen Ich her gelebt wird. Taufe bedeutet in diesem Zusammenhang: Das eigene Ich – auch in seiner schönsten moralischen Gestalt – wird als Quelle des Handelns beendet, „begraben“, aus dem Mittelpunkt genommen. Der Herr Jesus lässt sich taufen, um öffentlich zu zeigen: Sein Dienst wird nicht die Demonstration einer außergewöhnlichen, aber autonomen Menschlichkeit, sondern die Offenbarung des lebendigen Gottes durch ein menschliches Leben sein. Darum kann Er später sagen: „Der Sohn kann nichts von Sich Selbst aus tun, außer was Er den Vater tun sieht“ (Johannes 5:19). In Seiner Taufe senkt sich der vollkommenste Mensch gleichsam in den Jordan hinab, um Raum zu geben, dass Gott alles in Ihm sei. Für uns leuchtet daraus eine stille, aber kraftvolle Ermutigung: Vor Gott zählt nicht der Glanz unserer natürlichen Stärke, sondern ein Leben, in dem das eigene Ich bereitwillig zur Seite tritt, damit Gottes Leben durch unser Menschsein hindurch sichtbar werden kann. Wo wir lernen, mit Christus begraben zu sein, da beginnt ein anderes Maß an Freiheit und Fruchtbarkeit – ein Dasein, in dem Gott nicht nur gedacht, sondern in alltagstauglicher Menschlichkeit erfahren und ausgedrückt wird.

Die Taufe des Herrn ist darum kein isoliertes, einmaliges Symbol, sondern ein Fenster in Sein inneres Selbstverständnis. Er, der als von Gott geschaffener Mensch alle Tugenden besaß, legt gewissermaßen das Recht ab, aus dieser Vollkommenheit zu leben. Er lässt sich an die Stelle bringen, an der Gott allein die Initiative behält. So wird deutlich, dass die höchste Moral nicht in der Steigerung menschlicher Tugenden liegt, sondern im Durchdrungensein dieser Tugenden von Gottes Leben. Die Liebe des Christus ist mehr als menschliche Wärme, Seine Demut mehr als vorbildliche Bescheidenheit, Seine Gerechtigkeit mehr als konsequente Prinzipientreue. In Ihm begegnen sich die gottgeschaffenen Tugenden des Menschen und die göttlichen Eigenschaften des „Baum des Lebens“ zu einer Wirklichkeit, die die Schrift Heiligkeit nennt.

Wenn wir auf diese Szene am Jordan schauen, tritt etwas Befreiendes hervor: Wir sind nicht dazu berufen, aus eigener Kraft ein idealisiertes Menschsein nachzuahmen. Der Weg des Herrn führt gerade weg vom Selbstvertrauen – selbst vom geistlich verbrämten. Wer in Ihm ist, ist in Seine Bewegung hineingenommen: vom festen Stand auf der eigenen Person hin zu einem Leben, das sich immer wieder unter Gottes Hand beiseite setzen lässt. Dort, wo wir unsere Fähigkeiten, Begabungen und Tugenden nicht als letztes Kapital, sondern als anvertraute Gefäße verstehen, kann der Himmel gewissermaßen „aufgetan“ werden (vgl. Lk. 3:21), und Gottes Wohlgefallen ruht neu auf einem Leben, das Ihn sichtbar macht. Es ist ein stiller Trost, dass Gott sich solcher Leben bedient, die nicht glänzen wollen, sondern bereit sind, mit Christus ins Wasser hinabzusteigen, damit Seine Auferstehungskraft das Entscheidende bleibt.

ES geschah aber, als das ganze Volk getauft wurde und Jesus getauft war und betete, daß der Himmel aufgetan wurde (Lk. 3:21)

Dann antwortete Jesus und sagte zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Der Sohn kann nichts von Sich Selbst aus tun, außer was Er den Vater tun sieht, denn was auch immer jener tut, diese Dinge tut in gleicher Weise auch der Sohn. (Joh. 5:19)

Die Taufe des sündlosen Christus öffnet einen tiefen Blick auf Gottes Weg mit der Menschlichkeit: Selbst das Beste, was der Mensch zu bieten hat, wird nicht zerstört, aber entthront, damit Gottes eigenes Leben die Quelle und Mitte wird. In der Bereitschaft, das eigene Ich – auch in seiner moralischen Stärke – beiseite setzen zu lassen, liegt ein verborgenes Geheimnis der Freiheit: Wir müssen nicht aus uns selbst etwas Großes für Gott leisten, sondern dürfen wie der Herr leben, der sagte, Er könne „nichts von Sich Selbst aus tun“ (Johannes 5:30). Dort, wo diese Haltung Gestalt gewinnt, wird das alltägliche Leben – unscheinbar und still – zu einem Ort, an dem Gott durch menschliche Tugenden hindurch aufleuchtet.

In der Gleichgestalt des Fleisches der Sünde: Der eine Repräsentant aller Menschen

Die Evangelien schildern den Herrn in einer bemerkenswerten Doppelrolle: Er ist zugleich der wahre, von Gott geschaffene Mensch und der, der sich mit dem gefallenen Menschen solidarisiert. Paulus bringt das in eine knappe Formel, wenn er sagt, dass Gott „seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und für die Sünde gesandt und die Sünde im Fleisch verurteilt“ hat (Römer 8:3). Der Sohn Gottes trägt in sich keine Spur der sündigen Natur; und doch nimmt Er die äußere Gestalt, das Erscheinungsbild, die ganze Lebenssituation des gefallenen Menschen auf sich. So stellt Er sich bei der Taufe in die Reihe derer, die eine Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden empfangen (vgl. Lk. 3:3), ohne selbst Buße nötig zu haben. In Seinem inneren Sein repräsentiert Er den Menschen, wie Gott ihn wollte; in Seiner angenommenen Gestalt steht Er zugleich an der Stelle des Menschen, wie er durch den Fall geworden ist.

Der Herr Jesus war ein vollkommener Mensch, ein Mensch mit allen menschlichen Tugenden, dennoch war Er in der Gleichgestalt des Fleisches der Sünde. Natürlich hatte der Herr Jesus nicht die Natur der gefallenen Menschheit; jedoch besaß Er die Gleichgestalt, die äußere Form oder Erscheinung, der gefallenen Menschheit. In Römer 8:3 sagt Paulus, dass Christus in der Gleichgestalt des Fleisches der Sünde gekommen ist. Er hatte nicht die Natur der Sünde, aber Er hatte die Gleichgestalt, die Erscheinung, die Form des Fleisches der Sünde. Es war notwendig, dass diese Gleichgestalt des Fleisches der Sünde gerichtet, beendet und begraben wurde. Dies war ein weiterer Grund für die Taufe des Menschen-Erretters. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft acht, S. 66)

Wenn Johannes ruft: „Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Pfade gerade!“ (Lukas 3:4), dann tritt der Herr selbst auf diesen Weg und lässt sich unter das Gericht stellen, das dem verkehrten, gekrümmten Zustand des Menschen gilt. Die „Gleichgestalt des Fleisches der Sünde“ gehört nicht zu Seinem Wesen, aber sie ist real genug, um vor Gott gerichtet und in den Tod gegeben zu werden. So trägt Er anfangs in der Taufe symbolisch das, was Er am Kreuz in der Tiefe vollziehen wird. Gleichzeitig wird in Seiner Taufe deutlich, dass auch der beste, moralisch reinste Mensch nicht als eigenständiger Repräsentant vor Gott bestehen soll. Wenn selbst der vollkommene Menschensohn sich unter das Wasser senken lässt, dann nicht nur stellvertretend für Sünder, sondern auch, um den gottgeschaffenen Menschen als eigenständiges Zentrum aus dem Licht zu nehmen, damit allein Gott im Mittelpunkt steht.

Diese doppelte Repräsentanz erklärt, weshalb der Herr immer wieder darauf hinweist, dass Er „nichts von sich selbst“ tut. „Ich kann nichts von Mir Selbst aus tun; wie Ich höre, richte Ich, und Mein Gericht ist gerecht, denn Ich suche nicht Meinen eigenen Willen, sondern den Willen dessen, der Mich gesandt hat“ (Johannes 5:30). Hier spricht nicht ein schwacher, sondern ein bewusst beiseite gesetzter Mensch. Der wahre Mensch – ohne Sünde, reich an Tugend – verzichtet darauf, eigene Wege und Entscheidungen zu entfalten. Genau so, wie Er die Gleichgestalt des gefallenen Fleisches anzieht, ohne seine Natur anzunehmen, so lässt Er auch die Möglichkeit menschlicher Selbstbestimmung stehen, ohne sie zur leitenden Kraft werden zu lassen. Sein Leben ist ein konsequentes „Stellvertreter-Leben“: Er steht für uns vor Gott, und Er lebt für Gott mitten unter uns.

Gerade darin liegt eine tiefe Ermutigung. Die Realität unserer gefallenen Gestalt ist ernüchternd: Wir tragen Schuld, Brüche, Unklarheiten – und zugleich auch manches Gute, auf das wir uns gerne stützen. In Christus begegnet beidem ein Repräsentant: Er nimmt die Last der gefallenen Gestalt auf sich, damit sie gerichtet und begraben werden kann, und Er stellt zugleich die edelste Menschlichkeit unter dasselbe Zeichen der Taufe, damit Gott allein Ehre behält. Wer sich in Ihm weiß, darf nüchtern sein über die Schwere des Falls, ohne zu verzweifeln, und darf dankbar sein für jede gottgeschaffene Gabe, ohne sie zu vergötzen. Unter Seinem Zeichen zu stehen bedeutet, von einem anderen vertreten zu sein – vor Gott und mitten im Alltag. Dieses Wissen entlastet und öffnet den Raum für ein Leben, das nicht von der Verteidigung des eigenen Bildes, sondern vom Vertrauen auf den einen Repräsentanten geprägt ist, der uns in Liebe vor Gott trägt und zugleich Gottes Willen in der Welt sichtbar macht.

Und er kam in die ganze Landschaft am Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden; (Lk. 3:3)

Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch kraftlos war, das tat Gott, indem er seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und für die Sünde sandte und die Sünde im Fleisch verurteilte. (Röm. 8:3)

Christus als der eine Repräsentant verbindet in sich, was uns sonst entzweit: die Schwere unserer Gefallenheit und die Würde unserer Geschöpflichkeit. In Seiner Taufe wird sichtbar, dass sowohl die Gleichgestalt des sündigen Fleisches als auch der edelste gottgeschaffene Mensch unter das Urteil und in den Tod gehören, damit der Vater allein im Mittelpunkt bleibt. Daraus wächst eine stille Freiheit: Wir müssen uns weder mit unserer Schuld vor Gott halten noch auf unsere Tugend bauen. In Christus haben wir einen, der für uns steht und zugleich vorlebt, wie ein Mensch sich völlig vom eigenen „Von-sich-selbst“ löst. Ein solcher Blick auf den Menschen-Erretter lädt ein, das eigene Leben tiefer in Seine Repräsentanz hineinzudenken – nicht als Flucht vor Verantwortung, sondern als befreiende Wahrheit: Er trägt uns, und in Ihm wird ein neues, abhängiges und doch gereiftes Menschsein möglich.

Die Salbung des Menschen-Erretters: Der Heilige Geist in Wesen und Kraft

Nachdem der Herrn Jesus getauft worden war und betete, heißt es: „… daß der Himmel aufgetan wurde und der Heilige Geist in leiblicher Gestalt, wie eine Taube, auf ihn herabstieg und eine Stimme aus dem Himmel kam: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden“ (Lk. 3:21–22). Hier begegnen wir einem Geheimnis, das die Schrift sorgfältig entfaltet: Derselbe Heilige Geist ist in einer doppelten Weise mit der Person des Christus verbunden. Schon bei Seiner Empfängnis heißt es, dass der Heilige Geist über Maria kommen und die Kraft des Höchsten sie überschatten werde (vgl. Lukas 1:35). Auf diese Weise ist Seine Menschheit von Anfang an von der göttlichen Gegenwart durchdrungen. Man könnte sagen: Der Geist bildet das innere Gewebe Seiner Person als Gott-Mensch. Diese Seite ist wesentlich, unaufhebbar, nicht zur Disposition gestellt.

Das Empfangen Jesu durch den Heiligen Geist in 1:35 ist wesentlich und bezieht sich auf das göttliche Sein, die göttliche Person, Jesu. Das Wesen des göttlichen Elements des Heiligen Geistes in der Empfängnis Jesu ist unveränderlich und kann nicht entfernt werden. Das Herabkommen des Heiligen Geistes auf Jesus hier ist jedoch ökonomisch und bezieht sich auf den Dienst, das Werk, Jesu. Die Kraft des Heiligen Geistes für den Dienst Jesu (4:1, 14, 18; Mt 12:28) ist je nach der Bedingung des Bedarfs dafür entfernbar. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft acht, S. 68)

Wenn der Geist nun bei der Taufe „auf ihn herabsteigt“, geschieht etwas anderes: Nicht Sein Sein, sondern Sein Dienst wird in den Blick genommen. Der Geist kommt auf Ihn wie eine Taube – ein Bild der Sanftheit, des Friedens, der nicht gewaltsamen, sondern tragenden Kraft. Was innerlich Sein Wesen prägt, bekleidet Ihn jetzt äußerlich als Vollmacht für Sein öffentliches Wirken. Lukas zeichnet diese Linie weiter, wenn er berichtet, dass Jesus „voll Heiligen Geistes“ vom Jordan zurückkehrte und „in der Kraft des Geistes“ nach Galiläa kam (vgl. Lk. 4:1.14), und wenn Er in der Synagoge sagt: „Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, Armen gute Botschaft zu verkünden“ (Lukas 4:18). Die Schrift unterscheidet so zwischen dem Geist in Ihm – der Sein göttlich-menschliches Wesen trägt – und dem Geist auf Ihm – der Ihn für den Dienst bevollmächtigt.

Von hier aus wird verständlich, wie auch für uns eine doppelte Realität des einen Geistes gilt. Paulus sagt: „Ein Leib und ein Geist, so wie ihr auch in einer Hoffnung eurer Berufung berufen worden seid“ (Epheser 4:4). Dieser eine Geist wohnt in denen, die Christus gehören, und macht sie zu Kindern Gottes; zugleich wirkt derselbe Geist in Formen der Vollmacht, der Gaben, der Führung nach außen. Beim Herrn wird deutlich, dass diese beiden Seiten nicht voneinander zu trennen, aber doch zu unterscheiden sind: Sein inneres Leben mit dem Vater bleibt durch alle Wege hindurch unveränderlich vom Geist getragen, während die Kraftäußerungen des Geistes sich situationsbezogen zeigen – etwa in Wundern, in Autorität über Dämonen, in prophetischer Rede. Selbst wenn Er sagt: „Wenn Ich aber durch den Geist Gottes die Dämonen austreibe, dann ist das Königreich Gottes auf euch gekommen“ (Matthäus 12:28), geschieht das vor dem Hintergrund dieser Salbung am Jordan.

Für den Glaubenden liegt darin ein tröstliches und zugleich klärendes Licht. Wer in Christus ist, trägt die wesentliche Gegenwart des Geistes nicht als wechselhaftes Gefühl, sondern als stabile Wirklichkeit seiner neuen Identität. Diese Gegenwart steht nicht jeden Tag zur Disposition unserer Stimmung. Zugleich zeigt der Weg des Herrn, dass die erfahrbare Kraft des Geistes im Dienst, im Zeugnis, in der Gemeinde auch eine „ökonomische“ Seite hat: Sie wird gegeben, wann und wie der Herr es für nötig hält, sie kann intensiver oder verborgener sein, ohne dass die wesentliche Verbundenheit mit Gott dadurch aufgehoben wäre. So bewahrt uns der Blick auf den gesalbten Menschen-Erretter sowohl vor geistlicher Unsicherheit als auch vor geistlichem Triumphalismus. Die innere Ruhe wächst aus der Gewissheit Seiner innewohnenden Gegenwart, die Demut aus dem Wissen, dass alles äußerlich Wirkende Gabe und Auftrag bleibt. Wer so lernt, von Christus her zu denken, wird ermutigt, still und vertrauensvoll vor Gott zu leben und zugleich offen zu sein für die Zeiten, in denen der Geist sich neu „auf“ ein Leben legt, um durch menschliche Schwachheit hindurch Gottes Kraft sichtbar zu machen.

und der Heilige Geist in leiblicher Gestalt, wie eine Taube, auf ihn herabstieg und eine Stimme aus dem Himmel kam: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden. (Lk. 3:22)

Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, Armen gute Botschaft zu verkünden; er hat mich gesandt, Gefangenen Befreiung zu verkünden und Blinden, dass sie wieder sehen, Zerschlagene in Freiheit hinzusenden. (Lk. 4:18)

Die Salbung des Menschen-Erretters offenbart, dass Gottes Geist uns nicht nur innerlich neu macht, sondern auch konkret für Aufgaben rüstet. In Christus sehen wir beides in vollkommener Harmonie: Sein Sein ist von Anfang an vom Geist getragen, Sein Wirken geschieht unter der aktuellen Salbung. Daraus wächst für das eigene Leben eine nüchterne Gelassenheit: Die Zugehörigkeit zu Christus gründet in der verlässlichen, wesentlichen Gegenwart des Geistes; besondere Erfahrungen von Kraft und Vollmacht sind Ausdruck Seiner souveränen Ökonomie, nicht Maßstab unseres Wertes. So kann der Alltag mit Gott zugleich still verwurzelt und erwartungsvoll offen sein – verwurzelt in dem einen Geist, der uns als Kinder Gottes trägt, und offen für das konkrete Wirken desselben Geistes, der uns in passenden Momenten für Dienst, Zeugnis und Liebe bevollmächtigt.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du als Menschen-Erretter bereit warst, Dich selbst beiseite zu setzen, um in vollkommener Abhängigkeit vom Vater zu leben und zu dienen. Du kennst unsere Menschlichkeit und unsere Schwachheit, und doch hast Du den Weg gezeigt, wie ein menschliches Leben zu einem Ausdruck der göttlichen Herrlichkeit werden kann. Heiliger Geist, fülle das innere Sein der Glaubenden neu mit der Gewissheit, dass Du in ihnen wohnst, und stärke sie zugleich mit Deiner Kraft, damit ihr Alltag und ihr Dienst von Dir getragen werden. Möge die Liebe des Vaters, die Menschlichkeit des Sohnes und die Gegenwart des Geistes jedes Herz erfrischen und erneuern, sodass Hoffnung über alle Grenzen hinaus aufleuchtet. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 8