Ein Leben ganz gemäß und für Gottes neutestamentliche Ökonomie (10)
Viele Christen wissen, dass das Neue Testament von Jesus Christus handelt, doch oft bleibt Er für sie vor allem eine große Gestalt der Vergangenheit. Die Evangelien erzählen, was Er tat, aber die Briefe öffnen uns, wer Er ist und was Sein Tod, Seine Auferstehung und Seine Himmelfahrt für unser heutiges Leben bedeuten. Wer entdeckt, dass die Geschichte Jesu zugleich die eigene Geschichte vor Gott ist, beginnt die Bibel und den Alltag mit neuen Augen zu sehen.
Christus, der Allumfassende, und wir in Seinem Tod, Seiner Auferstehung und Himmelfahrt
Das Neue Testament zeichnet Christus nicht als eine isolierte Gestalt der Vergangenheit, sondern als den Allumfassenden, in dem Gott Seine ganze Erlösung konzentriert hat. Paulus wagt es, den Christus nicht nur als Haupt, sondern zugleich als Leib zu bezeichnen: „Denn so wie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl es viele sind, ein Leib sind, so ist auch der Christus“ (1.Kor 12:12). Hier verschmelzen Haupt und Glieder zu einem einzigen Ausdruck: der Christus ist der eine neue Mensch, Haupt und Leib zusammen. Das bedeutet, dass Christus niemals ohne Sein Volk gedacht wird und Sein Volk niemals außerhalb von Ihm. In dieser Einheit ist Er der Allumfassende, und wir sind in Ihm eingeschlossen.
In den Briefen des Paulus haben wir einen weiten Blick auf Christus in Seinem Tod und in Seiner Auferstehung. Paulus macht in seinen Briefen deutlich, dass Christus allumfassend ist. So sagt er uns zum Beispiel nicht nur, dass Christus das Haupt des universalen neuen Menschen ist, sondern auch, dass Christus der Leib ist (1.Kor. 12:12). In Kolosser 3:11 sagt Paulus, dass im neuen Menschen Christus alle Glieder ist und in allen Gliedern ist. Aus diesen Versen erkennen wir, dass Christus, der Gesalbte Gottes, allumfassend ist. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft einundsechzig, S. 518)
Von dieser Sicht her wird Sein Tod zu einem allumfassenden Tod. Als Jesus von Nazareth am Kreuz starb, wurde nicht nur ein Einzelner hingerichtet; in Ihm ging eine alte Menschheit zu Ende. „Von Ihm aber seid ihr in Christus Jesus“ (1.Kor 1:30) – diese Aussage legt die Grundlage: Gott hat uns in Christus hineingestellt, bevor Christus am Kreuz litt. So konnte Paulus sagen: „Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal. 2:20). Der Tod Christi ist daher die göttliche Grenze, an der unser alter Mensch, unsere alte Geschichte und unsere alte Identität aufgehört haben. Wer in Christus ist, hat vor Gott keine eigenständige Vergangenheit mehr, die losgelöst von diesem Kreuz erzählt werden könnte.
In derselben Weise ist auch die Auferstehung nicht bloß Christi persönlicher Triumph, sondern der Anfang einer neuen gemeinsamen Existenz. Der Auferstandene ist nicht allein aus dem Grab hervorgetreten; in Ihm hat Gott eine neue Schöpfung hervorgebracht. Wenn Paulus von „Christus, unser Leben“ spricht (Kol. 3:4), dann deutet er damit an, dass die Lebenskraft unseres neuen Daseins nicht aus uns selbst, sondern aus dem Auferstandenen stammt. Unsere geistliche Biographie beginnt nicht mit unserer Bekehrung, sondern mit Seiner Auferstehung: dort hat Gott festgelegt, wer wir vor Ihm sind. Wenn dieser Christus unser Leben ist, wird unser alltägliches Dasein zu einem stillen, aber realen Zeugnis dieser Auferstehung – nicht durch angestrengte Leistung, sondern dadurch, dass Sein Leben sich im Verborgenen durchsetzt.
Auch die Himmelfahrt Christi ist nach dem Zeugnis der Schrift eine gemeinsame Bewegung. Wenn es in Epheser heißt, dass Gott uns „mitauferweckt und mitsitzen lassen“ hat „in den himmlischen Örtern in Christus Jesus“ (Eph. 2:6), dann wird deutlich: vor Gottes Blick ist unsere Stellung an den Ort gebunden, an dem Christus jetzt ist. Der erhöhte Christus ist nicht weit entfernt; Er ist der Raum, in den wir hineingestellt wurden. Seine Nähe ist unser Schutz, Seine Stellung ist unsere Sicherheit, Seine Herrlichkeit ist unsere Berufung. Wer so auf sich selbst schaut, lernt, das eigene Leben nicht mehr von unten her zu definieren – durch wechselnde Umstände – sondern von oben her, von Christus her, in dem wir verborgen sind.
Denn so wie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl es viele sind, ein Leib sind, so ist auch der Christus. (1.Kor 12:12)
Von Ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott zur Weisheit geworden ist: sowohl zur Gerechtigkeit als auch zur Heiligung und zur Erlösung, (1.Kor 1:30)
Wer Christus als den Allumfassenden erkennt, beginnt das eigene Leben neu zu erzählen: nicht mehr als Kette eigener Leistungen und Versäumnisse, sondern als Geschichte, die in Seinem Tod geendet und in Seiner Auferstehung begonnen hat. Aus dieser Sicht reifen ein leiser Mut und eine tiefe Gelassenheit – Mut, weil unsere Stellung in Christus unerschütterlich ist, und Gelassenheit, weil unser Weg in den Händen dessen liegt, der uns bereits in die himmlischen Örter mitgenommen hat.
Die Biographie Jesu als unsere Biographie
Wer das Evangelium nach Markus aufmerksam liest, begegnet einem stillen Wunder: In der Lebensgeschichte Jesu schimmert zugleich die Geschichte derer durch, die an Ihn glauben. Schon die ersten Szenen am See von Galiläa bilden den Auftakt einer Biographie, die über Petrus hinausweist. „Und Jesus sprach zu ihnen: Kommt mir nach, und ich werde euch zu Menschenfischern machen; und sogleich verließen sie die Netze und folgten ihm nach“ (Mk. 1:17–18). In einem schlichten Ruf und einer ebenso schlichten Antwort wird ein Lebensweg eröffnet, auf dem der Herr Seinen Jünger mit sich nimmt – durch Tage des Wunders, Stunden des Missverstehens und Zeiten der tiefen Erschütterung.
Wenn wir das Evangelium nach Markus studieren, studieren wir in Wirklichkeit unsere eigene Biographie. Das bedeutet, dass die Biographie Jesu zugleich unsere Biographie ist. In den Worten eines Liedes: „Er ist meine Geschichte“ und „Sein Leben ist meine Erfahrung“ (Liederbuch, Nr. 949). Daher ist die im Markus-Evangelium erzählte Biographie nicht nur die Biographie des einzelnen Jesus, sondern auch die Biographie der Gläubigen. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft einundsechzig, S. 520)
Auf dem Berg der Umgestaltung wird Petrus hineingenommen in eine Offenbarung, die seine Worte übersteigt. Unter dem Gewicht der Herrlichkeit weiß er nicht, was er sagen soll, und doch nimmt seine Person diese Begegnung in sich auf. Später, im Garten Gethsemane und im Hof des Hohenpriesters, treten andere Züge hervor: Müdigkeit, Furcht, Selbstüberschätzung und schließlich die dreifache Verleugnung. Dass einer derselben, der das Schwert zog (Mk. 14:47), wenig später schwört, den Herrn nicht zu kennen, ist kein Randdetail, sondern Teil einer geistlichen Biographie. Petrus verkörpert die Mischung aus aufrichtigem Eifer und brüchiger Treue, die vielen Glaubenden vertraut ist. Und doch endet seine Spur im Markus-Evangelium nicht im Hof der Verleugnung, sondern in einer Botschaft der Gnade: „Geht jedoch hin und sagt Seinen Jüngern und Petrus, dass Er vor euch nach Galiläa geht“ (Mk. 16:7).
Der Name „Petrus“ in dieser Osterbotschaft ist wie eine leise, aber deutliche Zusage: Die Geschichte Jesu umfasst auch das Versagen Seiner Jünger – und sie endet nicht dort. Was der Herr durchlebt hat, ist nicht nur ein Weg für Ihn, sondern ein Weg für uns. Sein Gehorsam in der Versuchung, Seine Hingabe bis zum Tod und Seine Auferstehung bilden die Linie, in die der Glaubende hineingenommen wird. Die Briefe machen das ausdrücklich: „Ich bin mit Christus gekreuzigt … nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal. 2:20). Die innere Bewegung des Evangeliums – vom Ruf am See über den Weg nach Jerusalem bis hin zur leeren Gruft – wird zur inneren Bewegung des Christen: Weggerufen aus alten Sicherheiten, mitgenommen durch Korrekturen, Zusammenbrüche und Wiederherstellungen, hineingeführt in ein neues Leben aus Christus.
So wird die Biographie Jesu vor Gott zur Biographie der Gläubigen. „Denn zu leben ist für mich Christus“ (Phil. 1:21) fasst zusammen, was die Evangelien erzählen: Der Herr, der mit den Jüngern auf dem Weg ist, wird in den Briefen zum inneren Inhalt ihres Lebens. Sein Leben ist nicht nur Vorbild, das nachgeahmt werden soll, sondern Leben, das in ihnen Gestalt gewinnt. Die Erzählung des Markus ist damit mehr als eine historische Chronik; sie ist ein Spiegel, in dem der Glaubende seine eigene Geschichte in Christus wiedererkennt. Versagen erhält darin seinen Platz, aber nicht das letzte Wort; die Initiative bleibt beim Herrn, der beruft, trägt, zurechtbringt und wiederherstellt.
Und Jesus sprach zu ihnen: Kommt mir nach, und ich werde euch zu Menschenfischern machen; (Mk. 1:17)
und sogleich verließen sie die Netze und folgten ihm nach. (Mk. 1:18)
Wer die Biographie Jesu als seine eigene erkennt, lernt, das eigene Leben nicht mehr in erster Linie an den eigenen Schwächen zu messen, sondern an der Treue des Herrn, der in der Geschichte Seiner Jünger sichtbar wird. In dieser Perspektive wird auch das Scheitern nicht zum Endpunkt, sondern zum Ort, an dem die Gnade tiefer leuchtet. So wächst ein nüchterner, hoffnungsvoller Realismus: Wir sind fähig zu Fall und Verleugnung, aber wir bleiben eingeschlossen in die Geschichte dessen, der uns beim Namen ruft und mit sich weitergeht.
Gute Dinge oder Baum des Lebens – das Leben für Gottes neutestamentliche Ökonomie
Gottes neutestamentliche Ökonomie zielt nicht in erster Linie auf eine Verbesserung des Menschen, sondern darauf, dass Christus selbst unser Leben ist und durch uns zum Ausdruck kommt. „Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden“ (Kol. 3:4). Damit wird Christus nicht nur zur Hilfe, sondern zum eigentlichen Inhalt des Christenlebens. Paulus fasst dieses Geheimnis in wenige, dichte Worte: „Denn zu leben ist für mich Christus“ (Phil. 1:21). Das neutestamentliche Ziel besteht darin, dass der lebengebende Geist in uns Raum gewinnt, sodass der Herr sich in einem menschlichen Alltag fortsetzt – unscheinbar, aber real.
In den vergangenen neunzehn Jahrhunderten sind viele Dinge hinzugekommen, die in dem Leben der Christen das einzigartige Leben, das gemäß Gottes neutestamentlicher Ökonomie ist, frustrieren, beschädigen und sogar ersetzen. Zu diesen hindernden Dingen gehören Kultur, Religion, Ethik, Moral, Philosophie, Charakterverbesserung und das Bemühen, geistlich, schriftgemäß, heilig und siegreich zu sein. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft einundsechzig, S. 522)
Gerade deshalb ist das Bild aus 1. Mose so scharf. In der Mitte des Gartens stehen zwei Bäume, und über den einen heißt es: „Doch von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, von dem darfst du nicht essen; denn an dem Tag, an dem du davon isst, wirst du auf jeden Fall sterben!“ (1. Mose 2:17). Auffällig ist, dass das Wort „gut“ vor „böse“ genannt wird. Der Baum der Erkenntnis bringt nicht nur offen Böses hervor, sondern ebenso ein beeindruckendes Gutes – Moral, Religion, Charakterstärke –, das doch vom Baum des Lebens trennt. Was nicht aus dem Leben Gottes kommt, bleibt vor Ihm Teil derselben Quelle, auch wenn seine Früchte respektabel erscheinen.
Die Geschichte der Kirche zeigt, wie leicht gute Dinge an die Stelle des Lebens treten: Kultur, ethische Ideale, philosophische Klarheit, selbst das ernste Bemühen, geistlich, schriftgemäß, heilig und siegreich zu sein. Im Galaterbrief wird deutlich, wie eine Religion, die auf Gottes Wort gegründet ist, Christus verdunkeln kann, wenn die Gläubigen ihre Gerechtigkeit wieder aus Gesetzeswerken beziehen. Im Kolosserbrief warnt Paulus vor Philosophie und menschlicher Weisheit, die „nicht nach Christus“ ist (Kol. 2:8). Die Gefahr ist subtil: Man kann sich für Christus einsetzen, über Christus sprechen und doch in der inneren Praxis mehr auf Erkenntnis, Methoden oder Selbstdisziplin setzen als auf den gegenwärtigen Christus als lebengebenden Geist.
Die Gegenbewegung der Schrift besteht nicht darin, das Gute geringzuschätzen, sondern den Ursprung zu klären. Der Herr sucht nicht Menschen, die besonders eindrucksvoll gut sind, sondern Menschen, in denen Er selbst leben und handeln kann. „Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal. 2:20) beschreibt genau diesen Wechsel: vom Selbst, das für Gott versucht zu leben, hin zu einem Leben, das aus Christus lebt. Wo der Baum des Lebens den inneren Vorrang erhält, verliert das selbstgemachte Gute seine Faszination. Gerechtigkeit, Heiligkeit und geistliche Kraft bleiben wichtig, aber sie werden Frucht eines anderen Baumes – Ausdruck eines Lebens, das wir nicht produzieren, sondern empfangen.
doch von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, von dem darfst du nicht essen; denn an dem Tag, an dem du davon isst, wirst du auf jeden Fall sterben! (1. Mose 2:17)
Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden. (Kol. 3:4)
Ein Leben gemäß Gottes neutestamentlicher Ökonomie ist kein Überbietungsprojekt menschlicher Moral, sondern der schlichte, tiefe Weg, auf dem Christus selbst unser Leben wird. Wer lernt, zwischen guten Dingen und dem Baum des Lebens zu unterscheiden, gewinnt einen ruhigeren Blick auf sich selbst und eine wachere Wahrnehmung für den Herrn in sich. So wird das Christenleben weniger ein permanenter Leistungsversuch und mehr eine wachsende Vertrautheit mit dem Allumfassenden, der sich in unserem gewöhnlichen Leben ausdrücken möchte.
Herr Jesus Christus, Du Allumfassender, danke, dass Dein Tod, Deine Auferstehung und Deine Himmelfahrt nicht nur Deine Geschichte sind, sondern vor Gott auch unsere Geschichte. Öffne unseren Blick, damit wir nicht an guten, religiösen oder moralischen Dingen hängen bleiben, sondern Dich selbst als unseren Baum des Lebens und als unser wahres Leben erkennen. Stärke in uns den Glauben, dass wir in Dir mitgestorben, mitauferstanden und mitversetzt sind in die himmlischen Örter und dass Du in uns weiterlebst und wirkst. Lass Dein Leben in uns jeden Ersatz überstrahlen und unser Denken, Fühlen und Handeln sanft durchdringen, damit Dein Plan im Alltag Gestalt gewinnt. Fülle uns neu mit Deinem lebengebenden Geist, damit unser Weg von Dir herkommt, zu Dir hinführt und Deine neutestamentliche Ökonomie widerspiegelt. In Deiner Treue und Gnade bewahre uns in dieser Wirklichkeit, bis wir Dich von Angesicht zu Angesicht sehen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Mark, Chapter 61