Das Wort des Lebens
lebensstudium

Ein Leben ganz gemäß und für Gottes neutestamentliche Ökonomie (11)

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Manche biblische Bücher scheinen auf den ersten Blick unscheinbar zu sein – so schlicht, dass man sich fragt, ob darin wirklich verborgener Reichtum steckt. Das Markusevangelium wirkt im Vergleich zu Matthäus, Lukas oder Johannes fast wie ein Glas klares Wasser ohne besondere Farbe und ohne starken Geschmack. Gerade diese Einfachheit ist jedoch voller Bedeutung: In der unaufgeregten Darstellung des Lebens Jesu zeigt Markus eine Lebensweise, die alle vertrauten Kategorien von Religion, Ethik und Charakterbildung hinter sich lässt. Wer sich auf diese scheinbar einfache Erzählung einlässt, entdeckt eine tiefe Linie: Gott beginnt in Christus etwas völlig Neues und teilt sich selbst in Menschen aus, um sie zum Leib Christi und damit zum Ausdruck des Dreieinen Gottes zu machen.

Ein neues Beginnen: Das Evangelium beendet alle alten Dinge

Markus setzt ein mit einem Satz, der wie ein geistlicher Urknall klingt: „Anfang des Evangeliums Jesu Christi“ (Mk. 1:1). Dieses Wort „Anfang“ markiert nicht nur den Start einer Erzählung, sondern einen Einschnitt in die Geschichte Gottes mit dem Menschen. Gott setzt einen neuen Anfang, indem Er nicht ein weiteres Gesetz gibt, keine verfeinerte Ethik, keine optimierte Religion, sondern indem Er Seinen Sohn sendet. Mit der Ankunft Jesu Christi erklärt Gott alles, worauf der Mensch bisher vertraute, für vorläufig: Kultur, Moral, religiöse Systeme, sogar das Bemühen, besonders heilig oder geistlich zu erscheinen. In Jesus beginnt etwas, das nicht aus der alten Schöpfung hervorgeht, sondern aus Gott selbst kommt. Darum heißt es in Johannes 1:1: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“ Der neue Anfang ist nicht eine Idee, er ist eine Person.

The New Testament economy of God is for God to dispense Himself into His chosen people to make them sons of God and members of Christ for the formation of the Body of Christ to express the Triune God. This is a simple definition of the wonderful matter of God’s New Testament economy. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft zweiundsechzig, S. 526)

Dieses neue Beginnen zeigt sich leibhaftig in der Taufe Jesu. „Und es geschah in jenen Tagen: Jesus kam von Nazareth in Galiläa und wurde von Johannes im Jordan getauft“ (Mk. 1:9). Dass der Sündlose in die Bußtaufe der Sünder hinabsteigt, ist mehr als Demut: Es ist ein Bild, dass Er alles Alte an sich nimmt, mit in den Tod hinunterträgt und damit Gottes Urteil über den ganzen alten Menschen bestätigt. Wie die Kinder Israels durch das Rote Meer gingen und der Pharao mit seinem Heer hinter ihnen her unterging, so markiert die Taufe des Herrn das Ende der alten Ordnungen und Sicherheiten. Gottes neutestamentliche Ökonomie versucht nicht, das Alte zu veredeln; sie begräbt es in Christus und lässt aus diesem Grab ein Leben aufstehen, das aus der Auferstehung stammt. In diesem Licht wird das Evangelium zu einer stillen, aber radikalen Einladung, die alten Stützen innerlich loszulassen und in den neuen Anfang hineinzutreten, den Gott selbst in Seinem Sohn eröffnet hat. Wer diesem Anfang vertraut, darf mitten in einer unveränderten Welt eine tief veränderte Existenz führen – getragen nicht mehr von eigener Leistung, sondern von dem, der alles Alte hinter sich gelassen und ein unerschütterliches Leben aus Gott ans Licht gebracht hat.

Gottes neutestamentliche Ökonomie ist dabei nicht abstrakt. Sie besteht darin, dass Er sich selbst, der Dreieine Gott, in Seine Auserwählten hineingibt, um sie zu Söhnen Gottes und Gliedern Christi zu machen, damit der Leib Christi hervorkommt und der Dreieine Gott ausgedrückt wird. Ein solcher Anfang nimmt uns mit hinein: Wir werden nicht Zuschauer einer neuen Epoche, sondern Teil dieses neuen Menschen in Christus. Das mag uns beschämen, weil wir merken, wie sehr wir an alten Mustern hängen; doch zugleich liegt hierin große Ermutigung. Dieser Anfang ruht nicht auf unserer Entschlossenheit, sondern auf Gottes Entschluss in Christus. Wer unter diesem Evangelium lebt, darf immer wieder neu erfahren, dass Gottes „Anfang“ stärker ist als jedes alte Scheitern und dass Er fähig ist, selbst die festgefahrensten Lebensgeschichten in die Bewegung Seines neuen Lebens hineinzunehmen.

ANFANG des Evangeliums Jesu Christi; (Mk. 1:1)

Und es geschah in jenen Tagen: Jesus kam von Nazareth in Galiläa und wurde von Johannes im Jordan getauft. (Mk. 1:9)

Dass Gott im Evangelium Jesu Christi einen neuen Anfang macht, bedeutet, dass wir unser Leben nicht länger von den Kategorien der alten Schöpfung bestimmen lassen müssen – weder von kulturellen Erwartungen noch von religiösen Leistungsmaßstäben. In der täglichen Praxis heißt das: Unsere Identität, unser Wert und unsere Hoffnung werden in Christus verankert, der das Alte durch Seinen Tod beendet und in Seiner Auferstehung ein neues Leben eröffnet hat. Je mehr wir dem glauben, desto freier können wir das alte Streben nach Selbstbestätigung loslassen und uns dem leisen, aber wirksamen Handeln Gottes in uns überlassen. So wird unser Lebensweg, trotz aller Brüche und Schwächen, zu einem Zeugnis dafür, dass Gottes Anfang in Christus beständiger ist als alles, was wir hinter uns lassen.

Der König und das Reich: Jesus als Same des Königreichs Gottes

Wenn Markus berichtet, dass Jesus nach der Gefangennahme des Johannes „nach Galiläa kam und das Evangelium Gottes predigte“ (Mk. 1:14), dann tritt hier nicht einfach ein neuer Lehrer auf die Bühne, sondern der König selbst betritt sein Gebiet. Das Königreich Gottes beginnt nicht mit einer Verfassung, sondern mit einer Person. Dieser König lebt nicht innerhalb der bestehenden religiösen Ordnung, er sprengt sie. Er heilt am Sabbat, berührt Unreine, isst mit Zöllnern und Sündern. Sein Leben zeigt, dass das Reich Gottes zuerst eine Wirklichkeit ist, die in ihm selbst verkörpert ist: Wo er ist, dort ist Gottes Herrschaft gegenwärtig. Wenn Jesus sagt: „Die Zeit ist erfüllt, und das Königreich Gottes ist nahe herbeigekommen“ (vgl. Mk. 1:15), heißt das: In mir ist das Reich greifbar geworden.

But in Mark we see a Man who is in an altogether different category. This One—the Lord Jesus—lives in the kingdom of God. Actually, He Himself is the kingdom. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft zweiundsechzig, S. 529)

Dieses Geheimnis vertieft der Herr im Gleichnis vom Sämann. Dort sät er nicht eine Idee, sondern sich selbst als Samen des Lebens in die Herzen der Menschen. Der Same ist zunächst verborgen, unscheinbar, aber voller Königswürde. Aus diesem Samen wächst in den Gläubigen die innere Wirklichkeit des Königreichs: Gottes Herrschaft als Leben, das von innen her ordnet, belebt und prägt. Mit der Zeit nimmt dieser Samen eine gemeinschaftliche Gestalt an. Menschen, in die derselbe Christus hineingesät wurde, werden zu einem Feld, in dem das Reich Gottes sichtbar wird. So wird deutlich: Das Königreich Gottes ist die Vergrößerung und Ausdehnung der Person Jesu – eine Gemeinschaft, in der sein Leben geteilt wird und seine Herrschaft geteilt geantwortet wird.

Damit rückt auch die Gemeinde ins Blickfeld. Diejenigen, in die Christus als Same des Lebens hineingekommen ist, bilden den Leib Christi. Hier wird das, was im Markusevangelium in der Person Jesu sichtbar wird, corporativ fortgesetzt. In dieser Gemeinschaft geht es nicht zuerst um Organisationsformen, sondern darum, dass derselbe König durch viele menschliche Herzen regiert. „Und es kam eine Wolke, die sie überschattete; und eine Stimme kam aus der Wolke: Dieser ist mein geliebter Sohn, ihn hört!“ (Mk. 9:7) – dieser Ruf vom Berg der Verklärung weist den Weg: Das Hören auf den Sohn ist der Weg in die Realität des Königreichs. Je mehr Christus in uns Raum gewinnt, desto deutlicher wird das Königreich Gottes mitten im Gewöhnlichen unserer Beziehungen und Versammlungen wahrnehmbar. Das mag äußerlich unspektakulär bleiben, aber innerlich wächst eine königliche Wirklichkeit heran, die schon jetzt von der kommenden Herrlichkeit kündet.

So wird der Blick weit: Das Königreich Gottes ist nicht nur Trost für das persönliche Leben, sondern die große Bewegung Gottes, durch die Er Seine Herrschaft in Liebe und Leben aufrichtet. Teil dieser Bewegung zu sein bedeutet, sich von Christus als dem König berühren, führen und prägen zu lassen, bis unser Denken, Reden und Handeln die Handschrift eines anderen Reiches tragen. Auch wenn vieles im Alltag bruchstückhaft bleibt, ist doch gewiss: Wo dieser König sein Leben als Same in uns gelegt hat, dort wird Er auch vollenden, was Er begonnen hat. In dieser Gewissheit kann der Glaube mutig und ruhig zugleich sein – wissend, dass der König selbst für die Entfaltung Seines Reiches in uns und unter uns einsteht.

Und nachdem Johannes überliefert war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes (Mk. 1:14)

Und es kam eine Wolke, die sie überschattete; und eine Stimme kam aus der Wolke: Dieser ist mein geliebter Sohn, ihn hört! (Mk. 9:7)

Wenn Jesus selbst das Königreich Gottes ist, rückt die Frage, wie sehr seine Person unser Inneres durchdringt, in den Mittelpunkt. Ein Leben im Reich bedeutet dann weniger, äußere Regeln zu erfüllen, als vielmehr, innerlich von diesem König regiert zu werden. In unseren Beziehungen, Entscheidungen und Konflikten erhält der Maßstab „Was entspricht dem Charakter Christi?“ ein neues Gewicht: Der König, der sich als Same des Lebens in uns gesät hat, sucht Entsprechung. Wo wir ihm Raum geben, wird sein Reich konkret – in Sanftmut statt Härte, in Wahrhaftigkeit statt Fassade, in Hingabe statt Berechnung. So erwächst mitten in einer zerrissenen Welt eine leise, aber kraftvolle Gemeinschaft, in der Christi Gegenwart spürbar wird und Menschen ahnen können, wie herrlich es ist, wenn Gott regiert.

Die Austeilung des Dreieinen Gottes: Ein Leben für den Leib Christi

Im Markusevangelium begegnet uns ein Leben, das in seiner äußeren Gestalt schlicht ist, innerlich aber eine unendliche Tiefe trägt. Jesus wandert durch Galiläa, berührt Kranke, redet mit Verachteten, zieht sich zum Gebet zurück und ist doch immer derselbe: der Dreieine Gott in menschlicher Gestalt, der sich mitteilt. In allem, was er tut, gibt er nicht bloß ein Beispiel guter Moral, sondern teilt Gott selbst aus. Wenn er predigt, sind seine Worte nicht nur wahr, sie tragen Leben. Wenn er einen Aussätzigen anrührt, fließt nicht nur Mitgefühl, sondern göttliche Wirklichkeit in ein zerbrochenes Dasein. „So trat Johannes auf und taufte in der Wüste und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden“ (Mk. 1:4); auf diese Bewegung der Vorbereitung folgt ein Dienst, in dem die volle Nähe Gottes erfahrbar wird. Gottes neutestamentliche Ökonomie hat genau dieses Ziel: dass der Dreieine Gott sich selbst in Seine Gläubigen hinein austeilt und nicht nur von außen an ihnen arbeitet.

Wie wir gesehen haben, besteht Gottes Ökonomie darin, dass Er Sich Selbst – der Dreieine Gott – an Seine Gläubigen austeilt. Nur die Lebensweise, die der Herr Jesus führte, ist ein Leben, in dem der Dreieine Gott in Gottes auserwähltes Volk ausgeteilt wird. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft zweiundsechzig, S. 530)

Daran wird auch deutlich, worin der Unterschied zu einem beeindruckend religiösen Leben liegt. Ein Mensch kann sich disziplinieren, moralische Höchstleistungen bringen, sich akribisch an geistliche Programme halten und doch in einem System kreisen, in dem letztlich das eigene Ich im Zentrum bleibt – das Ich, das sich verbessern, bewähren und sichern will. Ein solches Leben kann fromm aussehen, teilt aber keinen Christus aus. Wo aber Christus als der verkörperte Dreieine Gott im Inneren Raum gewinnt, entsteht etwas anderes: Wir werden zu Kanälen, durch die das empfangene Leben weiterfließt. „Für den Aufbau des Leibes Christi müssen wir Leben darreichen; wir erfahren und genießen das Auferstehungsleben innerlich und reichen dann dieses Leben dar, indem wir ein Kanal sind, durch den dieses Leben in andere Glieder des Leibes hineinfließen kann.“ In der Sprache des Neuen Testaments bedeutet das: Die Gemeinde wird zum Leib Christi, in dem jedes Glied von demselben Leben belebt wird und dieses Leben den anderen dient.

Diese Austeilung geschieht meist unscheinbar. Ein Wort der Ermutigung, das aus der eigenen Begegnung mit dem Herrn kommt, trägt mehr Gewicht als eine perfekt formulierte, aber innerlich leere Rede. Ein stilles Tragen im Gebet hat mehr Anteil am Aufbau des Leibes Christi als mancher öffentlich sichtbare Einsatz, der vom Drang nach Anerkennung getrieben ist. Auf diese Weise wächst der Leib Christi nicht als Organisation, sondern als lebendiger Organismus – gespeist aus der ständigen Austeilung des Dreieinen Gottes. Im Hintergrund steht die Zusage, dass Gott selbst dieses Werk trägt: „Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns … voller Gnade und Wirklichkeit“ (Joh. 1:14). Der, der einst mitten unter uns zeltete, wohnt nun im Geist in den Seinen, um sich in ihnen und durch sie auszuteilen.

Ein Leben nach Gottes neutestamentlicher Ökonomie ist darum zugleich nüchtern und tröstlich. Nüchtern, weil es uns entlarvt, wo wir religiös beeindruckend sein wollen, ohne wirklich Leben weiterzugeben. Tröstlich, weil es uns von der Last befreit, uns selbst groß machen zu müssen. Der Maßstab ist nicht, wie glänzend unser Dienst erscheint, sondern wie viel Raum der Herr in uns und durch uns hat, sein Leben auszuteilen. In diesem Licht kann selbst ein unscheinbarer Alltag eine tiefe Würde bekommen: Jeder verborgene Gehorsam, jede leise Hingabe, jedes aufrichtige Wort wird Teil des langsamen, aber sicheren Bauens des Leibes Christi. Und mitten in diesem Prozess dürfen wir gewiss sein: Der Dreieine Gott, der sich uns schenkt, hört nicht auf, uns zu formen, zu nähren und zu gebrauchen, bis sein Leib gebaut und sein Ausdruck in der Gemeinde sichtbar geworden ist.

So trat Johannes auf und taufte in der Wüste und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden. (Mk. 1:4)

Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns (und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als des Einziggeborenen vom Vater), voller Gnade und Wirklichkeit. (Joh. 1:14)

Der Unterschied zwischen einem religiös beeindruckenden Leben und einem Leben nach Gottes neutestamentlicher Ökonomie liegt darin, ob wir vor allem mit uns selbst beschäftigt sind oder ob Christus wirklich im Zentrum steht. Wo der Herr in uns wohnt und wirkt, entsteht eine Schlichtheit, die nicht arm, sondern voll ist: voll von Christus, der sich teilt. Das verändert, wie wir Dienst, Gemeindeleben und Alltag sehen. Nicht das Außergewöhnliche zählt, sondern das Durchlässigsein für den, der in uns lebt. So kann selbst die unscheinbare Treue eines verborgenen Dienstes ein wichtiger Beitrag zum Aufbau des Leibes Christi sein. Und gerade darin liegt eine stille Ermutigung: Niemand ist zu gering, um Träger und Austeiler dieses göttlichen Lebens zu sein, denn es ist der Dreieine Gott selbst, der in den Schwachen Seine Kraft vollendet.


Herr Jesus Christus, danke, dass du als Anfang des Evangeliums gekommen bist und alles Alte beendet hast, worauf wir Menschen uns stützen wollten. Du bist der Same des Königreichs Gottes und der verkörperte Dreieine Gott, der sich selbst in uns hineingesät hat, damit wir in deinem Leben wachsen und als dein Leib deine Herrlichkeit ausdrücken. Stärke in uns das Vertrauen, dass dein neues Leben stärker ist als unsere alten Muster, unsere Religiosität und unsere eigene Anstrengung, besser zu werden. Lass dein Leben in uns zur Reife kommen, damit aus unserem Alltag ein leiser, aber deutlicher Ausdruck deines Reiches hervorgeht und andere durch uns etwas von dir empfangen. Fülle uns neu mit deinem Geist, damit wir nicht aus uns selbst heraus leben, sondern als Kanäle deiner Gnade für den Leib Christi. Bewahre uns in der Hoffnung, dass du dein Werk in uns vollendest und dein Reich durch deine Gemeinde sichtbar machst. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Mark, Chapter 62