Das Wort des Lebens
lebensstudium

Ein Leben ganz gemäß und für Gottes neutestamentliche Ökonomie (9)

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Viele Christen wissen, dass Jesus der Christus ist, doch nur wenige fragen, was dieses Titelwort konkret mit ihrem täglichen Leben zu tun hat. Zwischen der biblischen Erkenntnis und unserer tatsächlichen Erfahrung scheint oft eine Lücke zu liegen – ähnlich wie bei den Jüngern, die Jesus nachfolgten und dennoch kaum verstanden, was sein Weg nach Jerusalem bedeutete. Gerade im Markusevangelium wird sichtbar, wie der Herr seine Jünger Schritt für Schritt in sein Geheimnis von Kreuz und Auferstehung hineinzieht, um sie – und mit ihnen uns – in Gottes Plan hineinzustellen.

Christus – der Gesalbte, der den Dreieinen Gott in uns sät

Wenn Petrus bekennt: „Du bist der Christus“ (Markus 8:29), greift er einen Titel auf, der im Alten Bund vorbereitet und im Neuen Bund erfüllt wird. Gesalbte gab es schon früher: Könige, Priester und Propheten, die Öl empfingen als Zeichen, dass Gott sie für einen bestimmten Dienst abgesondert und befähigt hatte. Doch bei Jesus verdichtet sich alles. Er ist nicht nur ein weiterer Gesalbter unter vielen, sondern der von Gott Gesalbte, in dem die ganze Fülle der Gottheit wohnt leibhaftig. Seine Salbung ist nicht nur Auftrag, sondern auch Inhalt: In Ihm kommt der Dreieine Gott selbst auf uns zu, um nicht bloß über uns zu herrschen oder zu uns zu reden, sondern sich als Leben in uns hineinzuteilen.

Der Herr Jesus wurde von Gott gesalbt, um Seinen Auftrag zu erfüllen. Ein entscheidender Teil dieses Auftrags besteht darin, den Dreieinen Gott in Gottes auserwähltes Volk hineinzuteilen. Daher hatte Christus als der Gesalbte den Auftrag, den Dreieinen Gott in Sein Volk hineinzuteilen. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft sechzig, S. 511)

Johannes fasst das Ziel dieser Offenbarung so zusammen: „Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, daß Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen“ (Johannes 20:31). Hier verbindet er die Person „Jesus“, den Titel „Christus“ und die Wirkung „Leben“. Wer an Jesus glaubt, wie Gott Ihn bezeugt – als den Christus, den Sohn Gottes – empfängt nicht nur Vergebung oder eine neue Lehre, sondern Leben. Das Markusevangelium zeigt, wie der Herr als der Gesalbte handelt; die Briefe öffnen, was dabei innerlich geschieht. Paulus sagt: „Der uns aber samt euch an Christus befestigt und uns gesalbt hat, ist Gott, Er, der uns auch versiegelt und den Geist als Unterpfand in unsere Herzen gegeben hat“ (2. Korinther 1:21–22). Gott salbt also nicht nur den Christus, Er salbt uns in Christus, versiegelt uns und gibt uns den Geist als inneren Pfand. So wird deutlich, was es bedeutet, dass Christus der Sämann ist: Er sät den Dreieinen Gott selbst in unser Inneres, indem Er als Geist in unseren Geist kommt.

Ein Leben gemäß Gottes neutestamentlicher Ökonomie entsteht daher nicht aus äußerer Anstrengung, sondern aus dieser inneren Salbung. Christus als der Gesalbte wohnt in unserem Geist und macht den Dreieinen Gott in uns wirksam – leise, beständig, oft gegen unsere spontanen Neigungen. Wer das erkennt, darf lernen, auf dieses innere Wirken zu achten und ihm Raum zu geben. Statt sich von wechselnden Gefühlen oder Umständen bestimmen zu lassen, wächst eine stille Zuversicht: In allem, was geschieht, ist der Gesalbte in mir tätig. Diese Gewissheit macht das Herz weit. Sie richtet den Blick weg von der eigenen Schwachheit hin zu dem, der in uns gesalbt, versiegelt und als Geist gegeben ist. So wird der Titel „Christus“ nicht nur zu einer theologischen Bezeichnung, sondern zum Grundton eines Lebens, das von innen her getragen, genährt und erneuert wird.

Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, daß Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen. (Joh. 20:31)

Der uns aber samt euch an Christus befestigt und uns gesalbt hat, ist Gott, (2.Kor 1:21)

Wer Jesus als den Christus erkennt, darf sein eigenes Leben neu deuten: Nicht mehr ich muss mich aus eigener Kraft verändern, sondern der Gesalbte lebt in mir und teilt mir den Dreieinen Gott als Leben mit. In dieser Gewissheit wächst Vertrauen – auch dort, wo vieles unklar bleibt. Das Bewusstsein der inneren Salbung befreit von Druck und öffnet für ein ruhiges, erwartungsvolles Mitgehen mit Gott, der in uns angefangen hat, was Er auch vollenden wird.

Der Weg nach Jerusalem – mit Christus gekreuzigt und auferstanden

Von dem Moment an, in dem Petrus bekennt, dass Jesus der Christus ist, wendet der Herr den Blick seiner Jünger auf einen Weg, den sie nicht erwartet hatten: den Weg nach Jerusalem, den Weg des Kreuzes. Dreimal kündigt Er sein Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung an, doch die Jünger hören mit einem anderen Ohr. Statt sich von der Wirklichkeit des Kreuzes treffen zu lassen, beschäftigt sie die Frage nach Größe, Rang und Position. Ihr Denken bleibt bei einem irdischen Christus stehen, der äußerlich herrscht und sie in diese Herrschaft einbezieht. Im Gegensatz dazu führt der Herr sie in eine viel tiefere Gemeinschaft: Er will sie in seinen Tod und seine Auferstehung mit hineinnehmen, damit sie nicht nur Zeugen, sondern Teilhaber seines Lebens werden.

Nach dem Tod, der Auferstehung und der Auffahrt des Herrn begannen die Jünger zu verstehen, welche Bedeutung all das hatte, was gemäß dem Bericht im Evangelium nach Markus geschehen war. In seinem ersten Brief sagt Petrus: „Gesegnet sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach Seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“ (1.Petr. 1:3). Dieser Vers zeigt, dass Petrus die Augen geöffnet wurden und dass er voll Verständnis darüber war, was der Herr mit ihm getan hatte. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft sechzig, S. 513)

Das Markusevangelium zeichnet diesen Weg in knappen Strichen, doch im Licht der Briefe wird sichtbar, was in Gottes Augen geschah. Paulus bekennt: „Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Galater 2:20). Er versteht seinen Weg mit dem Herrn nicht als moralische Verbesserung, sondern als eine radikale Vereinigung: Das alte Ich wurde mit Christus gekreuzigt, ein neues Leben ist in der Kraft seiner Auferstehung entstanden. Petrus, der den Weg des Herrn nach Jerusalem einst nicht begreifen konnte, schreibt später: „Gesegnet sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach Seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“ (1. Petrus 1:3). In diesem Rückblick erkennt er: In der Auferstehung des Herrn wurden wir selbst zu einem neuen Leben geboren. Der Weg nach Jerusalem war nicht nur die Geschichte Jesu, sondern auch der Weg, auf dem Gott unsere alte Existenz beurteilte und uns in seinem Sohn eine neue Herkunft schenkte.

Ein Leben nach Gottes neutestamentlicher Ökonomie erwächst aus dieser Sichtweise. Der Herr lädt nicht dazu ein, das alte Selbst zu verbessern, sondern mit Ihm zu gehen, damit sein Kreuz unseren Ehrgeiz, unsere Selbstbehauptung und unsere eigenen Pläne trifft. Wo Sein Tod uns erreicht, wird unsere Handlungsfähigkeit nicht vernichtet, sondern befreit: Aus dem, was wir aus uns selbst sind, werden wir herausgelöst, und in dem, was Er in der Auferstehung ist, werden wir gegründet. So wird der Weg nach Jerusalem zu einer lebenslangen Bewegung: Immer wieder kommen wir an Punkte, an denen Gott einen Abschied von vertrauten Sicherheiten fordert und uns zugleich tiefer in die Wirklichkeit der Auferstehung hineinführt. In dieser Spannung reift ein stilles Vertrauen: Der Christus, der für uns gestorben und auferstanden ist, trägt uns durch alles, was uns mit Ihm in diese Form hineinbringt. Sein Kreuz wird nicht zum Ende der Geschichte, sondern zum Durchgang in ein Leben, das von Ihm her neu geprägt ist.

Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; und das Leben, das ich jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben, in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt und Sich Selbst für mich hingegeben hat. (Gal. 2:20)

Gesegnet sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach Seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, (1.Petr. 1:3)

Wer erkennt, dass er mit Christus gekreuzigt und auferstanden ist, muss sich nicht mehr an der eigenen moralischen Steigerung festhalten. Der Weg nach Jerusalem in unserem Alltag ist oft schmerzlich, weil er Abschied von altem Ehrgeiz und vertrauten Mustern bedeutet. Doch in allem spricht die Zusage mit: Dein Leben ist in Christus verborgen, dein wahres Ich ist in seiner Auferstehung begründet. Diese Gewissheit kann auch schwere Wege durchziehen mit einer leisen, aber standhaften Hoffnung, dass Gott gerade dort sein neues Leben in uns zur Entfaltung bringt.

Von Blindheit zu Verständnis – lernen, aus der Salbung zu leben

Die Jünger begleiten den Herrn, hören seine Worte, sehen seine Werke – und verstehen doch vieles nicht. Der Herr erklärt nicht jeden Schritt, den Er mit ihnen geht; oft lässt Er sie betrachten, beobachten, staunen. Im Evangelium nach Markus steht nicht die systematische Unterweisung im Vordergrund, sondern das Mitgehen: Der Herr nimmt die Jünger mit in Situationen, die sie überfordern, erträgt ihre Missverständnisse und ihren Widerstand, ohne ihnen sofort die tiefere Deutung zu geben. Erst nach Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt, als der Geist ausgegossen ist, beginnt ihnen aufzugehen, was sie mit Ihm erlebt haben. Die Evangelien werden rückblickend zu einer Biographie des Herrn, die Briefe zu ihrer inneren Auslegung.

Im Evangelium nach Markus liegt der Schwerpunkt beim Herrn Jesus nicht darauf, die Jünger zu schulen oder sie zu lehren. Stattdessen nimmt Er sie überallhin mit, wohin Er geht, damit sie Sein Leben beobachten. Sie hörten, was der Herr sagte, und sie sahen, was Er tat. Sie beobachteten, wie Er mit vielen verschiedenen Fällen umging. Damals wurde die Auslegung dieser Fälle noch nicht gegeben. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft sechzig, S. 513)

Damit zeichnet Gott einen Weg, der auch unsere Erfahrung prägt. Zuerst führt Er uns durch Umstände, die wir kaum einordnen können. Wir erleben Begrenzungen, Brüche, Überraschungen, in denen unser eigenes Verständnis an Grenzen kommt. Später öffnet der Geist durch das Wort unsere Augen und lässt uns erkennen, was Er in uns getan hat. Johannes beschreibt den Zweck der schriftlichen Zeugnisse so: „Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, daß Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen“ (Johannes 20:31). Das äußere Zeugnis der Schrift verbindet sich mit einem inneren Zeugnis: der Salbung. Der gesalbte Christus wirkt als Geist in unserem Geist, macht uns aufmerksam, korrigiert unsere Deutungen, tröstet, richtet neu aus. Was uns zuvor wie Zufall oder Scheitern erschien, wird im Licht dieses inneren Unterrichts zu einem Weg, auf dem der Herr uns tiefer mit seinem Tod und seiner Auferstehung verbindet.

So verwandelt der Herr unsere geistliche Blindheit nicht durch einen Schlag, sondern durch ein geduldiges Begleiten. Oft entdecken wir erst im Nachhinein, dass Er gerade dort am tiefsten gewirkt hat, wo wir uns selbst als sonderbar, widersprüchlich oder unfähig erlebt haben. Der innere Lehrer ist die Salbung, die nicht von außen an uns herantritt, sondern in uns wohnt. Sie erinnert uns daran, dass wir in Christus sind und Christus in uns ist, auch wenn Gefühle und Umstände etwas anderes zu sagen scheinen. Wer gelernt hat, sein Leben nicht allein an den sichtbaren Eindrücken, sondern an Gottes Offenbarung in Christus zu deuten, gewinnt einen neuen Blick auf die eigene Geschichte. Die Wege Gottes werden dadurch nicht durchschaubar, aber das Herz findet Ruhe darin, dass der Gesalbte selbst uns durch alles hindurchführt und unser Sehen Schritt für Schritt klärt.

Aus dieser Perspektive wird das eigene Leben zu einem stillen Dialog zwischen der äußeren Geschichte und dem inneren Wirken des Geistes. Missverständnisse und Umwege verlieren ihren lähmenden Charakter, weil sie in den größeren Zusammenhang von Gottes geduldiger Erziehung hineingenommen sind. Ein Mensch, der so lernt, aus der Salbung zu leben, bleibt nicht bei sich selbst stehen, sondern wächst in eine gelassene Offenheit hinein: Er rechnet damit, dass Gott auch aus Unklarem und Schmerzhaftem Gutes hervorbringt und die Augen weiter öffnet. Diese Haltung ist nicht naiv, sondern gründet in der Erfahrung, dass der Herr es gut meint und seine eigenen langsam, aber sicher in das Verständnis hineinführt, das Ihm entspricht.

Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, daß Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen. (Joh. 20:31)

Das Bewusstsein, dass Christus selbst durch seine Salbung unser innerer Lehrer ist, entlastet von dem Druck, immer alles sofort verstehen zu müssen. Es wird möglich, eigene Begrenztheit anzunehmen, ohne zu resignieren. In der Spannung zwischen Nicht-Verstehen und wachsendem Licht darf das Herz lernen, zu vertrauen: Der Herr ist auch dann am Werk, wenn meine Sicht verschwommen ist, und Er wird die Schritte meines Lebens im Licht seiner Auferstehung deuten – heute schon im Ansatz, und einst in vollkommener Klarheit.


Herr Jesus Christus, gesalbter Sohn des lebendigen Gottes, danke, dass du nicht fern geblieben bist, sondern den Dreieinen Gott als Leben in uns hineingesät hast. Du kennst unsere Blindheit, unsere Unruhe und unsere inneren Kämpfe, und doch hast du uns in deinen Weg des Kreuzes und der Auferstehung mit hineingenommen. Öffne unsere Augen, damit wir dich als den in uns wohnenden Christus erkennen und lernen, unser Leben aus deiner Salbung und nicht aus eigener Kraft zu führen. Stärke in uns die Gewissheit, dass unser altes Ich mit dir gekreuzigt wurde und dass dein Auferstehungsleben unsere wahre Identität ist. Fülle uns mit lebendiger Hoffnung, wenn wir auf deine Wege schauen, und lass uns im Alltag erfahren, dass du in uns bist und wir in dir geborgen sind. Dein Geist möge uns trösten, korrigieren und aufrichten, bis dein Plan in uns und durch uns sichtbar wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Mark, Chapter 60