Der Tod und die Auferstehung des Sklaven‑Erlösers zur Vollbringung der Erlösung Gottes (3)
Die Worte Jesu am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ gehören zu den ergreifendsten Sätzen der Bibel. Sie stellen uns vor eine Spannung: Der Sohn, der doch eins ist mit dem Vater, erlebt Verlassenheit und Gericht. Wer hier nur menschliches Leiden sieht, verpasst die Tiefe des göttlichen Handelns. Gerade in dieser dunkelsten Stunde offenbart sich das Herz des Dreieinen Gottes und die Größe des Erlösungswerkes, das unsere Rettung für alle Ewigkeit trägt.
Der Gott-Mensch: wahrer Mensch und wahrer Gott
Wenn das Neue Testament von der Geburt Jesu erzählt, öffnet sich ein Geheimnis, das die ganze Erlösung trägt. Als Josef ringend nachdachte, erschien ihm im Traum ein Engel und sprach: „denn das in ihr Gezeugte ist vom Heiligen Geist“ (Matthäus 1:20). In dieser schlichten Aussage begegnen sich zwei Welten. Von Maria her empfängt der Sohn die volle, unverfälschte menschliche Natur – mit Leib, Seele, Geist, mit Schwachheit, Wachstumsweg und Empfindsamkeit eines echten Menschen. Vom Heiligen Geist her empfängt er zugleich die göttliche Natur – das ewige, ungeschaffene Leben, die Heiligkeit und Liebe Gottes selbst. Nicht später wurde aus einem gottesfürchtigen Menschen allmählich ein göttliches Wesen; von seinem ersten Atemzug an ist er Gott im Fleisch, der Gott-Mensch.
Darum wurde der Herr Jesus als Mensch mit zwei Naturen geboren: mit der menschlichen Natur und der göttlichen Natur. Das gibt uns die Grundlage zu sagen, dass Er ein Gott-Mensch war. Er war von Gott geboren im Menschen. Von Gott empfing Er das göttliche Element, und von Maria empfing Er das menschliche Element. Diese beiden Elemente – Göttlichkeit und Menschlichkeit – machen Jesus zu einem Gott-Menschen. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft achtundvierzig, S. 416)
Weil diese beiden Naturen untrennbar sind, trägt jede Regung dieses Menschen ein ewiges Gewicht. Wenn er als Kind lernt und gehorcht, handelt ein wahrer Mensch – und doch sind seine Gedanken und sein Gehorsam von der Göttlichkeit durchdrungen. Wenn er weint, müde wird, angefochten wird, dann geschieht das in echter Menschlichkeit; gleichzeitig bleibt er der ewige Sohn, der in sich das Leben Gottes trägt. Als er mit etwa dreißig Jahren im Jordan getauft wurde, „wurden Ihm die Himmel geöffnet“ und der Geist Gottes kam wie eine Taube auf ihn, und eine Stimme sprach: „Dieser ist Mein Sohn, der Geliebte, an dem Ich Wohlgefallen gefunden habe“ (Matthäus 3:16–17). Der, auf den der Geist kommt, ist derselbe, der bereits vom Geist gezeugt wurde – der Gott-Mensch, der nun als gesalbter Knecht seinen Dienst antritt.
Gerade darin liegt der Grund, warum seine Erlösung uns nicht nur vorübergehend, sondern endgültig und tiefgreifend betrifft. Hätte nur ein großer Mensch für uns gelitten, könnten seine Verdienste nicht über sein eigenes Maß hinausreichen. Weil aber in Jesus die menschliche und die göttliche Natur personhaft verbunden sind, bekommt jedes seiner Leiden, jede seiner Tränen und schließlich sein Tod eine unbegrenzte Tragweite. Sein Gehorsam ist der Gehorsam eines Menschen – und zugleich der Gehorsam des Sohnes Gottes. So gründet unsere Erlösung nicht auf einem frommen Ideal, sondern auf der Person dessen, der wahrer Mensch und wahrer Gott ist. Wer sich an ihn hält, ruht in einer Erlösung, deren Tragweite nicht von der eigenen Instabilität abhängt, sondern von der unerschütterlichen Einheit dieser beiden Naturen in Christus.
Während er aber über diese Dinge nachdachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen, denn das in ihr Gezeugte ist vom Heiligen Geist. (Mt. 1:20)
Und nachdem Jesus getauft worden war, stieg Er sogleich aus dem Wasser herauf, und siehe, da wurden Ihm die Himmel geöffnet, und Er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und auf Ihn kommen. (Mt. 3:16)
Im Blick auf den Gott-Menschen wird deutlich: Unser Heil steht nicht auf der Zartheit unseres Glaubens, sondern auf der Festigkeit seiner Person. Wer erkennt, dass Jesus zugleich ganz einer von uns und ganz Gott ist, beginnt anders über Schuld, Schwachheit und Zukunft nachzudenken. Die eigene Begrenztheit schreckt nicht mehr so sehr, denn sie trifft auf einen Erlöser, der unsere Menschlichkeit von innen kennt und sie zugleich mit göttlicher Fülle erfüllt. Daraus wächst leise Mut: Die Wege dieses Gott-Menschen mit uns reichen tiefer als unsere Widersprüche und weiter als unser Vorstellungsvermögen. In seiner Person ist der Abstand zwischen Gott und Mensch überbrückt – und in dieser Brücke ist mehr Tragkraft, als alle Lasten eines Menschenlebens jemals aufbringen können.
Die Verlassenheit am Kreuz und das Geheimnis der Dreieinigkeit
In den Evangelien begegnet uns Jesus als einer, dessen ganzes Leben vom innigen Einssein mit dem Vater geprägt ist. Er sagt: „Ich bin in dem Namen meines Vaters gekommen“ (Johannes 5:43) und bezeugt: „Er, der Mich gesandt hat, ist mit Mir; Er hat Mich nicht allein gelassen, denn Ich tue allezeit die Dinge, die Ihm gefallen“ (Johannes 8:29). Später fasst er es zusammen: „Ich und der Vater sind eins“ (Johannes 10:30) und: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Johannes 14:9). Diese Worte schließen eine Trennung im Sein aus. Zwischen Vater und Sohn gibt es kein zeitweiliges Aufkündigen der inneren Einheit; die göttliche Gemeinschaft der Göttlichen Dreieinigkeit ist unauflöslich.
Aus diesen Versen erkennen wir, dass der Herr im Namen des Vaters kam, dass der Vater mit Ihm war, dass Er im Vater war und der Vater in Ihm, dass Er und der Vater eins sind und dass, wer Ihn sah, den Vater sah. Diese Verse belegen, dass der Herr niemals von Gott, dem Vater, getrennt war. Dennoch rief der Herr Jesus zur neunten Stunde: „Mein Gott, Mein Gott, warum hast Du Mich verlassen?“ Zweifellos macht dies deutlich, dass Gott Ihn verlassen hat. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft achtundvierzig, S. 415)
Gerade vor diesem Hintergrund erschüttert der Ruf am Kreuz umso mehr: „Mein Gott, Mein Gott, warum hast Du Mich verlassen?“ (Markus 15:34). Die Finsternis der sechsten bis zur neunten Stunde (Markus 15:33) ist mehr als nur ein Naturphänomen; sie spiegelt an der Schöpfung wider, was im Gericht geschieht. Der, der keinen Augenblick ohne den Vater lebte, tritt nun als Stellvertreter in das volle Gericht über die Sünde ein. Die Schrift sagt: Gott hat „den, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in Ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden“ (2. Korinther 5:21). Und Petrus bezeugt: Er „hat unsere Sünden Selbst in Seinem Leib an das Holz hinaufgetragen“ (1. Petrus 2:24). In dieser Stunde zieht Gott sich als der salbende, bestätigende Gegenwartsträger zurück; der Herr erfährt in seiner menschlichen Empfindung eine Verlassenheit, die dem Gewicht des Gerichtes entspricht.
Dennoch bleibt in der Tiefe bestehen, was von Ewigkeit gilt: der Sohn hört nicht auf, der Sohn zu sein. Die göttliche Natur wird nicht aufgehoben; der innere Zusammenklang der Göttlichen Dreieinigkeit zerbricht nicht. Was gerichtet und getragen wird, ist unsere Sünde, unser Gottverlassensein, nicht die ewige Beziehung im Herzen Gottes. Das Geheimnis bleibt größer als unser Verstand, doch die Schrift führt uns so weit, dass wir bekennen dürfen: Der, der am Kreuz den Gottverlassenen-Schrei ausstößt, bleibt derselbe, von dem der Vater gesagt hat: „Dieser ist Mein Sohn, der Geliebte.“ Darin liegt Trost: In der tiefsten Gottesferne, die es gibt, stand einer an unserer Stelle, dessen Gemeinschaft mit dem Vater stärker ist als Tod und Gericht. Die Verlassenheit, die uns galt, ist wirklich durchlitten, die Liebe, aus der heraus er sie trägt, bleibt ungebrochen.
Wer auf diese Szene schaut, entdeckt eine neue Sprache für eigene Dunkelheiten. Verlassenheitsgefühle, innere Finsternis und die Scham über Schuld stehen nicht mehr nackt vor einem fernen Gott, sondern im Licht des Kreuzes. Dort hat einer die ganze Schwere des Gottverlassenseins in sich aufgenommen, ohne dass Gottes Liebe zu ihm oder zu uns erloschen wäre. Das macht stille Zuversicht möglich: Auch wenn Empfindungen schwanken, ist die göttliche Wirklichkeit von Vater, Sohn und Geist nicht zerbrochen. Inmitten ungelöster Fragen darf die Seele zur Ruhe kommen bei dem Wissen: Der, der um unserer Sünde willen den Abstand geschmeckt hat, führt uns jetzt als der auferstandene Sohn in die Nähe des Vaters, in eine Gemeinschaft, die tiefer ist als jedes Gefühl und dauerhafter als jede Nacht.
Ich bin in dem Namen meines Vaters gekommen, und ihr nehmt mich nicht auf; wenn ein anderer in seinem eigenen Namen kommt, den werdet ihr aufnehmen. (Joh. 5:43)
Und Er, der Mich gesandt hat, ist mit Mir; Er hat Mich nicht allein gelassen, denn Ich tue allezeit die Dinge, die Ihm gefallen. (Joh. 8:29)
Die Spannung zwischen dem Einssein Jesu mit dem Vater und seinem Schrei der Verlassenheit bewahrt den Glauben vor Vereinfachungen. Gottes Nähe zeigt sich nicht nur in lichtvollen Erfahrungen, sondern gerade auch darin, dass Christus die dunkelste Distanz getragen hat. Darum werden Phasen der inneren Leere nicht automatisch zum Zeichen eines zerbrochenen Verhältnisses, sondern können im Licht des Kreuzes als Teil eines Weges verstanden werden, auf dem der Sohn uns nicht loslässt. Wer auf den Gottverlassenen am Kreuz schaut, lernt langsam, im eigenen Dunkel nicht vorschnell das Urteil über Gottes Herz zu sprechen. Aus diesem Blick erwächst eine leise, aber tragfähige Hoffnung: Die Gemeinschaft, in die Christus uns hineinzieht, ist widerstandsfähiger als unsere Schwankungen, weil sie aus der ewigen Treue des Vaters und des Sohnes stammt.
Ewige Erlösung durch den Tod des Sklaven-Erlösers
Am Kreuz stirbt kein anonymer Märtyrer, sondern der Sklaven-Erlöser, der Gott-Mensch. Seine Erniedrigung, sein Dienst, seine Schmach münden in den Tod – und gerade dieser Tod ist der Ort der Vollendung. Was ihn einzigartig macht, ist nicht nur die Tiefe des Leidens, sondern die Person, die dort leidet. Der, der „Sünde nicht kannte“ (2. Korinther 5:21), wird von Gott unter das Gericht gestellt. Der, der „der Gerechte“ heißt, leidet „für die Ungerechten“ (1. Petrus 3:18). So wird der Tod, der seit 1. Mose 3.als Lohn der Sünde über der Menschheit steht, durch den Tod eines einzig Gerechten in ein Werkzeug der Erlösung verwandelt. Der Gott-Mensch tritt an die Stelle der vielen, und sein Leben, das er hingibt, wiegt vor Gott mehr als alle Schuld, die er trägt.
Nach Hebräer 9:14 hat Christus „durch den ewigen Geist Sich Selbst Gott als ein makelloses Opfer dargebracht“. Obwohl Christus sowohl menschlich als auch göttlich ist, stellte Er Sich Gott als das allumfassende Opfer dar – nicht nur durch Sich Selbst, den göttlich-menschlichen Einen, sondern auch durch den ewigen Geist. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft achtundvierzig, S. 418)
Der Hebräerbrief gibt einen Blick in die unsichtbare Seite dieses Geschehens: Christus hat „durch den ewigen Geist Sich Selbst Gott als ein makelloses Opfer dargebracht“ (Hebräer 9:14). Hier kommt alles zusammen: die wahre Menschheit, in der er gehorsam leidet, die unveränderliche Göttlichkeit seiner Person und der ewige Geist, in dessen Kraft er sich hingibt. So erfüllt er und überbietet alle alttestamentlichen Opfer – Speis-, Sünd- und Übertretungsopfer – in einer einzigen, allumfassenden Hingabe. Auch als in der Stunde des Gerichtes der salbende Geist sich zurückzieht und er die Verlassenheit schmeckt, bleibt er doch der, der durch den ewigen Geist handelt. Sein Opfer ist nicht an einen Moment gebunden, sondern trägt die Prägung der Ewigkeit.
Darum nennt die Schrift die durch ihn gewirkte Erlösung eine ewige. Sie muss nicht ergänzt werden, sie verliert nicht an Kraft, sie ist nicht räumlich oder zeitlich begrenzt. Wer in Glauben an diesen Sklaven-Erlöser gebunden wird, tritt in einen Raum ein, in dem das vollbrachte Werk ständig gegenwärtig ist. Der Vorhang ist zerrissen, der Zugang zu Gott bleibt geöffnet (Markus 15:38). Selbst wenn Schuld neu bewusst wird, muss nicht ein neues Opfer gebracht werden; vielmehr wird aus derselben Quelle geschöpft, aus demselben ein für allemal dargebrachten Opfer. Die Auferstehung Christi ist das göttliche Siegel darauf, dass dieses Opfer angenommen ist: Der, der für die Sünden gestorben ist, lebt nun als Hoherpriester und Anwalt in der Kraft eines unauflöslichen Lebens.
Aus dieser Perspektive verändert sich der Blick auf das eigene Glaubensleben. Die Erlösung erweist sich nicht als zerbrechliches Arrangement, das leicht verspielt werden könnte, sondern als eine Wirklichkeit, die in Gottes eigener Treue verankert ist. Der Tod des Gott-Menschen bleibt, was er ist – unabhängig von der wechselnden Intensität des Glaubens. So kann im Herzen ein leiser, aber beständiger Friede wachsen: Das Fundament liegt außerhalb der eigenen Leistung, in der Tat dessen, der als Sklaven-Erlöser den tiefsten Weg gegangen ist. Sein Sterben hat ewigen Wert, sein Leben nach der Auferstehung bewahrt, was er erworben hat. Wer auf ihn schaut, findet eine Hoffnung, die nicht aus sich selbst schöpfen muss, sondern aus einem Werk, das längst vollbracht ist und dessen Wirksamkeit nicht endet.
Er hat den, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in Ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden. (2.Kor 5:21)
Denn auch Christus hat einmal für die Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, damit Er euch zu Gott hinführe, einerseits im Fleisch zu Tode gebracht, andererseits aber im Geist lebendig gemacht, (1.Petr. 3:18)
Die Erkenntnis der ewigen Wirksamkeit des Kreuzes nimmt der Seele den Druck, sich selbst erlösen oder sichern zu müssen. Die Ernsthaftigkeit der Sünde wird nicht relativiert – sie ist so groß, dass der Gott-Mensch dafür sterben musste –, doch gleichzeitig wird das Herz von der Last befreit, selbst den letzten Ausschlag geben zu müssen. In der Mitte des Glaubens steht nicht das wechselnde Maß der Hingabe, sondern das unverlierbare Opfer Christi. Daraus erwächst stille Dankbarkeit und eine neue Beweglichkeit: Weil die Erlösung nicht an der eigenen Stabilität hängt, wird der Weg frei für ein Leben, das aus Gnade antwortet, statt aus Angst zu sichern. Die ewige Kraft des Todes und der Auferstehung des Sklaven-Erlösers wird so zur Quelle einer Hoffnung, die auch in brüchigen Lebensphasen trägt.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Mark, Chapter 48