Der Tod und die Auferstehung des Sklaven‑Erlösers zur Vollbringung der Erlösung Gottes (2)
Die Szene auf Golgatha gehört zu den bekanntesten Bildern der Bibel – und ist doch leicht zu übersehen: verspottete Schwachheit statt triumphaler Macht, Dunkelheit mitten am Tag und ein unscheinbares Grab als Wende der Geschichte. Wer genauer hinsieht, entdeckt: Hinter den letzten Stunden Jesu auf der Erde steht ein präziser, liebevoller Plan Gottes. Die äußere Schmach, die dunklen Stunden unter Gottes Gericht und die ehrende Grablegung fügen sich zu einem Ganzen, das zeigt, wie weit der Sohn Gottes als Sklaven‑Erlöser ging, um die Erlösung Gottes zu vollbringen und uns einen neuen Zugang zu Gott zu schenken.
Der verspottete König und wahre Märtyrer
Die Szene im Hof des Prätoriums ist von schneidender Ironie durchzogen. Soldaten legen Jesus ein Purpurgewand um, drücken Ihm eine Dornenkrone auf das Haupt und rufen höhnisch: „Sei gegrüßt, König der Juden!“ (Mk. 15:18). Was als grausamer Spott gedacht ist, enthüllt in Gottes Licht die wahre Würde dieses Mannes: Er ist tatsächlich der König – aber ein König, der nicht durch Gewalt, sondern durch Hingabe herrscht. Die Dornen, die seine Stirn durchbohren, erinnern an das Urteil, das seit 1. Mose 3.über der Erde liegt: „Verflucht ist der Ackerboden deinetwegen … Und Dornen und Disteln wird er dir wachsen lassen“ (1.Mose 3:17–18). Der, durch den alles geschaffen wurde, nimmt jetzt die Zeichen des Fluches sichtbar auf sich. So erfüllt sich, was später ausdrücklich gesagt wird: „Christus hat uns aus dem Fluch des Gesetzes freigekauft, indem Er für uns zu einem Fluch geworden ist“ (Galater 3:13). Die Dornenkrone ist nicht nur ein Instrument der Qual, sondern ein Zeichen: Der Verworfene trägt die Last der verfluchten Schöpfung auf seinem königlichen Haupt.
Vers 23 fährt fort: „Und sie gaben Ihm Wein, mit Myrrhe vermischt, zu trinken; Er aber nahm ihn nicht.“ Dieser mit Myrrhe (und auch mit Galle – Mt. 27:34) versetzte Wein war als betäubendes Trankmittel gedacht. Doch der Herr wollte nicht betäubt werden; Er wollte den bitteren Kelch bis zur Neige trinken. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft siebenundvierzig, S. 407)
Mitten in dieser Schmach bewahrt Jesus eine stille, unerschütterliche Würde. Er schweigt, als man Ihn verspottet, Er widerspricht nicht, als man Ihn „König“ nennt und dennoch misshandelt (Mk. 15:16–20). Als man Ihm Wein mit Myrrhe reicht, ein betäubendes Mittel, „nahm er ihn nicht“ (Mk. 15:23). Er weicht dem Leid nicht aus, sondern nimmt den Kelch, den der Vater Ihm gegeben hat, bei vollem Bewusstsein an. In den ersten Stunden am Kreuz begegnet Er der Bosheit der Menschen nicht mit Gegengewalt, sondern mit gehorsamer Liebe; Er steigt nicht vom Kreuz herab, obwohl man Ihn provoziert: „rette dich selbst, und steige herab vom Kreuz!“ (Mk. 15:30). Eben darin leuchtet seine wahre Königsherrschaft auf: Er behält die Macht, indem Er sie hingibt, Er rettet andere, indem Er sich selbst nicht rettet (Mk. 15:31). Unter der Oberfläche des Geschehens wird etwas sichtbar von Gottes Plan: Durch den verworfenen Märtyrer, der im Spott ausharrt, bricht eine Liebe hindurch, die sich nicht abschrecken lässt. Wer sich diesem König zuwendet, begegnet keinem kalten Herrscher, sondern einem, der die Dornen des Fluches getragen hat und gerade so zum nahekommenden, mitfühlenden Herrn wird. Im Licht des Kreuzes darf jede Erfahrung von Schmach, Ablehnung und Unrecht eine neue Farbe bekommen: Sie ist nicht das letzte Wort, sondern eine Stelle, an der sich der Weg dieses königlichen Märtyrers in unser eigenes Leben einzeichnet – und wo seine stille, demütige Liebe beginnt, unsere Sicht auf Gott, auf andere und auf uns selbst zu verwandeln.
und sie fingen an, ihn zu grüßen: Sei gegrüßt, König der Juden! (Mk. 15:18)
Und zu Adam sprach Er: Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem Ich dir geboten hatte, und sprach: Du darfst nicht davon essen! – Verflucht ist der Ackerboden deinetwegen; mit Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. Und Dornen und Disteln wird er dir wachsen lassen, und du wirst das Kraut des Feldes essen! (1.Mose 3:17-18)
Die Dornen auf Jesu Haupt erinnern daran, dass Er nicht fern über unserem verfluchten Alltag steht, sondern ihn in seinem eigenen Leib getragen hat. Wer auf den verspotteten König am Kreuz schaut, muss nicht mehr fluchtvoll auf sich selbst und die Welt blicken. In Seiner stillen Standhaftigkeit wächst die Gewissheit, dass Gottes Liebe nicht vor der Finsternis unseres Herzens zurückweicht, sondern gerade dort ihren Weg sucht. So kann Schmach zur Tür werden, durch die seine Königswürde in unser Inneres einzieht: nicht als äußerer Triumph, sondern als leise, tragende Kraft, die im Leiden nicht zerbricht und im Versagen nicht aufgibt.
Der stellvertretend Gerichtete und vollkommene Erlöser
Mit der sechsten Stunde verändert sich die Atmosphäre des Kreuzesgeschehens radikal: „Und in der sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde“ (Mk. 15:33). Bis dahin standen vor allem Menschen im Vordergrund – Soldaten, Vorübergehende, Hohenpriester, die schmähen, spotten, fordern. Nun greift Gott selbst sichtbar in die Szene ein. Die Finsternis mitten am Tag ist mehr als Wetter; sie ist Zeichen dafür, dass sich ein unsichtbares Gericht vollzieht. In den ersten drei Stunden leidet Jesus als Märtyrer unter der Hand der Menschen, weil Er den Willen des Vaters erfüllt. In den letzten drei Stunden tritt Er in eine einsame Tiefe ein, in der Er nicht mehr nur der verfolgte Gerechte, sondern der stellvertretend Gerichtete ist. Jesaja hatte dies angedeutet, wenn er vom Knecht des HERRN sagt: „Wenn er sein Leben als Schuldopfer eingesetzt hat, wird er Nachkommen sehen … Und was dem HERRN gefällt, wird durch seine Hand gelingen“ (Jesaja 53:10). Gott selbst rechnet Ihn als Sündopfer an, als den, auf dem die Last der Schuld liegt.
In den ersten drei Stunden wurde Er von Menschen verfolgt, weil Er den Willen Gottes tat; in den letzten drei Stunden wurde Er von Gott gerichtet, um unsere Erlösung zu vollbringen. In dieser Zeit rechnete Gott Ihn als unseren leidenden Stellvertreter für die Sünde an (Jes. 53:10). Deshalb kam Finsternis über das ganze Land, weil dort unsere Sünde und unsere Sünden sowie alle negativen Dinge behandelt wurden, und Gott verließ Ihn (V. 34) um unserer Sünde willen. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft siebenundvierzig, S. 408)
In dieser undurchdringlichen Dunkelheit erklingt ein einziger Schrei, der bis in die Tiefen der Gottesferne reicht: „Mein Gott, Mein Gott, warum hast Du Mich verlassen?“ (Mk. 15:34). Der Sohn, der von Ewigkeit her im Schoß des Vaters ist, erfährt am Kreuz die Realität vollkommener Verlassenheit. Nicht, weil Er selbst etwas verbrochen hätte – „Er hat den, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht“ (2.Korinther 5:21) –, sondern weil Er dort unsere Sünde, unsere Sünden und alle trennenden Mächte in seinem Leib trägt. Darum kann Petrus später bekennen, dass Er „unsere Sünden Selbst in Seinem Leib an das Holz hinaufgetragen hat, damit wir, den Sünden gestorben, der Gerechtigkeit leben“ (1.Petrus 2:24). Wenn Markus berichtet: „Jesus aber stieß einen lauten Schrei aus und verschied“ (Mk. 15:37), dann stirbt Er nicht als Opfer eines tragischen Missgeschicks, sondern als der, der das Gericht zu Ende trägt und sein Leben bewusst hingibt. Die Finsternis lichtet sich, das Gericht ist vollzogen, die Schuld ist vor Gott behandelt. In diesem Sterben ist die Erlösung nicht halb, sondern ganz geschehen.
Wer bei diesem Geschehen verweilt, bleibt nicht bei einem abstrakten Lehrsatz über „Stellvertretung“ stehen. Das Verlassensein am Kreuz berührt die Fragen, die das Herz in seinen dunkelsten Stunden stellt: Wo ist Gott, wenn Schuld mich niederdrückt, wenn innere Anklagen kein Ende nehmen, wenn das Leben sich wie ein Mittag in Finsternis anfühlt? Gerade in diesen Momenten gewinnt das Kreuz eine leise, aber tragende Stimme: An dem Ort, an dem jede Gottesnähe entzogen schien, ist Christus gewesen. Er hat die Entfernung getragen, die uns von Gott trennt, und den Abgrund ausgehalten, in dem kein Trost zu spüren war. Das bedeutet nicht, dass jede Not sofort aufhört, aber es heißt, dass keine Finsternis mehr gottverlassen sein muss. Im Schatten des Kreuzes beginnt selbst das dunkelste Herz zu ahnen, dass sein tiefstes Gericht schon getragen ist – und dass aus dieser getragenen Schuld ein freier Weg zu einem Gott erwächst, der nicht mehr als Richter über uns steht, sondern als der, der uns in Christus bereits entgegengekommen ist.
Und in der sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde; Und in der neunten Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eloi, Eloi, lama sabachthani?, was übersetzt heißt: Mein Gott, Mein Gott, warum hast Du Mich verlassen? (Mk. 15:33-34)
Doch dem HERRN gefiel es, ihn zu zerschlagen. Er hat ihn leiden lassen. Wenn er sein Leben als Schuldopfer eingesetzt hat, wird er Nachkommen sehen, er wird (seine) Tage verlängern. Und was dem HERRN gefällt, wird durch seine Hand gelingen. (Jes. 53:10)
Die Verdunkelung am Kreuz zeigt, dass Gott das, was uns innerlich verdunkelt, nicht verharmlost, sondern ernst nimmt und selbst trägt. Wo das Gewissen an Vergangenem festhält oder das Herz unter einem namenlosen Druck steht, muss nicht ein endloser innerer Prozess der Selbstanklage folgen. Im Licht der Finsternis von Golgatha wird deutlich: Die tiefste Trennung ist bereits am Leib des Stellvertreters vollzogen worden. Wer seine Augen auf den Gerichteten richtet, entdeckt neu, dass Gott mit der Sünde konsequent, mit dem Sünder aber erstaunlich barmherzig umgeht – und dass in diesem Paradox ein Raum der Freiheit entsteht, in dem ein Leben „der Gerechtigkeit“ gegenüber möglich wird, ohne ständig unter der Drohung des unbeglichenen Gerichts zu stehen.
Der zerrissene Vorhang und der Weg in Gottes Ruhe
Der Tod Jesu bleibt nicht ohne sichtbare Folgen im Heiligtum Israels. Unmittelbar nachdem Er mit lautem Schrei verschieden ist, geschieht etwas im Zentrum des religiösen Lebens: „Und der Vorhang des Tempels zerriß in zwei (Stücke), von oben bis unten“ (Mk. 15:38). Dieser Vorhang schirmte das Allerheiligste ab, jenen Raum, in dem die Gegenwart Gottes wohnte und in den der Hohepriester nur einmal im Jahr eintreten durfte. Die Risslinie mitten durch den Stoff markiert mehr als einen architektonischen Schaden; sie bedeutet, dass die Trennung zwischen Gott und Mensch real aufgehoben ist. Der Hebräerbrief spricht davon, dass wir „durch das Blut Jesu Freimütigkeit haben zum Eintritt in das Heiligtum“ und deutet den Vorhang als ein Bild für die durchbochene Menschheit Christi: durch „sein Fleisch“ wurde ein „neuer und lebendiger Weg“ eröffnet (Hebräer 10:19–20). Paulus sagt, Gott habe „die Sünde im Fleisch“ verdammt, indem Er Seinen Sohn „in der Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und der Sünde wegen sandte“ (Römer 8:3). Als dieses Fleisch gekreuzigt wird, reißt der Vorhang: Was uns verborgen und verschlossen war, öffnet sich von Gottes Seite her.
Nachdem der Herr Jesus verschied, „wurde der Vorhang des Tempels in zwei Stücke zerrissen, von oben bis unten“ (15:38). Das bedeutet, dass die Trennung zwischen Gott und den Menschen aufgehoben wurde, weil das Fleisch der Sünde (versinnbildlicht durch den Vorhang), das Christus angenommen hatte (Röm. 8:3), gekreuzigt worden war (Hebr. 10:20). Dass der Vorhang von oben bis unten zerrissen wurde, macht deutlich, dass dieses Zerreißen Gottes Werk von oben her war. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft siebenundvierzig, S. 409)
Auffällig ist, wie Markus den Blick von diesem inneren Geschehen sofort nach außen lenkt. Ausgerechnet ein römischer Hauptmann, der der Hinrichtung vorsteht, wird zum ersten Bekenner: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn!“ (Mk. 15:39). Während die religiösen Leiter das Kreuz als Beweis der Gottesferne Jesu deuten, erkennt ein Heide im Sterben des Sklaven‑Erlösers göttliche Sohnschaft. Zugleich sorgt Gott für eine ehrenvolle Grablegung: Josef von Arimathäa nimmt Mut zusammen, bittet um den Leib Jesu, und gemeinsam mit anderen wird Er in feines Leinen gehüllt und in ein neues Grab gelegt (vgl. Mk. 15:42–46). Jesaja hatte notiert, dass dem leidenden Knecht „bei den Reichen in seinem Tod“ ein Platz gegeben wird (Jesaja 53:9). Nach sechs Tagen des Schaffens ruht Gott nach 1. Mose über der alten Schöpfung; so ruht der vollendete Erlöser nach seinem Werk im Grab, um am „ersten Tag der Woche“ als Anfang einer neuen Schöpfung hervorzugehen.
Wenn der Vorhang zerrissen und der Weg geöffnet ist, bekommt das Wort „Zugang“ eine existenzielle Tiefe. Gottes Nähe ist nicht mehr an bestimmte Räume, Tage oder Personen gebunden. Wer zu Christus gehört, steht nicht mehr vor einem verschlossenen Heiligtum, sondern lebt in der Wirklichkeit, dass der Dreieine Gott selbst zum Eingang geworden ist in seine Gemeinschaft. Der zerrissene Stoff im Tempel bedeutet im übertragenen Sinn auch ein Ende jener inneren Vorhänge, die zwischen uns und Gott hängen: das Gefühl, nicht würdig, nicht vorbereitet, nicht „fromm genug“ zu sein. Sie sind nicht einfach ignoriert, sondern am Leib des Gekreuzigten durchstoßen worden. Daraus erwächst eine stille Einladung: Das Leben mit Gott darf den Charakter einer Ruhe bekommen, in der der Zugang nicht immer neu erkämpft, sondern im Vertrauen genutzt wird. In der Gemeinschaft mit dem Auferstandenen beginnt eine Lebenswirklichkeit, in der Schuld nicht mehr die Grundmelodie, sondern vergebene Schuld der Hintergrund ist – und in der aus dieser Gewissheit eine Hoffnung wächst, die schon jetzt an der kommenden, ewigen Ruhe Anteil hat.
Und der Vorhang des Tempels zerriß in zwei (Stücke), von oben bis unten. Als aber der Hauptmann, der ihm gegenüber dabeistand, sah, daß er so verschied, sprach er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn! (Mk. 15:38-39)
Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch schwach war, das tat Gott: Er verdammte die Sünde im Fleisch, indem Er Seinen eigenen Sohn in der Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und der Sünde wegen sandte, (Röm. 8:3)
Der zerrissene Vorhang stellt die alte Vorstellung infrage, man müsse lange an sich arbeiten, bevor man sich vor Gott zeigen dürfe. Weil der Weg durch das Fleisch Christi geöffnet ist, beginnt Gemeinschaft nicht am Ende einer geistlichen Leistungskurve, sondern mitten in der eigenen Unfertigkeit. Die ehrenvolle Grablegung und die anschließende Ruhe im Grab verknüpfen die Vollendung des Werkes mit einer tiefen Stille: Zwischen „Es ist vollbracht“ und der Macht der Auferstehung liegt ein Tag der Ruhe. In dieser Spannung lebt der Glaube auch heute – getragen von einem bereits vollbrachten Zugang und ausgerichtet auf eine noch kommende Fülle. Gerade dort, wo das eigene Leben zerrissen wirkt, kann der Blick auf den zerrissenen Vorhang Trost schenken: Die tieferliegende, entscheidende Öffnung ist längst geschehen.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Mark, Chapter 47