Der Tod und die Auferstehung des Sklaven‑Erlösers zur Vollbringung der Erlösung Gottes (1)
Die letzten Stunden vor der Kreuzigung Jesu wirken nach außen chaotisch: Verrat, nächtliche Festnahme, ein ungerechtes Gerichtsverfahren und eine hastige Hinrichtung. Doch hinter dieser menschlichen Dunkelheit steht eine göttliche Regie. Jesus ist nicht ein hilfloses Opfer fremder Mächte, sondern der Sklaven‑Erlöser, der sich selbst hingibt. Gerade in seiner scheinbaren Schwachheit wird sichtbar, wie souverän er Gottes Erlösungsplan erfüllt – und wie eng wir selbst mit seinem Weg durch den Tod verbunden sind.
Der Sklaven‑Erlöser geht freiwillig in den Tod
Die letzten Stunden vor dem Kreuz tragen den Stempel einer tiefen Freiwilligkeit. Jesus ist kein Getriebener der Ereignisse, sondern geht ihnen entgegen. Lange bevor er nach Judäa hinaufzieht, weiß er um den Weg, der ihn dort erwartet; er kündigt seinen Jüngern mehrmals an, dass der Sohn des Menschen verworfen, getötet und am dritten Tag auferweckt werden muss. Als das Passah naht, ordnet er seine Schritte so, dass sie genau in diesen göttlichen Zeitpunkt fallen. Markus erinnert daran, dass „nach zwei Tagen das Passah und das Fest der ungesäuerten Brote“ war und dass die Führer des Volkes schon berieten, „wie sie ihn mit List greifen und töten könnten“ (Mk. 14:1). Während sie heimlich planen, handelt er öffentlich, setzt sich bewusst diesem Plan aus und nimmt den Weg, der ihn mitten in ihre Hand führt.
As we have pointed out, the Lord came purposely to Judea from Galilee to be crucified. Therefore, actually He was not delivered by Judas; instead, He delivered Himself to those who came to arrest Him. While the Lord was still in Galilee, He knew that it was necessary for Him to go to Jerusalem in order to be put to death on the day of the Passover. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft sechsundvierzig, S. 398)
In dieser Haltung liegt eine stille Majestät. Jesus sucht keinen Fluchtweg, sondern schafft im Gegenteil die Bedingungen seiner Festnahme. Er geht nach Gethsemane, an einen Ort, den Judas gut kennt; er trennt sich nicht heimlich von den Jüngern, sondern bleibt an der Stelle, an der man ihn finden kann. Markus berichtet schlicht: „Und sogleich, während er noch redet, kommt Judas, einer der Zwölf, herzu und mit ihm eine große Menge mit Schwertern und Stöcken“ (Mk. 14:43). Doch statt sich zu verstecken, tritt Jesus hervor, stellt Fragen, spricht den Anführern ins Gewissen. Seine Ruhe unter dem Zugriff der bewaffneten Menge zeigt, dass nicht sie ihn im Griff haben, sondern er die Situation aus der Hand des Vaters annimmt.
Noch deutlicher wird diese innere Freiheit im Prozess vor dem Hohenpriester. Falsche Zeugen treten auf, ihre Aussagen widersprechen einander; der Lärm der Anklagen füllt den Raum, aber die Mitte bleibt still. „Er aber schwieg und antwortete nichts“ (Mk. 14:61a). Er wehrt sich nicht, er verteidigt sich nicht, er versucht nicht, das Verfahren zu seinen Gunsten zu drehen. Dieses Schweigen ist kein Zeichen von Hilflosigkeit, sondern Ausdruck der Zustimmung zu dem Weg, den der Vater festgelegt hat. Er lässt zu, dass das Unrecht gegen ihn zur vollen Reife kommt, damit Gottes Recht an uns zur Geltung kommen kann.
Doch wo es um seine Person geht, durchbricht er das Schweigen. Auf die entscheidende Frage des Hohenpriesters: „Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten?“ antwortet er: „Ich bin es! Und ihr werdet den Sohn des Menschen sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wolken des Himmels“ (Mk. 14:61–62). Hier weicht er nicht aus, relativiert nichts, beschönigt nichts. Er bekennt sich zu seiner Messiaswürde und zu seiner himmlischen Herrschaft, wohl wissend, dass dieses Bekenntnis den Todesbeschluss besiegeln wird. Er nimmt das Urteil auf sich, indem er die Wahrheit über sich nicht verheimlicht.
ES war aber nach zwei Tagen das Passah und das Fest der ungesäuerten Brote. Und die Hohenpriester und die Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List greifen und töten könnten; (Mk. 14:1)
Und sogleich, während er noch redet, kommt Judas, einer der Zwölf, herzu und mit ihm eine große Menge mit Schwertern und Stöcken, von den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten und den Ältesten. (Mk. 14:43)
Die bewusste Hingabe Jesu entlastet von dem Druck, das eigene Leben kontrollieren zu müssen, und eröffnet die Freiheit, auch schwere Wege als von Gott gesehene und gehaltene Wege anzunehmen.
Der Tod des Sklaven‑Erlösers erfüllt Gottes Willen und ersetzt alle Opfer
Im Garten Gethsemane konzentriert sich die innere Bewegung, die in Jerusalem äußerlich sichtbar werden wird. Jesus steht nicht vor einer abstrakten Frage nach Leiden oder Nicht‑Leiden, sondern vor dem „Kelch“, der den gesamten Weg des Gerichtes, der Verlassenheit und des Fluches in sich trägt. Er betet: „Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir weg! Doch nicht, was ich will, sondern was du willst!“ (Mk. 14:36). Sein Ringen zeigt, wie real und schwer dieser Kelch für ihn als wahrer Mensch ist; seine Unterordnung zeigt, wie bedingungslos er sich als Sohn dem Willen des Vaters überlässt. Der Wille Gottes ist hier nicht eine unbestimmte Vorsehung, sondern ein ganz bestimmter Auftrag.
If we would know what the will of God is in this verse, we need to consider Hebrews 10, where we are told that the Lord Jesus came to do God’s will. It is commonly thought that this means that the Lord Jesus came to do everything according to God’s will in a general way. But from the context of Hebrews 10 we see that God’s will specifically denotes the replacing of the offerings. God’s will was to send Christ to earth to carry out the replacement of the offerings with Himself. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft sechsundvierzig, S. 399)
Der Hebräerbrief öffnet eine besondere Perspektive auf diesen Auftrag. Dort heißt es über Christus: „Darum spricht er, als er in die Welt kommt: ,Schlachtopfer und Gaben hast du nicht gewollt, einen Leib aber hast du mir bereitet … Siehe, ich komme, um deinen Willen, o Gott, zu tun‘“ (Hebräer 10:5–7). Und dann wird erklärt, worin dieser Wille besteht: Gott „hebt das Erste auf, um das Zweite einzusetzen“ (Hebräer 10:9), das heißt, er beendet die Zeit der Tieropfer, um an ihrer Stelle das eine Opfer Christi zu setzen. Was in 3. Mose in mannigfaltigen Speis‑, Sünd‑, Übertretungs‑, Friedensopfern angedeutet wurde, soll in der Person und im Werk des Sohnes erfüllt und überboten werden. Der Wille des Vaters ist nicht, Leiden um des Leidens willen zu verhängen, sondern den Weg freizumachen, auf dem ein einziges, vollkommenes Opfer an die Stelle der vielen vorläufigen tritt.
Daraus erklärt sich auch, warum Jesus nicht auf dem üblichen jüdischen Weg der Steinigung zu Tode gebracht wird, sondern durch die römische Kreuzigung gehen muss. Nach dem Gesetz gilt: „Verflucht ist jeder, der am Holz hängt“ (5. Mose 21:23; vgl. Galater 3:13). Gerade diese äußerste Form der Erniedrigung und Schande wird zum Ort der Vollendung. Am Kreuz trägt Christus die Sünde und den Fluch, der auf uns liegt, und erfüllt zugleich seine eigenen Worte, dass der Sohn des Menschen „erhöht“ werden müsse, wie Mose die Schlange in der Wüste erhöhte. Indem er an das Holz gebracht wird, nimmt er den Platz des Verfluchten ein, um uns in den Raum des Segens hineinzustellen.
Am Kreuz begegnen sich somit alle Linien der alttestamentlichen Opferbilder: das Passahlamm, dessen Blut vor dem Gericht schützt (2. Mose 12), die Sünd‑ und Übertretungsopfer, die Schuld tragen, die Friedensopfer, die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch ausdrücken, und die Speisopfer, die das wohlgefällige Menschsein vor Gott darstellen. In Christus wird all dies eins; er ist nicht nur der, der Opfer bringt, sondern das Opfer selbst. Der Hebräerbrief fasst die Wirkung zusammen: „Durch diesen Willen sind wir geheiligt durch das ein für allemal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi“ (Hebräer 10:10). Der Weg nach Gethsemane, der Schrei zum Vater, das „Doch nicht, was ich will“ – all dies dient dem Ziel, dass es keinen anderen Zugang zu Gott mehr braucht als ihn.
Und er sprach: Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir weg! Doch nicht, was ich will, sondern was du willst! (Mk. 14:36)
Darum spricht er, als er in die Welt kommt: Schlachtopfer und Gaben hast du nicht gewollt, einen Leib aber hast du mir bereitet; an Brandopfern und Sündopfern hast du kein Wohlgefallen. Da sprach ich: Siehe, ich komme – in der Buchrolle steht von mir geschrieben –, um deinen Willen, o Gott, zu tun. (Heb. 10:5-7)
Dass Christus alle Opfer in sich erfüllt hat, schenkt eine ruhige Gewissheit: Versöhnung mit Gott ruht nicht auf der Stärke eigener religiöser Leistungen, sondern auf dem einmaligen, genügenden Opfer des Sohnes.
Mit dem Sklaven‑Erlöser durch den Tod gehen – Petrus als unser Spiegel
Während Jesus im Haus des Hohenpriesters verhört wird, entfaltet sich im Hof unten eine andere Szene, die wie ein Spiegel für alle seine Jünger ist. Markus berichtet: „Und Petrus folgte ihm von fern bis hinein in den Hof des Hohenpriesters; und er saß mit bei den Dienern und wärmte sich am Feuer“ (Mk. 14:54). Der, der kurz zuvor noch versichert hatte, er werde auch dann nicht weichen, wenn alle anderen abfielen, hält nun Abstand und sucht Wärme an einem fremden Feuer. Zwischen dem Bekennermut im Obergemach und dem Schweigen, ja der Verleugnung im Hof liegt nur wenig Zeit – und doch offenbart sich hier ein tiefer Abgrund im eigenen Herzen.
In chapter fourteen, while the Lord Jesus was passing through the judgment at the hands of men, Peter failed. In his failure he passed through the experience of the Lord’s death. All the close followers of the Lord were also brought into His death. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft sechsundvierzig, S. 404)
Während oben die falschen Zeugen gegen Jesus auftreten und er schweigend standhält, droht unten ein anderer Zusammenbruch. Auf die wiederholte Frage, ob er zu diesem Jesus gehöre, reagiert Petrus nicht mit stillem Bekenntnis, sondern mit steigender Abwehr. Schließlich schwört er sogar, ihn nicht zu kennen. Markus berichtet nüchtern: „Und es verließen ihn alle und flohen“ (Mk. 14:50); Petrus flieht noch weiter – hinein in das Nicht‑kennen‑Wollen. Erst als der Hahn kräht und der Blick Jesu ihn trifft, bricht die innere Fassade. Ein anderes Evangelium ergänzt: „Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich“ (Lukas 22:62). In diesen Tränen beginnt eine Art persönlicher Karfreitag: sein selbstsicheres Ich wird bloßgestellt und ans Ende geführt.
Im Licht der Evangelien ist Petrus damit nicht nur ein abschreckendes Beispiel für mangelnde Standhaftigkeit. Er steht stellvertretend für alle Jünger, die mit guten Vorsätzen starten und doch am eigenen Herzen scheitern. Sein Fall zeigt, dass der Weg Jesu durch den Tod kein Weg neben uns her ist, sondern einer, in den er uns hineinzieht. Während der Sklaven‑Erlöser vor Menschen schweigt und vor Gott bekennt, erlebt sein Jünger, wie seine eigene Stimme versagt. Diese Entlarvung ist schmerzhaft, aber sie gehört zu der Weise, in der wir in Christi Tod mit eingeschlossen werden. „Ich bin mit Christus gekreuzigt“, schreibt später Paulus (Galater 2:19), und im Hintergrund dieser Worte steht auch die Erfahrung derer, deren Stärke unter dem Blick des Gekreuzigten zerbricht.
Petrus bleibt jedoch nicht im Hof seines Versagens stehen. Der Auferstandene sucht ihn auf, spricht ihn an, vertraut ihm neu seine Herde an. Aus dem Mann, der einmal sagte: „Auch wenn alle an dir Anstoß nehmen, ich nicht“, wird einer, der schreibt: „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch“ (1. Petrus 5:7). Sein Ton hat sich verändert: weniger Versprechen, mehr Vertrauen; weniger Selbstsicherheit, mehr Abhängigkeit. Die bittere Nacht im Hof war für ihn keine Sackgasse, sondern ein Übergang – ein Mit‑durch‑den‑Tod‑gehen, in dem das alte, stolze Ich von der Realität des Kreuzes getroffen wurde, damit ein neues, demütiges Herz Raum gewinnt.
Und Petrus folgte ihm von fern bis hinein in den Hof des Hohenpriesters; und er saß mit bei den Dienern und wärmte sich am Feuer. (Mk. 14:54)
Und es verließen ihn alle und flohen. (Mk. 14:50)
Im Licht von Petrus’ Fall gewinnen auch eigene Zusammenbrüche einen anderen Klang: Sie müssen nicht das Ende der Gemeinschaft mit Christus bedeuten, sondern können der Ort sein, an dem unser selbstsicheres Ich stirbt und seine Auferstehungskraft Gestalt gewinnt.
Herr Jesus Christus, Sklaven‑Erlöser, du bist nicht von Menschen überwältigt worden, sondern bist freiwillig den Weg ans Kreuz gegangen, um den Willen des Vaters zu erfüllen und alle Opfer mit dir selbst zu ersetzen. Danke, dass du dich als wahres Passahlamm für uns hingeben ließest, den Fluch getragen und mit deinem Leben als Lösegeld gedient hast. Dort, wo wir wie Petrus versagen und an unsere Grenzen stoßen, zeige uns, dass wir in deinem Tod mit eingeschlossen sind und du unsere natürliche Stärke in deine Auferstehungskraft verwandelst. Stärke den Glauben, dass dein scheinbares Scheitern der vollkommene Sieg Gottes ist und dass keine Dunkelheit stärker ist als dein vollbrachtes Werk. Dein Tod und deine Auferstehung sind unsere Hoffnung heute und bis in Ewigkeit. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Mark, Chapter 46