Das Wort des Lebens
lebensstudium

An dem Werk des Herrn teilhaben

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Viele Christen sehnen sich danach, nicht nur für den Herrn, sondern wirklich mit dem Herrn zu wirken – und fragen sich zugleich, ob sie dafür überhaupt qualifiziert sind. Das Hohelied zeichnet zum Ende hin ein erstaunliches Bild: Die einfache Landarbeiterin wird zur Shulammiterin, der Gegenpart Salomos, und wird in die Sorge um seine vielen Weinberge hineingenommen. Dieses Bild zeigt, wie der Herr aus gewöhnlichen Menschen solche macht, die mit Ihm tragen, was Ihm wichtig ist, und wie ein gereiftes Leben zur Quelle des Segens für andere wird.

Vom Geliebten zur Mitarbeiterin: Reife als Voraussetzung

Am Anfang steht ein Geliebter, nicht eine Mitarbeiterin. Die Shulammiterin begegnet dem König zuerst in der Schwachheit der Sehnsucht, in Unruhe, Suche und Missverständnissen. Durch Höhen und Tiefen, durch Wüstenwege und Gartenzeiten, formt der Herr in ihr ein anderes Inneres. Am Ende wird sie „Schunamitin“ genannt – die weibliche Form von Salomo – als Ausdruck dafür, dass sie ihm in Leben, Natur und Ausdruck entspricht. Was hier in einer Liebesgeschichte erzählt wird, beschreibt den Weg eines Menschen, der in Christus heranreift, bis sein Wesen mit dem des Herrn übereinstimmt. Die Berufung zum Werk ist nicht ein äußerer Auftrag, sondern die innere Frucht dieses Weges.

Am Ende von Kapitel sechs ist die Liebende, nachdem sie verschiedene Stufen der Umwandlung durchlaufen hat, zu einer Vervielfältigung Salomos geworden. Nun wird sie Schunamitin genannt (die weibliche Form von Salomo – Hld. 6:13), denn sie ist Salomo in Leben, Natur und Bild gleich geworden, um zu ihm für ihre Ehe zu passen. (Witness Lee, Life-Study of Song of Songs, Botschaft acht, S. 55)

Hohelied 7 zeichnet diese Reife mit den Bildern des Körpers: Die „Füße in Sandalen“ erinnern an einen Weg, der fest im Evangelium verankert ist. Paulus schreibt: „Wie aber werden sie predigen, wenn sie nicht gesandt sind? Wie geschrieben steht: «Wie lieblich sind die Füße derer, die das Evangelium des Friedens verkündigen, die das Evangelium des Guten verkündigen!»“ (Röm. 10:15). Wer an dem Werk des Herrn teilhat, trägt das Evangelium nicht nur in den Lippen, sondern im ganzen Lebensstil; sein Gehen, seine Entscheidungen, seine Kontakte sind von dieser guten Botschaft geprägt. Nach oben hin beschreibt der Geist eine Gestalt, deren Leib Fülle und Festigkeit hat, deren Hals – das Bild des Willens – geordnet und dem König unterstellt ist, und deren Augen Klarheit besitzen. So entsteht ein Mensch, der nicht mehr von jeder Stimmung hin- und hergetrieben wird, sondern im Innersten unter der sanften, aber bestimmenden Herrschaft Christi steht.

Diese Reife speist sich aus einem tiefen inneren Essen und Trinken Christi. Jesus sagt: „Wenn ihr das Fleisch des Sohnes des Menschen nicht esst und Sein Blut nicht trinkt, habt ihr kein Leben in euch selbst“ (Johannes 6:53). Die gereifte Mitarbeiterin ist jemand, der dieses Wort ernst nimmt, nicht als fromme Metapher, sondern als Lebenshaltung. Im Verborgenen nährt sie sich an dem, was Christus am Kreuz vollbracht hat, und an Seiner Gegenwart jetzt. Aus dieser verborgenen Gemeinschaft entsteht ein inneres Gefülltsein, das sich nicht spektakulär nach außen drängt, aber stille Kraft entfaltet. Das Werk des Herrn ist dann nicht mehr eine Last, die man trägt, sondern ein Überfließen dessen, was in Gott empfangen wurde.

So wächst im Laufe der Zeit ein königlicher Charakter heran. „Wir alle aber … werden in dasselbe Bild umgewandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, so wie von dem Herrn Geist“ (2.Kor 3:18). Umwandlung bedeutet, dass das eigene natürliche Temperament, die spontane Art zu reagieren, Schritt für Schritt vom Geist des Herrn durchdrungen und neu geordnet wird. Die Shulammiterin lernt, Leiden nicht als Sinnlosigkeit zu deuten, sondern als Werkzeug, durch das ihr Wille biegsam und zugleich standhaft wird. In dieser Schule Gottes lernt sie, nicht über Menschen zu herrschen, sondern unter der Herrschaft des göttlichen Lebens zu stehen. Paulus beschreibt das Ziel: „diejenigen, welche die überströmende Fülle der Gnade und die Gabe der Gerechtigkeit empfangen, werden … im Leben herrschen durch den Einen, Jesus Christus“ (vgl. Röm. 5:17). Herrschen im Leben heißt, von Christus her über eigene Regungen, Stimmungen und Bindungen zu stehen.

Wie aber werden sie predigen, wenn sie nicht gesandt sind? Wie geschrieben steht: «Wie lieblich sind die Füße derer, die das Evangelium des Friedens verkündigen, die das Evangelium des Guten verkündigen!» (Röm. 10:15)

Darum sagte Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Wenn ihr das Fleisch des Sohnes des Menschen nicht esst und Sein Blut nicht trinkt, habt ihr kein Leben in euch selbst. (Joh. 6:53)

Innere Reife für das Werk des Herrn wächst nicht aus Aktivismus, sondern aus der stillen, oft unspektakulären Umwandlung, durch die Christus unser Denken, Wollen und Fühlen durchdringt. Wo Er unsere Füße im Evangelium befestigt, unseren Willen an Sein Kreuz bindet und unseren Blick durch Seinen Geist klärt, werden wir fähig, im Leben zu herrschen. In solcher Gestalt wird der Mensch selbst zur Botschaft: ein lebendiges Zeugnis des Königs, das andere trägt, ermutigt und in die Gegenwart Gottes hineinführt.

Leben darreichen: Frucht für den Leib Christi

Wenn der König die gereifte Shulammiterin betrachtet, vergleicht er sie mit einer hohen, aufrechten Palme, deren Krone voll von süßen Früchten ist. Das Bild spricht leise von einem Leben, das in Christus gewachsen ist, in die Tiefe verwurzelt und nach oben offen. Ein solcher Mensch steht nicht für sich selbst, sondern wird zur Gabe für andere. Paulus beschreibt das Ziel: „bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der völligen Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zu einem gereiften Mann, zum Maß des Wuchses der Fülle Christi“ (Eph. 4:13). Wo Christus in einem Menschen dieses Maß an Gestalt gewinnt, bleiben die Früchte nicht am eigenen Baum hängen; sie werden zu Nahrung für den Leib.

Hohelied 7:3 fährt fort: „Deine beiden Brüste sind wie zwei Kitzlein, / Zwillinge einer Gazelle.“ Dies bezieht sich auf ihre Schönheit, die sich in ihrer aktiven Fähigkeit zeigt, andere auf lebendige Weise zu nähren (Johannes 21:15.17; vgl. Hld 4:5). (Witness Lee, Life-Study of Song of Songs, Botschaft acht, S. 57)

Hohelied 7 spricht von den „Brüsten“ der Shulammiterin als von etwas, das zum Nähren bestimmt ist. Dahinter steht das Bild einer inneren Quelle, aus der andere leben können. Jesus knüpft daran an, wenn Er dem Petrus nach der Auferstehung dreimal sagt: „Nähre Meine Lämmer … Nähre Meine Schafe“ (Johannes 21:15.17). Wer an dem Werk des Herrn teilhat, wird so zu einem Menschen, in dessen Gegenwart andere geistlich zur Ruhe kommen und gestärkt werden. Nicht weil er immer die richtigen Worte findet, sondern weil aus ihm ein Maß an Christus fließt, das andere aufrichtet, tröstet, korrigiert und erfrischt. Nähren geschieht durch Worte, durch Zuhören, durch gemeinsames Schweigen, durch treue Fürbitte – immer dort, wo das empfangene Leben nicht bei einem selbst stehenbleibt.

Ein weiterer Zug des Bildes ist der Duft. Die Beschreibung der Shulammiterin erwähnt Wohlgeruch, der sich ausbreitet. Geistlich gesehen ist damit die feine Intuition des Geistes gemeint, die Atmosphäre eines Menschen, der mit Gott lebt. Solch ein Duft entsteht nicht durch angestrengte Vorbildlichkeit, sondern dadurch, dass jemand im Verborgenen mit Christus umgeht. Paulus fasst es so: „Denn wir sind für Gott ein Wohlgeruch Christi unter denen, die gerettet werden und unter denen, die verloren gehen“ (2.Kor 2:15). Wo das Werk des Herrn aus gereiftem Leben geschieht, entsteht eine Atmosphäre, in der Herzen aufatmen können und in der Christus wahrnehmbar wird, ohne dauernd benannt werden zu müssen.

Schließlich spricht das Hohelied vom Wein, der aus der Reife hervorgeht. Wein in der Schrift steht oft für Freude und für eine Vorkost der kommenden Herrlichkeit. Bei der Hochzeit zu Kana heißt es: „du hast den guten Wein bis jetzt aufbewahrt“ (Joh. 2:10); und Christus selbst kündigt an, dass Er den „Gewächs des Weinstocks“ neu trinken wird im Reich Seines Vaters (vgl. Matthäus 26:29). Wenn ein Mensch in Christus gereift ist, strömt aus ihm ein Maß an Freude und Hoffnung, das nicht oberflächlich ist, sondern aus der Erfahrung von Kreuz und Auferstehung gewachsen ist. Solche Freude kann auch in Tränen anwesend sein; sie trägt durch Leid hindurch und weist auf die kommende Fülle hin.

bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der völligen Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zu einem gereiften Mann, zum Maß des Wuchses der Fülle Christi, (Eph. 4:13)

Nachdem sie nun gefrühstückt hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du Mich mehr als diese? Er sagte zu Ihm: Ja, Herr, Du weißt, dass ich Dich lieb habe. Er sagte zu ihm: Nähre Meine Lämmer. (Joh. 21:15)

Frucht für den Leib Christi wächst dort, wo Christus im Verborgenen Raum gewinnt und das Herz lernt, das Empfangene weiterzugeben. Ein gereiftes Leben erkennt man nicht zuerst an sichtbaren Erfolgen, sondern daran, dass andere in seiner Nähe genährt, ermutigt und in Christus ausgerichtet werden. So wird das eigene Leben – mit seinen Gaben, Grenzen und Wegen – zu einem Teil der großen Geschichte, in der der Herr Seinen Leib aufbaut und Seinen guten Wein bis zur Vollendung aufbewahrt.

Mit dem Herrn arbeiten: Liebe, Weite und Leibssicht

Am Höhepunkt der Geschichte des Hoheliedes steht ein einfacher, aber gewichtiger Satz: „Ich bin meines Geliebten, und nach mir ist sein Verlangen“ (Hld. 7:10). Die Shulammiterin versteht sich nicht mehr als die Suchende, die etwas von Christus haben möchte, sondern als die, die Ihm gehört. Aus diesem Bewusstsein wächst ihr Dienst. Sie lädt den König ein: „Komm, mein Geliebter, lass uns aufs Feld hinausgehen“ (Hld. 7:11). Das Feld steht für die Welt, die Weinberge für die Gemeinden und einzelnen Gläubigen. Hier wird deutlich, wie das Werk des Herrn gemeint ist: nicht als eigenes Projekt, für das man sich die Hilfe Gottes erbetet, sondern als gemeinsamer Weg mit Christus, in dem Er der Herr, der Eigentümer und die Mitte bleibt.

„Ich gehöre meinem Geliebten, / und nach mir ist sein Verlangen“ (V. 10). Hier bekennt sie, dass sie ihrem Geliebten um Seines Verlangens willen gehört. (Witness Lee, Life-Study of Song of Songs, Botschaft acht, S. 59)

Gemeinsam „gehen“ sie zu den Weinbergen, um zu sehen, ob Reben knospen, Blüten sich öffnen und Früchte reifen (vgl. Hld. 7:12). Dieses Bild spricht von einem Blick, der sich nicht auf sich selbst oder die eigene Gruppe verengt, sondern das Wachstum des ganzen Leibes Christi im Auge hat. 1. Mose zeichnet mit einfachen Zügen, wie Gott in der Geschichte Israels in Generationen, Familien und Stämmen denkt, nicht nur in Einzelnen. Der geistliche Mitarbeiter, der mit dem Herrn lebt, lernt, in denselben Linien zu sehen: Er freut sich über jeden Ansatz von Leben, auch wenn er noch schwach ist; er nimmt wahr, wo Knospen durch Kälte bedroht werden; er schenkt Aufmerksamkeit für Reifeprozesse, die Zeit brauchen. Das Werk wird so zu einem wachsamen Mitgehen, nicht zu einem technischen Abarbeiten von Aufgaben.

Der Blick der Shulammiterin bleibt dabei weit. Salomo ist Herr vieler Weinberge, und so zielt auch ihr Dienst über den eigenen Bereich hinaus. Der Aufbau des Leibes Christi sprengt natürliche Zugehörigkeiten, lokale Grenzen, persönliche Sympathien. Wo jemand mit Christus arbeitet, beginnt er zu spüren, dass die Freude über Gottes Wirken an einem anderen Ort, in einer anderen Gruppe, in einer anderen Tradition zur eigenen Freude gehört. Das schützt vor engen Loyalitäten und eifersüchtigen Vergleichen. Paulus konnte schreiben: „Denn wir suchen nicht das Eure, sondern euch“ (vgl. 2.Kor 12:14); in dieser Haltung dient, wer den Leib vor Augen hat.

Über den Türen ihrer Wohnung liegen „neue und alte Früchte“, die sie für ihren Geliebten aufbewahrt (Hld. 7:13). Das ist ein zartes Bild für einen Dienst, der Christus selbst vor Augen hat. Alles, was an Erfahrung, Einsicht, Dienst und Frucht gewachsen ist – das Bewährte der Vergangenheit ebenso wie die frischen Eindrücke der Gegenwart – wird zuerst Ihm hingelegt. Es geht nicht um Denkmäler des eigenen Wirkens, sondern um einen Duft, der zu Ihm aufsteigt. 1. Mose erzählt, wie Ruben „in den Tagen der Weizenernte“ Alraunenfrüchte findet und sie seiner Mutter bringt, was im Weiteren eine Liebesgeschichte vorantreibt (1.Mose 30:14). Auch hier verbinden sich Feld, Frucht und Liebe. Wo das Werk des Herrn von der Liebe zu Ihm getragen ist, werden selbst unscheinbare „Alraunen“ – kleine Entdeckungen, leise Dienste – Teil eines größeren Liebesplanes Gottes.

Ich bin meines Geliebten, und nach mir ist sein Verlangen. (Hld. 7:10)

Komm, mein Geliebter, lass uns aufs Feld hinausgehen, in den Dörfern übernachten! (Hld. 7:11)

Mit dem Herrn arbeiten heißt, sich Ihm zu gehören und mit Ihm auf Seinem Feld unterwegs zu sein. Wer den Leib Christi im Blick hat, sieht in Menschen und Gemeinden nicht zuerst Aufgaben, sondern Weinberge, in denen Christus selbst Wachstum schenkt. In der Bewahrung „neuer und alter Früchte“ für Ihn gewinnt das eigene Dienen eine stille Würde: Es wird zur Liebesgeschichte zwischen dem Herrn und denen, die Er in Sein Werk hineinnimmt – nicht als Angestellte, sondern als Geliebte.


Herr Jesus Christus, danke, dass du aus schwachen, einfachen Menschen geliebte Gegenstücke machst, die mit dir an deinem Werk teilhaben. Du siehst unsere Unreife und Begrenztheit, aber du gibst die überströmende Fülle der Gnade und die Gabe der Gerechtigkeit, damit wir im Leben herrschen und zum Segen für andere werden. Stärke in uns den Wunsch, dir ganz zu gehören, und erfülle unser inneres Wesen mit deinem Leben, sodass unsere Worte, unsere Entscheidungen und unser Umgang mit Menschen deinen Duft tragen. Lass unser verborgenes Leben vor dir zu reifer Frucht werden, die dich erfreut und den Leib Christi aufbaut. Wo unser Blick eng geworden ist, öffne ihn für dein ganzes Volk und für deinen Leib auf der ganzen Erde. Bewahre uns darin, nicht für den eigenen Erfolg, sondern zu deiner Freude zu wirken, damit unser Dienst wie ein lieblicher Wohlgeruch vor dir aufsteigt. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Song of Songs, Chapter 8