Das Wort des Lebens
lebensstudium

Stärker berufen, nach der Auferstehung durch das Kreuz innerhalb des Schleiers zu leben (1)

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Manche geistlichen Erfahrungen lassen uns meinen, wir seien endlich “angekommen” – und gerade dann erschrecken wir, wie schnell alte Reaktionen, Streit oder Verletzlichkeit wieder hochkommen. Die Bibel verschweigt diese Spannung nicht: Selbst reife Gläubige bleiben in der alten Schöpfung und tragen noch das Fleisch mit sich, während Christus sie zugleich in eine tiefere Gemeinschaft mit sich hineinruft. Zwischen dem, was Gott schon gewirkt hat, und dem, wonach Er uns weiter ruft, spannt sich ein Weg, der durch das Kreuz in das Allerheiligste führt.

Innerhalb des Schleiers leben: Was bedeutet das konkret?

„Innerhalb des Schleiers“ – dieses Bild aus dem Hebräerbrief öffnet einen Blick in die verborgene Mitte des christlichen Lebens. Dort ist Christus als Hoherpriester tätig, „einen Diener der heiligen Stätten, sogar der wahren Stiftshütte, die der Herr errichtet hat und nicht ein Mensch“ (Hebräer 8:2). Der Schleier trennt das Heilige vom Allerheiligsten; er markiert die Grenze zwischen dem Bereich des Dienstes und dem Ort der unmittelbaren Gegenwart Gottes. Wenn der Hebräerbrief diesen Schleier mit dem Fleisch unseres Herrn verbindet und zugleich sagt, dass der neue und lebendige Weg „durch den Vorhang hindurch, das heißt durch sein Fleisch“ eröffnet ist (vgl. Hebräer 10:19-20), dann wird deutlich: Der Zugang in die innerste Gemeinschaft mit Gott führt unaufhebbar durch das Kreuz. Am Kreuz wurde der Vorhang im Tempel „von oben bis unten“ zerrissen (Matthäus 27:51); Gott selbst hat die Trennung aufgehoben. Aber er hat damit nicht den Ernst der Wirklichkeit des Fleisches relativiert, sondern sie ans Licht gebracht.

In der himmlischen Stiftshütte (Hebr. 8:2; 9:11–12, 24) trennt ein Vorhang das Heiliges vom Allerheiligstes. Dieser Vorhang ist ein Bild für unser Fleisch (10:19–20). Damit wir in das Allerheiligstes eintreten können, muss der Vorhang zerrissen werden. Das macht deutlich, dass wir, ganz gleich, wie sehr wir uns in der Himmelfahrt in unserem Geist befinden, dennoch zur alten Schöpfung gehören und immer noch unser Fleisch haben. Deshalb brauchen wir auch nach der Erfahrung, in der Himmelfahrt zu leben, weiterhin die Erfahrung des Kreuzes. (Witness Lee, Life-Study of Song of Songs, Botschaft sechs, S. 39)

Innerhalb des Schleiers zu leben heißt nicht, in eine mystische Welt zu fliehen, die mit unserem irdischen Leben nichts mehr zu tun hat. Es bedeutet, im Glauben an einem Ort zu wohnen, an dem das Werk Christi als vollendet gilt und der Zutritt zu Gott nicht mehr verwehrt ist – und zugleich zu akzeptieren, dass jeder Schritt in diese Nähe durch die konkrete Erfahrung des Kreuzes geht. Unsere Verbindung mit Christus in seiner Auferstehung und Himmelfahrt macht uns nicht zu wesenlosen Geistern; wir bleiben Menschen dieser alten Schöpfung, in einem Leib, der noch auf Erlösung wartet. Gerade weil der Weg geöffnet ist, ruft der Herr tiefer hinein, über jene Schwelle, an der unser Eigenleben, unsere natürliche Kraft, unsere religiöse Selbstsicherheit von seinem Urteil getroffen werden. Wer sich dort aufhält, lernt, die verborgene Gemeinschaft mit Gott als kostbarstes Gut zu bewahren, indem er das Licht des Kreuzes nicht scheut, sondern darin einen Ausdruck der Liebe Christi erkennt. In dieser Verborgenheit wächst eine leise, aber starke Gewissheit: Nichts kann den Zutritt mehr verschließen, doch vieles kann ihn verdunkeln. Der Ruf, „innerhalb des Schleiers“ zu leben, will ermutigen, sich immer wieder dorthin führen zu lassen, wo Gottes Nähe stärker ist als jede Angst vor dem Urteil über das Fleisch.

Der Hebräerbrief ist in dieser Hinsicht nüchtern und tröstlich zugleich. Er zeigt Christus, der „nicht hineingegangen ist in ein mit Händen gemachtes Heiligtum, ein Gegenbild des wahren (Heiligtums), sondern in den Himmel selbst, um jetzt vor dem Angesicht Gottes für uns zu erscheinen“ (Hebräer 9:24). Das Allerheiligste ist kein abstrakter Raum, sondern die Gegenwart Gottes, in der Christus uns vertritt. Wer im Glauben dort lebt, nimmt an der Fürsprache des Sohnes teil und lässt sich von ihr tragen. Zugleich wird in der Nähe des heiligen Gottes deutlich, was an uns noch nicht mit der Auferstehungswirklichkeit übereinstimmt. Der Schleier als Bild unseres Fleisches erinnert daran, dass der Zugang zwar geöffnet, aber unser Mitbringen des Fleisches nicht neutral ist. Innerhalb des Schleiers zu leben wird so zur Schule des Misstrauens gegenüber dem eigenen Wesen und der wachsenden Zuversicht in die Gnade. Diese Spannung ist nicht Zeichen eines misslungenen Glaubens, sondern der Ort, an dem das neue Leben sich bewährt.

Wer diesen Ruf hört, darf seine eigene Geschichte in diesem Licht lesen. Zeiten, in denen das Kreuz unser Selbstbild, unsere Pläne oder unsere frommen Ambitionen durchbricht, sind nicht der Beweis, dass Gott uns verworfen hat. Sie sind Ausdruck seines Willens, uns näher an seine Gegenwart zu binden. Das Hohelied beschreibt diese Bewegung, wenn die Liebende nach vielen Erfahrungen mit ihrem Geliebten dennoch neu gerufen wird, tiefer in die Verborgenheit mit ihm einzutreten. So wird das Leben „innerhalb des Schleiers“ zu einem Weg wachsender Einfachheit: weniger Vertrauen in sich selbst, mehr Ruhe in der Wirklichkeit des vollbrachten Werkes Christi; weniger Lärm des religiösen Aktivismus, mehr stille Freude an der Nähe Gottes. Gerade darin liegt die Ermutigung dieser Berufung: Wer durch das Kreuz hindurch in Gottes Gegenwart lebt, ist nicht von der Schwere des Fleisches bestimmt, sondern von der Treue des Hohepriesters, der uns den Weg eröffnet hat und uns dort bewahrt.

einen Diener der heiligen Stätten, sogar der wahren Stiftshütte, die der Herr errichtet hat und nicht ein Mensch. (Hebr. 8:2)

Darum, Brüder, weil wir in dem Blut Jesu Freimut haben zum Eintritt in das Allerheiligste, (Hebr. 10:19-20)

Aus der Perspektive des Glaubens bedeutet „innerhalb des Schleiers“ zu leben, den bereits geöffneten Zugang zu Gott ernst zu nehmen und zugleich das Kreuz nicht als vergangenes Ereignis, sondern als bleibende Wirklichkeit zu sehen, durch die unser Fleisch im Licht Gottes beurteilt wird. In der Praxis wird das zu einem Lebensstil stiller Hinwendung: Christsein reduziert sich nicht auf äußeren Dienst im „Heiligen“, sondern sucht die verborgene Gemeinschaft im „Allerheiligsten“, in der die Nähe Gottes wichtiger wird als Erfolg, Ansehen oder das Rechtbehalten des eigenen Ich. Dieser Weg ist nicht schwer, weil Christus fern wäre, sondern weil unser Fleisch nicht gerne aufgibt; doch gerade darin liegt die Gelegenheit, Gottes Geduld und Zärtlichkeit tiefer kennenzulernen. Wer sich diesem Ruf nicht entzieht, entdeckt, dass die innere Sicherheit wächst: Die eigene Schwachheit erschreckt weniger, weil der Blick auf den gekreuzigten und auferstandenen Herrn gerichtet bleibt, der den Schleier zerrissen hat und uns in der Gegenwart des Vaters trägt.

Die bleibende Gegenwart des Fleisches erkennen

Die Schrift verschweigt nicht, dass das Fleisch eine bleibende Realität ist – auch im Leben derer, die weit mit Gott gegangen sind. Sie zeichnet kein Idealbild unfehlbarer Glaubenshelden, sondern lässt erkennen, wie tief die alte Schöpfung in uns verwurzelt bleibt, solange unser Leib noch nicht erlöst ist. Paulus beschreibt nüchtern, wie selbst ihm, dem Träger großer Offenbarungen, ein schmerzlicher Gegenakzent gesetzt wurde: „Dam it ich mich nicht überhebe, wurde mir ein Dorn für das Fleisch gegeben, ein Engel Satans, daß er mich mit Fäusten schlage, damit ich mich nicht überhebe“ (2. Korinther 12:7). In diesen Worten liegt eine doppelte Wahrheit: Zum einen die Anerkennung, dass das Fleisch auch beim reifen Apostel Gegenwart und Gefahr bleibt; zum anderen die Gnade, dass Gott nicht zulässt, dass geistliche Erfahrung sich in geistlichen Hochmut verwandelt.

Wir sollten niemals denken, dass wir, solange wir noch in der alten Schöpfung sind, einen so hohen Grad an Geistlichkeit erreichen könnten, dass wir nicht mehr im Fleisch wären. Denke an den Apostel Paulus, der gewiss eine sehr geistliche Person war. Nachdem Gott ihm hohe Offenbarungen gegeben hatte, wurde ihm „ein Dorn für das Fleisch“ gegeben, um ihn daran zu erinnern, dass er immer noch das Fleisch hatte (2.Kor. 12:7). Wir dürfen niemals meinen, wir seien ein „Heiliger“ oder ein Engel. (Witness Lee, Life-Study of Song of Songs, Botschaft sechs, S. 39)

Wer diese Spannung annimmt, gewinnt eine heilsame Nüchternheit. Das Fleisch ist nicht nur jene grobe, sichtbare Sünde, die selbst Außenstehende als unvereinbar mit dem Glauben erkennen. Es äußert sich ebenso in frommer Rechthaberei, in ungeduldiger Härte, in der Sehnsucht nach Anerkennung, in verletzter Eitelkeit. Die Apostelgeschichte berichtet von einer „scharfen Auseinandersetzung“ zwischen Paulus und Barnabas über Markus, so dass sie sich trennten (vgl. Apostelgeschichte 15:35-39). Zwei Männer, die gemeinsam gelitten, gedient und Wunder erlebt hatten, geraten so aneinander, dass sie nicht mehr zusammen weitergehen. Die Schrift entschuldigt niemanden, sie wertet aber auch nicht sensationslustig. Sie zeigt, wie sehr selbst hingegebene Diener Christi von der Wirklichkeit des Fleisches betroffen sind und wie leicht aus inneren Bewegungen Spaltungen und Verletzungen entstehen.

Gerade in der Berufung, „innerhalb des Schleiers“ zu leben, wird diese Einsicht wichtig. Je näher ein Mensch Gott kommt, desto mehr fällt das Licht auf sein Inneres – nicht um ihn zu demütigen, sondern um ihn zu bewahren. Wer meint, über das Fleisch hinausgewachsen zu sein, läuft Gefahr, unbarmherzig mit anderen und blind für sich selbst zu werden. Das Fleisch zu erkennen bedeutet deshalb nicht, sich in Misstrauen und Selbstbeobachtung zu verlieren, sondern die Realität ernst zu nehmen, die Gott uns zeigt, und sich dem Kreuz nicht zu entziehen. Der Ruf der Gnade lautet nicht: „Du bist besser als die anderen“, sondern: „Du bist genauso angewiesen wie alle – und ich bin dir nahe.“ Darin liegt eine leise, aber tiefgehende Freiheit: Man muss nicht länger die eigene Unfehlbarkeit verteidigen, sondern darf sich von Christus in seiner Demut formen lassen.

In dieser Haltung gewinnt das Zusammenleben der Gläubigen einen anderen Klang. Wer das Fleisch bei sich selbst ernst nimmt, wird vorsichtiger im Urteil über andere, langsamer im Streit, schneller im Hören. Der Hebräerbrief erinnert daran, dass es in der Gemeinde Menschen gibt, „die über eure Seelen wachen“ (Hebräer 13:17); auch sie sind nicht außerhalb der Gefahr des Fleisches, aber sie tragen Verantwortung, und ihre Wachsamkeit soll der Bewahrung dienen, nicht der Kontrolle. Wenn die Gemeinde ein Raum sein soll, in dem „innerhalb des Schleiers“ gelebt wird, dann braucht sie diese Mischung aus Klarheit und Barmherzigkeit: Klarheit darüber, dass das Fleisch niemals unser Freund ist, und Barmherzigkeit, weil niemand von uns schon am Ziel ist. Dieser Blick ermutigt, eigene Schwächen nicht zu verstecken, sondern sie unter das Licht des Kreuzes zu bringen, und zugleich die Schwächen anderer nicht als Anlass zur Distanz zu nehmen, sondern als Einladung, gemeinsam von der Gnade zu leben.

auch wegen der Überschwenglichkeit der Offenbarungen. Darum, damit ich mich nicht überhebe, wurde mir ein Dorn für das Fleisch gegeben, ein Engel Satans, daß er mich mit Fäusten schlage, damit ich mich nicht überhebe. (2.Kor 12:7)

Gehorcht denen, die euch leiten und ordnet euch ihnen unter, denn sie wachen über eure Seelen als solche, die Rechenschaft ablegen werden, damit sie dies mit Freuden tun können und nicht mit Seufzen; denn dies wäre nicht von Vorteil für euch. (Hebr. 13:17)

Die bleibende Gegenwart des Fleisches realistisch zu sehen, bewahrt vor Illusionen und vor Entmutigung. Sie nimmt dem Christen nicht den Mut, sondern den Stolz: Geistliche Reife zeigt sich nicht darin, dass das Fleisch verschwunden wäre, sondern darin, wie mit ihm umgegangen wird – im Licht des Kreuzes, im Vertrauen auf die Gnade und in einer wachsenden Sanftmut gegenüber anderen. Wer so lernt zu leben, nimmt Konflikte und innere Kämpfe nicht als Beweis des Scheiterns, sondern als Anlass, tiefer in die Gemeinschaft mit Christus zu fliehen. Der Blick auf den Dorn im Fleisch des Paulus ermutigt, gerade in den Bereichen, wo wir uns schwach und angefochten erleben, mit Gottes Bewahrung zu rechnen. So wird die Erkenntnis des Fleisches nicht zum dunklen Hintergrund unseres Glaubens, sondern zur Folie, vor der die Geduld und Langmut des Herrn umso heller aufgehen.

Durch das Kreuz zu einer tieferen Liebe zu Christus

Das Hohelied zeichnet in feinen Linien nach, wie die Liebe zu Christus durch das Kreuz hindurch gereinigt und vertieft wird. Die Liebende sagt: „Ich schlafe, aber mein Herz wacht“, als der Geliebte an die Tür klopft und sie in eine Gemeinschaft seiner leidenden Liebe ruft. Er beschreibt sich als einer, dessen Haupt „voll Tau“ ist und dessen Locken „voll Tropfen der Nacht“ sind – Bilder, die an den Kampf in Gethsemane erinnern, an das Ringen des Herrn, bevor er den Weg ans Kreuz ging. Trotzdem reagiert die Liebende zunächst mit Ausflüchten: Ihr Gewand ist abgelegt, sie hat die Füße gewaschen, sie scheut die Mühe, noch einmal aufzustehen. Die Liebe, die sie bisher getragen hat, ist echt, aber bequem geworden; sie sucht den Geliebten in der vertrauten Form, nicht in der Gemeinschaft seiner Nacht.

„Mein Geliebter streckte seine Hand durch die Öffnung der Tür, / und mein Inneres sehnte sich nach ihm“ (V. 4). Ihr Geliebter zeigte ihr seine durchbohrte Hand durch diese schmale Öffnung, sodass ihr Inneres in Bewegung kam und sich nach ihm sehnte. Aus Erfahrung wissen wir, dass wir einerseits den Herrn ablehnen können, andererseits aber die Tür nicht ganz schließen. (Witness Lee, Life-Study of Song of Songs, Botschaft sechs, S. 40)

Doch der Ruf des Herrn ist beharrlicher als ihre Trägheit. „Mein Geliebter streckte seine Hand durch die Öffnung der Tür, und mein Inneres sehnte sich nach ihm“, heißt es im Hohelied (Hohelied 5:4). Die durchbohrte Hand des Geliebten wird sichtbar – nicht als Forderung, sondern als Einladung. Ihr Inneres wird berührt, sie steht auf, um zu öffnen, und nun „tropfen ihre Hände von Myrrhe“ (vgl. Hohelied 5:5). Myrrhe ist im biblischen Bildkreis eng mit dem Tod verbunden, mit Salbung und Begräbnis; die Liebende beginnt, den Tod ihres Geliebten nicht mehr nur als Lehre, sondern als kostbare Wirklichkeit zu schätzen. Dennoch erlebt sie, dass der Geliebte sich zurückgezogen hat, als sie öffnet. Was folgt, sind Wunden und Beschämung: Die Wächter der Stadt schlagen sie, nehmen ihr den Schleier. Der Weg des verspäteten Gehorsams führt durch Unverständnis, innere Dunkelheit und das Empfinden, von anderen hart behandelt zu werden.

Gerade aus dieser schmerzlichen Wegstrecke wächst eine neue Tiefe der Liebe. Die Liebende wendet sich an die Töchter Jerusalems und bekennt: „Ich bin krank vor Liebe“ (Hohelied 5:8). Die Wunden haben sie nicht von ihrem Geliebten entfremdet, sondern die Oberfläche ihrer Erwartungen aufgebrochen. Nun beginnt sie, ihn in einer Fülle von Bildern zu beschreiben: „Mein Geliebter ist weiß und rötlich, ausgezeichnet vor Zehntausenden“ (Hohelied 5:10). Sie sieht seine Reinheit und sein Blut, seine königliche Würde und seine zarte Zuwendung, seine himmlische Herrlichkeit und seine menschliche Nähe. Ihre Worte werden weit; sie entdeckt an ihm Reichtümer, die ihr zuvor verborgen waren. Im Licht des Neuen Testaments lässt sich darin etwas von dem Christus erahnen, von dem Paulus sagt, ihm sei die Gnade gegeben, „den Heiden den unerforschlichen Reichtum Christi als das Evangelium zu verkünden“ (Epheser 3:8).

So wird deutlich, dass der stärkere Ruf des Kreuzes nicht darauf abzielt, die Liebe zu dämpfen, sondern sie zu vertiefen und zu läutern. Die Liebende lernt ihren Geliebten nicht trotz, sondern durch die Nacht hindurch neu kennen – als einen, dessen Herrlichkeit das Leiden einschließt, als den Gekreuzigten und Auferstandenen, der als lebengebender Geist in ihr wirkt. Je mehr sie ihn so sieht, desto weniger kreist sie um ihre Verletzungen und desto mehr um seine Schönheit. Ihre Liebe wird weniger empfindlich, aber empfindsamer für ihn; weniger an sich selbst gebunden, stärker an seine Person. Darin liegt eine leise, aber starke Ermutigung: Der Weg, auf dem das Kreuz unsere Sicherheiten erschüttert und unsere Frömmigkeit in Frage stellt, ist nicht das Ende der Gemeinschaft mit Christus, sondern der Durchgang in eine reifere Freundschaft.

Mein Geliebter streckte seine Hand durch die Öffnung der Tür, und mein Inneres sehnte sich nach ihm. (Hld. 5:4)

Ich stand auf, um meinem Geliebten zu öffnen, und meine Hände troffen von Myrrhe und meine Finger von fließender Myrrhe auf dem Griff des Riegels. (Hld. 5:5)

Der Weg durch das Kreuz zu einer tieferen Liebe zu Christus verläuft selten geradlinig. Er umfasst Phasen der Trägheit, des Zögerns, des verspäteten Gehorsams und der inneren und äußeren Verletzung. Doch gerade darin wirkt der Herr, um die Liebe von ihrer Selbstbezogenheit zu lösen und sie fester an seine Person zu binden. Wer im eigenen Leben Spuren der Liebenden aus dem Hohelied entdeckt – das Klopfen des Herrn, das Zögern, das schmerzliche Suchen, die neuen Entdeckungen seiner Schönheit –, darf darin den leisen, beharrlichen Ruf erkennen, näher „innerhalb des Schleiers“ zu leben. Nicht Leistung, sondern das wachsende Erkennen der Kostbarkeit Christi macht diese Liebe reif. In dieser Perspektive verliert das Kreuz seinen Schrecken als bloßer Verlust und wird zum Ort, an dem Christus sich tiefer schenkt, als wir es uns in den bequemeren Phasen unseres Glaubens hätten vorstellen können.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Song of Songs, Chapter 6