Das Wort des Lebens
lebensstudium

In der Himmelfahrt leben, indem wir den Geist von der Seele unterscheiden

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Viele Gläubige sehnen sich danach, über den täglichen Kämpfen zu stehen und doch mitten im Alltag mit beiden Beinen auf der Erde zu bleiben. Die Schrift beschreibt diese Spannung als ein Leben in der Himmelfahrt: äußerlich sind wir noch von Schwierigkeiten umgeben, innerlich aber schon mit Christus in seine Höhe versetzt. Genau hier stellt sich eine entscheidende Frage: Lebe ich aus meiner Seele, also aus Gefühlen, Gedanken und eigener Kraft, oder lebe ich aus dem Geist, in dem Christus selbst wohnt und wirkt?

Der Ruf Jesu: Aus der Tiefe der Seele auf die Höhe der Himmelfahrt

Der Ruf des Herrn aus dem Hohelied führt aus der Enge der eigenen Innerlichkeit hinauf auf die Höhen seiner Auferstehung und Himmelfahrt. Die Liebende, die zuvor in der Mauer ihres introspektiven Selbst eingeschlossen war, wird angesprochen: weg aus dem Kreisen um eigene Gefühle, Versagen und Wünsche, hinein in den Blickwinkel des verherrlichten Christus. Wenn der Herr sagt: „Du bist ganz schön, meine Freundin, und kein Makel ist an dir“, würdigt er nicht ihre eigene Leistung, sondern das Werk seiner Erlösung an ihr. In der Himmelfahrt sieht er sie bereits als neue Schöpfung – nicht mehr definiert durch die Schatten der Vergangenheit, sondern durch seine vollendete Tat. Die Berge Libanon, Amana, Senir und Hermon stehen in diesem Bild für einen geistlichen Standortwechsel: von der Tiefe der Seelenstimmung hinauf auf den Boden der Wahrheit, der entwaffneten Feindschaft und des vollzogenen Gerichts über den Widersacher.

Im Hohelied 4:7–8 ruft der Herr Seine Liebende dazu auf, als neue Schöpfung in der Auferstehung in der Himmelfahrt zu leben. Die neue Schöpfung ist nur das, was in der Auferstehung in der Himmelfahrt ist. Ohne Auferstehung kann es keine neue Schöpfung geben. (Witness Lee, Life-Study of Song of Songs, Botschaft fünf, S. 35)

Gleichzeitig verschweigt die Schrift nicht, dass diese Höhen umkämpft sind. Am Horizont des Hohelieds stehen „Löwengruben“ und „Leopardenberge“ – Bilder für satanische Angriffe und listige Mächte. Paulus beschreibt denselben Bereich, wenn er schreibt: „denn unser Ringkampf richtet sich nicht gegen Blut und Fleisch, sondern gegen die Fürsten, gegen die Gewalten, gegen die Weltbeherrscher dieser Finsternis, gegen die geistlichen Mächte der Bosheit im Himmlischen“ (Eph. 6:12). Die Himmelfahrt ist daher kein sentimentaler Rückzugsort, sondern der Ort eines bereits entschiedenen, aber noch ausgetragenen Kampfes. Wer aus der Tiefe der Seele in die Höhe der Himmelfahrt gerufen wird, tritt ein in ein wachsames Leben, das von der Gewissheit des Sieges Christi geprägt ist. Gerade darin liegt Trost: Unser Platz ist nicht mehr die dunkle Höhle des Selbst, sondern der Stand auf dem Boden seiner vollbrachten Erlösung. Inmitten von Spannungen, Versuchungen und innerer Auseinandersetzung dürfen wir bewusst dort stehen, wo Christus schon steht – oben –, und lernen, die Wirklichkeit nicht mehr aus der Perspektive wechselnder Gefühle, sondern aus seiner herrlichen Gegenwart zu deuten. Das schenkt eine stille, tragende Ermutigung: Unser Weg führt nicht zurück in die alten Tiefen, sondern weiter auf dem Pfad der Himmelfahrt, den er selbst bereits gegangen ist.

denn unser Ringkampf richtet sich nicht gegen Blut und Fleisch, sondern gegen die Fürsten, gegen die Gewalten, gegen die Weltbeherrscher dieser Finsternis, gegen die geistlichen Mächte der Bosheit im Himmlischen. (Eph. 6:12)

Wer den Ruf des Herrn auf die Höhen hört, wird sensibler für die inneren Bewegungen, die ihn wieder in die alten seelischen Tiefen ziehen wollen. Der Trost ist: Die geistliche Realität liegt nicht in diesen Tiefen, sondern in Christus, der bereits erhöht ist. Indem sein Ruf wichtiger wird als die Stimme der eigenen Befindlichkeit, wächst ein stilles, waches Vertrauen, das auch inmitten der „Löwen“ und „Leoparden“ an seinem Sieg festhält und von dort aus den Alltag sieht.

Geist und Seele unterscheiden: Der neue und der alte Mensch

Die Schrift zeichnet den Menschen in einer erstaunlichen Klarheit: Er besteht aus Geist, Seele und Leib. So heißt es: „Und Er Selbst, der Gott des Friedens, heilige euch vollständig und ganz, und es möge unversehrt bewahrt werden euer Geist und eure Seele und euer Leib ohne Tadel, bei dem Kommen unseres Herrn Jesus Christus“ (1.Thess. 5:23). Der Geist ist der innerste Ort, an dem Gott Wohnung nimmt; hier beginnt die neue Schöpfung. Die Seele mit ihrem Denken, Fühlen und Wollen ist der Bereich unserer Persönlichkeit, in dem sich die alten Muster und Prägungen halten. In der Wiedergeburt erneuert Gott unseren Geist, indem er sich selbst als Leben hineingibt; die Seele bleibt zunächst, wie sie ist, und bedarf der Umwandlung. Ohne diese Unterscheidung verschwimmt leicht alles Fromme mit allem Natürlichen, und das eigene Selbst kleidet sich in geistliche Farben.

Wir bestehen aus drei Teilen: Geist, Seele (das Selbst) und Leib (1.Thess. 5:23). In Seiner Ökonomie des Heils an uns geht es Gott zunächst darum, unseren toten Geist zu regenerieren, indem Er Sich Selbst als göttliches Element in ihn hinein mitteilt und so unseren Geist neu macht. Unsere Seele ist jedoch weiterhin alt. Deshalb muss unsere Seele, nachdem wir wiedergeboren worden sind, verwandelt werden. (Witness Lee, Life-Study of Song of Songs, Botschaft fünf, S. 37)

Gerade hier setzt das Wirken des Wortes Gottes an. Im Hebräerbrief heißt es: „Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und es dringt durch bis zur Trennung von Seele und Geist und von Gelenken und Mark, und ist fähig, die Gedanken und Absichten des Herzens zu beurteilen“ (Hebr. 4:12). Das bedeutet in der Erfahrung: Nicht alles, was gut, engagiert oder herzlich erscheint, hat seinen Ursprung im Geist. Eine Zuwendung kann aus natürlicher Sympathie entspringen, ein Dienst aus dem Wunsch, gebraucht zu werden, ein Opfer aus der Sehnsucht nach Anerkennung. Römer 6:6 erinnert daran, dass „unser alter Mensch mit Ihm zusammen gekreuzigt worden ist“, und Galater 2:20 fasst das Neue so: „nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“. Der innere Mensch – unser Geist, in dem Christus wohnt – wird, wie Paulus sagt, „Tag für Tag erneuert“ (2.Kor 4:16), während der äußere Mensch verfällt. Wenn wir lernen, innerlich kurz innezuhalten und auf die leise, aber beständige Gegenwart des Herrn in unserem Geist zu achten, wird allmählich unterscheidbar, ob etwas aus spontaner seelischer Regung entsteht oder aus einem stillen Einverständnis mit ihm. Das macht nicht härter, sondern freier: von der Last, uns selbst darstellen zu müssen, und von der Unruhe, alles aus eigener Kraft recht machen zu wollen.

Mit dieser Unterscheidung wächst zugleich eine größere Barmherzigkeit, sowohl mit uns selbst als auch mit anderen. Wer weiß, wie viel im eigenen Leben aus alten seelischen Beweggründen gespeist ist, wird weniger schnell urteilen und mehr Raum lassen für das verborgene Werk Gottes im Geist eines Menschen. Die Einsicht in den Unterschied zwischen Geist und Seele soll nicht zu Misstrauen führen, sondern zu einer nüchternen, hoffnungsvollen Sicht: Gott hat in unserem Geist bereits Neues geschaffen, und er ist treu, dieses Neue in unsere Seele hinein auszuweiten. Darin liegt Ermutigung für jeden Tag: Trotz wechselnder Stimmungen und innerer Kämpfe bleibt der Punkt, an dem Gott uns festhält, nicht unsere Seelenlage, sondern der erneuerte Geist, in dem Christus lebt. Wer sich immer wieder dorthin zurückbesinnt, beginnt zu erleben, wie das Leben der Himmelfahrt – still, unspektakulär, aber kraftvoll – seine Gedanken, seine Empfindungen und seine Entscheidungen durchdringt.

Und Er Selbst, der Gott des Friedens, heilige euch vollständig und ganz, und es möge unversehrt bewahrt werden euer Geist und eure Seele und euer Leib ohne Tadel, bei dem Kommen unseres Herrn Jesus Christus. (1.Thes. 5:23)

Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und es dringt durch bis zur Trennung von Seele und Geist und von Gelenken und Mark, und ist fähig, die Gedanken und Absichten des Herzens zu beurteilen. (Hebr. 4:12)

Die Unterscheidung von Geist und Seele führt nicht in eine zergliedernde Selbstbeobachtung, sondern in eine einfachere Hinwendung zu Christus in uns. Je klarer wird, dass die Quelle des neuen Lebens im Geist liegt, desto gelassener kann die Seele in diesem Licht umgestaltet werden. Die tägliche Ermutigung liegt darin, dass Gott das Werk im inneren Menschen bereits begonnen hat und in seiner Treue fortsetzt, auch wenn wir es in der Seele nur schrittweise wahrnehmen.

In der Himmelfahrt leben, indem wir aus dem Geist handeln

Das Leben in der Himmelfahrt bleibt nicht eine entfernte Lehre, solange es mit unserem Geist verbunden bleibt. Unser Geist ist durch den innewohnenden Geist Gottes mit den Himmeln verknüpft; in Gottes Sicht sind wir dort, wo Christus ist. Wenn Paulus sagt: „Doch wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die Vortrefflichkeit der Kraft von Gott sei und nicht aus uns“ (2.Kor 4:7), verbindet er die Höhe der himmlischen Wirklichkeit mit der Zerbrechlichkeit des Alltags. In den äußeren Umständen erfahren wir Druck, Enge, Unübersichtlichkeit, und doch ist im Inneren eine andere Sphäre gegenwärtig. Aus dem Geist handeln heißt daher nicht, sich aus den realen Anforderungen zurückzuziehen, sondern sie im Licht der Gegenwart Christi in uns zu durchschreiten. Oft macht sich dieses Handeln nicht durch spektakuläre Eingebungen bemerkbar, sondern durch ein feines inneres Zeugnis: einen Frieden, der nicht zur Situation passt, oder einen stillen Widerstand gegen etwas, das nach außen plausibel wirkt.

Unser Geist ist durch Gott als den Geist mit den Himmeln verbunden. In unserem Geist sind wir daher in den Himmeln, in der Himmelfahrt. In der Himmelfahrt zu leben bedeutet, dass wir in unserem Geist leben, handeln, uns bewegen und alles tun. (Witness Lee, Life-Study of Song of Songs, Botschaft fünf, S. 38)

In dieser inneren Verbindung erweist sich Christus selbst als unser neues Leben: Er liebt durch uns, wo uns die Geduld fehlt; erträgt durch uns, wo unser eigenes Maß erschöpft ist; entscheidet durch uns, wo wir zwischen seelischer Regung und göttlicher Führung unterscheiden müssen. So wird erfahrbar, was es bedeutet, dass „unser innerer Mensch Tag für Tag erneuert“ wird (2.Kor 4:16). Die Atmosphäre der Himmelfahrt beginnt, unsere Gespräche, Reaktionen und Prioritäten zu prägen, ohne dass sich äußerlich sofort alles ändert. Die „Löwen“ und „Leoparden“ – die Versuchungen, Anklagen und Verwirrungen – verschwinden nicht, aber sie verlieren die letzte Deutungshoheit, weil unser Stand nicht mehr unten, sondern oben ist. In diesem Sinn ist jede bewusste Hinwendung zu dem Geist in uns ein kleines Mitgehen auf den Ruf des Herrn: hinaus aus der engen Höhle des Selbst, hinein in die Weite seiner Gegenwart. Dort wird das Leben nicht unbedingt leichter, aber klarer und getragen von einer Hoffnung, die nicht aus uns stammt.

Wer so lernt, im Geist zu leben, darf mit einer unscheinbaren, aber tiefen Zuversicht rechnen: Der Herr, der uns in die Himmelfahrt hineingenommen hat, kennt die Spannungen unseres Alltags und überfordert nicht. Die Verbindung zu ihm ist nicht an besondere geistliche Stunden gebunden, sondern mitten in Routinen, Konflikten und Fragen gegenwärtig. Jede Situation kann zu einem Ort werden, an dem sich zeigt, dass die neue Schöpfung bereits Wirklichkeit ist – noch verborgen, aber real. Das ermutigt, den Tag nicht von den sichtbaren Wellen her zu deuten, sondern von dem verborgenen Schatz im irdenen Gefäß. Darin liegt eine leise, aber kraftvolle Motivation: weiterzugehen, auch wenn es innerlich und äußerlich ringt, weil der Weg der Himmelfahrt nicht auf unserer Anstrengung, sondern auf der beständigen Gegenwart Christi in unserem Geist ruht.

Doch wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die Vortrefflichkeit der Kraft von Gott sei und nicht aus uns. (2.Kor 4:7)

Darum verlieren wir nicht den Mut; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch unser innerer Mensch Tag für Tag erneuert. (2.Kor 4:16)

Aus dem Geist zu handeln bedeutet im Kern, die unscheinbare, aber reale Gegenwart Christi in uns ernster zu nehmen als die Lautstärke der eigenen Seele. So wird der Alltag zum Raum, in dem die Himmelfahrt nicht fernes Ideal, sondern gegenwärtige Wirklichkeit ist. Die Ermutigung liegt darin, dass Gott selbst diese Ausrichtung trägt: Er hat den Schatz in das irdene Gefäß gelegt und sorgt dafür, dass die Vortrefflichkeit der Kraft von ihm ist und nicht aus uns.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Song of Songs, Chapter 5