Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die gemischten Ausdrücke des Empfindens des Psalmisten in seinem Genuss Gottes in Gottes Haus (3)

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Wer die Psalmen liebt, findet darin tiefe Gefühle: Not und Erleichterung, Klage und Dank, Bitte und Lobpreis. Doch hinter diesen bewegenden Worten steht eine größere Linie der Bibel: Gott offenbart von 1. Mose bis zur Offenbarung zwei Wege – die Linie des Lebens in Christus und die Linie von Gesetz, menschlicher Anstrengung und schließlich Tod. In Psalmen wie 31 bis 33 mischt sich das echte Suchen nach Gott mit Vorstellungen, die stärker von Gesetz, Selbstgerechtigkeit und eigener Perspektive geprägt sind als von der neutestamentlichen Wirklichkeit in Christus. Gerade diese Spannung hilft, die Überlegenheit von Christus gegenüber dem Gesetz zu erkennen und unseren eigenen Umgang mit Not, Sünde, Sicherheit und Gottesdienst im Licht des Evangeliums zu prüfen.

Zwei Linien von Anfang an: Baum des Lebens, Baum der Erkenntnis und das Gesetz

Wenn die Psalmen von Gottes Haus, von Licht und Finsternis, von Weg und Abweg reden, greifen sie unmerklich eine Spannung auf, die schon in 1. Mose grundgelegt ist. Dort stehen zwei Bäume im Garten: der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Beide sind mehr als botanische Details; sie markieren zwei Quellen, zwei Linien, die sich durch die ganze Schrift ziehen. Der Baum des Lebens steht für Gottes eigene Selbstausteilung als Leben. Was aus dieser Quelle hervorgeht, ist Tag: Licht, Ordnung, Gemeinschaft, Fruchtbarkeit. Der Baum der Erkenntnis dagegen bringt eine Erkenntnis hervor, die vom Leben abgetrennt ist; er steht für eine Unabhängigkeit, die sich klug und moralisch geben kann und doch zur Finsternis führt. 1. Mose erzählt, wie der Mensch sich dieser zweiten Quelle zuwendet und damit in die Linie der Nacht, der Verwirrung und des Todes eintritt.

Schon im 1. Buch Mose wird Christus als der Baum des Lebens offenbart. Ein Bibellehrer hat gesagt, der Baum des Lebens sei heute vorbei, doch der Baum des Lebens in 1. Mose 2 ist ein zentrales Element. Wenn man den Baum des Lebens aus 1. Mose 2 herausnimmt, bedeutet dieses Kapitel nichts mehr und wird zu nichts. Es ist falsch zu behaupten, der Baum des Lebens sei heute vorbei. In Offb. 2:7 sagt der Herr Jesus: „Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt. Dem, der überwindet, dem werde Ich zu essen geben vom Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist.“ Jesus kam, um uns mit Sich Selbst als dem Baum des Lebens zu speisen. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft fünfzehn, S. 188)

In dieser großen Sicht nimmt das Gesetz einen ungewöhnlichen Platz ein. Es ist nicht einfach identisch mit dem Baum der Erkenntnis; es kommt von Gott, ist heilig und gut und offenbart seinen Willen. Und doch tritt es, wie ein Maßstab auf dem Sinai, von außen an den gefallenen Menschen heran. Es zeigt, was gerecht ist, aber es gibt keine Kraft, so zu werden. In Römer 8:4 heißt es, dass die „gerechte Forderung des Gesetzes in uns erfüllt“ wird, „die wir nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist“. Das Gesetz gehört zur Geschichte Gottes mit seinem Volk, aber nicht zur Mitte seiner Haushaltung. Es ist Seitenlinie, nicht Lebensbaum. Wird diese Linie isoliert, verloren vom Licht Christi, dann kippt sie in der Erfahrung des Menschen in die alte negative Linie, die von Anklage, Selbstgerechtigkeit und Verdammnis geprägt ist. Der Hebräerbrief zeichnet dies mit dem Bild zweier Berge: Sinai, der Sklaven hervorbringt, und Zion, der Berg der Söhne, der Gnade und der festlichen Versammlung.

Vor diesem Hintergrund erhalten die Psalmen eine besondere Farbe. Sie stehen an einer Schwelle: Einerseits künden sie prophetisch von Christus, von seinem Leiden, seiner Auferstehung, seiner Königsherrschaft und von der Herrlichkeit des Hauses Gottes. Andererseits sind sie die Stimme eines Menschen, der noch überwiegend unter Sinai lebt, die Schwere des Gesetzes fühlt und darin Gott sucht. Darum klingen in ein und demselben Psalm Vertrauen und Furcht, Lobpreis und Klage, tiefe Sehnsucht nach Gott und doch ein Denken mit, das von Verdienen und Vergelten geprägt ist. Ein Psalm kann nach dem Lebensbaum greifen, indem er Gott als Felsen und Licht erkennt, und zugleich noch von der Logik der Erkenntnis durchzogen sein, in der der Fromme sich vom Gottlosen durch eigene Frömmigkeit absetzt.

Für neutestamentliche Gläubige ist der Baum des Lebens nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart. In Offenbarung 2:7 heißt es: „Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt. Dem, der überwindet, dem werde Ich zu essen geben vom Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist.“ Der Lebensbaum ist heute Christus selbst, der sich in seinem Haus, in seiner Gemeinde, als Speise darreicht. Die Psalmen helfen uns dann, wenn sie uns auf diese Mitte hin öffnen: Sie lassen uns das Sehnen eines Herzens hören, das unter der Last des Gesetzes nach Leben ruft, und sie laden dazu ein, dieses Sehnen in Christus Antwort finden zu lassen. Wer so liest, entdeckt in den gemischten Empfindungen des Psalmisten eine leise, aber deutliche Bewegung: weg von der bloßen Erkenntnis, hin zu einer Person; weg von der Nacht des Getrenntseins, hin zu dem Tag, an dem der Baum des Lebens wieder mitten in der Stadt Gottes steht.

Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht. (1.Mose 1:3)

Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt. Dem, der überwindet, dem werde Ich zu essen geben vom Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist. (Offb. 2:7)

Die Betrachtung der zwei Linien – Lebensbaum und Erkenntnisbaum – ruft dazu, das eigene geistliche Empfinden zu prüfen: Wo nähre ich mich faktisch noch von Erkenntnis, auch von religiöser, und wo lebe ich von Christus als meinem Leben? Die Psalmen, gerade wenn sie zwischen Gesetz und Lebensbaum schwanken, können zu einem Spiegel werden, in dem die eigene Mischung sichtbar wird. Wer lernt, sie vom Lebensbaum her zu lesen, wird innerlich frei, das Gesetz nicht als Mittelpunkt, sondern als Wegweisung zu Christus zu sehen. Damit verändert sich auch der Blick auf Gottes Haus: Es ist nicht der Ort, an dem Maßstäbe über uns verhängt werden, sondern die Wohnstätte, in der Christus sich selbst gibt. In dieser Atmosphäre kann Vertrauen reifen, das nicht mehr aus Angst vor Verdammnis, sondern aus dem Genuss des Lebens wächst.

Gemischte Empfindungen: Hilfe in der Not oder Christus als wahres Heil?

In den Psalmen 31–33 bekommt die innere Spannung zwischen Hilfe in der Not und wahrem Heil ein Gesicht. David schildert in Psalm 31 seine Lage mit eindringlichen Bildern: Er fühlt sich gefangen in den Netzen der Feinde, seine Kraft ist verbraucht, Schmach und Verleumdung umringen ihn. Mitten in diesem Dunkel greift er nach Gott. Er nennt Ihn seinen Felsen, seine Burg, seine starke Festung und legt Ihm sein Leben hin: „In deine Hand befehle ich meinen Geist“ – Worte, die später der gekreuzigte Christus aufgreifen wird. Davids Empfinden ist keine religiöse Übung, sondern ein echtes Rufen eines bedrängten Menschen, der weiß, dass seine Zuflucht allein bei Gott ist.

Psalm 31 zeigt uns, wie der Psalmist seine gemischten Empfindungen ausdrückt, während er Gottes Errettung aus seiner Bedrängnis erfährt und genießt. In Psalm 31 spricht David nicht von Gottes Errettung von der ewigen Verdammnis und vor Gottes Gericht, sondern von Errettung aus seiner Bedrängnis. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft fünfzehn, S. 190)

Und doch bleibt der Horizont dieses Psalmgebets vielfach im Bereich der äußeren Errettung. Die Bitte, nicht zuschanden zu werden, die Frau zu bewahren, die Feinde zu beschämen, aus der Bedrängnis herausgeführt zu werden – all dies kreist um das Aufatmen in zeitlichen Umständen. Es ist nichts Geringes, wenn Gott solch eine Rettung schenkt. Zugleich macht das Neue Testament deutlich, dass Gottes zentrales Heil tiefer reicht. Es ist Rettung nicht nur aus einer Situation, sondern aus dem Zustand der Trennung, der Sünde und der ewigen Verdammnis. In Philipper 1:19–21 beschreibt Paulus ein ganz anderes Empfinden inmitten von Not: „Denn ich weiß, dass mir dies zur Errettung dienen wird … nach meiner sehnsüchtigen Erwartung und Hoffnung, dass ich in nichts zuschanden werde … Denn zu leben ist für mich Christus und zu sterben ist Gewinn.“ Nicht die Beseitigung der Bedrängnis, sondern die Vergrößerung Christi in seinem Leib ist für ihn der eigentliche Maßstab von „Errettung“. Die Spannung zu David ist spürbar: Beide vertrauen Gott, doch Paulus steht auf einem weiteren, christuszentrierten Horizont.

Psalm 32 vertieft die innere Bewegung. David spricht vom Glück des Menschen, dessen Übertretung vergeben, dessen Sünde zugedeckt ist, und erzählt, wie seine Gebeine verzehrten, solange er schwieg. Erst als er seine Sünde bekannte, brach das Wasser der Vergebung. Hier wird echte Sündenerkenntnis sichtbar, ein Ankommen vor Gott mit dem eigenen Versagen. Gleichzeitig fällt auf, wie stark Begriffe wie „Gottesfürchtige“, „Aufrichtige“ und ein „Geist ohne Trug“ den Psalm durchziehen. Wer so redet, während er zugleich Schuld bekennt, steht in einer Spannung: Er weiß um Vergebung, aber die Vorstellung, selbst zu den Aufrichtigen zu gehören, ist noch stark. Das Gesetz hat ihn dahin geführt, Sünde beim Namen zu nennen, aber es hat ihn noch nicht so tief entkleidet, dass er sich selbst vor Gott nur noch als Empfänger reiner Gnade sieht.

In Christus wird diese Spannung anders aufgelöst. 2. Korinther 5:17 bezeugt: „Wenn nun jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung. Die alten Dinge sind vergangen; siehe, sie sind neu geworden.“ Vergebung ist nicht mehr nur ein Zurückversetzen in einen alten Zustand, sondern der Einstieg in eine neue Wirklichkeit. Der Glaubende steht nicht als „verbesserter Frommer“ vor Gott, sondern als jemand, dessen alte Stellung unter dem Gesetz aufgehoben und der in Christus neu geschaffen ist. Das Bewusstsein, ein „Gottesfürchtiger“ zu sein, wird nicht von der eigenen Beständigkeit her genährt, sondern von der Tatsache, dass Christus unsere Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung geworden ist (1. Korinther 1:30). So kann ein neues, demütiges Selbstverständnis wachsen: geliebter Sünder, gerechtfertigter Schuldiger, in Christus neu – und doch in sich völlig auf Gnade angewiesen.

denn ich weiß, dass mir dies zur Errettung dienen wird durch euer Flehen und die überströmende Versorgung mit dem Geist Jesu Christi, (Phil. 1:19-21)

Von Ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott zur Weisheit geworden ist: sowohl zur Gerechtigkeit als auch zur Heiligung und zur Erlösung, (1.Kor 1:30)

Die Psalmen 31–33 legen offen, wie eng unsere Gebete mit unseren Empfindungen verknüpft sind. Sie zeigen, wie schnell der Blick in der äußeren Bedrängnis stehen bleibt und wie kostbar es ist, wenn Gottes Geist den Horizont weitet: von der Situation hin zu Christus. Wer diese Psalmen im Licht von Christus liest, entdeckt, dass echte Klage und echtes Rufen ihren Platz haben, aber nicht das letzte Wort. Vergebung erhält eine neue Tiefe, wenn sie als Eintritt in die neue Schöpfung verstanden wird; Lobpreis gewinnt ein anderes Gewicht, wenn er sich an Christus als dem Mittelpunkt von Schöpfung und Erlösung entzündet. So wird das Haus Gottes nicht nur als Zufluchtsort erlebt, sondern als der Raum, in dem unsere gemischten Empfindungen in das klare, tröstliche Licht des vollbrachten Heils in Christus gestellt werden.

Vom Sinai zu Zion: Nicht Gesetz erfüllen, sondern Christus leben

Die Gegenüberstellung von Sinai und Zion macht sichtbar, wie tiefgreifend der Wechsel von der alten zur neuen Haushaltung Gottes ist. Unter dem Gesetz tritt Gott dem Menschen als heiliger Gesetzgeber gegenüber: hier der vollkommene Maßstab, dort der schwache, gefallene Mensch. In dieser Konstellation ist das Empfinden des Gottesfürchtigen geprägt von Bemühen und Bitte. Er weiß, dass das Gesetz gut ist, spürt aber zugleich, dass er ihm nicht entspricht. So entstehen Haltungen, wie sie in vielen Psalmen anklingen: Gott fürchten, auf ihn hoffen, zu ihm fliehen, ihn loben, danken, anbeten. All dies ist wertvoll, aber es bleibt in einer Struktur, in der Gott „dort oben“ und der Mensch „hier unten“ steht. Das Beste, was der Mensch in dieser Ordnung tun kann, ist, vor Gott zu bestehen, indem er seine Gebote hält und in seinen Wegen wandelt.

Der Unterschied zwischen Christus und dem Gesetz ist der Unterschied zwischen der Ökonomie des Alten Testaments und der Ökonomie des Neuen Testaments. Unter dem Gesetz im Alten Testament bemühte sich der Mensch unablässig, den Maßstab des Gesetzes zu erreichen. Er erkannte, dass er schwach und sündig war, und bat daher um Gottes Barmherzigkeit und Gottes Güte, und er setzte sein Vertrauen auf Gott. Er suchte bei Gott Zuflucht, wartete auf Gott, hoffte auf Gott, pries Gott, dankte Gott und betete Gott an. All dies war das Tun des Menschen, denn im Alten Testament war Gott vom Menschen getrennt und der Mensch von Gott. Gott und Mensch waren voneinander getrennt. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft fünfzehn, S. 196)

Im Neuen Testament bricht Gott diese Distanz auf. In Jesus Christus kommt der Dreieine Gott in die Geschichte hinein, nimmt die menschliche Natur an und verbindet sich unauflöslich mit dem Menschsein. Am Kreuz trägt Christus nicht nur die Schuld, sondern auch die ganze Last des Gesetzes, das gegen uns stand. In der Auferstehung wird Er, wie 1. Korinther 15:45 sagt, „zu einem Leben gebenden Geist“. Nun ist die Beziehung nicht mehr die eines Menschen, der draußen vor einem Gesetz steht, sondern die eines Menschen, in dem Gott selbst durch seinen Geist Wohnung genommen hat. Epheser 2:5–6 beschreibt diese neue Stellung: Gott hat uns „zusammen mit Christus lebendig gemacht … und hat uns zusammen mit Ihm auferweckt und uns zusammen mit Ihm niedergesetzt im Himmlischen in Christus Jesus“. Sinai kennzeichnet eine Ordnung, in der man sich nach oben streckt; Zion steht für eine Realität, in der Gott in Christus zu uns herabgekommen ist und uns in sich hineingenommen hat.

Damit verschiebt sich der Schwerpunkt des geistlichen Lebens grundlegend. Nicht mehr das Erreichen eines äußeren Maßstabs steht im Vordergrund, sondern das Leben einer inneren Person. Unter dem Gesetz ist es naheliegend zu denken: Wenn ich nur stark genug wäre, die Gebote zu halten, wäre alles gut. Im Licht des Evangeliums wird deutlich, dass kein Grad menschlicher Anstrengung das Problem löst. Der Weg Gottes besteht nicht darin, aus schwachen Menschen starke Gesetzeserfüller zu machen, sondern sie in Christus zu versetzen, damit Christus selbst ihr Leben sei. Galater 2:20 bringt diese Wirklichkeit auf eine knappe Formel: „Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir.“ Das christliche Leben ist daher nicht in erster Linie ein moralisches Projekt, sondern eine Gemeinschaft mit einer lebendigen Person, die im Innern wohnt, wirkt und sich Ausdruck verschafft.

Aus dieser Mitte erhalten auch Glaube und Liebe ein anderes Gewicht. Unter dem Gesetz sind Glaube und Liebe Reaktionen eines Menschen, der sich vor einem gebietenden Gott verantwortet. Im Neuen Testament werden sie zur Weise, in der das Leben Christi in uns antwortet. Römer 8:29 sagt, dass Gott die Seinen vorherbestimmt hat, „dem Bild Seines Sohnes gleichgestaltet zu sein, damit Er der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei“. Der Sohn hat Brüder, die seinen Charakter tragen, weil sein Leben in ihnen wirksam ist. Wer an Christus glaubt, wird in Ihn hineingestellt; wer Christus liebt, tut dies, weil der Vater seine Liebe in das Herz ausgegossen hat. Die Gebote Gottes erscheinen nicht mehr als fremde Last, sondern als Ausdruck des Lebens, das in uns wohnt. So erfüllt sich, was Römer 8:4 beschreibt: Die gerechte Forderung des Gesetzes wird nicht durch angestrengte Leistung, sondern „in uns“ erfüllt, die wir nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist wandeln.

So steht auch geschrieben: „Der erste Mensch, Adam, wurde zu einer lebendigen Seele“; der letzte Adam wurde zu einem Leben gebenden Geist. (1.Kor 15:45)

auch uns, als wir in den Verfehlungen tot waren, zusammen mit Christus lebendig gemacht (durch Gnade seid ihr gerettet worden) und hat uns zusammen mit Ihm auferweckt und uns zusammen mit Ihm niedergesetzt im Himmlischen in Christus Jesus, (Eph. 2:5-6)

Die Unterscheidung zwischen Sinai und Zion schärft das innere Empfinden dafür, aus welcher Quelle man lebt. Dort, wo das geistliche Leben vor allem von der Sorge getragen ist, den Anforderungen zu genügen, prägt noch der Geist des Sinai die Seele; dort, wo Christus als der inwohnende Herr und Bruder erfahren wird, beginnt das Klima Zions. Die Psalmen helfen, diesen Wechsel bewusst zu vollziehen: ihre Sprache der Furcht, des Bemühens und der Hoffnung auf Lohn macht sensibel für die Spuren des Gesetzes, ihre prophetischen Linien zu Christus wecken die Erwartung eines Lebens, das über das Gesetz hinausgeht. Wer diese Spannung annimmt und mit ins Gebet nimmt, erfährt, dass Gott selbst den Übergang gestaltet. Sein Ziel ist, dass im Haus Gottes nicht die Anstrengung, sondern der lebendige Christus im Mittelpunkt steht – und dass sein Volk lernt, nicht mehr nur für ihn, sondern aus ihm und mit ihm zu leben.


Herr Jesus Christus, danke für das Licht deiner Wahrheit, das den Unterschied zwischen dem Weg des Gesetzes und der Fülle deiner Gnade zeigt. Du bist der Baum des Lebens, den Gott von Anfang an vor Augen gestellt hat, und in dir hast du uns aus dem Tod in das Leben, aus der Knechtschaft in die Freiheit der Kinder Gottes geführt. Wo unsere Empfindungen, unsere Klagen und Bitten noch von uns selbst und unseren Umständen beherrscht sind, berühre unser Herz neu mit der Wirklichkeit deiner Kreuzigung und Auferstehung. Fülle unsere inneren Spannungen mit deinem Frieden und richte unseren Blick weg von bloßer Notlinderung hin zu deinem Ziel, in uns verherrlicht zu werden. Lehre uns, nicht aus eigener Kraft ein Gesetz zu erfüllen, sondern in dir zu bleiben, aus dir zu leben und deine Gegenwart in deinem Haus zu genießen. Möge dein Geist uns tiefer in dieses Leben in dir hineinführen, damit unser Vertrauen, unser Lobpreis und unsere Anbetung eine echte Antwort auf deine vollbrachte Erlösung sind. Stärke alle, die sich wie David in Bedrängnis sehen, durch das Bewusstsein, dass ihr Leben verborgen ist mit dir in Gott und dass keine Not deine Auferstehungskraft aufhalten kann. Lass uns als dein Volk heute schon auf dem Berg Zion stehen – in der Freiheit der Gnade, im Aufbau deines Leibes und in der Freude an dir. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Psalms, Chapter 15