Die gemischten Ausdrücke des Empfindens des Psalmisten in seinem Genuss Gottes in Gottes Haus (4)
Wer die Psalmen liest, spürt die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle: tiefes Vertrauen, heftige Klagen, starke Worte gegen Feinde und zugleich kostbare Ausdrücke der Freude an Gott. In Psalm 34–36 wird deutlich, wie nah beieinander geistliche Höhepunkte und sehr menschliche Reaktionen liegen. Gerade diese Spannung wirft die Frage auf, wie wir solche Texte im Licht der ganzen Bibel verstehen und wie sie uns helfen, in einer wirklichen Gemeinschaft mit Gott zu leben, statt nur unsere religiösen Wünsche zu frommen Worten zu kleiden.
Gemischte Empfindungen des Psalmisten – wie liest man solche Psalmen?
Wenn wir Psalm 34–36 aufmerksam lesen, spüren wir die Spannung in Davids Innerem. In der geschichtlichen Situation von 1. Samuel 21 steht er unter Todesgefahr, flieht zu einem fremden König und rettet sich, indem er sich wahnsinnig stellt. „Und er stellte sich wahnsinnig vor ihren Augen und tobte unter ihren Händen, und er kritzelte an die Flügel des Tores und ließ seinen Speichel in seinen Bart fließen“ (1.Sam. 21:14). Kurz danach besingt derselbe David im Psalm die Rettung Gottes, rühmt den Herrn, als hätte dieser ihn in einer reinen Glaubenstat wunderbar befreit. Beides steht nebeneinander: eine Rettung, die durch List und Verstellung geschah, und ein Lob Gottes, das Gott alle Ehre gibt. In den folgenden Psalmen bittet er Gott, seine Feinde zu zerschlagen, klagt die Gottlosen an und zeichnet gleichzeitig hohe Bilder von Gottes Güte und Bewahrung. Diese Mischung wirkt für den nüchternen Leser verwirrend und zugleich erstaunlich vertraut, weil sie unsere eigene Zerrissenheit spiegelt: tiefes Vertrauen auf Gott und gleichzeitig ein Herz, das sich mit ganz menschlichen Mitteln zu helfen weiß und innerlich gegen Gegner aufbegehrt.
Daran erkennen wir, dass die Situation, in der Psalm 34 geschrieben wurde, alles andere als ehrenvoll war. David verhielt sich nicht normal; er stellte sich wahnsinnig, weil er vor einem König stand, der die Macht hatte, ihn zu töten. Durch diese Verstellung wurde David von Abimelech errettet (1. Sam. 21:10–22:1). Danach schrieb er Psalm 34. In diesem Psalm gab er Gott die ganze Ehre, tatsächlich aber hatte er Sich dadurch selbst errettet, dass er sich verstellte. Sich zu verstellen ist eine Form von Falschheit. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft sechzehn, S. 200)
Gerade diese Spannung lehrt, wie solche Psalmen gelesen werden wollen. Sie sind echte Gebete eines Menschen auf dem Weg, nicht abgeschliffene Mustertexte vollendeter Spiritualität. Der Geist Gottes benutzt diese Gebete, um uns in die Wirklichkeit eines glaubenden Herzens hineinzunehmen, das unter Druck reagiert, reflektiert, neu vertraut und sich doch immer wieder im eigenen Denken verfängt. Wenn David in Psalm 34 vom bewahrten Leben und von „guten Tagen“ spricht, klingt es zunächst wie eine einfache Formel: wer das Rechte tut, wird gesegnet, wer böse ist, wird gerichtet. Später wird dieses Wort im Neuen Testament aufgegriffen: „Denn wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der halte Zunge und Lippen vom Bösen zurück, daß sie nicht Trug reden“ (1.Petr. 3:10). Doch gerade im Licht des gesamten biblischen Zeugnisses merken wir, wie begrenzt unsere menschliche Deutung dieser Sätze ist. Die Psalmen wollen uns nicht in einer Welt oberflächlicher religiöser Kausalitäten festhalten, sondern uns durch die Brüche hindurch auf Gottes tiefere Wege hinweisen. Sie laden dazu ein, den Psalmisten nicht als fertigen Maßstab, sondern als Weggefährten wahrzunehmen, dessen Worte vom Geist gebraucht werden, um unser eigenes Herz zu entlarven und zugleich neu auf Gott auszurichten.
So entsteht eine nüchterne, aber tröstliche Sicht: Wir brauchen die Psalmen weder zu idealisieren, als wären alle ihre Empfindungen schon der letzte Ausdruck reifer Gotteserkenntnis, noch verwerfen wir sie, weil sie teilweise hart, widersprüchlich oder unvollständig wirken. Wir lesen sie im Licht des ganzen Rates Gottes und besonders im Licht Christi. Die Härte gegen die Feinde, das starke Freund–Feind-Schema, das Vertrauen auf sichtbaren Lohn – all das wird für uns zum Spiegel, in dem wir unsere eigenen Reaktionsmuster wiederfinden. Gleichzeitig leuchten mitten in diesen Texten echte Perlen des Vertrauens auf, Aussagen über Gottes Nähe, seine Güte und seine Treue, die direkt auf Christus vorausweisen. Indem wir die Psalmen so lesen, werden wir ermutigt, unsere eigenen gemischten Empfindungen nicht zu verdrängen, sondern mit ihnen in Gottes Gegenwart zu bleiben. Er nimmt uns ernst in unserer Zerrissenheit, aber er lässt uns nicht darin stehen; er führt weiter, weg vom bloßen Rechtbehalten und Selbstschutz hin zu einem Leben, das tiefer in seinem Herzen verwurzelt ist.
Wer so auf die Psalmen schaut, beginnt seine eigenen Gebete anders wahrzunehmen. Auf einmal ist es nicht mehr nötig, sich innerlich zu schämen, weil in einem und demselben Herzen Lob und Klage, Vertrauen und Angst, Hingabe und Selbstrettung auftauchen. Gott hat diese Wirklichkeit schon in sein Wort hineingenommen. Er deckt auf, ohne zu verwerfen. In dieser Atmosphäre kann sich eine neue Ehrlichkeit vor Gott entfalten. Die gemischten Empfindungen werden nicht mehr versteckt, sondern zu Material, an dem Gott arbeitet. Aus widersprüchlichen Reaktionen werden Lernfelder; aus harten Wünschen gegen andere werden Anlässe, in Christus tiefer zu verstehen, wie Gott selbst mit seinen Feinden umgeht. So werden die Psalmen zu einem Raum, in dem unser eigenes Herz in Bewegung kommt – weg von der Illusion geistlicher Perfektion, hin zu einer wachsenden, ehrlichen Gemeinschaft mit dem Herrn, der unsere Geschichte kennt und sie in seinem Licht neu deutet.
Und er stellte sich wahnsinnig vor ihren Augen und tobte unter ihren Händen, und er kritzelte an die Flügel des Tores und ließ seinen Speichel in seinen Bart fließen. (1.Sam. 21:14)
«Denn wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der halte Zunge und Lippen vom Bösen zurück, daß sie nicht Trug reden; (1.Petr. 3:10)
Wenn die gemischten Empfindungen des Psalmisten sichtbar werden, wächst der Mut, die eigene innere Widersprüchlichkeit nicht länger religiös zu kaschieren. Unter Gottes Blick braucht nichts mehr geschönt zu werden: nicht die Sehnsucht, nicht die Angst, nicht die Neigung zur Selbstrettung. In diesem ehrlichen Raum kann der Geist Schritt für Schritt die Motive ordnen, Vertrauen vertiefen und aus groben Reaktionsmustern eine feine, vom Herrn geformte Empfindsamkeit machen.
Die göttliche Linie: Gottes Ziel ist Einssein mit dem Menschen
Über den Wellen der wechselvollen Psalmen liegt eine stille, beständige Linie, die die ganze Schrift durchzieht: Gott sucht nicht in erster Linie moralisch gelungene Menschen, sondern eine tiefe, unaufhebbar innige Einheit mit dem Menschen. Bereits im ersten Buch der Bibel deutet sich das an. Nachdem der Mensch gefallen ist, sagt Gott zur Schlange: „Und Ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dich am Kopf zermalmen, doch du wirst ihn an der Ferse zermalmen“ (1.Mose 3:15). Hier steht nicht nur Gericht über den Widersacher, sondern die Verheißung eines kommenden Samens, in dem Gott selbst in die Geschichte eintritt. In Christus ist dieser Same erschienen: Gott wird Mensch, nicht als externer Helfer, sondern um sich unlösbar mit der Menschheit zu verbinden. Die Geburt Christi ist Ausdruck dieser Absicht, aber sie ist nur der Anfang eines Weges, auf dem Gott und Mensch ineinander verwoben werden sollen.
Um die Bibel zu verstehen, müssen wir ein bestimmtes Prinzip anwenden. Dieses Prinzip besteht darin, dass Gott in Seiner Ökonomie vorgesehen hat, Sich Selbst mit dem Menschen eins zu machen. Das grundlegende, das Hauptprinzip der Geburt Christi ist, dass Gott kam, um Sich mit dem Menschen zu verbinden, ein Mensch zu sein und eins mit dem Menschen zu sein. Dies ist das grundlegende Prinzip der Bibel. Wenn wir die Bibel lesen, müssen wir dieses Prinzip festhalten, dass Gott eins mit dem Menschen ist. Wir sollten an dem Prinzip festhalten, dass uns das Wort Gottes als göttliche Offenbarung zeigt, dass Gottes Hauptabsicht ist, Sich Selbst mit dem Menschen eins zu machen und den Menschen eins mit Ihm zu machen. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft sechzehn, S. 201)
Jesus greift dieses Geheimnis mit dem Bild vom Weinstock und den Reben auf. Ein Weinstock, viele Reben – ein einziges Leben, das sich in vielen Ausdrucksformen entfaltet. Paulus beschreibt dasselbe mit einem anderen Bild, wenn er von wilden Zweigen spricht, die in einen edlen Ölbaum eingepfropft werden: „Denn wenn du von dem von Natur aus wilden Ölbaum abgeschnitten und gegen die Natur in den veredelten Ölbaum eingepfropft worden bist, wie viel mehr werden dann diese, die die natürlichen Zweige sind, in ihren eigenen Ölbaum eingepfropft werden!“ (Röm. 11:24). Dieses Einpfropfen ist mehr als eine äußere Zugehörigkeit; es bedeutet, dass der Saft, das innere Leben des Baumes, in den eingepfropften Zweig einströmt. In der Sprache des Neuen Testaments: der Dreieine Gott teilt sich in Christus durch den Geist in uns hinein, damit wir nicht mehr aus uns, sondern aus Christus leben. „Denn zu leben ist für mich Christus“ (Phil. 1:21) fasst diese Wirklichkeit zusammen: Gott und Mensch sind nicht verschmolzen, aber so innig verbunden, dass Christi Leben zum inneren Maßstab, zur Energie und zur Form unseres Lebens wird.
Vor dieser Linie bekommt auch das Ringen Davids in den Psalmen eine andere Tiefe. Seine Gebete sind die Schritte eines Menschen, der unter dem alten Bund nach Gott greift, ohne die volle Offenbarung dieses Einsseins zu besitzen. Er erfährt Bewahrung, er schmeckt Gottes Güte, er sehnt sich nach Gottes Haus – und doch bleibt er oft gefangen in einer Sicht, die stark von äußeren Gegensätzen geprägt ist: Gerechte hier, Gottlose dort; Segen hier, Gericht dort. Gottes Ziel reicht weiter. Er ist dabei, ein Volk zu gewinnen, das nicht nur für Ihn, sondern aus Ihm lebt, das in Christus mit Ihm eins ist und seinen Charakter ausstrahlt. Wenn wir Psalmen lesen, ohne diese Linie zu sehen, bleiben wir leicht bei moralischen Idealen stehen: fromm sein, gut reden, Böses meiden, auf Lohn hoffen. Im Licht des Neuen Testaments werden dieselben Psalmen zu einer Schulung in der Geschichte Gottes mit dem Menschen: Sie zeigen einen Glaubenden auf dem Weg, während Gott schon auf die Fülle in Christus zielt, in der ein Leib entsteht, der Christus Ausdruck gibt.
So führt die göttliche Linie weg von einer Auslegung, die nur fragt, was wir zu tun haben, hin zu einer Sicht, die das Werden der Einheit zwischen Gott und Mensch wahrnimmt. Die Psalmen bekommen ihren Ort in diesem großen Bogen: Sie sind ein Echo der Sehnsucht, ein Zeugnis göttlicher Bewahrung, aber auch ein Spiegel der Begrenztheit, in der David noch lebt. Für uns öffnet sich dadurch ein weiter Raum: Wir dürfen die Psalmen als Stimme eines Bruders hören, der vor Christus unterwegs ist, und zugleich in Christus schon die Erfüllung sehen, auf die seine Worte zulaufen. Das nimmt Strenge aus der Lektüre und gibt ihr zugleich Ernst: Es geht nicht nur um tröstende Verse, sondern um die Frage, ob wir uns von der großen Absicht Gottes erfassen lassen, eins mit Ihm zu sein, damit sein Leben in uns Gestalt gewinnt und durch uns hindurchstrahlt.
Und Ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dich am Kopf zermalmen, doch du wirst ihn an der Ferse zermalmen. (1.Mose 3:15)
Denn wenn du von dem von Natur aus wilden Ölbaum abgeschnitten und gegen die Natur in den veredelten Ölbaum eingepfropft worden bist, wie viel mehr werden dann diese, die die natürlichen Zweige sind, in ihren eigenen Ölbaum eingepfropft werden! (Röm. 11:24)
Wer die große Linie von Gottes Einssein mit dem Menschen erkennt, liest die Psalmen mit gelösten Schultern. Aus einzelnen Versen werden keine isolierten Rezepte mehr, sondern Teil eines Weges, auf dem Gott sich immer tiefer mitteilt. So wächst im Inneren eine stille Bereitschaft, nicht bei der Bewunderung Davids stehenzubleiben, sondern das eigene Leben für dieselbe Wirklichkeit zu öffnen, in der Christus selbst unser inneres Maß und unsere Kraft wird.
Vom natürlichen Konzept zur geistlichen Wirklichkeit – praktische Ausrichtung
Wenn David in Psalm 34 die Zunge in den Mittelpunkt stellt, berührt er einen Punkt, an dem sich unser eigenes religiöses Denken leicht festhakt. „Wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der halte Zunge und Lippen vom Bösen zurück, daß sie nicht Trug reden“ (1.Petr. 3:10, zitierend Ps. 34). Das klingt eingängig und logisch: Wer gut redet, wird gute Tage sehen. David denkt, wie viele von uns, stark in Kategorien von „guten“ und „bösen“ Menschen, von sichtbarem Lohn und klarer Strafe. An seinen eigenen Erfahrungen gemessen, scheint diese Sicht zu stimmen: Wer sich klug verhält, wer die richtigen Worte findet, wer Böses meidet, erlebt Bewahrung und Segen. Doch das Neue Testament legt den Finger auf den wunden Punkt. Paulus schreibt: „Es gibt keinen Gerechten, auch nicht einen“ (Röm. 3:10), und Jesaja bekennt: „Wir alle sind wie ein Unreiner geworden und all unsere Gerechtigkeiten wie ein beflecktes Kleid“ (Jes. 64:5). Plötzlich wird deutlich: Die Forderung, die Zunge im Griff zu haben, stellt niemanden besser, sondern entlarvt alle als unfähig, aus eigener Kraft Gottes Maß zu erfüllen.
David sagte, dass wir, wenn wir das Leben lieben und gute Tage sehen wollen, unsere Zunge vor Bösem und unsere Lippen vor trügerischer Rede bewahren sollten. Aber wer hat es je geschafft, seine Zunge vor Bösem zu bewahren? Was David hier sagte, entsprach dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft sechzehn, S. 204)
Hier beginnt die Bewegung weg vom natürlichen Konzept hin zur geistlichen Wirklichkeit. Natürlich denken wir in Spuren von Ursache und Wirkung: gutes Verhalten – gutes Leben, schlechtes Verhalten – schlechtes Leben. Wenn dann noch geistliche Sprache hinzukommt, entsteht schnell eine fromme Variante dieses Schemas: Wer konsequent die Zunge zügelt, wer die richtigen Gebete spricht, wer seine Feinde scharf benennt, darf mit Gottes Schutz und sichtbarem Erfolg rechnen. Doch gerade an David sehen wir, wie brüchig dieses System ist. Er preist Gott für Rettung, die er sich durch Verstellung selbst verschafft hat; er fordert Gerechtigkeit gegen Feinde, ohne zu erahnen, dass Gott selbst in Christus später für seine Feinde sterben wird. Jesus durchbricht konsequent das alte Schema, wenn er sagt: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ (Mt. 5:44). Damit verschiebt er den Mittelpunkt von der Frage, was wir selbst leisten, zu der Frage, welches Leben in uns wirksam ist.
Diese Verschiebung ist der Schlüssel zu einer veränderten Schriftlektüre. Die Psalmen halten uns einen Spiegel vor: Wir erkennen uns in Davids Wunsch nach „guten Tagen“, in seinem Bedürfnis nach klarer Abgrenzung von den Gottlosen, in seiner inneren Genugtuung darüber, wenn die Bösen fallen. Zugleich hören wir im Evangelium von Christus, der am Kreuz für eben solche „Feinde“ sein Leben gibt und damit zeigt, dass Gottes Gerechtigkeit nicht darin aufgeht, alle nach ihren Werken zu behandeln, sondern darin, sich selbst hinzugeben. So beginnt ein innerer Prozess, in dem unsere Kategorien nach und nach aufbrechen. Es wird spürbar, dass wahre Veränderung nicht von außen nach innen verläuft – von der Disziplin zur Gesinnung –, sondern von innen nach außen: vom inwohnenden Leben Christi zur geprägten Rede, zu gereiften Reaktionen, zu einem anderen Umgang mit Unrecht und Widerstand.
Je mehr diese Wirklichkeit unser Inneres erreicht, desto freier können wir die Psalmen als Wegtexte lesen. Die scharfen Bitten gegen Feinde provozieren uns nicht mehr nur, sondern werden zu Anlässen, die Stimme Christi in uns zu suchen: Wie sieht seine Haltung zu den „Gottlosen“ aus, an denen David kein gutes Haar lässt? Wo David noch zwischen „uns“ und „denen“ trennt, führt Christus mitten hindurch und macht aus Feinden Freunde. Wo David seine eigene Gerechtigkeit betont, schenkt Christus seine eigene Gerechtigkeit als Gewand. So lernt das Herz, die Psalmen dankbar anzunehmen, ohne in ihren begrenzten Sichtweisen stehenzubleiben. Sie werden zu Stationen auf einem Weg, an dessen Ziel Menschen stehen, in denen Christus selbst lebt und handelt – Menschen, die nicht nur über Gottes Gebote nachdenken, sondern in denen der lebengebende Geist das tägliche Denken, Fühlen und Reden durchdringt.
«Denn wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der halte Zunge und Lippen vom Bösen zurück, daß sie nicht Trug reden; (1.Petr. 3:10)
so wie geschrieben steht: „Es gibt keinen Gerechten, auch nicht einen; (Röm. 3:10)
Wenn die eigenen natürlichen Vorstellungen durch Davids Psalmen und das Licht des Neuen Testaments entlarvt werden, entsteht kein Zynismus, sondern eine neue Sehnsucht: dass Christus selbst das innere Maß unseres Denkens und Empfindens wird. Unter dieser Sehnsucht wächst leise ein Lebensstil, in dem nicht mehr das eigene Konzept, sondern das inwohnende Leben die Richtung vorgibt – ein Weg, auf dem selbst Widersprüche und Brüche zu Orten werden, an denen Gottes Geduld und formende Treue erfahrbar werden.
Herr Jesus Christus, danke, dass du nicht fern von unseren widersprüchlichen Empfindungen stehst, sondern in unsere Schwachheit hineingekommen bist und uns durch dein Wort erziehst. Du siehst, wo wir wie David für uns selbst sorgen, uns verteidigen und unsere eigenen Wünsche fromm einkleiden, und doch führst du uns geduldig in deine Gedanken hinein. Öffne unser Herz neu für die zentrale Linie deines Wortes, dass wir dich nicht nur bewundern, sondern dein Leben in uns Raum gewinnt. Lass uns als Reben am Weinstock leben, damit deine Liebe, deine Sanftmut und deine Gnade unsere Reaktionen prägen, gerade dort, wo wir verletzt, angegriffen oder missverstanden werden. Stärke in uns die Gewissheit, dass du uns in deiner Treue bis zur vollkommenen Einheit mit dir führen wirst und nichts deinen Plan zerstören kann. So bewahre uns vor einem oberflächlichen, natürlichen Bibelverständnis und erfülle uns mit dem Licht deiner Ökonomie, damit wir dich im Alltag wirklich leben. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Psalms, Chapter 16