Die Zuteilung des Landes (2)
Wer das Buch Josua aufmerksam liest, entdeckt hinter der detaillierten Landkarte eine geistliche Linie: Gott selbst teilt sein Erbe zu, führt sein Volk Schritt für Schritt in das von ihm verheißene Land und zeigt dabei etwas von der Fülle Christi. Die Grenzen der Stämme, die Städte der Leviten und die Zufluchtsorte für Schuldige sind keine trockenen Listen, sondern Bilder dafür, wie reich der Herr seine Gemeinde versorgt und wie zuverlässig er sein Wort erfüllt. Die Frage ist nicht, ob Christus groß genug wäre, sondern wie weit wir hineinfinden in das, was er uns bereits geschenkt hat.
Christus – der eine, allumfassende Christus, vielfältig erfahren
Wenn der Epheserbrief Christus als den vorstellt, „der alles in allem erfüllt“, öffnet sich ein weiter Horizont. Dort heißt es, dass die Gemeinde Sein Leib ist, „die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt“ (Epheser 1:23). Ein Christus, der alles in allem erfüllt, lässt sich nicht auf eine einzige Erfahrung, eine bestimmte Betonung oder eine bevorzugte geistliche Tradition reduzieren. Er ist unergründlich reich, „unerforschlicher Reichtum“, wie Paulus sagt (Epheser 3:8). Das Buch Josua stellt uns diesen Christus im Bild des guten Landes vor: ein einziges Land, von Gott verheißen, in seiner Fülle unteilbar – und doch konkret verteilt, Stamm für Stamm, Familie für Familie. Was im Epheserbrief als himmlische Fülle vor uns steht, wird in Josua in der Erdenschwere von Grenzen, Losen und Ortsnamen sichtbar.
Viele geistliche Dinge in Bezug auf Christus und die Gemeinde werden im Neuen Testament dem Grundsatz nach, aber nicht im Detail offenbart. Das gilt besonders für das Gewinnen, Erfahren und Genießen Christi. Im Epheserbrief wird Christus als allumfassend offenbart, weil Er der ist, „der alles in allem erfüllt“ (Eph. 1:23). Er ist nicht nur allumfassend, sondern auch allweit, weil Seine Liebe in ihrer Breite, Länge, Höhe und Tiefe unergründlich ist (Eph. 3:18–19a). Die Liebe Christi ist einfach Er selbst. Wenn Seine Liebe unergründlich ist, dann ist auch Er unergründlich. (Witness Lee, Life-Study of Joshua, Botschaft zwölf, S. 77)
Das Land war eins, aber sein Genuss war vielfältig. Juda erhielt ein anderes Gebiet als Sebulon, Ephraim ein anderes als Asser. Hinter allen Unterschieden aber stand ein und dieselbe göttliche Gabe. So ist Christus „derselbe gestern und heute und in Ewigkeit“ (Hebräer 13:8), und doch nimmt Sein Volk Ihn auf sehr verschiedene Weise wahr. Manche erfahren Ihn stärker als den vergebenden Herrn, andere als den, der innerlich tröstet und stärkt, wieder andere als den, der leitet, korrigiert, sendet. Die geistliche „Landkarte“ der Gemeinde ist keine flache Fläche, sondern ein reich gegliedertes Land voll Hügeln und Tälern, Flüssen und Städten. In all dem widerspiegeln sich nicht verschiedene Christusse, sondern verschiedene Blickwinkel auf denselben Einen. Darin liegt ein stiller Trost: Die eigenen Erfahrungen müssen nicht denen anderer gleichen, um echte Erfahrungen Christi zu sein; und die Erfahrungen anderer mindern nicht den Anteil, den man selbst in Ihm hat.
Die Zuteilung des Landes geschah durch das Los. Darin wurde sichtbar, dass nicht menschliche Berechnung, sondern Gottes verborgener Rat den Umfang des Erbteils bestimmte. Gleichzeitig blieb es nicht beim Empfang des Anteils; das Land wollte betreten, bebaut und verteidigt sein. Ähnlich ist es mit Christus als unserem Erbteil. In Epheser 3 wird gebetet, dass wir „voller Stärke“ sein sollen, „um mit allen Heiligen zu erfassen, was die Breite und Länge und Höhe und Tiefe ist“ (Epheser 3:18–19). Die Fülle ist gegeben, doch unser inneres Erfassen wächst, wenn wir lernen, auf Gottes Zuteilung zu antworten: indem wir in das hineingehen, was Er uns hinstellt, auch wenn es zunächst klein oder unscheinbar wirkt. Manchmal liegt unser „Gebiet“ eher im Verborgenen – in treuer Fürbitte, in stillem Dienst, in beharrlicher Liebe. Ein anderes Mal führt der Herr in einen weit sichtbaren Dienst. In beidem bleibt Er derselbe Christus, aber das Maß unseres Genusses wird von Vertrauen, Gehorsam und Ausdauer geprägt.
Im Laufe der Geschichte der Gemeinde ist aus dieser göttlichen Zuteilung eine große geistliche Landschaft gewachsen. Unterschiedliche Gaben, Gemeinden, Bewegungen haben jeweils einen bestimmten „Landstrich“ Christi entdeckt und gepflegt: der Reichtum Seiner Gnade, die Tiefe Seines Kreuzes, die Nähe Seiner Gegenwart, die Herrlichkeit Seines Leibes. Manches wirkt einseitig, manches unausgewogen – und doch bleibt die Grundbewegung: Christus wird von vielen Seiten her kennengelernt. Der Epheserbrief spricht davon, dass wir „mit allen Heiligen“ die Breite, Länge, Höhe und Tiefe erfassen. Kein Einzelner, keine Gruppe trägt das Ganze. Es ist eine gemeinsame Aufgabe, ja ein gemeinsames Geschenk. Wer dies sieht, lernt, den eigenen Anteil treu zu bestellen, ohne ihn zum Maß aller Dinge zu machen, und den Anteil anderer nicht zu verachten, sondern als Ergänzung zu ehren.
die Sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt. (Eph. 1:23)
Mir, dem Allergeringsten von allen Heiligen, ist diese Gnade gegeben worden, den Heiden den unerforschlichen Reichtum Christi als das Evangelium zu verkünden (Eph. 3:8)
Die Geschichte der Landzuteilung lädt dazu ein, den eigenen geistlichen „Landstrich“ im Licht des allumfassenden Christus zu sehen: dankbar für das, was Er persönlich anvertraut hat, und zugleich lernbereit gegenüber dem, was Er anderen gegeben hat. Je weniger unsere Identität an Vergleichen hängt, desto freier kann Christus selbst unser Erbteil sein – heute im Unscheinbaren wie morgen in größerer Weite.
Gottes gerechte und treue Zuteilung seines Erbes
In den Kapiteln über die Verteilung des Landes taucht immer wieder der Loswurf auf. Für ein modernes Empfinden klingt das leicht nach Zufall oder Glücksspiel, doch in Israel war das Los ein geheiligtes Mittel, durch das Gottes verborgener Ratschluss sichtbar werden sollte. Die ordnende Hand Gottes stand hinter dem unscheinbaren Vorgang. So war für jeden Stamm klar: Unser Gebiet, mit all seinen Vor- und Nachteilen, ist uns nicht von Josua zugewiesen worden, sondern vom Herrn selbst. Darin lag eine tiefe Gerechtigkeit, die die Herzen zur Ruhe brachte. Wo keine menschliche Bevorzugung im Spiel ist, verliert der Neid seinen Boden. Auch heute ist es heilsam, sich daran zu erinnern, dass die entscheidenden Linien unseres Lebens – die wir oft erst im Rückblick erkennen – von einem weisen Gott gezogen sind, der weder würfelt noch irrt.
Die ordnende Hand Gottes war bei der Losentscheidung am Werk und lenkte das Ergebnis. Das bedeutet, dass die Aufteilung des Landes nicht von Josua, vom Hoherpriester oder von irgendjemand anderem als Gott abhing. So hatten die Stämme keinen Anlass, sich über den ihnen zugeteilten Anteil des Landes zu beklagen. Die Art und Weise, wie das Land zugeteilt wurde, war gerecht und brachte alle zur Ruhe und Unterordnung. (Witness Lee, Life-Study of Joshua, Botschaft zwölf, S. 78)
Besonders deutlich wird Gottes andere Art zu zuteilen bei den Leviten. Sie erhielten kein geschlossenes Flächenland, sondern verteilte Städte inmitten der anderen Stämme. Das bedeutete soziale Unsicherheit und äußerliche Abhängigkeit, aber zugleich einen einzigartigen Reichtum: Der priesterliche Dienst an Gott selbst war ihr Erbteil. Während die übrigen Stämme ihr Land bestellten, trugen die Leviten das geistliche Leben der Nation. Damit schrieb Gott eine Linie fort, die schon in 1. Mose begonnen hatte, als Er Abraham nicht nur ein Land, sondern vor allem sich selbst verheißen hatte. Die Botschaft ist klar: Das sichtbare Erbe ist nicht alles; an der Mitte des Ganzen steht Gott selbst, der sich Menschen so zuwendet, dass Er für sie mehr ist als jede äußere Sicherung.
Am Ende der langen Listen und Grenzbeschreibungen steht ein stilles, aber gewaltiges Resümee: Kein einziges Wort ist von all dem Guten dahingefallen, das der Herr dem Haus Israel zugesagt hatte; alles ist eingetroffen. Die Losgrenzen, die Levitenstädte, die Ruhe vor den Feinden – all dies war nicht das Ergebnis gelungener Selbstorganisation eines tüchtigen Volkes, sondern die sichtbare Spur göttlicher Treue durch die Jahrhunderte. Von den ersten Verheißungen in 1. Mose an Abraham bis zu den Tagen Josuas hatte sich Gottes Wort nicht verflüchtigt. Selbst lange Verzögerungen, Umwege durch die Wüste und das Versagen einer ganzen Generation hatten die Verheißung nicht zunichte gemacht. Für den Glauben Israels wurde das Land dadurch zu einem großen, begehbaren Zeugnis: Gott vergisst nicht, was Er zugesagt hat.
Im Licht des Neuen Testaments wird diese Treue in eine andere Dimension gehoben. Dort wird unser Erbe nicht mehr mit geografischen Karten beschrieben, sondern mit den Worten: „die Sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt“ (Epheser 1:23). Wieder steht ein Erbteil vor uns, das uns nicht gehört, weil wir klüger, stärker oder frömmer wären, sondern weil Gott in Christus einen Bund geschlossen hat, den Er mit Seinem eigenen Blut besiegelt. So wie das Los die menschliche Hand bei der Landverteilung relativierte, so relativiert das Kreuz unsere eigenen Leistungen: Was wir in Christus empfangen, ist Gnade. Gerade darin erweist sich Gottes Gerechtigkeit, denn Er bleibt Seinem Wort treu, ohne Unrecht zu übersehen – Er trägt es selbst. Wer das erkennt, beginnt innerlich aufzuhören, mit Gott über die Zuteilung des eigenen Lebens zu rechten, und lernt stattdessen, in einem tiefen Vertrauen auf Seine Weisheit zu ruhen.
die Sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt. (Eph. 1:23)
Die gerechte und treue Zuteilung des Landes ermutigt dazu, das eigene Leben mit seinen Grenzen und Möglichkeiten als Teil eines größeren göttlichen Plans zu sehen. Wer seine Geschichte unter die Hand des zuteilenden Gottes stellt, kann aufhören, sich selbst zu bemessen und zu vergleichen, und lernt stattdessen, im Vertrauen auf Seine Treue Schritt für Schritt in dem Erbteil zu leben, das in Christus unverlierbar zugesprochen ist.
Zufluchtsstädte und gemeinsamer Altar – Christus als Schutz und Einheit seines Volkes
Mitten in die Landkarten des Buches Josua ist eine andere Art von Karte eingezeichnet: die sechs Zufluchtsstädte. In 4. Mose wird Gottes Auftrag dazu so zusammengefasst: „Und die Städte, die ihr den Leviten geben sollt: sechs Zufluchtstädte sollen es sein, die ihr (ihnen) geben sollt, damit dorthin fliehen kann, wer einen Totschlag begangen hat. Und zu diesen hinzu sollt ihr (noch) 42 Städte geben“ (4. Mose 35:6). Diese Städte standen strategisch verteilt im ganzen Land, damit kein Weg zu weit war für jemanden, der in einer Schuld verwickelt war, die er nicht beabsichtigt hatte. Vor den Augen des Rächers sollten diese Menschen einen Ort haben, an dem ihr Fall geprüft und ihr Leben geschützt wurde, bis Recht gesprochen war. In diesem Gefüge verbinden sich Gerechtigkeit und Barmherzigkeit: Die Tat wird nicht bagatellisiert, aber der Mensch wird nicht dem blinden Zorn ausgeliefert.
Die Darstellung in Kapitel 20 befasst sich mit den Zufluchtsstädten (2.Mose 21:13; 4. Mose 35:6a, 10–15). (Witness Lee, Life-Study of Joshua, Botschaft zwölf, S. 81)
Geistlich gelesen weisen die Zufluchtsstädte auf Christus hin. Er ist derjenige, in dem Menschen mit einem belasteten Gewissen Zuflucht finden, deren Leben durch Fehler, Versagen oder tragische Verwicklungen gezeichnet ist. Er ist nicht der Ort, an dem Schuld unterschlagen wird, sondern der, an dem sie ans Licht kommt – unter dem Schutz Seiner Gnade. Die Zuflucht lag nicht außerhalb des Landes, sondern mitten in der Wohnstätte Gottes; so ist auch Christus nicht fern von der Gemeinde, sondern ihre Mitte. Er nimmt Menschen auf, die sich selbst nicht mehr trauen, und hält sie dem „Bluträcher“ – allen zerstörerischen Kräften von Anklage und Vergeltung – fern, bis Gottes gerechtes Urteil offenbar wird. Wo die Gemeinde diese Gestalt Christi widerspiegelt, wird sie zu einem Raum, in dem man mit seiner Geschichte nicht draußen bleiben muss. In solchen Räumen verliert das Herz langsam die Angst, dass ein einziger Fehltritt alles unwiderruflich zerstört.
Die Zufluchtsstädte waren den Leviten zugeordnet; auch darin berühren sich Schutz und Anbetung. Dort, wo der priesterliche Dienst geschah, sollte zugleich Zuflucht sein. Im Neuen Testament verschmelzen diese Linien in Christus als unserem Hohenpriester. Er ist zugleich der, bei dem wir Schutz suchen, und der, durch den wir Gott nahen. Dadurch bekommt die Nähe zu Gott einen neuen Klang: Sie ist nicht nur für die „Gelungenen“ gedacht, sondern gerade auch für die Überforderten und Beladenen. Das Bild der Zufluchtsstadt lädt dazu ein, Gott nicht mehr als den fernen Richter am Rand des Landes zu sehen, sondern als den, der mitten im Alltag einen konkreten Ort bereitet hat, an dem das bedrohte Leben geatmet, geprüft und bewahrt werden darf.
Ein anderer Brennpunkt der Landgeschichte liegt in Josua 22. Die Stämme jenseits des Jordan errichten einen großen Altar – ein Zeichen, das von den übrigen Stämmen als Bruch der Einheit und als Konkurrenz zum einen Altar vor der Stiftshütte verstanden wird. Fast kommt es zum Bruderkrieg, bis deutlich wird, dass dieser Altar nicht der Ort neuer Opfer sein sollte, sondern ein „Zeuge“, ein Erinnerungszeichen dafür, dass auch die jenseits des Jordan zum selben Volk gehören. Hinter der Erregung steckt ein ernstes Anliegen: Opfer und wahre Anbetung gehören an den Ort, den Gott bestimmt. Mehrere Altäre mit eigenen Opfern hätten das Volk zerrissen. Im Neuen Testament wird dies aufgenommen, wenn gesagt wird: „Wir haben einen Altar, von dem zu essen diejenigen kein Recht haben, die dem Zelt dienen“ (Hebr. 13:10). Dieser eine Altar ist Christus selbst, in dessen Opfer die Gemeinde ihre Einheit hat.
Und die Städte, die ihr den Leviten geben sollt: sechs Zufluchtstädte sollen es sein, die ihr (ihnen) geben sollt, damit dorthin fliehen kann, wer einen Totschlag begangen hat. Und zu diesen hinzu sollt ihr (noch) 42 Städte geben. (4.Mose 35:6)
Wir haben einen Altar, von dem zu essen diejenigen kein Recht haben, die dem Zelt dienen. (Hebr. 13:10)
Die Bilder der Zufluchtsstädte und des einen Altars laden ein, Christus zugleich als sicheren Zufluchtsort und als gemeinsame Mitte der Anbetung zu erkennen. Je tiefer diese doppelte Wirklichkeit im Herzen verankert ist, desto freier kann eine Gemeinde Menschen mit brüchiger Geschichte aufnehmen, ohne die Wahrheit zu relativieren, und desto fester bleibt sie in einer Einheit, die nicht an äußeren Formen, sondern an der Person des Gekreuzigten und Auferstandenen hängt.
Herr Jesus Christus, du bist das gute Land, das uns von Gott gegeben wurde, und in dir hast du alles vorbereitet, was wir zum Leben mit dir brauchen. Danke, dass du unser gerechtes Erbteil bist, unsere Zuflucht in der Schuld und unsere Einheit mitten in aller Verschiedenheit deines Volkes. Stärke in uns das Vertrauen, dass deine Hand die Zuteilung unseres Weges führt und dass kein Wort deiner Verheißung jemals zu Boden fällt. Wo unser Blick klein geworden ist, weite ihn für die Fülle deiner unausforschlichen Reichtümer, damit wir dich nicht nur im Glauben kennen, sondern als gelebte Wirklichkeit erfahren. Lass in deinem ganzen Volk eine neue Dankbarkeit wachsen für das Erbe in dir und eine tiefere Liebe zueinander aus der Einheit an deinem Kreuz. Bewahre uns in deinem Frieden, bis wir die Vollendung deines Reiches sehen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Joshua, Chapter 12