Das Wort des Lebens
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Die Zuteilung des Landes (1)

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Wenn wir an das gute Land denken, sehen wir vor uns eine weite Fläche, die alle gemeinsam nutzen. Doch die Bibel zeichnet ein anderes Bild: Das Land wird Stück für Stück verteilt – nicht willkürlich, sondern nach Gottes weiser Voraussicht. So wie Israel in Kanaan nicht alle dieselbe Landschaft bekam, erleben auch Christen den einen Christus auf sehr unterschiedliche Weise. Diese Unterschiede sind kein Mangel, sondern Teil von Gottes Plan, seinen Reichtum vielfältig in seinem Volk sichtbar zu machen.

Ein Land, viele Anteile – ein Christus, viele Erfahrungen

Wenn das Buch Josua schildert, wie das Land Kanaan durch das Los verteilt wird, dann begegnet uns mehr als nur eine historische Grenzziehung. Das Volk hatte gemeinsam gekämpft, gemeinsam gelitten und den Jordan gemeinsam durchschritten. Dennoch erhält am Ende nicht jeder alles, sondern jeder Stamm einen bestimmten Teil, mit eigenen Grenzen, Städten und Landschaften. Schon in 1. Mose 49 lässt Gott durch Jakobs Segensworte ahnen, wie verschieden diese Stämme sind: Juda wird als Löwe beschrieben, Benjamin als reißender Wolf, Dan als Schlange am Weg, Zebulon als Hafen an den Gestaden, Naphtali wie eine gelöste Hirschkuh. Es ist ein einziges Volk, aber in sich bunt, eigenartig, charaktervoll. Dass jeder dieser höchst unterschiedlichen Söhne im Land seinen Platz findet, ist kein Zufall, sondern das weise Handeln Gottes mit der Verschiedenheit seines Volkes.

In Seiner Weisheit gab Gott das gute Land nicht als Ganzes an alle Kinder Israels. Stattdessen teilte Er das Land, das heißt Christus, den verschiedenen Stämmen zu. Die Stämme waren nicht alle gleich, sondern voneinander verschieden. (Witness Lee, Life-Study of Joshua, Botschaft elf, S. 65)

In Gottes Augen ist dieses Land ein großes Bild für Christus selbst als Erbteil seines Volkes. Es gibt nicht viele Christe, aber der eine Christus gleicht einem weiten Land mit Bergen und Tälern, Flüssen und Ebenen, fruchtbaren Feldern und felsigen Höhen. Jeder Stamm betritt denselben Christus, und doch sieht seine „Landschaft“ anders aus. Die Zuteilung macht deutlich: Gott kennt die Eigenart eines jeden und weiß, welche „Gegend“ Christi zu seiner Person, zu seinem Maß des Glaubens und zu seiner Aufgabe im Volk passt. Der eine wird eher an die Grenze gesetzt, wo Kämpfe auszutragen sind, ein anderer in eine fruchtbare Ebene, ein dritter an einen Hafen, wo Verbindung und Austausch geschehen. Niemand geht leer aus, niemand besitzt das Ganze allein. So wie von Israel gilt: „Denn gleichwie wir an einem Leib viele Glieder haben und die Glieder nicht alle dieselbe Funktion haben“ (Römer 12:4), so gilt es auch für die Gemeinde: Der ganze Christus wird nur in der Gesamtheit der Glieder sichtbar.

Wer diese Vielfalt im Bild des Landes betrachtet, wird zugleich entlastet und wach. Entlastet, weil es nicht darum geht, alles zu sein und alles zu können, sondern den eigenen, von Gott zugemessenen Anteil an Christus zu erkennen. Wach, weil dieser Anteil kein Besitz zur Selbstbefriedigung ist, sondern ein Dienst am Ganzen: Mein Stück des Landes ist nicht nur für mich da, sondern damit der Leib Christi reicher wird. In dieser Sicht wird unsere Verschiedenheit nicht zur Konkurrenz, sondern zur Ergänzung. Anstatt die eigene „Landschaft“ zu verachten oder die der anderen zu beneiden, wächst ein stiller Dank: Der Herr hat mich gekannt, als er meinen Platz in Christus bestimmte. Und er hat andere so reich gemacht, dass ich ohne sie den vollen Christus nie sehen würde. Gerade diese Einsicht weckt neue Lust, den eigenen Anteil tiefer zu erforschen und gleichzeitig die Weite des Landes zu bestaunen, die sich in den Erfahrungen der Geschwister zeigt.

Wer sich so in das Bild des verteilten Landes hineinnehmen lässt, wird ermutigt, die eigene Geschichte mit Christus nicht zu verkleinern und die der anderen nicht zu überhöhen. Der Gott, der Israel Stamm für Stamm in das Land stellte, ist derselbe, der heute seine Kinder in ganz unterschiedliche Situationen, Berufe, Gemeinden und Lebensformen hineinführt – nicht willkürlich, sondern mit einem Blick auf den ganzen Christus, der unter uns Gestalt gewinnen will. Daraus wächst leise eine Haltung des Vertrauens: Mein Weg ist nicht ein zufälliger Pfad am Rand, sondern ein von Gott gezogener Grenzverlauf in seinem Land. Und zugleich bleibt die Einladung, über diese eigenen Grenzen hinauszuschauen, um im Miteinander der Heiligen immer mehr von dem Reichtum zu entdecken, den der Herr in dieses eine, große Land Christus gelegt hat.

Denn gleichwie wir an einem Leib viele Glieder haben und die Glieder nicht alle dieselbe Funktion haben, (Röm. 12:4)

Die Zuteilung des Landes lädt dazu ein, den eigenen Platz im Volk Gottes nicht als Beschränkung, sondern als weise Zuordnung Gottes zu sehen und gleichzeitig offen zu bleiben für den Christus, den andere in ihrer „Landschaft“ erfahren. Wer sich so versteht, findet Ruhe in seiner Berufung und Freude an der Ergänzung durch die Geschwister, weil im Miteinander der ganze Reichtum des Landes Christus sichtbar wird.

Ein Maß des Glaubens – ein persönlicher Anteil an Christus

Die Frage, warum Gläubige denselben Herrn so unterschiedlich erfahren, berührt einen empfindlichen Punkt. Man sieht Menschen, deren Glauben weit, tragfähig und gefestigt wirkt, und andere, deren Vertrauen noch tastend, zerbrechlich und klein ist. Das Neue Testament beschreibt solche Unterschiede nicht als Zufall, sondern als Ausdruck göttlicher Zuteilung. Über die Gemeinde in Rom heißt es: „…wie Gott einem jeden ein Maß des Glaubens zugeteilt hat“ (Römer 12:3). Es ist derselbe Gott, derselbe Christus, derselbe Heilige Geist – und doch nicht dasselbe Maß. Dieses Maß ist kein Wertungsmaßstab, sondern ein Raum, in dem der einzelne real leben kann. Der Dreieine Gott überfordert niemanden, aber er lässt auch niemanden stehen, wo er ist.

In 3. Mose 1 wird Christus als Brandopfer in fünf Gestalten vorgestellt: als Stier, als Schaf aus der Herde, als Ziege, als Turteltaube und als junge Taube. Diese Opfer stehen alle für den einen Christus, wurden jedoch entsprechend der Fähigkeit des Opfernden dargebracht. Das macht deutlich, dass unsere Erfahrungen mit Christus Sich sowohl im Maß als auch in der Art unterscheiden. Maß und Art hängen nicht von Christus ab, sondern von unserer Erfahrung und unserem Genuss von Christus. (Witness Lee, Life-Study of Joshua, Botschaft elf, S. 66)

Ein starkes Bild für diese Unterschiede findet sich in den Opfern von 3. Mose. Dort kann das Brandopfer als Stier, Schaf, Ziege, Turteltaube oder junge Taube dargebracht werden. Die Tiere sind verschieden groß, aber sie stellen alle denselben Christus dar. Es ist nicht ein anderer Herr, wenn jemand nur „eine Taube“ zu bringen vermag; es ist derselbe Christus, dem er in kleinerem Maß Ausdruck gibt. Ähnlich zeigt das Speisopfer Christus als feines Mehl, als Fladen oder als ganze Körner in der Ähre. Manche kennen ihn als leicht zugängliche Nahrung, fein gemahlen und gut bekömmlich. Andere tragen Erfahrungen mit ihm, die schwerer sind, wie ein Stier, der das Joch auf sich nimmt, oder wie das volle Korn, das Wind und Wetter standgehalten hat. Nicht Christus verändert sich, sondern unser Fassungsvermögen wächst oder ist noch begrenzt.

Wenn Paulus schreibt: „Aber jedem Einzelnen von uns ist die Gnade nach dem Maß der Gabe Christi gegeben worden“ (Epheser 4:7), dann lenkt er den Blick weg von Vergleichen hin zur eigenen Zuordnung durch den Herrn. Das Maß des Glaubens, das jemand hat, ist keine Note, sondern eine Einladung, in dieser konkreten Größe zu leben. Wer in sich nur eine „Taube“ findet, darf staunen, dass gerade diese kleine Erfahrung dem großen Christus entspricht und von Gott angenommen ist. Und wer spürt, dass sein Leben einen „Stier“ trägt – schwere Verantwortung, tiefere Prüfungen, größere Lasten –, kann wissen: Auch dieses Maß ist nicht aus ihm selbst, sondern Gabe. In beidem reserviert sich Christus das Recht, der Herr über die Gestalt unserer Erfahrung zu bleiben.

In dieser Sicht verliert der Vergleich seine destruktive Kraft. Das Herz muss nicht länger zwischen Minderwertigkeit und Überheblichkeit pendeln. Stattdessen kann in aller Verschiedenheit ein gemeinsamer Grundton hörbar werden: Wir alle leben von zugeteilter Gnade. Das nimmt dem eigenen Glauben nichts von seiner Einzigartigkeit und zugleich nichts von seiner Verantwortung. Denn das Maß, das Gott gegeben hat, möchte gefüllt werden – nicht mit Leistung, sondern mit der Person Christi. Wer so auf sein Leben schaut, entdeckt in seinem Anteil nicht mehr zuerst das „zu wenig“, sondern den Raum, den Gott selbst geöffnet hat, damit Christus darin Gestalt gewinnt.

Denn durch die mir gegebene Gnade sage ich zu einem jeden unter euch, nicht höher von sich zu denken, als er denken soll, sondern darauf bedacht zu sein, nüchternen Sinnes zu sein, wie Gott einem jeden ein Maß des Glaubens zugeteilt hat. (Röm. 12:3)

Aber jedem Einzelnen von uns ist die Gnade nach dem Maß der Gabe Christi gegeben worden. (Eph. 4:7)

Wer das eigene Maß des Glaubens als göttliche Zuteilung sieht, kann aufhören, sich mit anderen zu messen, und lernt, den ihm geschenkten Raum mit Christus zu füllen. In dieser Haltung wird selbst ein kleiner Anfang kostbar, und ein größerer Auftrag bleibt frei von Stolz, weil beides Ausdruck derselben Gnade ist, die den Leib Christi in seiner Vielfalt aufbaut.

Verantwortung in der Zuteilung – das Land wirklich einnehmen

Die Verteilung des Landes in Josua ist nicht nur ein Gnadengeschehen, sondern stellt das Volk zugleich vor eine ernste Verantwortung. Das Los weist jedem Stamm seinen Anteil zu, doch es nimmt ihm nicht die Aufgabe ab, diesen Anteil wirklich zu ergreifen. In Josua 16 und 17 wird deutlich, dass gerade die starken Stämme Ephraim und Manasse nicht konsequent waren. Von Ephraim heißt es: „Aber sie trieben die Kanaaniter nicht aus, die in Geser wohnten. Und die Kanaaniter blieben inmitten von Ephraim wohnen bis zum heutigen Tag, und sie wurden zu fronpflichtigen Knechten“ (Jos. 16:10). Sie machten aus einem besiegten Feind eine nützliche Arbeitskraft und lebten mit ihm im gleichen Gebiet. Das Erbteil war zugeteilt, aber nicht rein in Besitz genommen.

Die Kinder Ephraim vertrieben die Kanaaniter, die in Geser wohnten, nicht. So blieben die Kanaaniter mitten unter Ephraim wohnen und wurden zu Fronarbeitern (V. 10). (Witness Lee, Life-Study of Joshua, Botschaft elf, S. 75)

Dieses Bild öffnet einen Spiegel für das geistliche Leben. In Christus ist uns eine reiche Stellung geschenkt, wir sind mit ihm gesegnet „mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Regionen“ (Eph. 1:3). Zugleich kann es geschehen, dass in unserem inneren „Land“ noch vieles Raum hat, das nicht unter der Herrschaft Christi steht: alte Muster, liebgewordene Kompromisse, Unversöhnlichkeit, verdeckte Abhängigkeiten. Wie die Kanaaniter in Geser werden sie nicht mehr als Herren, aber doch als nützliche „Knechte“ geduldet. Man lebt mit ihnen, anstatt sie im Licht des Evangeliums wirklich zu verurteilen und zu überwinden. So bleibt das Land geteilt, und der Genuss des Erbes wird eingeschränkt, obwohl es objektiv vollständig gegeben ist.

Dem gegenüber steht die berührende Geschichte der Töchter Zelofhads. Ihr Vater war ohne Söhne gestorben, und nach der damaligen Ordnung drohte der Name der Familie ohne Erbteil zu bleiben. Doch diese Töchter treten vor Mose und die Verantwortlichen und sagen: „Warum soll der Name unseres Vaters abgeschnitten werden aus der Mitte seiner Sippe, weil er keinen Sohn hat? Gib uns einen Grundbesitz inmitten der Brüder unseres Vaters!“ (4. Mose 27:4). Gott bestätigt ihr Anliegen und ordnet neu, dass auch Töchter erben sollen. Später, in Josua 17, nehmen sie tatsächlich ihren Anteil im Land Manasse in Besitz. Ihre Geschichte zeigt eine andere Seite der Verantwortung: Wo Gott ein Erbe zugesagt hat, darf es nicht ungenutzt liegen bleiben, selbst wenn äußere Strukturen oder Gewohnheiten dagegen zu sprechen scheinen.

In dieser Spannung von versäumter Vertreibung und mutiger Inbesitznahme gewinnt unsere eigene Nachfolge Kontur. Unser Anteil an Christus ist Gnadengeschenk und zugleich Aufgabe. Geschenk, weil nichts von dem, was wir in ihm sind und haben, aus uns selbst stammt. Aufgabe, weil der Herr uns ernst nimmt und in den Prozess einbindet: Es ist nicht egal, ob wir mit „Kanaan“ im Land weiterleben oder ob wir uns seiner Herrschaft stellen. Es ist nicht nebensächlich, ob zugesagte Bereiche unseres Erbes ungenutzt bleiben oder im Glauben Wirklichkeit werden. Über allem bleibt die tröstliche Zusage, dass Gott niemanden übergeht und niemanden am Rand stehen lässt, der nach seinem Anteil ruft.

Aber sie trieben die Kanaaniter nicht aus, die in Geser wohnten. Und die Kanaaniter blieben inmitten von Ephraim wohnen bis zum heutigen Tag, und sie wurden zu fronpflichtigen Knechten. (Jos. 16:10)

Warum soll der Name unseres Vaters abgeschnitten werden aus der Mitte seiner Sippe, weil er keinen Sohn hat? Gib uns einen Grundbesitz inmitten der Brüder unseres Vaters! (4.Mose 27:4)

Die Zuteilung des Landes macht bewusst, dass unser Erbe in Christus geschenkt, aber nicht automatisch ausgeschöpft ist. Wer im Licht des Wortes erkennt, wo „Kanaaniter“ im eigenen Gebiet bleiben oder wo zugesagte Anteile brachliegen, darf dies nicht als Verurteilung lesen, sondern als Einladung, mit dem Herrn gemeinsam den gegebenen Raum wirklich zu bewohnen. In dieser Haltung wird Verantwortung nicht zur Last, sondern zum Weg, den Reichtum des Erbteils Schritt für Schritt tiefer zu genießen.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Joshua, Chapter 11