Der Brandopfer-Christus zur Zufriedenheit Gottes (6) — Das Erleben des Christus in Seinen Erfahrungen und das Darbringen des von uns erlebten Christus und IHN Gott als unser Brandopfer gemäß unserer Erfahrungen mit Ihm darbringen (2)
Viele Christen kennen die Vorstellung vom Brandopfer, jedoch bleibt unklar, wie diese Lehre im täglichen Leben konkret wird. Die Kernfrage ist, ob wir Christus nur theologisch anerkennen oder ob wir Ihn in Seinen Erfahrungen wirklich erleben, so dass Er uns als wahres Brandopfer für Gott dargebracht wird. Die Beobachtung in Gemeinde und Familie zeigt: wo das Erleben fehlt, bleiben Konflikte, fehlende Selbsthingabe und ein begrenztes Opfer für Gott.
Die Notwendigkeit des Brandopfers: unsere Unzulänglichkeit und Christi Sühnopfer
Die Schrift zeichnet zwei verschiedenartige Wege des Umgangs mit der menschlichen Schuld: Vergebung und vollständige Hingabe. Das Sündopfer nimmt die Schuld hinweg, öffnet den Weg zur Wiederherstellung und macht Versöhnung möglich; das Brandopfer dagegen bezeichnet ein Leben, das in seiner Substanz Gott völlig dargebracht ist. Es heißt: „Und er soll seine Hand auf den Kopf des Brandopfers legen, und es wird als wohlgefällig angenommen werden für ihn, um Sühnung für ihn zu erwirken“ (3. Mose 1:4). Dieses Wort verweist zugleich auf Sühnung und auf eine Annahme, die in der vollkommenen Hingabe wurzelt.
Wir können niemals selbst ein Brandopfer für Gott sein. Deshalb müssen wir Christus als unser Brandopfer annehmen. In unserer Lage dient das Brandopfer der Sühnung (3.Mose 1:4). (Witness Lee, Life-Study of Leviticus, Botschaft acht, S. 72)
Wenn die menschliche Substanz durch den Fall befleckt ist, kann sie nicht aus eigener Kraft die Absolute hervorbringen, welche das Brandopfer kennzeichnet. Die theologische Folgerung ist nüchtern: Propitiation durch Sein Blut ist die Grundlage, weil nur Gott in Christus die Reinheit besitzt, die wirklich dargebracht werden kann. Darin liegt kein bloßes juristisches Heilsmoment, sondern eine praktische Forderung an unser Denken über Heiligung und Dienst—dass das, was vor Gott wohlgenehm ist, aus der errettenden und zugleich absoluten Hingabe Christi stammt und nicht aus unserer fragmentarischen Tugend. Wer dies begreift, wird das Brandopfer nicht als bloße Symbolik, sondern als die göttliche Wirklichkeit annehmen, durch die Gottes Zufriedenheit erst erfüllt wird.
Und er soll seine Hand auf den Kopf des Brandopfers legen, und es wird als wohlgefällig angenommen werden für ihn, um Sühnung für ihn zu erwirken. (3. Mose 1:4)
Aus dieser Betrachtung wächst eine stille, ermutigende Gewissheit: Unsere Unzulänglichkeit ist nicht das Ende, sondern der Rahmen, in dem Gottes Gabe sichtbar wird. Zu verstehen, dass Christus unser Brandopfer ist, führt nicht in Verzweiflung, sondern in eine demütige Freude darüber, dass das, was Gott nötig hat, in Seiner vollkommenen Hingabe bereits vorhanden ist. Möge dieses Bewusstsein zu innerer Ruhe und zu einem Leben führen, das nicht aus eigener Vollkommenheit, sondern aus der angenommenen Vollkommenheit Christi vor Gott steht.
Erfahrung als Voraussetzung für die Darbringung
Die Darbringung Christi als Brandopfer ist nicht nur eine theologische Möglichkeit, sie setzt eine existenzielle Erfahrung voraus. Ein Mensch kann Christus als Retter annehmen, ohne die Tiefe Seiner Erfahrungen nachzuvollziehen; doch um Ihn in der Weise darzubringen, die Gott gefällt, muss das Leben den Weg des Nachvollziehens gehen. Paulus gibt ein prägnantes Beispiel der Nachfolge: Es heißt: „Seid meine Nachahmer, wie auch ich Christi (Nachahmer bin)!“ (1. Korinther 11:1). Die Nachahmung, die Paulus vor Augen steht, ist kein bloßes Imitieren äußerer Formen, sondern ein Wiederholen der Erfahrungen Christi in den Realitäten des Alltags.
Um Christus als unser Sündopfer und Übertretungsopfer anzunehmen, müssen wir nicht dasselbe durchleben, was Christus durchlebt hat. Wollen wir jedoch Christus als unser Brandopfer annehmen, müssen wir genau diese Erfahrung machen. Es ist nicht wirksam, Christus als Brandopfer darzubringen, wenn wir nicht wenigstens teilweise Seine Erfahrung als Brandopfer erlebt haben. Wir können Christus als Brandopfer nur insoweit darbringen, wie wir Ihn als ein solches Opfer erfahren haben. (Witness Lee, Life-Study of Leviticus, Botschaft acht, S. 72)
So verstanden wird deutlich, warum das Brandopfer an Erfahrung gebunden ist: Die Haltung des ‚zum Schlachten Gebrachtwerdens‘, das tägliche ‚Gekreuzigtwerden‘, die Erfahrung von Entblößung und Zerschlagen sind keine theoretischen Tugenden, sondern konkrete Geschehen, die unser Inneres formen. Wer Christus nur vom Lehrstuhl aus als Brandopfer vorbringt, bietet eine theologische Hülle; wer Ihn in dem Maße darbringt, wie er Ihn erlebt hat, überträgt seine eigenen Lebenslinien in die Linie Christi. Diese Verbindung von persönlicher Erfahrung und Opferform ist das, was das Darbringen zu einem wirklichen, vor Gott wohlgefälligen Brandopfer macht.
Seid meine Nachahmer, wie auch ich Christi (Nachahmer bin)! (1. Korinther 11:1)
Doch Barnabas nahm sich seiner an und führte ihn zu den Aposteln, und er erzählte ihnen, wie Saul auf der Straße den Herrn gesehen und dass Er zu ihm gesprochen habe, und wie er in Damaskus freimütig im Namen Jesu geredet habe. (Apostelgeschichte 9:27)
Die Erkenntnis, dass Erfahrung die Brücke zum wirklichen Darbringen ist, lädt zu einer geduldigen Hoffnung ein: Nicht Perfektion, sondern gelebte Treue im Weg mit Christus ist das Gewichtende. Wer seine Tage in der Nähe des Gekreuzigten verbringt und dabei seine eigenen Schwächen sieht, darf erfahren, dass Gottes Anliegen nicht unsere Selbstgenügsamkeit, sondern unsere Bereitschaft ist, Christus in seinem Erleben nachzuvollziehen und so Ihn der Zufriedenheit Gottes darzubringen.
Die konkreten Aspekte des Erlebens und ihre Auswirkungen
Die konkreten Erfahrungen Christi – das Bringen zum Schlachten, das Gekreuzigtwerden, die Entblößung und das Zerschlagen – lassen sich nicht abstrakt erfassen; sie prägen konkret das Verhalten in Beziehungen. Wenn jemand gelernt hat, im Herzen dem ‚Gekreuzigtsein‘ zu entsprechen, wird er in Ehe und Gemeinde anders auf Anfeindung reagieren: Zurückweisung begegnet nicht mit scharfer Gegenwehr, und verleumderische Worte lösen nicht die Verteidigung des Selbst aus. Es heißt deshalb an einer Stelle, wie die Gegner Jesu lautstark riefen: „Die Juden antworteten und sprachen zu ihm: Sagen wir nicht recht, daß du ein Samariter bist und einen Dämon hast?“ (Johannes 8:48). Solche Worte trafen Jesus ohne Selbstverteidigung; in dieser Haltung wird das Geheimnis sichtbar, dass Leiden nicht primär die Zerstörung des Leidenden ist, sondern die Offenbarung des liebenden Geistes Christi in ihm.
Jedes Mal, wenn andere schlecht über dich reden, wirst du gehäutet. Was wirst du sagen, wenn man dich gehäutet und verleumdet? Du sollst gar nichts erwidern. Wenn du dich zur eigenen Verteidigung äußerst, zeigt das, dass du nicht bereit bist, Christus in Seiner Erfahrung des Gehäutetwerdens zu erleben. (Witness Lee, Life-Study of Leviticus, Botschaft acht, S. 78)
In der Praxis führt dieses innere Nacherleben zu mehr Tragfähigkeit in Gemeinschaften. Wo Personen den Weg der Entblößung und des Zerschlagens erlebt haben, wird Einheit nicht durch taktische Kompromisse, sondern durch eine geteilte Hingabe gehalten. Die Gemeinde gewinnt dadurch eine Statur, in der kleinere Animositäten nicht das Gefüge der Brüderlichkeit zerreißen, weil die Beteiligten gelernt haben, persönliche Geltung hintanzustellen. Dieses Ergebnis ist nicht menschliche Verleugnung, sondern ein neues, in Christus geprägtes Beziehungsprofil, das die Fähigkeit besitzt, verletzende Worte und Taten im größeren Kontext der hingebenden Nachfolge zu deuten.
Die Juden antworteten und sprachen zu ihm: Sagen wir nicht recht, daß du ein Samariter bist und einen Dämon hast? (Johannes 8:48)
Bis zur jetzigen Stunde leiden wir sowohl Hunger als Durst und sind nackt und werden mit Fäusten geschlagen und haben keine bestimmte Wohnung (1. Korinther 4:11)
Wenn die Erfahrung Christi unsere Reaktionsmuster formt, werden Alltag und Gemeinde zum Ort, an dem Gottes Leben praktiziert wird. Das ist nicht bequem, aber es ist tröstlich: In den Situationen, die uns aushöhlen, kann Gottes Leben in uns wachsen. Die Perspektive verändert sich von selbstschutzender Verteidigung hin zu einer stillen Standhaftigkeit, die andere trägt und zusammenhält. Möge diese Aussicht ermutigen, die Wege der Gemeinschaft nicht als Last, sondern als Feld zu sehen, auf dem Gottes Opfer in uns Frucht bringt.
Herr Jesus, danke, dass Du als das vollkommene Brandopfer vor Gott gestanden hast; öffne unsere Herzen, damit wir nicht nur von Dir reden, sondern Dich in Deinen Erfahrungen kennenlernen und in ihnen wohnen. Schenke Gnade, dass Dein Leben in uns wiederholt wird, so dass unsere Beziehungen geheilt und unsere Gaben wirklicher Ausdruck Deiner Hingabe werden; möge Dein Geist uns in Hoffnung und Demut formen, bis Du wiederkommst. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Leviticus, Chapter 8