Das Wort des Lebens
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Die Salbenmischung — der zusammengesetzte Geist (3)

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Das Bild der Salbenmischung in 2. Mose zeigt mehr als nur ein kultisches Mittel zur Einsetzung von Priestern: Es ist ein Typus des Geistes, der die Fülle Gottes und das Menschsein Christi zusammenbringt. Daraus ergibt sich eine Spannung: Geht es bei der Heiligung nur um äußere Trennung oder wirkt Gottes eigenes Wesen in uns hinein? Die folgenden Punkte entfalten, wie die verschiedenen Titel des Geistes diese Frage theologisch klären und zugleich praktische Konsequenzen für das Leben und Zeugnis von Gläubigen haben.

Die Salbung als Bild des zusammengesetzten Geistes

Das Bild der Salbenmischung in 2. Mose tritt nicht als bloße kultische Einzelheit hervor, sondern als ein dichtes Bild für die Weise, wie Gott an uns werden will. Es heißt: „und mache daraus ein Öl der heiligen Salbung, eine Mischung von Gewürzsalbe, ein Werk des Salbenmischers; es soll ein Öl für die heilige Salbung sein“ (2. Mose 30:25). Die Formulierung einer „Mischung“ zeigt, dass hier verschiedene Bestandteile ganz bewusst zu einer einzigen, wirksamen Substanz verbunden werden; diese Substanz dient nicht lediglich dem Duft, sondern der Heiligung der Stiftshütte, der Geräte und der Priester.

Durch die Salbung kommt der Dreieine Gott, verbunden mit der Menschlichkeit Christi – mit Seinem menschlichen Leben, Seinem Tod, Seiner Auferstehung und Seiner Himmelfahrt – zu den Priestern und in das Gemeindeleben. Das weist nachdrücklich darauf hin, dass die Salbung der Priesterschaft darauf abzielt, Gott mit uns eins zu machen; denn die Salbung bedeutet, dass alles, was Gott ist, was Er tut und tun wird, unser ist. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertzweiundsechzig, S. 1733)

Die Beobachtung der Texte führt zu einer Deutung: Die Salbung steht typologisch dafür, dass der Dreieine Gott durch Christi Menschheit, durch Sein Leiden, durch Seine Auferstehung und Seine Auffahrt mit dem Leben der Gemeinde zusammengesetzt wird. Wenn das Öl Zelt, Lade und Priester berührt und dadurch „heilig“ macht, wird deutlich, dass Heiligung im neutestamentlichen Sinn nicht zuerst ein Regelwerk ist, sondern die Einsetzung einer anderen Beschaffenheit in das, was berührt wird. Die Salbung bringt somit Gottes Sein, Sein Tun und Seine Zukunft in das Leben derer, die zu Priestern und zum Leib gehören.

Aus dieser Perspektive erwächst eine praktische Konsequenz für das Gemeindeleben: Die Salbung vergegenwärtigt Gottes Verwandlung an uns, sodass Heiligung als Teilhabe an Gottes Eigenart verstanden werden kann. Das führt zu einer Neubewertung geistlicher Praxis — nicht als Leistung zur Abgrenzung, sondern als Empfänglichkeit für ein in uns eingelegtes, zusammengesetztes Leben. Diese Einsicht ermutigt, die Gemeinde nicht primär als Versammlung moralischer Funktionsträger zu sehen, sondern als Ort, an dem die göttliche Substanz sich einprägt und wirkt; daraus erwächst Zuversicht und Sehnsucht nach dem, was Gott in uns vollbringen will.

und mache daraus ein Öl der heiligen Salbung, eine Mischung von Gewürzsalbe, ein Werk des Salbenmischers; es soll ein Öl für die heilige Salbung sein. (2. Mose 30:25)

Wenn die Salbung als Bild dafür gelesen wird, dass Gottes eigenes Wesen mit dem Menschsein Christi und somit mit dem Leib verbunden wird, verschiebt sich die Erwartung an Heiligung: Sie wird zur Frage danach, wie offen das Gemeindeleben für das Empfangen und Bewahren dieser einsetzenden Wirklichkeit ist. Solche Sicht hält den Blick mehr auf das innere Sein und die dauerhafte Prägung durch den Geist als auf äußere Korrekturen gerichtet und lässt die gemeinsame Berufung zur Priesterschaft im Licht einer durch Gottes Gegenwart gestifteten Identität erscheinen.

Die verschiedenen Titel des Geistes und ihre Funktion

Die Schrift benennt den Geist in verschiedenen Titeln, und diese Titel beleuchten je einen Zugang zu seiner Wirklichkeit. Es heißt: „nämlich den Geist der Wirklichkeit, den die Welt nicht empfangen kann…“ (Johannes 14:17). Solche Bezeichnungen sind kein reines Namensspiel; sie sind Beschreibungen dessen, wie der eine Geist in unterschiedlichen Beziehungen zu uns auftritt — als Wirklichkeit machend, als Träger des Lebens Jesu, als Leben spendender Gegenpol zur Sünde und als Ruhender über den Leidenden.

Der Geist ist zugleich der Geist Christi, der Geist Jesu Christi, der Geist des Lebens, lebengebender Geist und der Geist des Herrn. Als lebengebender Geist vermag er uns Leben zu schenken. Der Titel „der Geist des Herrn“ verweist auf die Himmelfahrt und die Herrschaft Christi. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertzweiundsechzig, S. 1736)

Die verschiedenen Titel – Geist der Wirklichkeit, Geist Jesu, Geist des Lebens, Geist der Herrlichkeit – öffnen uns ein mehrdimensionales Verständnis: der Geist macht Gottes Wahrheit zur gegenwärtigen Erfahrung, trägt in sich das menschliche Leben des Herrn und dessen Erlösungshandeln, verleiht lebenskräftige Dynamik und legt über verfolgte oder geschlagene Christen Gottes Herrlichkeit. Durch diese Titel erscheint der Geist nicht abstrakt, sondern konkret und handlungswirksam in Hinsicht auf Erkenntnis, Menschlichkeit, Leben und Zeugnis.

Als Folge dieser Beobachtung verändert sich auch, wie Glauben und Gemeindeleben gewichtet werden: Glaubenswahrheiten werden nicht nur als Lehrsätze bewahrt, sondern als durch den Geist in die Erfahrung überführte Realität. Das bedeutet, dass geistliche Reife weniger an der Akkumulation von Wissen gemessen wird als an der lebendigen Gegenwart dessen, was die Titel des Geistes anzeigen — eine Gegenwart, die tröstet, kraftvoll macht und zum Zeugnis befähigt. Solches Denken lädt zu Staunen über die Vielstimmigkeit des Geistes ein und nährt die Hoffnung, dass jede Bezeichnung einen Weg zum tieferen Erleben Gottes eröffnet.

nämlich den Geist der Wirklichkeit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie Ihn nicht anschaut und Ihn nicht kennt; ihr aber kennt Ihn, weil Er bei euch bleibt und in euch sein wird. (Johannes 14:17)

Dies aber sagte Er über den Geist, den jene empfangen sollten, die in Ihn hineinglauben; denn der Geist war noch nicht, weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war. (Johannes 7:39)

Die Vielfalt der Benennungen des Geistes lädt dazu ein, das eigene geistliche Erleben in mehreren Tönen zu hören: die Wirklichkeit, die Menschlichkeit Christi, das Leben und die Herrlichkeit. Diese Perspektive schafft Raum für eine Gemeinde, die nicht nur recht versteht, sondern die den einen Geist in seinen verschiedenen Wirkungen erlebt und so die theologische Vielfalt als Quelle von Trost und Kraft begreift.

Heiligung als Einsetzung göttlicher Natur

Heiligung im Neuen Testament wird nicht zuerst als ethische Korrektur beschrieben, sondern als Zusammensetzung mit dem heiligen Wesen Gottes. Die Schrift stellt dieses Geschehen als Verwandlung dar: „Wir alle aber, die wir wie ein Spiegel mit unverschleiertem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen und widerspiegeln, werden in dasselbe Bild umgewandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, so wie von dem Herrn Geist“ (2. Korinther 3:18). Diese Formulierung weist auf einen inneren Prozess hin, in dem unser Sein sukzessive dem Bild Christi gleichförmig gemacht wird.

Im Neuen Testament bedeutet Heiligung, aus dem heiligen Wesen Gottes zusammengesetzt zu sein. In diesem Sinn ist die Heiligung eine Fortsetzung der Fleischwerdung: In der Fleischwerdung wurde der Herr Jesus aus dem heiligen Wesen Gottes zusammengesetzt. Nun werden auch wir, die an Christus glauben, durch den Prozess der Heiligung aus dem Wesen Gottes zusammengesetzt. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertzweiundsechzig, S. 1734)

Die theologische Tiefe liegt darin, dass hier Heiligung ontologisch verstanden wird: Es geht um die Einprägung der göttlichen Natur in das menschliche Wesen, nicht primär um äußere Korrekturen. Paulus beschreibt ein Umgestaltetwerden „von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ durch den Geist; so ist Heiligung eine fortschreitende Realisierung dessen, was bereits durch die Person Christi möglich geworden ist. Damit verschiebt sich die Hoffnung der Gemeinde von kurzfristigen Verhaltensänderungen hin auf bleibende innere Erneuerung durch den Geist.

Diese Einsicht bringt pastorale und gemeinschaftliche Konsequenzen mit sich: Die Gemeinde als Ort göttlicher Verwandlung gewinnt an Bedeutung, weil dort die Gemeinschaft mit dem Geist und die Spiegelung der Herrlichkeit stattfinden. Zugleich mahnt die Schrift zur Ernsthaftigkeit gegenüber dem, was der Geist wirkt, wie ein warnender Ton in Hebräer 10:29 zeigt, so dass die Verheißung der Einsetzung göttlicher Natur nicht leichtfertig behandelt werden darf. Zugrunde liegt aber immer die Ermutigung, dass die Heiligung eine teilhabende und verändernde Gabe des Geistes ist, die Hoffnung und Beharrlichkeit nährt.

Wir alle aber, die wir wie ein Spiegel mit unverschleiertem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen und widerspiegeln, werden in dasselbe Bild umgewandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, so wie von dem Herrn Geist. (2. Korinther 3:18)

Wenn Heiligung als Zusammensetzung mit Gottes Natur gedacht wird, entsteht ein neues Bild geistlicher Entwicklung: weniger eine Serie äußerer Anpassungen, mehr ein geistlicher Prozess innerer Umformung. Das öffnet eine zuversichtliche Perspektive auf das Wachstum des Einzelnen und der Gemeinde, in der Geduld, Staunen und die Erwartung verfolgt werden, dass der Geist die Gemeinde in das Ebenbild Christi hineinführt.


Herr, schenke uns durch Deinen Geist die Erfahrung, dass Deine Wirklichkeit nicht nur eine Lehre, sondern eine lebendige Gegenwart in unserem Inneren ist; möge Deine Salbung uns mit der Heiligkeit und dem Leben Christi durchdringen. Befähige uns, auch im Leiden Dein Leuchten zu bezeugen, und tröste jene, die um Deinetwillen Anfechtung erleiden, damit Deine Herrlichkeit sichtbar wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 162