Die Salbenmischung — der zusammengesetzte Geist (2)
Schon in der Schöpfung bewegt sich der Geist Gottes über das Wasser (1. Mose 1:2) – doch die Schrift zeichnet einen Weg, in dem dieser Geist nach und nach Elemente annimmt: Gottes Göttlichkeit, die Dreieinigkeit, die heilige Natur, die Menschheit Christi, sein Leiden, seine Auferstehung und schließlich seine Gabe als Leben und Anmut. Die Spannung liegt darin, dass der gleiche Geist in verschiedenen biblischen Titeln jeweils eine besondere Seite der göttlichen Wirklichkeit offenbart; zusammen genommen bilden diese Seiten den reichen, zusammengesetzten Geist, der heute dem Volk Gottes als Segen und Kraft gegeben ist.
Die Komposition des Geistes: Elemente und Titel
Die Schrift benennt den Geist mit vielen Titeln, und diese Vielfalt ist mehr als eine theologische Vokabelsammlung: Jeder Name öffnet ein Fenster auf eine Seite des göttlichen Wirkens. Als ‚Geist Gottes‘ klingt die göttliche Natur an, als ‚Heiliger Geist‘ die Heiligkeit Gottes; als ‚Geist Christi‘ und ‚Geist Jesu‘ tritt die Verbindung mit der Menschwerdung und dem Erlösungswerk hervor, und als ‚lebengebender Geist‘ wird seine Kraft, Leben zu schenken, deutlich. So entsteht aus den Titeln kein Durcheinander, sondern ein Geflecht von Bedeutungen, in dem die einzelnen Fäden zusammenlaufen und die ganze Person und das ganze Wirken des Geistes erkennbar werden. Indem die Bibel diesen Reichtum benennt, lädt sie uns ein, den Geist nicht eindimensional zu denken, sondern in seiner inneren Komposition anzuschauen.
So wie die Bibel das Buch ist, so ist der Geist Gottes heute der Geist. Er ist allumfassend, durch einen Prozess hindurchgegangen und ein zusammengesetzter Geist. Dieser Geist ist Geist Gottes, Geist Jehovas, Heiliger Geist, Geist der Wirklichkeit, Geist Jesu, Geist Christi, Geist Jesu Christi, Geist des Lebens, lebengebender Geist, Geist des Herrn, Geist der Gnade und die sieben Geister. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhunderteinundsechzig, S. 1730)
Dieses Zusammenspiel der Namen lässt sich biblisch belegen und theologisch deuten: Die ersten biblischen Bilder zeigen den Geist als eine Kraft, die über das Chaos kommt und die Ordnung des Lebens herstellt; ‚und Finsternis war auf der Oberfläche der Tiefe‘ — so heißt es über die Urzustände, bevor der Geist wirkte (1. Mose 1:2). In der ganzen Heilsgeschichte weist jeder Titel auf einen Aspekt des einen Geistes hin, der durch Christi Inkarnation, Leiden, Tod und Auferstehung vollendet wird. Wenn wir die Bezeichnungen nicht als einander ersetzende Synonyme lesen, sondern als zusammenwirkende Offenbarungsstücke, erkennen wir den zusammengesetzten Geist als die durch Christus vollendete, lebenbringende Wirklichkeit, die in der Gemeinschaft der Gläubigen wohnt und wirkt.
Doch die Erde war zu einer Wüste und Leere geworden, und Finsternis war auf der Oberfläche der Tiefe, (1. Mose 1:2)
Die Betrachtung der vielen Titel des Geistes lädt zu einer inneren Weitung des Denkens: nicht nur einzelne Erfahrungen sind maßgeblich, sondern die Gesamtheit des Geisteswerkes formt unser geistliches Bewusstsein. Wer die Vielfalt der Namen in sich wirken lässt, lernt, das eigene Glaubensleben als Ort der Begegnung mit einem reichen, vielgestaltigen Geist zu sehen und sich von ihm in die Tiefe des Christuswerks ziehen zu lassen; in dieser Haltung wächst Vertrauen, Offenheit und die Bereitschaft, Gottes ganzes Wirken in sich aufzunehmen.
Der Zweck des zusammengesetzten Geistes: Haus und Priesterschaft
Die Schrift verknüpft die Fülle des Geistes unmittelbar mit dem Aufbau des Hauses Gottes und mit dem priesterlichen Dienst. Schon das alttestamentliche Gebot zur Salbung von Zelt, Lade und Geräten und schließlich von Aaron und seinen Söhnen zeigt, dass Salbung und Heiligung dem Dienst und dem Wohnort Gottes gelten; ‚und du sollst damit das Zelt der Begegnung und die Lade des Zeugnisses salben… Auch Aaron und seine Söhne sollst du salben und sie (dadurch) heiligen, damit sie mir den Priesterdienst ausüben‘, heißt es (2. Mose 30:26, 30). Diese konkrete Handlung verweist auf einen tieferen geistlichen Zweck: Der zusammengesetzte Geist dient nicht primär individueller Spiritualität, sondern der Errichtung und Einsetzung einer heiligen Gemeinschaft, in der Gottes Gegenwart wohnt und durch Menschen zum Ausdruck kommt.
Die Aufgabe des zusammengesetzten Geistes ist es, die Wohnstätte Gottes mit ihren Möbeln und Geräten (2.Mose 30:26–29) zu salben und damit auch das Priestertum Gottes (2.Mose 30:30). Das zeigt, dass der zusammengesetzte Geist für den Bau Gottes und sein Priestertum bestimmt ist. Wenn wir nicht dem Bau Gottes und seinem Priestertum angehören, können wir keinen Anteil am zusammengesetzten Geist haben, obwohl wir durchaus einen gewissen Genuss und eine gewisse Teilhabe am Geist Gottes, am Geist des Herrn und am Heiligen Geist erfahren können. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhunderteinundsechzig, S. 1732)
Aus dieser Perspektive gewinnen persönliche Gnadenerfahrungen eine gemeinsame Ausrichtung: Die verschiedenen Gesichtspunkte des Geistes wirken zusammen, um die Gemeinde als Gottes Wohnung und als Priesterschaft zu formen. Das bedeutet, dass die volle Genügsamkeit des Geistes sich dort entfaltet, wo Menschen nicht nur für ihr eigenes geistliches Wohl leben, sondern in der Hingabe stehen, dass ihr Leben Teil von Gottes Bau und Dienst wird. Wenn die salbende Gegenwart des Geistes die Gemeinde durchdringt, werden individuelle Begabungen zu einer einheitlichen Funktion, und die Kraft des Geistes richtet auf, befähigt und heiligt zum Zeugnis für Gottes Gegenwart in der Welt.
Und du sollst damit das Zelt der Begegnung und die Lade des Zeugnisses salben, (2. Mose 30:26)
Auch Aaron und seine Söhne sollst du salben und sie (dadurch) heiligen, damit sie mir den Priesterdienst ausüben. (2. Mose 30:30)
Die Verbindung von Geist, Wohnstätte und Priestertum führt zu einer Ausrichtung des inneren Lebens auf gemeinschaftliche Treue: Es ist tröstlich zu wissen, dass Gottes Geist Raum zum Wohnen und Menschen zum Dienst bilden will. Wer dieses Denken in sich reifen lässt, erlebt das persönliche Glaubensleben nicht als privat abgeschottetes Refugium, sondern als Teil einer lebendigen, heiligen Ordnung, in der Gottes Gegenwart aufgebaut und ausgestrahlt wird.
Das Leben des Gläubigen im zusammengesetzten Geist
Die konkrete Erfahrung des zusammengesetzten Geistes zeigt sich als Leben, das von innen her hervorströmt. Johannes beschreibt das Wirken des Geistes mit dem Bild lebendigen Wassers: ‚Dies aber sagte Er über den Geist, den jene empfangen sollten, die in Ihn hineinglauben; denn der Geist war noch nicht, weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war‘ und zuvor die Verheißung, dass aus dem Innersten Ströme lebendigen Wassers hervorgehen (Johannes 7:39). Das Bild spricht von einer Dynamik, bei der die Auferstehungskraft Christi innerlich wirksam wird und das menschliche Herz in eine Quelle verwandelt, aus der Heilung, Kraft und Zeugnis fließen. Dieser innere Fluss ist keine bloße Sentimentalität, sondern die lebensspendende Aktivität des Geistes, der den Glaubenden in die Realität von Christi Leben hineinführt.
Aber nun können wir, die an Christus glauben, unsere Bestimmung erfüllen: den Geist zu genießen. Dieser Geist wird zu Strömen lebendigen Wassers, die aus unserem Innersten hervorgehen. Johannes 7:38–39 lautet: Wer in Mich hineinglaubt, wie die Schrift gesagt hat, aus dessen Innerstem werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Der Geist, der allumfassende Geist, wird also zu Strömen lebendigen Wassers, die aus uns hervorgehen. Das bedeutet: In unserer Erfahrung wird der eine Geist zu vielen Strömen lebendigen Wassers. Das ist der Genuss des Geistes. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhunderteinundsechzig, S. 1730)
Gleichzeitig befreit der Geist von der Herrschaft der Sünde und des Todes und macht das Gesetz des Lebens in Christus wirksam: ‚Denn das Gesetz des Geistes des Lebens hat mich in Christus Jesus frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes‘ (Römer 8:2). In dieser Freiheit zeigt sich nicht bloß eine passive Erlösung, sondern eine tätige, formende Gegenwart, die den Gläubigen zu einem widerspiegelnden Abbild Christi umwandelt und ihn allmählich in die herrliche Gestalt des neuen Menschen einführt. Aus solchen Erfahrungen erwächst eine ruhige Zuversicht: Der Geist verheißt nicht nur Gaben, sondern eine fortwährende Verwandlung hin zur Fülle des Lebens in Christus.
Und als Er dies gesagt hatte, hauchte Er in sie hinein und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist. (Johannes 20:22)
Denn das Gesetz des Geistes des Lebens hat mich in Christus Jesus frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. (Römer 8:2)
Wer das Leben des Geistes als inneren Strom begreift, findet eine beständige Quelle für Hoffnung und Wandel: Es ist ermutigend zu bedenken, dass Gottes Geist nicht punktuell, sondern nachhaltig verwandelt. In dieser Gewissheit kann das Herz Ruhe finden und die Erwartung reifen, dass Gottes lebendigmachende Gegenwart zunehmend das Leben prägt und nach außen Ströme des Segens hervorbringt.
Herr, wir danken Dir für den zusammengesetzten Geist, der in Christus vollendet ist; möge dieser Geist in uns wohnen und unser innerstes Leben erneuern, damit aus uns Quellen lebendigen Wassers fließen. Schenke uns Demut und ein reines Herz, damit wir nicht an überlieferten Vorstellungen hängenbleiben, sondern Deine ganze Fülle als Ermutigung, Trost und Heiligung empfangen; in Deinem Namen leben und dienen wir dir. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 161