Das Wort des Lebens
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Die Salbenmischung — der zusammengesetzte Geist (1)

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In 2. Mose 30 wird ein scheinbar technisches Rezept beschrieben: Öl vermengt mit vier kostbaren Gewürzen. Diese nüchterne Anweisung trägt eine überraschend tiefe geistliche Botschaft. Warum offenbart Gott die Mischform des Öls erst nach der Errichtung der Stiftshütte und der Einsetzung des Priestertums, und was sagt das über sein Wirken in uns und in der Gemeinde aus?

Die Salbenmischung als Sinnbild des zusammengesetzten Geistes

Die Anordnung in 2. Mose 30 lässt das Auge zunächst an dem Material haften: Olivenöl wird nicht allein verwendet, sondern mit vier wohlriechenden Gewürzen verbunden. Beobachtet wird eine bewusste Vermengung; es heißt: „und mache daraus ein Öl der heiligen Salbung, eine Mischung von Gewürzsalbe, ein Werk des Salbenmischers; es soll ein Öl für die heilige Salbung sein.“ (2. Mose 30:25). Solche handwerkliche Genauigkeit verweist nicht nur auf einen kultischen Zweck, sondern auf eine theologische Aussage: das Bild des Öls wird durch die hinzugefügten Düfte verändert, ergänzt und vertieft.

Das in 2. Mose 30:23–30 beschriebene heilige Salböl ist keine einfache, sondern eine zusammengesetzte Salbe. In den Schriften wird der Geist Gottes zunächst durch Öl symbolisiert. Dieses Öl ist ein einziges Element, eine Einheit, ohne irgendeine Zusammensetzung, Vermischung oder Verschmelzung. Doch in 2. Mose 30 wird das Öl mit vier Gewürzsorten verbunden: Myrrhe, Zimt, Kalmus und Kassia. Diese vier kostbaren, wohlriechenden Gewürze wurden dem Öl beigemengt und mit ihm vermischt; so entsteht aus dem Öl eine zusammengesetzte Salbe. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertsechzig, S. 1711)

Auslegung: Im alttestamentlichen Symbolschatz steht Öl oft für den Geist Gottes; die beigemengten Gewürze eröffnen nun die Einsicht, dass Gottes Geist kein trockenes Prinzip ist, sondern ein zusammengesetztes Wirken, das verschiedene Züge in sich trägt. Myrrhe, Zimt, Kalmus und Kassia lassen an Tod und Menschheit, an süße und bittere Erfahrungen sowie an Duft, Leben und Würze denken; in ihrem Zusammenwirken geben sie dem einen Öl eine vielschichtige, lebenserweckende Fülle. So liest sich das Geheimnis eines Geistes, der durch das Erlösungswerk Christi Menschheit, Tod und Auferstehung in sich umfasst und dadurch zu einer allumfassenden Wirklichkeit wird.

Konsequenz für das geistliche Verständnis: Wenn der Geist als zusammengesetzte Wirklichkeit gedacht wird, ändert sich die Erwartung an das geistliche Leben. Es geht nicht um eine eindimensionale Gabe oder um eine isolierte Erfahrung, sondern um die Orientierung auf einen Geist, der in seiner Zusammensetzung Heimat, Reinigung, Befähigung und Ausdruck zugleich schenkt. Wer diese Perspektive ernst nimmt, erkennt die Tiefe von Gemeinschaft und persönlichem Leben als Frucht einer vermengten, reichen Gegenwart Gottes.

und mache daraus ein Öl der heiligen Salbung, eine Mischung von Gewürzsalbe, ein Werk des Salbenmischers; es soll ein Öl für die heilige Salbung sein. (2. Mose 30:25)

Möge die Vorstellung eines zusammengesetzten Geistes nicht abstrakt bleiben, sondern das Bild verwandeln, mit dem das Leben betrachtet wird: Gottes Wirken ist vielfältig und doch eins; es berührt die Tiefen des Menschseins und formt daraus eine neue, lebendige Einheit. So darf die Zuversicht wachsen, dass das, was Gott in seiner Fülle schenkt, mehr ist als die Summe einzelner Erfahrungen — es ist die reiche Wirklichkeit eines Geistes, der ganz auf die Erneuerung des Menschen und der Gemeinde gerichtet ist.

Zweck: Salbung der Wohnstätte und der Priesterschaft

Die Instruktion zur Salbung tritt erst auf, nachdem Stiftshütte und Priesterschaft bereits gegeben sind; die Reihenfolge ist bedeutsam. Beobachtet man den Text, so wird deutlich, dass das Salben nicht ein erstes Element, sondern eine nachfolgende Vollendung ist; es heißt ausdrücklich: „Auch Aaron und seine Söhne sollst du salben und sie (dadurch) heiligen, damit sie mir den Priesterdienst ausüben.“ (2. Mose 30:30). Diese Textstelle stellt Salbung und Weihe in den Dienst der gemeinsamen Wohnstätte Gottes.

Die Offenbarung über das zusammengesetzte Salböl wird nicht in Kapitel 1 des 2. Mose gegeben. Sie erscheint nicht einmal in Kapitel 29, sondern erst gegen Ende von Kapitel 30, nachdem Gottes Wohnstätte und seine Priesterschaft offenbart worden waren. Das deutet darauf hin, dass das zusammengesetzte Salböl ausschließlich dazu bestimmt ist, Gottes Wohnstätte und seine Priesterschaft zu salben. Nach 2. Mose 30:26–28 wurde das Salböl verwendet, um das Zelt der Zusammenkunft, die Bundeslade, den Tisch und seine Geräte, den Leuchter und seine Geräte, den Räucheraltar, den Brandopferaltar und seine Geräte sowie das Waschbecken mit seinem Fuß zu salben. Weiter heißt es in Vers 30: „Und du sollst Aaron und seine Söhne salben, und du sollst sie heiligen, damit sie Mir als Priester dienen.“ Diese Verse machen klar, dass das zusammengesetzte Salböl ausschließlich zum Zweck diente, die Wohnstätte und die Priesterschaft zu salben. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertsechzig, S. 1712)

Die theologische Deutung liegt auf der Hand: Das zusammengesetzte Salböl hat einen konkreten Zweck — die Bewohnbarkeit Gottes und die Heiligung derer, die Ihn dienen. Salbung markiert nicht nur Besitz, sondern befähigt zum Dienst; insofern ist der Geist, den dieses Bild veranschaulicht, sowohl Wohnung als auch Befähigung. In der neutestamentlichen Perspektive wird der Empfang des Geistes ähnlich verstanden: der Geist kommt, um in der Gemeinde zu wohnen und die Dienenden zu leiten, so wie früher die Berufenen zum priesterlichen Dienst gesetzt wurden.

Folge für Kirche und Amt: Wenn die Salbung die Wohnstätte und die Priesterschaft trifft, dann ist Gemeindeleben nicht bloß eine Versammlung Einzelner, sondern eine geheiligte Struktur, durch die Gottes Gegenwart sichtbar wird. Die Wahrheit ist nicht formalistisch zu verstehen; vielmehr zeigt sich, dass der Geist die Ordnung und Heiligung schenkt, durch die Gottes Ausdruck auf Erden Bestand hat und wächst.

Auch Aaron und seine Söhne sollst du salben und sie (dadurch) heiligen, damit sie mir den Priesterdienst ausüben. (2. Mose 30:30)

Die Vorstellung einer gesalbten Wohnstätte und einer geheiligten Priesterschaft lädt zur Ermutigung ein: Gottes Geist sucht nicht das Chaos, sondern die gestaltete Gemeinschaft, in der Seine Gegenwart wohnt und wirkt. Wer diese biblische Ordnung betrachtest, kann in der Treue zur Heiligung und im Dienst am Ganzen eine Quelle neuen Mutes finden — nicht aus eigener Kraft, sondern gestützt durch den, der salbt und befähigt.

Folgen für Gemeinde und persönliches Leben

Die Schrift verwendet Zahlen und Bilder, um geistliche Ordnungen zu offenbaren; zwei Beispiele aus dem Baufeld der Offenbarung führen dies vor Augen. In der Beschreibung der Zeltverkleidungen heißt es von der Anordnung: „Fünf Zeltdecken sollen miteinander verbunden sein und (auch die übrigen) fünf Zeltdecken sollen miteinander verbunden sein.“ (2. Mose 26:3). Solche Verknüpfungen sprechen von Zusammenhang, Verantwortung und einem organischen Aufbau, nicht von losen Einzelteilen.

In der Bibel ist die Zahl drei ein Sinnbild: der Dreieine Gott in der Auferstehung. Wie wir schon mehrfach erwähnt haben, steht die Zahl fünf — vier plus eins — in der Bibel für Verantwortung. Daher bedeuten die Zahlen drei und fünf zusammen: der Dreieine Gott in der Auferstehung, der Verantwortung für Sein Volk trägt. Dies dient dem Aufbau. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertsechzig, S. 1715)

Im Licht dieser Symbolik entfaltet sich die praktische Wirkung des zusammengesetzten Geistes: Er baut und ordnet, er verbindet und trägt Verantwortung. Die Zahlen weisen auf den Dreieinen Gott und auf Verantwortlichkeit hin; daraus entsteht eine konkrete Bauweise für Gottes Haus. Wenn die Gemeinde als Wohnstätte des lebendigen Gottes verstanden wird, dann ist es die vermengte Gegenwart des Geistes, die individuelles Leben in ein gemeinsames, gereiftes Haus verwandelt. Nicht die Fragmentierung von Gnadengaben, sondern ihr zusammenspielender Ausdruck schafft die Reife und Beständigkeit, die Kirche als Ausdruck von Gottes Herrschaft benötigt.

Für das persönliche Leben bedeutet dies: Die Erfahrung des Geistes bleibt nicht privat, sondern wirkt auf das Ganze hin. Die bibelgemäße Verwandlung geschieht nicht im isolierten Moment, sondern in einem Prozess, in dem der Geist Leben gebend wirkt und das Innere formt, damit Gemeinschaft und Dienst Frucht bringen. Der Trost liegt darin, dass die geistliche Tiefe, die wir suchen, aus der vermengten Gegenwart Gottes kommt und dadurch die Fähigkeit schenkt, in Verantwortung am Aufbau teilzuhaben.

Fünf Zeltdecken sollen miteinander verbunden sein und (auch die übrigen) fünf Zeltdecken sollen miteinander verbunden sein. (2. Mose 26:3)

Die Perspektive, dass der Geist die Gemeinde als lebendiges, zusammenhängendes Haus formt, ist ermutigend: Sie weist darauf hin, dass geistliche Reife und Dienst nicht von einzelnen Helden abhängen, sondern von der vermengten, beständigen Gegenwart Gottes. So darf Hoffnung wachsen — auf einen Aufbau, der aus dem Geist kommt, auf eine Verantwortung, die nicht erdrückt, sondern befähigt, und auf ein Leben, in dem persönliche Tiefe und gemeinsamer Ausdruck ineinanderfließen.


Herr, wir danken Dir für den zusammengesetzten Geist, durch den Du als Dreieiner Gott in uns wohnen und uns zur Teilhabe an Deinem Leben einladen willst. Öffne uns für die Tiefe Deiner Offenbarung, damit wir nicht bei oberflächlichem Genuss verharren, sondern als Deine Wohnstätte und Dienende von Deiner salbenden Gegenwart geprägt werden; schenke uns Mut und Zuversicht, in dieser Wirklichkeit zu leben. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 160