Das Heilige Salböl (3)
Viele kennen Passah, Manna und das lebendige Wasser als Bilder des Glaubens, doch die Salbenmischung in 2. Mose 30 bleibt häufig ein Randthema. Dabei ist gerade sie ein dichtes Bild für den zusammengesetzten Geist Christi: nicht nur ein Begriff, sondern ein Erfahrungsweg, der Tod, Auferstehung und das Leben Christi zusammenführt. Kann diese Salbung heute mehr sein als theologische Information — eine wirkliche, lebendige Begegnung mit dem Herrn, die Gemeinde und Heiligkeit formt?
Die Salbenmischung als Bild des zusammengesetzten Geistes
Die Aufzählung der Zutaten in 2. Mose 30 liest sich wie ein dichtes Bildgedicht: Olivenöl als Grundträger, dazu Myrrhe, Zimt, Kalmus und Kassia — nicht als zufällige Beimischungen, sondern in einer bestimmten Folge und Präzision. Diese Komposition verweist auf mehr als aromatische Nuancen; sie ist eine symbolische Darstellung dessen, wie das Leben und Werk Christi in seiner Gesamtheit wirken. Myrrhe erinnert an Leiden und Tod, Zimt an die treibende Wirkung dieses Todes, Kalmus an das Herausschiessen des Lebens aus trüber Erde und damit an die Auferstehung, Kassia an eine Kraft, die Verderbnis und feindliche Mächte in Schach hält. Das Rezept macht deutlich: Der Geist Christi ist nicht eine einfache Substanz, sondern das verarbeitete Resultat von Tod, Wirkung, Auferstehung und Sieg.
Er erkannte nicht, dass Myrrhe den allumfassenden Tod Christi symbolisiert und Zimt die Wirksamkeit dieses Todes. Außerdem übersah er, dass Kalmus, der aus schlammigem Boden emporwächst und hoch in die Luft schießt, ein Sinnbild für die Auferstehung Christi ist, und dass Kassia, eine Substanz, die Insekten und Schlangen fernhält, die Kraft dieser Auferstehung verkörpert. Die Reihenfolge der vier Gewürze ist bedeutsam: Myrrhe, Zimt, Kalmus und Kassia. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertneunundfünfzig, S. 1701)
Diese Bildsprache führt zu einer einfachen, aber tiefen Erkenntnis: Der zusammengesetzte Geist ist nicht bloß ein theoretisches Konzept, sondern eine lebendige Wirklichkeit, die aus der ganzen dramatischen Bewegung von Christus hervorgegangen ist. Indem der Tod und die Auferstehung Jesu in der Gemeinschaft wirksam werden, entsteht eine Einheit von Leben und Macht, die Gemeinde und Priesterschaft befähigt. Es heißt in Johannes 7:39: „Dies aber sagte Er über den Geist, den jene empfangen sollten, die in Ihn hineinglauben; denn der Geist war noch nicht, weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war.“ So ist der Geist die praktische, erlebbare Frucht dessen, was Christus durch Leiden, Tod und Verherrlichung geworden ist.
Dies aber sagte Er über den Geist, den jene empfangen sollten, die in Ihn hineinglauben; denn der Geist war noch nicht, weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war. (Joh. 7:39)
Wer das Rezept des Salböls betrachtet, wird eingeladen, das Geheimnis eines zusammengesetzten Geistes zu bewahren: nicht als abstrakte Lehre, sondern als Gegenwart, die heilt, belebt und schützt. Diese Einsicht ermutigt dazu, sich dem ganzen Werk Christi anzuvertrauen und offen zu bleiben für die Vielschichtigkeit seiner Gegenwart — eine Gegenwart, die mehr schafft als Erklärungen, nämlich neuen, göttlichen Ausdruck in der Gemeinschaft.
Erfahrung vor reinem Dogma: Die Salbung tatsächlich berühren
Wissen um die Typologie des Salböls bleibt ohne Leben, wenn es bei theoretischer Kenntnis stehen bleibt. Die Schrift zeigt, dass die volle Wirklichkeit des Geistes erst nach der Verherrlichung Christi freigesetzt wird; doch diese Freisetzung wird nicht automatisch zu einer inneren Realität, solange sie nicht durch persönliche und gemeinschaftliche Erfahrung betreten wird. Erfahrungswissen schafft einen Kontaktpunkt, an dem das zusammengesetzte Leben Christi in uns eingeht und seine ordnende Kraft entfaltet. So wie das Öl allein die Substanz ist, aber die Gewürze den Charakter formen, so braucht die Lehre die Erfahrung, damit ihre Wahrheit sich verwandelt und lebendig wird.
Um die eigentliche Bedeutung der zusammengesetzten Salbe in unserer Lehre wirklich zu erfassen, ist geistliche Erfahrung nötig. Da es den Lehrern an solcher Erfahrung mangelte, kannten sie die Salbe nicht. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertneunundfünfzig, S. 1700)
Das Neue Testament führt uns weiter: Geistliche Erfahrung bedeutet, in der Wirklichkeit des Auferstandenen Anteil zu finden — nicht als abstrakte Zutat, sondern als innere Verwandlung. Es heißt in Epheser 2:5–6: „auch uns, als wir in den Verfehlungen tot waren, zusammen mit Christus lebendig gemacht (durch Gnade seid ihr gerettet worden) und hat uns zusammen mit Ihm auferweckt und uns zusammen mit Ihm niedergesetzt im Himmlischen in Christus Jesus.“ Diese Wahrheit zeigt, dass Erfahrung nicht bloß Kenntnis vermehrt, sondern die praktische Realisierung des mit Christus sitzenden Lebens, durch das die zusammengesetzten Wirkkräfte Seiner Person in uns wirksam werden.
auch uns, als wir in den Verfehlungen tot waren, zusammen mit Christus lebendig gemacht (durch Gnade seid ihr gerettet worden) und hat uns zusammen mit Ihm auferweckt und uns zusammen mit Ihm niedergesetzt im Himmlischen in Christus Jesus, (Eph. 2:5-6)
Die Einladung ist, die Salbung nicht im Kopf zu behalten, sondern in der Tiefe des Herzens zu betreten: eine stille Bereitschaft, die Wirklichkeit Christi aufzunehmen, die mehr verändert als belehrt. Aus dieser Begegnung erwächst Mut zur Hingabe und die Gewissheit, dass die Erfahrung des Geistes das Leben formt und in die Herrlichkeit führt, zu der wir in Christus berufen sind.
Gemeinde und Priesterschaft als Voraussetzung der Salbung
Die Anweisung, Aaron und seine Söhne zu salben, richtet den Blick weg vom isolierten Individuum hin auf ein eingesetztes Amt und eine gemeinsame Verantwortung. Die Salbung gilt dem Priesteramt, dem sakralen Dienst für das Zelt der Begegnung; sie macht deutlich, dass Gottes Salbungswirkung für den Sinn und die Funktion eines Leibes bestimmt ist, nicht nur für einzelne Helden. Wenn das Salböl die zusammengesetzte Gegenwart Christi symbolisiert, so ist seine spezifische Anwendung an Aaron und dessen Söhne ein Hinweis darauf, dass diese Gegenwart in kollektiver Form wohnen und handeln soll.
Dieser Geist dient dem Aufbau eines geistlichen Hauses und dem heiligen Priestertum. In 1. Petrus 2 begegnen wir sowohl dem geistlichen Haus als auch dem heiligen Priestertum. Ebenso zeigt uns das Buch 2. Mose die Stiftshütte und das Priestertum. Auf die Offenbarung der Stiftshütte und des Priestertums folgt die Beschreibung des zusammengesetzten Salböls. Das weist darauf hin, dass dieses Salböl für die Wohnung Gottes und für das Priestertum bestimmt ist. Kümmern wir uns nicht um Gottes Aufbau und sein Priestertum, können wir den zusammengesetzten Geist nicht erfahren. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertneunundfünfzig, S. 1702)
Die Folge davon ist theologisch weitreichend: Eine Salbung, die nicht in eine gebaute Gemeinde und in ein geordnetes Priestertum einfließt, bleibt kraftarm. Gottes Plan ist, dass der zusammengesetzte Geist das geistliche Haus aufrichtet und das heilige Priestertum bildet, damit Gottes Gegenwart sichtbar und wirksam wird. Es heißt in 2. Mose 30:30: „Auch Aaron und seine Söhne sollst du salben und sie (dadurch) heiligen, damit sie mir den Priesterdienst ausüben.“ Die Salbung ist darum eine gemeinschaftsstiftende Macht, die Menschen in ein geteiltes Ringen und eine gemeinsame Verantwortung hineinführt.
Kein Einzelner kann den vollen Umfang dessen tragen, wozu der Geist befähigt; seine Ordnung ist Leiblichkeit. Wenn am Ende die Gemeinde als Wohnung Gottes und das Priestertum als Ausdruck seiner Autorität stehen, dann ist die Salbung ihre schöpferische Kraft.
Auch Aaron und seine Söhne sollst du salben und sie (dadurch) heiligen, damit sie mir den Priesterdienst ausüben. (2.Mose 30:30)
Das Bild der an beiden Seiten gesalbten Priesterschaft ruft dazu, die Salbung als gemeinschaftliche Gabe zu sehen: eine Gabe, die Beziehungen stärkt, Dienst befähigt und Gottes Gegenwart in der Welt sichtbar macht. In dieser Perspektive wird jeder Anteil an Verantwortung ein Teil der Art und Weise, wie der zusammengesetzte Geist sich ausbreitet und die Welt neu formt — tröstend und fordernd zugleich.
Herr Jesus, wir danken Dir für den zusammengesetzten Geist, der aus Deinem Leben, Deinem Leiden, Tod und Deiner Auferstehung hervorgeht. Lass uns nicht bei bloßer Kenntnis stehen bleiben, sondern schenke eine lebendige Berührung Deines Geistes, die unser Inneres heilt, unsere natürliche Gesinnung überwindet und Gemeinde zur heiligen Priesterschaft formt; möge Dein Öl uns erfüllen, erneuern und mit Hoffnung auf Dein kommendes Reich ausstatten. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 159