Der goldene Räucheraltar (4)
Die Beschreibung des Räucheraltars konfrontiert uns mit einer einfachen, zugleich herausfordernden Beobachtung: Viele Christen kennen das Kreuz, doch nur wenige kultivieren ein Gebetsleben, das aus der Gegenwart und dem Sieg Christi hervorgeht. Welches Gebet bringt Gott Wohlgefallen? Die Schrift führt uns vom inneren Ort des Altars zum erforderlichen Inhalt des Gebets und zeigt, wie Tod und Fürbitte miteinander verwoben sind.
Beten im Zelt: Gebet muss in Christus wohnen
Das Bild des Zeltes im Alten Bund führt die Beobachtung vor Augen, dass Gebet nicht primär eine äußere Handlung, sondern ein Wohnort ist. Im Zelt begegnet Gott seinem Volk; deshalb heißt es in 2. Mose 30:6: “Und stelle ihn vor dem Vorhang auf, der an der Lade des Zeugnisses ist, vor der Deckplatte, die über dem Zeugnis (liegt), wo ich dir begegnen werde.” Dieses örtliche Motiv zeigt, dass echtes Gebet seinen Ort in der Gegenwart des Fleisch gewordenen Gottes hat und nicht neben, nicht außerhalb von Christus stattfindet.
Zunächst müssen wir beim Beten im Tabernakel sein, das den inkarnierten Gott symbolisiert. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertfünfzig, S. 1617)
Deutung: Inkarniertes Beten bedeutet, dass unsere Worte und Seufzer von der Gegenwart Christi durchdrungen sind und aus ihr genährt werden. Wenn Gebet im Zelt wohnt, wird es getragen von dem, der unter uns wohnte und jetzt im Himmel gegenwärtig ist; es erhält dadurch eine innere Kraft, die über bloße Bitten hinausgeht und in Einklang mit Gottes Willen bringt. Die Konsequenz ist kein mechanischer Erfolg, sondern eine veränderte Qualität des Betens — Gebete, die in Christus wohnen, tragen die Atmosphäre seiner Gegenwart und sind dem Gericht Gottes gegenüber offen und ehrlich. So endet dieser Gedanke in einer ermutigenden Perspektive: Es ist tröstlich zu wissen, dass unser Gebet einen Wohnort hat, in dem Gottes Nähe unser Reden formt und belebt.
Und stelle ihn vor dem Vorhang auf, der an der Lade des Zeugnisses ist, vor der Deckplatte, die über dem Zeugnis (liegt), wo ich dir begegnen werde. (2. Mose 30:6)
Gedanken über Gebet als Wohnort öffnen die Erwartung, dass Beten nicht zuerst eine Leistung ist, sondern ein Verweilen in Christus; in dieser Haltung wird das Reden mit Gott tiefer und ehrlicher, weil es von seiner Gegenwart durchdrungen ist.
Nur das auferstandene Christus-Räucherwerk ist annehmbar
Das Räucheraltarbild macht eine scharfe Unterscheidung: Nicht jedes Räucherwerk ist zulässig. Es ist eindrücklich formuliert, dass auf dem Räucheraltar kein fremdes Räucherwerk darzubringen sei, sondern nur das, was dem lebendigen und erhöhten Christus entspricht. Psalm 141:2. heißt es passend: “Laß als Rauchopfer vor dir stehen mein Gebet, das Erheben meiner Hände als Speisopfer am Abend.” Dieses Bild vom aufsteigenden Rauch deutet darauf hin, dass Gebet nur dann vor Gott angenehm ist, wenn es den Charakter des auferstandenen Herrn hat — als Wohlgeruch, nicht als menschliches Werk.
Es besteht jedoch ein strenges Verbot: Wir dürfen kein fremdes Räucherwerk verbrennen. Nur der auferstandene und in den Himmel aufgegangene Christus darf dargebracht werden; alles andere ist ausgeschlossen. Wir müssen einen solchen lebendigen Christus als Räucherwerk auf dem Räucheraltar vor Gott darbringen. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertfünfzig, S. 1618)
Deutung: Die Warnung gegen fremdes Feuer betrifft die innere Beschaffenheit unserer Fürbitte. Ein bloßes Erinnern an Christi Leiden, isoliert von seiner Auferstehung und Erhöhung, verfehlt die biblische Perspektive, in der der Herr als lebendig und herrschend vor Gott steht. Praktisch heißt das: Gebet, das sich auf die Herrlichkeit und die gegenwärtige Stellung Christi bezieht, steigt als Wohlgeruch empor; Gebet, das bei sentimentalen Bildern oder isolierten Leiden hängen bleibt, erreicht nicht dieselbe himmlische Wirksamkeit. Die ermutigende Folgerung ist, dass die Anteilnahme am auferstandenen Christus unser Beten erneuert und ihm Gewicht verleiht — eine Einladung zur Hoffnung, nicht zur Leistung.
Laß als Rauchopfer vor dir stehen mein Gebet, / das Erheben meiner Hände als Speisopfer am Abend. / (Ps. 141:2)
Wenn das Gebet den Charakter des auferstandenen Christus trägt, wirkt es vor Gott wie ein Wohlgeruch; die Verheißung dabei ist nicht primär eine Garantie für sofortige Antwort, sondern die Gewissheit, dass unser Reden in seiner lebendigen Wirklichkeit aufgehoben ist.
Die Verbindung der beiden Altäre: Tod und Fürbitte
Die Schrift verbindet auf überraschende Weise das Kreuzesopfer und das Fürbittende durch drei konkrete Elemente: Salbung, Blut und Feuer. Es heißt ausdrücklich in 2. Mose 30:27: “auch den Tisch und all seine Geräte, den Leuchter und seine Geräte und den Räucheraltar,” — im weiteren Zusammenhang wird deutlich, dass sowohl der Brandopferaltar als auch der Räucheraltar gesalbt wurden. Diese Sakralisierung bringt zum Ausdruck, dass Versöhnung und Anbetung nicht getrennt sind, sondern durch göttliche Bewegung miteinander verflochten werden.
In 2. Mose 30:27 und 28 heißt es, dass sowohl der Räucheraltar als auch der Brandopferaltar mit dem heiligen Salböl gesalbt wurden. Diese drei Elemente — Salbung, Blut und Feuer — verbinden die beiden Altäre miteinander. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertfünfzig, S. 1620)
Auslegung: Das Blut stellt die rechtliche Grundlage der Sühne, die Salbung verweist auf die göttliche Beauftragung und Gegenwart, das Feuer auf die Vollmacht und Reinigung. In der Verbindung dieser drei wird Fürbitte zu etwas, das aus dem stellvertretenden Opfer Christi kommt und zugleich durch seine himmlische Erhöhung autorisiert und belebt wird. Ein Leben des Gebets, das eines dieser Elemente ausklammert, bleibt in seiner Kraft begrenzt; dagegen zeigt sich die Tiefe des göttlichen Heilsplanes in der Weise, wie Kreuz, Auferstehung und himmlische Sendung zusammenwirken. Abschließend bleibt die ermutigende Erkenntnis, dass unsere Fürbitte in die ganze Bandbreite von Erlösung und Himmelswirkung hineingenommen ist — eine Quelle von Trost und Hoffnung für den, der dies in Stille bedenkt.
auch den Tisch und all seine Geräte, den Leuchter und seine Geräte und den Räucheraltar, (2. Mose 30:27)
Die Verbindung von Salbung, Blut und Feuer lässt erkennen, dass Fürbitte nicht isoliert neben dem Heil steht, sondern mitten in ihm wurzelt; wer diese Verbundenheit innerlich ahnt, findet in seinem Beten Trost, Autorität und lebendige Tiefe.
Herr Jesus, wir sehnen uns danach, dass unser Beten nicht nur Worte, sondern Deine Gegenwart trägt: Erfülle uns mit Deiner Salbung, Deinem Blut und Deinem himmlischen Feuer, damit unsere Fürbitte Teil Deiner Verwirklichung im Reich wird; in Deiner Treue und Kraft vertrauen wir darauf. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 150