Der goldene Räucheraltar (5)
Die Stiftshütte weist uns mit ihren drei Zonen auf unterschiedliche Grade der Gemeinschaft mit Gott hin; mitten im Heiligen steht der goldene Räucheraltar, dessen Duft vor Gott aufsteigt. Viele Christen kennen Gebete, die aus dem Blick auf die eigene Not entstehen, doch die Schrift deutet an, dass tiefere, wirkliche Fürbitte mit der Person Christi und mit einer inneren Läuterung zusammenhängt. Wie aber gelangt jemand von einem persönlichen Ruf nach Hilfe zu einer stellvertretenden, gotteszentrierten Fürbitte?
Der Räucheraltar als Bild stellvertretender Fürbitte
Der goldene Räucheraltar tritt uns nicht zuerst als bloßer Ort für Worte gegenüber, sondern als ein typologisches Abbild einer Person. Beobachtet man die Schriftbilder, wird das Räucherwerk mit dem Gebet gleichgesetzt; es heißt: „Laß als Rauchopfer vor dir stehen mein Gebet, das Erheben meiner Hände als Speisopfer am Abend.“ (Psalm 141:2). Doch das Altarbild geht tiefer: Es stellt nicht vorrangig den Akt des Betens dar, sondern den, der für uns betet — den Mittler, dessen Leben vor Gott als wohlriechendes Räucherwerk aufsteigt.
Vielmehr verweist er auf das Gebet Christi, denn der Altar selbst ist ein Sinnbild für Christus als Person, nicht für sein Gebet. Der Räucheraltar versinnbildlicht Christus als Person und nicht sein Gebet; er zeigt Christus, wie er betet und Fürbitte einlegt. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhunderteinundfünfzig, S. 1625)
Wenn der Altar Christus als Persönlichkeit versinnbildlicht, verändert das die Perspektive unseres Betens grundlegend. Fürbitte wird damit weniger zur Durchsetzung eigener Anliegen als zur Teilnahme an der stellvertretenden Stellung Christi; die Gemeinde ist nicht nur Zuschauer, sondern in das eine Werk des verklärten Christus hineingenommen. Aus dieser Sicht lässt sich verstehen, wie Gebet zugleich persönlich und korporativ, zugleich menschlich und doch in innerster Hinsicht göttlich wird: Es ist die Person Christi, die in und durch sein Volk für den Willen Gottes vortritt.
Laß als Rauchopfer vor dir stehen mein Gebet, / das Erheben meiner Hände als Speisopfer am Abend. / (Psalm 141:2)
Es tröstet und ermutigt, dass unsere Fürbitte nicht auf das Maß unseres Könnens oder unserer Gefühle reduziert ist, sondern in die Person Christi eingeordnet wird. Wer dieses Bild annimmt, empfindet Gebet nicht mehr als bloße Pflicht, sondern als Teil eines größeren, lebendigen Stellvertretens — ein Wohlgeruch, der aus der Gemeinschaft mit dem verklärten Christus aufsteigt und Hoffnung schenkt.
Blut und Feuer: Grundlage und Reinigung der Fürbitte
Zwischen dem Brandopferaltar im Vorhof und dem Räucheraltar im Heiligen spannt sich in den Typen der rote Faden von Blut und Feuer. Die Schrift berichtet über die jährliche Sühnung und die Heiligkeit des Altars: „Und Aaron soll einmal im Jahr an seinen Hörnern Sühnung vollziehen mit dem Blut des Sündopfers der Versöhnung; einmal im Jahr soll er Sühnung an ihm vollziehen, für (all) eure Generationen: Hochheilig ist er dem HERRN.“ (2. Mose 30:10). Das Blut macht den Zugang möglich; es entfernt die rechtliche Schranke der Sünde und bereitet das Fundament für ehrliches Zutreten vor Gott.
Der Räucheraltar war vor allem durch das Blut des Sündopfers mit dem Brandopferaltar verbunden. Zuerst wurde das Blut des Sündopfers am Altar im äußeren Vorhof vergossen; anschließend brachte man es zum Räucheraltar und besprengte ihn damit. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhunderteinundfünfzig, S. 1627)
Das Feuer, das mit dem Räucherwerk verbunden ist, weist auf eine innigere Reinigung: es reduziert das Natürlich-Eigene, bis das Ich im Typus als Asche erscheint und nur noch das göttliche Leben wirkt. In der typischen Handlung des Auflegens der Hände auf das Opfer zeigt sich unsere Identifikation mit dem stellvertretenden Tod und Leben Christi. So entsteht Fürbitte nicht mehr aus dem ungeklärten, natürlichen Herzen, sondern aus jenem gestorbenen und doch lebendig gemachten Leben, das Christus der Gemeinde schenkt.
Und Aaron soll einmal im Jahr an seinen Hörnern Sühnung vollziehen mit dem Blut des Sündopfers der Versöhnung; einmal im Jahr soll er Sühnung an ihm vollziehen, für (all) eure Generationen: Hochheilig ist er dem HERRN. (2. Mose 30:10)
Die Verbindung von Blut und Feuer gibt Anlass zu stillem Vertrauen: Blut schenkt Rechtfertigung, Feuer schenkt Läuterung. In dieser doppelt geschenkten Grundlage darf die Seele Ruhe finden und erkennen, dass wirkliche Fürbitte aus dem versöhnten und gereinigten Raum des Herzens aufsteigt und nicht aus der eigenen Kraft allein.
Vom natürlichen Ich zur gotteszentrierten Fürbitte: Weg durch das Heiligtum
Das Betreten des Heiligtums ist eine gestaltete, schrittweise Erfahrung: zunächst der Tisch des Schaubrotes, dann der Leuchter, zuletzt die Lade des Zeugnisses — erst danach der Blick und das Herz zum Räucheraltar. Die Schrift berichtet von der Aufstellung des goldenen Altars im Zelt der Begegnung und davon, wie auf ihm Räucherwerk aufstieg: „Er stellte den goldenen Altar in das Zelt der Begegnung, vor den (inneren) Vorhang, und ließ darauf wohlriechendes Räucherwerk als Rauch aufsteigen.“ (2. Mose 40:26–27). Diese Reihenfolge zeigt, dass unser Beten von einer inneren Wandlung begleitet sein muss: Leben, Licht und Zeugnis bereiten das Herz zur Fürbitte.
Wenn wir in die Stiftshütte eintreten, können wir nicht sofort zum Räucheraltar gehen. Wie bereits erwähnt, müssen wir zuerst zum Tisch des Schaubrotes, dann zum Leuchter und schließlich zur Lade des Zeugnisses im Allerheiligsten gehen. Erst dann sind wir bereit, am Räucheraltar Fürbitte zu tun. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhunderteinundfünfzig, S. 1628)
Die inneren Veränderungen, die hier gemeint sind, betreffen nicht äußere Anstrengung, sondern eine Verlagerung des Seins: Christus wird unser Leben, unser inneres Sehen und unser Zeugnis. Dadurch verliert das natürliche Ich seine dominierende Stellung, nicht aus Selbstverleugnung um der Entsagung willen, sondern weil Christus an seine Stelle tritt und aus ihm als Leben, Licht und Wohlgeruch handelt. So richtet sich Fürbitte nicht auf unmittelbares Erwirken, sondern auf das Mitwirken der göttlichen Wirtschaft und die Förderung des Werkes Christi.
Er stellte den goldenen Altar in das Zelt der Begegnung, vor den (inneren) Vorhang, und ließ darauf wohlriechendes Räucherwerk als Rauch aufsteigen. (2. Mose 40:26–27)
Die Stufen des Heiligtums laden zu einem geduldigen inneren Fortgang ein, in dem das eigene Ich mehr und mehr Platz macht für Christus als Leben und Zeugnis. In diesem Gang liegt eine stille Ermutigung: Wenn das Herz sich auf diese Weise verändern lässt, wird Fürbitte zu einer kraftvollen, gotteszentrierten Präsenz, die Hoffnung für die Gemeindewirkung und für das dauernde Werk Gottes in sich trägt.
Herr Jesus, lehre uns die Tiefe Deiner stellvertretenden Fürbitte und nimm jede Selbstbezogenheit weg, damit Dein Leben, Dein Licht und Dein Wohlgeruch allein vor dem Vater aufsteigen. Fülle Deine Gemeinde mit dem Geist des geweihten Gebets, dass unser Beten Deine Ökonomie und Dein Werk fördert und nicht unsere eigene Aufmerksamkeit sucht. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 151