Das Wort des Lebens
lebensstudium

Der goldene Räucheraltar (3)

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Das Bild des Räucheraltars kann ungewohnt und tiefgehend zugleich sein; seine zentrale Lage im Heiligtum weist auf eine geistliche Realität, die viele Gläubige bisher nur flüchtig verstanden haben. Vor Augen steht die Frage, wo wir geistlich stehen, wenn wir beten: im freien Raum fern von Gott, im Vorhof bei den Opferhandlungen oder wirklich im Inneren, wo Gott wohnt und in uns wirkt? Eine genauere Betrachtung der Schrift führt uns zu drei grundlegenden Wahrheiten über die Gegenwart Christi, die Bedeutung der Opfer und die Art des betenden Lebens.

Der inkarnierte Gott als begehbares Heiligtum

Die leibhaftige Gegenwart Gottes wird im Evangelium nicht als abstrakte Idee vorgestellt, sondern als etwas, das hineingegangen und berührt werden kann. Wie es heißt: „Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns (und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als des Einziggeborenen vom Vater), voller Gnade und Wirklichkeit.“ Dieser Satz eröffnet die Beobachtung, dass Gottes Unsichtbarkeit durch die Menschwerdung zugänglich geworden ist; das Heiligtum im Typus ist nicht länger nur Symbol, sondern verweist auf den konkreten Menschen Jesus, durch den das Allerheiligste betreten werden darf. Das Tabernakel als Bild macht deutlich: Gott verlegt seine Wohnung in die Sphäre des Sichtbaren, damit Begegnung möglich wird.

Daraus erkennen wir, dass die Stiftshütte in Wirklichkeit Gott im Fleisch ist. Mit anderen Worten: Jesus ist dieser fleischgewordene Gott, und er ist für uns erreichbar. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertneunundvierzig, S. 1609)

Die unmittelbare Erfahrung der Jünger bestätigt diese Deutung als Zeugnis der Wirklichkeit des Inkarnats. Wie es heißt: „Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen haben, was wir angeschaut und unsere Hände betastet haben, in Bezug auf das Wort des Lebens.“ Hier liegt die theologische Schlussfolgerung: Die Stiftshütte ist mehr als ein Bild — sie ist die vergegenwärtigte, anfassbare Gegenwart Gottes im Fleisch, die uns einen Weg in das Allerheiligste eröffnet. Aus dieser Nähe folgt die praktische Konsequenz für unser Leben vor Gott: Die Mittel des Heiligtums (Blut, Speise, Räucherwerk) sind nicht bloße Rituale, sondern Indikatoren dafür, wie der Mensch in dieses betretbare Heiligtum hineingeführt wird.

Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns (und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als des Einziggeborenen vom Vater), voller Gnade und Wirklichkeit. (Johannes 1:14)

Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen haben, was wir angeschaut und unsere Hände betastet haben, in Bezug auf das Wort des Lebens (1. Johannes 1:1)

Es kann tröstlich werden, sich vor Augen zu halten, dass Gott nicht aus der Ferne herrscht, sondern seinen Wohnsitz in der menschlichen Sphäre genommen hat. Die Inkarnation lädt nicht zu theoretischer Bewunderung, sondern zur ruhigen Gewissheit, dass das Allerheiligste erreicht werden darf — nicht durch unsere Fähigkeit, sondern durch seine Bereitschaft, bei uns zu wohnen.

Christus als Opfer und unsere innere Nahrung

In der Typologie des Heiligtums erscheint Christus doppelt: als das Heiligtum selbst und zugleich als das dargebrachte Opfer. Die Evangelien nennen ihn „das Lamm Gottes“, und dieses Bild verweist auf die Qualifikation durch Blut, welche den Weg in das Innere frei macht. Wenn es heißt: „Am folgenden Tag sah er Jesus zu sich kommen und sagte: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!“, wird deutlich, dass das Opfer nicht nur stellvertretend, sondern befähigend wirkt. Die Bluthandlung am Altar qualifiziert den Zutritt, sie schafft die religiöse und moralische Grundlage dafür, dass das Allerheiligste für Menschen zugänglich wird.

Als Lamm Gottes ist Christus das auf dem Altar dargebrachte Opfer. Deshalb ist er zugleich Stiftshütte und Opfer. Christus ist sowohl der in Fleisch gewordene Gott, in den wir eintreten dürfen, als auch das Opfer, das uns als Speise dient. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertneunundvierzig, S. 1610)

Doch nicht nur das Blut, auch die Speise tritt hier in den Vordergrund: Jesus ist nicht nur Opfer, sondern auch Nahrung für unser inneres Leben. Sein Kommen als der Weg und das Leben weist auf eine personalisierte Lebensversorgung; wie es heißt: „Ich bin der Weg und die Wirklichkeit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch Mich.“ Wer Christus als Speise empfängt, wird innerlich erfüllt und verwandelt—das Brot des Heiligtums wird zur Quelle eines Lebens, das aus ihm gespeist ist. Daraus folgt pastoral die Einsicht, dass Zutritt zum Allerheiligsten nicht leer bleibt, sondern uns mit einer Lebensquelle versieht, die allmählich das praktische Leben formt.

Am folgenden Tag sah er Jesus zu sich kommen und sagte: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt! (Johannes 1:29)

Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wirklichkeit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch Mich. (Johannes 14:6)

Die doppelte Rolle Christi als Opfer und Speise darf ermutigen: Das stellvertretende Opfer hat den Vorhang geöffnet, und die innere Nahrung macht das Betreten fruchtbar. So ruht die Einladung nicht auf menschlichen Leistungen, sondern auf der Wirklichkeit eines Lebens, das uns zugeführt und in uns gewandelt wird.

Beten als Darbringen Christi – das Räucherwerk

Das Bild des Räucheraltars stellt Christus als den Duft dar, der vor den Thron aufsteigt. In der Offenbarung finden wir eine frappierende Szene, in der Räucherwerk und Gebete vereint werden: Wie es heißt: „Und ein anderer Engel kam und stellte Sich an den Altar, der hatte ein goldenes Räuchergefäß, und Ihm wurde viel Räucherwerk gegeben, um es zusammen mit den Gebeten aller Heiligen auf dem goldenen Altar, der vor dem Thron war, darzubringen. Und der Rauch des Räucherwerks stieg zusammen mit den Gebeten der Heiligen aus der Hand des Engels vor Gott empor.“ Diese Vorstellung führt zur Beobachtung, dass echtes Beten nicht zuerst aus Worten besteht, sondern aus dem Darbringen von Christus selbst — des auferstandenen Herrn, dessen Leben zum Wohlgeruch vor Gott wird.

Christus ist die Stiftshütte, die Opfergaben und auch der Weihrauch. Weihrauch zu verbrennen heißt demnach, Christus zu beten. Offb. 8:3–4 sagen: „Und ein anderer Engel kam und stellte Sich an den Altar, der hatte ein goldenes Räuchergefäß, und Ihm wurde viel Räucherwerk gegeben, um es zusammen mit den Gebeten aller Heiligen auf dem goldenen Altar, der vor dem Thron war, darzubringen. Und der Rauch des Räucherwerks stieg mit den Gebeten der Heiligen aus der Hand des Engels vor Gott hinauf.“ (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertneunundvierzig, S. 1612)

Die psalmische Sprache ergänzt diese Deutung im persönlichen Bereich: „Laß als Rauchopfer vor dir stehen mein Gebet, das Erheben meiner Hände als Speisopfer am Abend.“ So verbindet sich Gebet mit Opfer und Speise; es ist das Vorbringen des inneren, von Christus geprägten Lebens. Daraus folgt die Deutung, dass das Gebet, das vor Gottes Thron wirkt, nicht allein eine Liste von Anliegen ist, sondern die Darbringung des Gekommenen, Genossenen und Eingefügten. In der Folge übt ein solches Beten eine verwaltende Wirkung aus, weil es Gottes Verwaltung mit dem Duft seines Sohns verknüpft.

Und ein anderer Engel kam und stellte Sich an den Altar, der hatte ein goldenes Räuchergefäß, und Ihm wurde viel Räucherwerk gegeben, um es zusammen mit den Gebeten aller Heiligen auf dem goldenen Altar, der vor dem Thron war, darzubringen. Und der Rauch des Räucherwerks stieg zusammen mit den Gebeten der Heiligen aus der Hand des Engels vor Gott empor. (Offenbarung 8:3-4)

Laß als Rauchopfer vor dir stehen mein Gebet, das Erheben meiner Hände als Speisopfer am Abend. (Psalm 141:2)

Wenn das Gebet als Duft verstanden wird, steigt es nicht bloß empor, sondern trägt den Inhalt eines gelebten Christus hinein in Gottes Gegenwart. Diese Perspektive lädt zu einer stillen Zuversicht: Es kommt weniger auf die Form als auf die Person an, die wir vorbringen. So darf die Hoffnung wachsen, dass unser Gebet Teil jener himmlischen Darbringung ist, die Gottes Thron in Gnade und Verwaltung wirken lässt.


Herr Jesus, wir danken Dir, dass Du als fleischgewordenes Wort das Heiligtum bist und zugleich das Opfer und die Speise, durch die wir hinein und unterwiesen werden. Reinige unser Beten, dass es nicht voller fremder Anliegen ist, sondern mit Deinem Leben als süßem Räucherwerk vor den Thron aufsteigt; erfülle uns mit Deiner Gegenwart, damit Dein Wirken durch unsere Gebete zum Wohl der Gemeinde und zur Ausführung Deiner Verwaltung führt. Gib uns die Gnade, in Dir zu wohnen und Dich in uns zu haben, damit unser Leben und unser Gebet zu einem Wohlgeruch vor Dir werden. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 149