Das Wort des Lebens
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Die Heiligung Aarons und Seiner Söhne zum Priestertum (9)

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Das Bild in 2. Mose 29 wirkt zunächst wie eine Abfolge von Ritualen: Waschen, Bekleiden, Essen. Doch hinter den äußeren Handlungen verbirgt sich eine tiefere Frage — wie kann ein heiliger Gott bei einem sündigen Volk ‚mit Essen versorgt‘ werden? Die Lösung liegt in der theologisch dichten Vorstellung, dass die Priester nicht nur vorbereitet werden, sondern Christus dem Vater als Sündopfer und als Speise darbieten, damit Gemeinschaft und Gotteszufriedenheit möglich werden.

Die vier Schritte der Weihe: Vorbereitung und Dienst

Die Einsetzung Aarons offenbart eine abgestufte Heiligung, in der körperliche Reinigung, würdige Bekleidung und Sättigung aufeinander folgen und so die priesterliche Person formen. Beobachtend fällt auf, dass die liturgischen Handlungen praktisch und symbolisch zugleich sind: Waschen und Bekleiden bereiten den Leib vor, das Essen des Einsatzungswidders gibt dem Priester Kraft und Identität für den Dienst. So heißt es: ‘dazu ein Zehntel mit einem viertel Hin Öl aus zerstoßenen (Oliven) gemengt, und als Trankopfer ein viertel Hin Wein zu dem einen Lamm.’ (2. Mose 29:40)

Die Heiligung, die in 2. Mose 29 beschrieben wird, besteht tatsächlich aus vier Stufen. Die ersten drei — gewaschen, bekleidet und gesättigt zu werden — deckten das Bedürfnis der Priester. Die vierte Stufe — Gott Christus als Speise darzubringen, damit Gott zufrieden ist — richtete Sich auf Gottes Bedürfnis. Priestersein heißt, Gott zu dienen und Ihm Christus darzubringen, damit Er zufrieden ist. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhunderteinundvierzig, S. 1537)

Die Lesart dieses Ablaufs führt weiter: Rettung sichert Stellung und Recht — die ersten drei Stufen versorgen den Priester in seiner Bedürftigkeit — doch das Vollmaß des Priesterlichen zeigt sich erst im Geben. Das letzte Element der Weihe richtet den Blick weg vom Empfangen auf das, was Gott nötig hat: Priester müssen etwas darbringen, nicht nur empfangen. In diesem Licht wird die Priesterschaft zu einer täglichen Bewegung, in der Christus nicht nur die Grundlage der Reinigung ist, sondern die dargebrachte Speise, durch die Gott versöhnt und genährt wird; daraus erwächst ein Dienst, der Gott und nicht primär das Subjekt erfüllt.

Es bleibt die ermutigende Perspektive: Die beschriebenen Zeichen sind keine leeren Rituale, sondern die biblisch geordnete Weise, wie das Menschliche mit dem Göttlichen zusammengeführt wird. Dass der Priester gespeist und bekleidet wird, ist zugleich Einladung und Auftrag, die Gaben nicht bei sich zu behalten, sondern Christus täglich als Speise darzubringen, damit Gottes Gegenwart sich in der Mitte seines Volkes verwirkliche.

dazu ein Zehntel mit einem viertel Hin Öl aus zerstoßenen (Oliven) gemengt, und als Trankopfer ein viertel Hin Wein zu dem einen Lamm. (2. Mose 29:40)

Die Weihe zeigt, dass geistliche Stellung nicht mit Selbstgenügsamkeit endet; sie verlangt, dass das Empfangene – Christus selbst – weitergegeben wird. Aus der Haltung des Empfangens soll die Gabe an Gott hervorgehen, so dass Gottes Bedürfnis nach Gemeinschaft und Genuss erfüllt wird. Diese Sicht verwandelt Dienst vom bloßen Vollziehen von Aufgaben in eine hingebende Begegnung, die sowohl dem Priester Trost als auch dem Vater Freude schenkt.

Das Sündopfer: Natur versus Tun und die Versöhnung Gottes

Die Schrift unterscheidet scharf zwischen der Sünde als unserer verderbten Natur und den konkreten Sündenhandlungen; diese Unterscheidung trägt unmittelbare Folgen für das priesterliche Leben. Die Stimme Johannes’ bringt es auf den Punkt: ‘Am folgenden Tag sah er Jesus zu sich kommen und sagte: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!’ (Johannes 1:29) – das Lamm zielt auf die Wurzel, nicht nur auf die Früchte, und macht deutlich, dass das Heil über die bloße Vergebung einzelner Taten hinausgeht.

Im Neuen Testament wird das Wort „Sünde“ zweifach gebraucht: einmal im Singular („Sünde“) und einmal im Plural („Sünden“). Was ist Sünde? Damit ist unsere gefallene Natur gemeint. Als Gefallene ist unsere Natur sündig; vor Gott jedoch ist sie in Wahrheit die Sünde selbst. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhunderteinundvierzig, S. 1541)

Wenn Christus als Sündopfer dargebracht wird, berührt dies zugleich Gottes Gerechtigkeit und unsere Gemeinschaft mit Ihm; 1. Petrus bringt diese Wirkung klar zum Ausdruck: ‘der unsere Sünden Selbst in Seinem Leib an das Holz hinaufgetragen hat, damit wir, den Sünden gestorben, der Gerechtigkeit leben; durch dessen Strieme ihr geheilt worden seid.’ (1. Petr. 2:24) Diese Darbringung wirkt doppelt: sie versöhnt Gott und heiligt den Priester, damit ehrliche Gemeinschaft und das kultische Darbringen von Speise möglich werden.

Aus der Verbindung von Natur- und Tatperspektive ergibt sich eine nüchterne Einsicht: Priesterliches Darbringen beginnt nicht mit Leistungsfähigkeit, sondern mit der Anerkennung, dass nur Christus als Sündopfer die verfaulte Konstitution beseitigen kann. Diese Erkenntnis entlastet vom Selbstgerechtigkeitsdruck und eröffnet zugleich eine kraftvolle Grundlage für ehrlichen Dienst, weil das, was dem Dienst zugrunde liegt, bereits durch das Opfer überwunden worden ist. Im Blick auf diese Wirklichkeit atmet die Seele auf und gewinnt Mut, den priesterlichen Dienst in Abhängigkeit von Christus fortzuführen.

Am folgenden Tag sah er Jesus zu sich kommen und sagte: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt! (Johannes 1:29)

der unsere Sünden Selbst in Seinem Leib an das Holz hinaufgetragen hat, damit wir, den Sünden gestorben, der Gerechtigkeit leben; durch dessen Strieme ihr geheilt worden seid. (1. Petr. 2:24)

Die Unterscheidung von Sünde und Sünden macht deutlich, dass Schuld nicht allein eine Frage des Verhaltens ist, sondern unserer ganzen Person gilt. Die Leitlinie für das priesterliche Leben ist daher nicht Selbstverbesserung, sondern das tägliche Vertrauen auf Christus als Sündopfer, das Versöhnung schafft und Gemeinschaft ermöglicht. Diese Wahrheit erlöst von innerer Last und lädt zu einer demütigen, zugleich zuversichtlichen Lebenshaltung ein, in der Dienst aus der Gnade und nicht aus dem Leistungsdruck fließt.


Herr, danke für das Erlösungswerk Deines Sohnes; Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 141