Die priesterlichen Gewänder (14)
Das alttestamentliche Bild des Brustschilds lädt uns zu einer prüfenden Beobachtung ein: Gottes Art zu sprechen hängt nicht primär von spektakulären Zeichen ab, sondern von der inneren Beschaffenheit seines Volkes. Wenn die Gemeinde durchsichtig ist und Christus klar inschriftlich gegenwärtig ist, kann Licht leuchten und Dunkelheit sichtbar werden. Andernfalls bleibt vieles verborgen und Gottes Führung kaum erkennbar.
Gott spricht durch Licht und durch das Dunkelwerden eines Lichtes
Das Bild des Urim illustriert eine überraschende Art göttlicher Offenbarung: Nicht immer ist Gottes Stimme mit strahlender Klarheit verbunden; oft kommt sie durch ein Verdunkeln. Wenn in der Brusttasche etwas dunkel wird, fällt gerade dadurch auf, dass etwas fehlt oder krank ist. So entsteht Beobachtung: Ein plötzliches Verdunkeln innerhalb des Lichts macht das Verborgene sichtbar und ruft zur Aussprache dessen, was korrigiert werden muss.
Gottes Weise, durch das Brustschild mit dem Urim und Thummim zu sprechen, steht im Gegensatz zu dem, was wir erwarten würden. Er spricht nicht durch leuchtende Steine, sondern durch solche, die sich verdunkeln. Das heißt: Gott spricht durch negative Umstände. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertneunundzwanzig, S. 1431)
Auf dieser Grundlage lässt sich deuten, dass Christus als das Licht nicht allein durch ungebrochene Helligkeit wirkt, sondern auch durch das Aufdecken von Mängeln. Es heißt: “In die Brusttasche für den Rechtsspruch aber lege die Urim und die Tummim, damit sie auf dem Herzen Aarons sind…” (2. Mose 28:30). Die Offenbarung über Missstände ist demnach kein Sinnbild des Scheiterns Gottes, sondern ein Mittel seiner Leitung: Erst wo Licht vorhanden ist, kann Dunkelwerden ein Urteil auslösen und damit einen Weg zur Korrektur und zur Fürsorge eröffnen.
In die Brusttasche für den Rechtsspruch aber lege die Urim und die Tummim, damit sie auf dem Herzen Aarons sind, wenn er vor den HERRN hineingeht! So soll Aaron den Rechtsspruch für die Söhne Israel beständig vor dem HERRN auf seinem Herzen tragen. (2. Mose 28:30)
Und Saul befragte den HERRN; aber der HERR antwortete ihm nicht, weder durch Träume noch durch die Urim, noch durch Propheten. (1. Samuel 28:6)
So ist das Dunkelwerden inmitten des Lichts kein Endpunkt, sondern ein Hinweis auf Gottes sorgfältige Führung. Wer dies annimmt, erfährt, dass Gottes Reden nicht nur zur Anklage dient, sondern zur Heilung und Wiederherstellung führt—eine Zusage, die Mut macht, das eigene Licht prüfen zu lassen und in dem verborgenen Wirken Christi Zuversicht zu finden.
Transparenz und die Einschreibung Christi in die Gläubigen
Die zwölf durchsichtigen Steine des Brustschilds sprechen von einer geistlichen Durchsichtigkeit, die Christus hindurchscheinen lässt. Beobachtend fällt auf: Es genügt nicht, Christus zu kennen; vielmehr muss sein Leben so in den Gläubigen eingeschrieben sein, dass Sein Licht ungehindert durchscheint. In diesem Bild wird die Gemeinde zu einer Schrift, die gelesen werden kann—nicht durch äußeres Tun, sondern durch innere Klarheit und gelebte Gegenwart Christi.
Die zwölf durchsichtigen Steine auf der Brustplatte deuten darauf hin, dass die Heiligen durchsichtig sein sollen, damit Christus durch sie hindurchscheinen und so Gottes Wille offenbar werden kann. Das heißt, wir müssen bestimmte, klare Erfahrungen mit Christus machen, die wie die Buchstaben in Gottes geistlichem Alphabet wirken. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertneunundzwanzig, S. 1429)
Deutend heißt das, dass die Fähigkeit, andere zu leiten und zu versorgen, an eine konkrete Einprägung Christi gebunden ist. Es heißt: “In die Brusttasche für den Rechtsspruch aber lege die Urim und die Tummim…” (2. Mose 28:30). Wer Christus in sich trägt wie Buchstaben eines geistlichen Alphabets, kann im Leib Gottes lesen und aus jener reichen, persönlichen Erfahrung heraus Antwort und Nahrung bringen. So wird Transparenz zur Voraussetzung echter Leitung und seelsorgerlicher Versorgung.
Und er legte ihm die Brusttasche an und legte in die Brusttasche die Urim und die Tummim; (3. Mose 8:8)
In die Brusttasche für den Rechtsspruch aber lege die Urim und die Tummim, damit sie auf dem Herzen Aarons sind, wenn er vor den HERRN hineingeht! So soll Aaron den Rechtsspruch für die Söhne Israel beständig vor dem HERRN auf seinem Herzen tragen. (2. Mose 28:30)
Die Vorstellung, Christus als eingeschriebene Gegenwart zu tragen, lädt dazu ein, innerlich geformt zu werden, ohne in Leistungsdruck zu verfallen. Es ist tröstlich zu wissen: Wo Christus in der Tiefe wirkt, entsteht natürliche Klarheit, aus der Leitung und Sorge für andere hervorgehen—eine Einladung, die zur Ruhe und zugleich zur wachsenden Verantwortung führt.
Leitung verbindet Urteil und Versorgung
Leitende stehen vor der Aufgabe, die Lage der Gemeinde zu lesen und dabei zugleich Urteil und Versorgung zusammenzubringen. Beobachtung zeigt: Das Befragen des Urim diente nicht allein dazu, ein Gericht zu sprechen, sondern auf dessen Grundlage Wege zu bestimmen, auf denen das Volk ein- und ausziehen sollte. Wer das Herz der Brüder trägt, kann durch das Dunkelwerden erfassen, wo Korrektur nötig ist, und dadurch die Richtung für Heilung und Bewahrung erkennen.
Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament richtet sich Gottes Reden nach der jeweiligen negativen Lage, bringt zugleich aber die Fülle Christi als Versorgung für Sein Volk. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertneunundzwanzig, S. 1433)
Auslegungsgemäß verbindet sich so im Dienst die Wahrheit des Richters mit dem Mitleid des Versorgers. Es heißt: “Und er soll vor den Priester Eleasar treten, und der soll für ihn das Urteil der Urim vor dem HERRN befragen.” (4. Mose 27:21). Das Urteil, sobald es offenbart ist, ist nicht Selbstzweck; es ist das Tor zur Versorgung Christi, der den Mangel erfüllt. Leitung wird damit zu einem Prozess, in dem klare Erkenntnis und barmherzige Antwort untrennbar sind.
Und er soll vor den Priester Eleasar treten, und der soll für ihn das Urteil der Urim vor dem HERRN befragen. Auf dessen Befehl sollen sie ausziehen, und auf dessen Befehl sollen sie einziehen, er und alle Söhne Israel mit ihm, ja, die ganze Gemeinde. (4. Mose 27:21)
Werden die Bürger von Keila mich und meine Männer in die Hand Sauls ausliefern? Der HERR sprach: Sie werden (dich) ausliefern. (1. Samuel 23:11)
Die Einsicht, dass Urteil und Versorgung zusammengehören, kann leitende Herzen ermutigen: Wer bewusst das Verborgene ans Licht holt, öffnet zugleich Raum für die Fülle Christi. Das schafft eine Atmosphäre, in der Zurechtweisung nicht zerstört, sondern zur Brücke für Heilung und neues Wachstum wird—ein ermutigender Gedanke für alle, die in Verantwortung stehen.
Herr Jesus, schreibe Dich deutlich in unser Innerstes, Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 129