Die priesterlichen Gewänder (13)
Die alten priesterlichen Gegenstände waren nie bloß dekorativ; sie bildeten ein inneres System, durch das Gott zu seinem Volk redete und wir zu ihm kamen. Besonders die Kombination aus Brustschild und den geheimnisvollen Urim und Thummim wirft eine Frage auf: Können äußere Ordnung, gute Gesinnung oder kirchliche Formen Christus ersetzen, oder bleibt die Gemeinde auf eine ergänzende Zuwendung Christi angewiesen? Die Textstelle über das Brustschild macht deutlich, dass selbst bei scheinbarer Vollständigkeit etwas von Christus fehlen kann – und dass nur Er die Lücke schließen kann.
Christus als der Vollender (Thummim)
Die sichtbare Brustplatte des Priesters war geschmückt mit den Namen der Stämme Israels; doch die Thummim traten an die Stelle jener fehlenden Vollkommenheit und gaben dem Brustschild eine ergänzende Funktion. Beobachtet man die biblische Beschreibung, so wird die Ergänzung nicht als Korrektur des Bestehenden vorgestellt, sondern als etwas, das dem bereits Benannten hinzugefügt wird, damit Recht und Urteil in besonderer Weise ausgedrückt werden können. So heißt es eindringlich in der Schrift: „In die Brusttasche für den Rechtsspruch aber lege die Urim und die Tummim, damit sie auf dem Herzen Aarons sind, wenn er vor den HERRN hineingeht!“ (2. Mose 28:30). Dieses Bild lädt dazu ein, Christus als denjenigen zu sehen, der nicht bloß beisteht, sondern die Gemeinde innerlich vervollständigt.
Wir wissen jedoch, dass sowohl Urim als auch Thummim Christus versinnbildlichen und dass das Brustschild die Gemeinde darstellt. Daher stellen die dem Brustschild hinzugefügten Urim und Thummim Christus dar, der der Gemeinde hinzugefügt ist. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertachtundzwanzig, S. 1423)
In der Auslegung führt dies zu einer feinen, aber folgenreichen Unterscheidung: Die zwölf Steine verkörpern die Stämme, die Form und Ordnung der Gemeinde; die Thummim hingegen weisen auf eine lebendige Ergänzung durch Christus hin, die das Gemeindeleben entscheidungsfähig und lichtvoll macht. Wenn 4. Mose 27:21 berichtet, dass der Priester durch das Urim den Rechtsspruch vor dem HERRN befragt, dann deutet dies auf eine aktive Führung und Offenbarung hin, ohne die alleinige Strukturen ratlos bleiben. Christus als Vollender wirkt also nicht statt der Gemeinde, sondern in ihr und für sie, so dass Klarheit und göttliches Urteil in der Gemeinschaft erfahrbar werden.
In die Brusttasche für den Rechtsspruch aber lege die Urim und die Tummim, damit sie auf dem Herzen Aarons sind, wenn er vor den HERRN hineingeht! So soll Aaron den Rechtsspruch für die Söhne Israel beständig vor dem HERRN auf seinem Herzen tragen. (2. Mose 28:30)
Und er soll vor den Priester Eleasar treten, und der soll für ihn das Urteil der Urim vor dem HERRN befragen. Auf dessen Befehl sollen sie ausziehen, und auf dessen Befehl sollen sie einziehen, er und alle Söhne Israel mit ihm, ja, die ganze Gemeinde. (4. Mose 27:21)
Es bleibt eine ermunternde Gewissheit: Selbst wohlgeordnetes Gemeindeleben darf auf die Ergänzung durch Christus hoffen. Nicht als Mangelbeschau, sondern als Einladung, Christus Raum zu geben, damit sein Licht Entscheidungsfähigkeit und tiefere Gemeinschaft schenkt. So wird die Kirche nicht durch äußere Vollkommenheit, sondern durch das eingetragene Wirken Christi lebendig.
Die andauernde Notwendigkeit, dass Christus zugefügt wird
Das Bild der hinzugefügten Thummim lässt eine bleibende Notwendigkeit erkennen: Die Gemeinde bleibt beständig darauf angewiesen, dass Christus hinzugefügt wird. Selbst wenn Außeres oder Formales vollständig erscheint, offenbart die Typologie eine innere Leerstelle, die nur durch das aktive Wirken Christi ausgefüllt werden kann. In 3. Mose 8:8 heißt es knapp und doch bedeutungsvoll: „Und er legte ihm die Brusttasche an und legte in die Brusttasche die Urim und die Tummim;“ – ein Akt des Anlegens, des Hinzufügens, nicht des Einmaligen und Vergangenen.
Das bedeutet, dass selbst wenn die Gemeinde vollständig, vollkommen und ohne Fehler oder Mängel wäre, dennoch etwas vom Christus fehlt. Daher besteht die Notwendigkeit, dass der Christus, der durch den Thum mim versinnbildlicht ist, der Gemeinde als Brustplatte hinzugefügt wird. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertachtundzwanzig, S. 1424)
Aus dieser Beobachtung folgt die pastorale Deutung, dass Führung und Gemeindegewissen nicht autark funktionieren dürfen. Die Thummim stehen dafür, dass Leitung göttliche Unterscheidung braucht, und zwar fortwährend: Entscheidungen, Richtung und gerichtliche Gewissheit entspringen nicht allein frommer Absicht oder frommer Praxis, sondern dem fortwährenden Hinzutun Christi. Die Folge ist eine Haltung, die nicht stolz auf eigene Vollständigkeit pocht, sondern demütig auf die Ergänzung durch Christus setzt, weil diese Ergänzung das Gemeindeleben in seiner Urteilskraft und in seinem Licht beständig erneuert.
Und er legte ihm die Brusttasche an und legte in die Brusttasche die Urim und die Tummim; (3. Mose 8:8)
Und für Levi sprach er: Deine Tummim und deine Urim sind für den Mann, der dir treu ist, den du versucht hast bei Massa, mit dem du gestritten hast bei dem Wasser von Meriba, … Sie lehren Jakob deine Rechtsbestimmungen und Israel dein Gesetz. Sie legen Räucherwerk vor deine Nase und Ganzopfer auf deinen Altar. (5. Mose 33:8-10)
Das Wissen um diese bleibende Ergänzung kann ermutigen: Es ruft nicht zur Resignation, sondern zur empfänglichen Haltung gegenüber dem fortwirkenden Christus. In dieser Abhängigkeit wird Leitung nicht zum Selbstzweck, sondern zum Raum, in dem Gottes Urteil und Seine Richtung den Leib formen und lebendig machen.
Unterscheidung zwischen guter Gesinnung und der Einschreibung Christi
Es besteht ein scharfer Unterschied zwischen äußerer Tugend und der eingeschriebenen Gegenwart Christi im Inneren. Die Brustplatte war durchsichtig und deutlich beschriftet; so verlangt die Typologie eine Offenlegung dessen, was wirklich ins Herz eingeprägt ist. Man trifft auf Gläubige, die äußerlich geordnet erscheinen, doch fehlt das innere Leuchten, das Wahrnehmung und Richtung schenkt. Dass Priester und Träger des Ephods in entscheidenden Momenten Auskunft gaben, zeigt die praktische Wirksamkeit dieser Inschrift; wie Esra knapp vermerkt: „Und der Tirschata befahl ihnen, nicht vom Hochheiligen zu essen, bis ein Priester für die Urim und die Tummim aufträte.“ (Esra 2:63).
Als ich ihn fragte, wie es möglich sei, dass jemand gerettet werde, ohne wiedergeboren zu sein, antwortete er: „Vom Standpunkt der Lehre her gibt es niemanden, der gerettet ist, aber nicht wiedergeboren. In der Praxis jedoch scheint es, als seien manche Menschen ohne Wiedergeburt gerettet worden.“ (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertachtundzwanzig, S. 1426)
Die Deutung dieser Gegensätze führt zu einer nüchternen Einsicht: Wiedergeburt und moralische Form sind nicht automatisch identisch mit einer klaren Einschreibung Christi, die das Leben durchdringt und leitet. Die Beispiele Davids und Abjatars (1. Samuel 23:6, 9–12) illustrieren, dass das erfahrbare Wirken Gottes durch die priesterliche Instanz offenbar wurde; nicht jedes fromme Verhalten bringt diese Offenbarung hervor. Daraus ergibt sich die Konsequenz, dass Gemeinde nicht länger mit gepflegter Tugend verwechselt werden darf, sondern die tiefere Sehnsucht nach dem eingetragenen Christus bewehrt werden muss, damit Inneres und Äußeres übereinstimmen.
Und der Tirschata befahl ihnen, nicht vom Hochheiligen zu essen, bis ein Priester für die Urim und die Tummim aufträte. (Esra 2:63)
Es geschah aber, als Abjatar, der Sohn Ahimelechs, zu David nach Keila floh, kam er hinab mit einem Ephod in seiner Hand. … Und David fragte (weiter): Werden die Bürger von Keila mich und meine Männer in die Hand Sauls ausliefern? Der HERR sprach: Sie werden (dich) ausliefern. (1. Samuel 23:6: 9-12)
Diese Unterscheidung mag herausfordern und trösten zugleich: Sie fordert zur Wahrhaftigkeit im Innern heraus und tröstet mit der Zusage, dass Christus, wenn er eingeschrieben ist, Licht und Gericht schenkt. Die Einladung ist, dem eingravierten Christus Raum zu geben, damit das Leben nicht nur ordentlich, sondern offenbar wird und von Gott her leuchtet.
Herr Jesus, erfülle uns mit dem, was uns noch fehlt; schreibe Dich tief in unsere Herzen und als Gemeinde in unser gemeinsames Leben, damit Dein Licht deutlich strahlt und Du in Wahrheit herrschst. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 128