Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die priesterlichen Gewänder (15)

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Die aufwändigen Gewänder des Hohenpriesters wirken zunächst wie altertümliche Sakralkleidung — doch die biblische Beschreibung legt nahe, dass sie weit mehr sind als bloßer Schmuck oder Schutz. Sie sind typologisch gedacht: Kleidung als Ausdruck, nicht nur als Bedeckung. Daraus entsteht die Spannung, die das alte Kultbild in die Gegenwart überführt: In welchen Punkten offenbaren diese Gewänder das Wesen Christi und die Form der Kirche, und wie beeinflusst dieses Bild unser gemeinsames Leben vor Gott?

Christus als Ausdruck Gottes

Die priesterlichen Gewänder stellen weniger Schutzkleidung als ein sichtbares Festkleid dar; ihr Zweck ist Offenbarung. Bei Jesaja wird das Bild eindringlich: „Im Todesjahr des Königs Usija, da sah ich den Herrn sitzen auf hohem und erhabenem Thron, und die Säume (seines Gewandes) füllten den Tempel.“ Dieses Beobachten des weiten Saums führt unmittelbar in die Einsicht, dass Gottes Eigenschaften in Raum und Erscheinung treten — nicht abstrakt, sondern sinnlich wahrnehmbar. Das Gewand füllt den Ort; daraus ergibt sich die Frage, wie das Unsichtbare durch das Sichtbare kommuniziert wird.

Christus ist der Ausdruck Gottes. Der inkarnierte Christus verkörpert Gott und ist zugleich sein Ausdruck. Als solcher macht Christus Gott sichtbar und erfahrbar. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertdreißig, S. 1435)

Das Evangelium beantwortet, daß gerade die Menschwerdung Christi diese Sichtbarkeit ermöglicht: „Niemand hat Gott je gesehen; der einziggeborene Sohn, der in der Brust des Vaters ist, Er hat Ihn kundgetan.“ Die Deutung des Typus liegt darin, daß Christus wie das festliche Gewand Gottes ist — nicht bloß als Träger, sondern als Ausdruck Seiner Herrlichkeit. Sein menschliches Leben trägt göttliche Tugenden, und so wird Gott praktisch und begreifbar. Daraus folgt: Wer Christus anschaut, begegnet nicht nur einem Menschen, sondern erhält Einsicht in das Wesen des Vaters, weil das Menschsein Christi die konkrete Form göttlicher Offenbarung geworden ist.

IM Todesjahr des Königs Usija, da sah ich den Herrn sitzen auf hohem und erhabenem Thron, und die Säume (seines Gewandes) füllten den Tempel. (Jesaja 6:1)

Niemand hat Gott je gesehen; der einziggeborene Sohn, der in der Brust des Vaters ist, Er hat Ihn kundgetan. (Johannes 1:18)

Wenn das Bekleidete die Gegenwart Gottes sichtbar macht, lädt dies zu einer andächtigen Betrachtung ein: Im Blick auf den bekleideten Christus wächst eine Sehnsucht, das Unsichtbare in der sichtbaren Gemeinschaft leben zu lassen. Möge das Staunen über den, der den Saum trägt, dazu führen, dass die persönliche und gemeinsame Anbetung tiefer wird und die Gemeinde als Ort erkannter Gotteskonturen erfahrbar wird.

Die Kirche als die Fülle Christi

Das lange Gewand und sein ausladender Saum sind typologisch zu lesen: Sie symbolisieren nicht eine Anhäufung von Attributen in abstrakter Form, sondern eine konkrete Fülle, die sich in einer organischen Einheit manifestiert. In Epheser heißt es, die Gemeinde sei „die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt.“ Die Beobachtung des Bildes legt nahe, daß die Kirche nicht nur Empfänger, sondern auch Ausdruck jener Fülle ist — sie ist gewissermaßen der sichtbare Saum, durch den Christus seine Vollmacht und Schönheit ausbreitet.

Die Gemeinde ist in Christus, an Seiner Brust; sie ruht auf Christus, auf Seinen Schultern und ist mit Christus verbunden. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertdreißig, S. 1439)

Dazu gehört, daß die Bestandteile des priesterlichen Anzugs (Brustplatte, Schultern, Rock) die verschiedenen Weisen anzeigen, wie die Gemeinde in Christus steht: sie ruht auf ihm, wird von ihm gehalten und ist mit ihm verbunden. Psalm 133 verbindet das Köstliche des Öls mit dem Herabfließen bis an den Saum der Kleider; so fließt die Segnung vom Zentrum her bis in die Gemeinschaft hinein. Die Konsequenz ist eine theologische Erwartung: Die örtliche Gemeinde sollte in ihrer Zusammengehörigkeit die Fülle Christi sichtbar machen — nicht als Idee, sondern als gestaltete, greifbare Wirklichkeit.

die Sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt. (Epheser 1:23)

Wie das köstliche Öl auf dem Haupt, das herabfließt auf den Bart, / auf den Bart Aarons, / der herabfließt auf den Halssaum seiner Kleider. / (Psalm 133:2)

Vor dem Hintergrund dieser Typologie erwächst Hoffnung: Die Kirche ist kein beiläufiges Anhängsel, sondern die gestaltete Fülle des Einen, der alles in allem erfüllt. Dieses Bewußtsein ermutigt, die gemeinsame Gegenwart Christi ernst zu nehmen und die Wege zu suchen, auf denen seine Fülle zwischen Menschen sichtbar wird — in sanfter Beständigkeit, geteiltem Leben und dem gemeinsamen Staunen über den, der alles erfüllt.

Menschliche Fülle und göttliche Stimme in der Gemeinde

Die Details am Saum — abwechselnd Granatäpfel und goldene Glöckchen — geben ein lehrreiches Bild für das Gemeindeleben. In der Beschreibung der Anfertigung heißt es: „An seinem (unteren) Saum sollst du Granatäpfel aus violettem und rotem Purpur und Karmesinstoff anbringen, ringsum an seinem Saum, und zwischen ihnen ringsum goldene Glöckchen.“ Die Beobachtung ist konkret: Zwischen Fruchtzeichen treten Töne; beides gehört zusammen und erzeugt eine Balance von Fülle und Stimme.

Die Granatäpfel waren aus Leinen gefertigt und symbolisierten die Menschlichkeit, die Glocken hingegen waren aus Gold und symbolisierten die Göttlichkeit. Die Granatäpfel stehen für die Menschlichkeit, die Glocken für die Göttlichkeit. Die Fülle des Lebens kommt in der Menschlichkeit der Gemeinde zum Ausdruck; die Stimme der Warnung dagegen in ihrer Göttlichkeit, wie die goldenen Glocken zeigen. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertdreißig, S. 1441)

In der typologischen Deutung stehen die Granatäpfel für die Menschlichkeit, die Frucht des gemeinsamen Lebens, während die goldenen Glocken die göttliche Stimme symbolisieren, die warnt, leitet und heiligt. Die Verbindung von menschlicher Fülle und göttlicher Stimme bedeutet: Ein reiches, lebendiges Gemeindeleben braucht beides — gelebte Gemeinschaft und ein durchdringendes, klares Reden Gottes. Johannes erinnert daran, daß das neue Leben vorausgesetzt sein muß: „Wundere dich nicht, daß ich dir sagte: Ihr müßt von neuem geboren werden.“ Ohne diese neugeborene Qualität ist Frucht oberflächlich; ohne die göttliche Stimme fehlt die Richtung. So entsteht die Konsequenz, daß Gemeinde sich nicht auf eine Seite einseitig stützen darf, wenn sie der Typus des Saums bleiben will.

An seinem (unteren) Saum sollst du Granatäpfel aus violettem und rotem Purpur und Karmesinstoff anbringen, ringsum an seinem Saum, und zwischen ihnen ringsum goldene Glöckchen: (erst) ein goldenes Glöckchen, dann einen Granatapfel (und wieder) ein goldenes Glöckchen und einen Granatapfel ringsum an dem Saum des Oberkleides. Und Aaron soll es anhaben, um (darin) den Dienst zu verrichten, und der Klang soll gehört werden, wenn er ins Heiligtum hineingeht vor den HERRN, und wenn er herausgeht, damit er nicht stirbt. (2. Mose 28:33-35)

Wundere dich nicht, daß ich dir sagte: Ihr müßt von neuem geboren werden. (Johannes 3:7)

Das Bild von Frucht und Klang schenkt Zuversicht: Wo menschliche Wärme und göttliche Rede zusammenkommen, erklingt eine heilsame Melodie. Diese Einsicht ermutigt, die Qualität des Zusammenseins ernstzunehmen und zugleich offen zu bleiben für die leise, richtende Stimme, die die Gemeinschaft formt und trägt. In diesem Zusammenspiel wächst die Hoffnung auf ein lebendiges, tragfähiges Gemeindeleben.


Herr Jesus, erfülle uns mit deiner Tugend und Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 130