Die priesterlichen Gewänder (12)
Die Urim und die Thummim gehören zu den rätselhaftesten Bestandteilen der priesterlichen Kleidung im Alten Bund. Schon die wenigen biblischen Erwähnungen lassen eine dichte symbolische Bedeutung ahnen: Zwei Gegenstände, befestigt im Brustschild des Hohenpriesters, durch die Gott offenbarte. Die Spannung liegt darin, dass dieselben Zeichen in verschiedenen Zeiten unterschiedlich eingesetzt wurden — mal lagen sie unbenutzt im Kult, mal gaben sie konkrete, entscheidende Antworten. Welche biblische Linie steckt hinter diesem Typus, und was bedeutet das heute für unser geistliches Empfangen?
Christus als Zeugnis und Beleuchter
Im Brustschild des Hohenpriesters finden sich zwei eigentümliche Gegenstände: Urim und Thummim. Die sichtbare Tatsache, dass nicht eines, nicht drei, sondern genau zwei Teile eingefügt wurden, lenkt den Blick auf das biblische Spiel mit Zahlen und Bedeutungen. Zwei ist die Zahl des Zeugnisses; so legt bereits die Form des Schildes nahe, dass hier nicht bloß ein Orakelgerät gemeint ist, sondern ein symbolisches Zeugnis über Christus selbst. Wie es in 2. Mose 28:30 heißt: «In die Brusttasche für den Rechtsspruch aber lege die Urim und die Tummim, damit sie auf dem Herzen Aarons sind, wenn er vor den HERRN hineingeht! So soll Aaron den Rechtsspruch für die Söhne Israel beständig vor dem HERRN auf seinem Herzen tragen.» Dieses Wort stellt das Zeugnis in die Mitte des priesterlichen Dienstes und verknüpft es unmittelbar mit dem Herzen des Priesters.
Die Urim und die Thummim sind Typen Christi. Bedeutsam ist, dass dem Brustschild zwei Gegenstände hinzugefügt wurden — nicht einer und nicht drei. Die Zahl zwei steht für das Zeugnis; eben diese beiden Gegenstände, Urim und Thummim, deuten darauf hin, dass Christus sowohl der Zeuge als auch das Zeugnis ist. Er ist Urim und Thummim zugleich. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertsiebenundzwanzig, S. 1421)
Wenn Urim das Licht symbolisiert und Thummim die Vollendung, erscheint Christus doppelt vor uns: als das lebendige Zeugnis Gottes und als derjenige, der die Dinge vor Gott ordnet und vervollständigt. In dieser Typologie wird Offenbarung nicht als bloße Information, sondern als personaler Ausdruck — eine leuchtende Gegenwart — verstanden. Dabei ist der Zeuge zugleich das Zeugnis; in Christus trifft das Zeugnis der göttlichen Wahrheit und die erhellende Wirklichkeit Gottes zusammen. In der Offenbarung wird Christus als treuer und wahrhaftiger Zeuge bezeichnet, und sein Licht kennzeichnet den Weg aus der Finsternis (Offenbarung 3:14; Johannes 8:12).
In die Brusttasche für den Rechtsspruch aber lege die Urim und die Tummim, damit sie auf dem Herzen Aarons sind, wenn er vor den HERRN hineingeht! So soll Aaron den Rechtsspruch für die Söhne Israel beständig vor dem HERRN auf seinem Herzen tragen. (2. Mose 28:30)
Und dem Engel der Gemeinde in Laodicea schreibe: Dies sagt der «Amen», der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: (Offenbarung 3:14)
So kann die Betrachtung von Urim und Thummim uns in die Stille führen: Die Offenbarung Gottes kommt nicht als abstraktes Faktum, sondern als lebendige Begegnung mit Christus, der Zeugnis ablegt und zugleich erhellt. Wer in dieser doppelt-persönlichen Offenbarung ruht, findet Orientierung und Zuspruch — nicht weil er ein System verstanden hat, sondern weil er dem leuchtenden Zeugnis begegnet, das die Wirklichkeit Gottes in unser Leben bringt.
Die Voraussetzungen des Offenbartwerdens
Die Heilige Schrift macht deutlich, dass die Fähigkeit, das Zeugnis der Urim und Thummim zu gebrauchen, an eine bestimmte Priesterschaft gebunden war — an jene, die im Dienst der Brandopfer und des Räucherwerks standen. Solche Handlungen repräsentierten in Israel nicht nur rituelle Aufgaben, sondern typologische Bilder des Hingabenden und des Wohlgeruchs vor Gott. In 3. Mose 8:8 heißt es darum knapp und prägnant: «Und er legte ihm die Brusttasche an und legte in die Brusttasche die Urim und die Tummim;» — die Verknüpfung von Brusttasche und heiligem Dienst ist hier unübersehbar.
Aus diesem Vers geht hervor, dass diejenigen, die zur Benutzung der Urim und Thummim befähigt sind, dieselben sind, die Brandopfer darbringen und Räucherwerk verbrennen. Brandopfer wie Räucherwerk waren ein Wohlgeruch vor dem Herrn und sind Typen Christi. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertsiebenundzwanzig, S. 1419)
Aus diesem Zusammenhang folgt eine praktische Deutung: Offenbarung geschieht nicht unabhängig von einer heiligenden Beziehung zu Gott. Die priesterliche Eignung, das heißt eine Lebensform, die Opfer und Räucherwerk vor Gott darbringt, ist kein meritorisches Verfahren, sondern das Zeichen einer Gemeinschaft, in der Gottes Gegenwart den Ton angibt. Die biblischen Beispiele zeigen, dass Orte und Personen, die mit Gott verkehren und dessen Wege achten, die Mittel zur Klärung und Leitung empfangen (vgl. 4. Mose 27:21). Wo jedoch Bindungen über Gott treten oder Gottesweg vernachlässigt wird, bleiben solche Mittler stumm und das erwartete Licht bleibt aus.
Die Konsequenz für die Deutung ist ernst und doch tröstlich: Offenbarung ist Geschenk und Gnade, gewoben in das Leben der Gemeinschaft mit Gott, nicht einer magischen Technik. Die Typologie von Opfer und Räucherwerk weist immer wieder auf Christus hin, der in seinem Opfertod und in der göttlichen Wohlgefälligkeit das echte Opfer darstellt. So steht die Möglichkeit, vor Gottes Angesicht Antwort zu empfangen, in innerer Spannung zu einem Leben, das dem Herrn zugetan und ihm verlässlich verbunden ist.
Und er legte ihm die Brusttasche an und legte in die Brusttasche die Urim und die Tummim; (3. Mose 8:8)
Und er soll vor den Priester Eleasar treten, und der soll für ihn das Urteil der Urim vor dem HERRN befragen. Auf dessen Befehl sollen sie ausziehen, und auf dessen Befehl sollen sie einziehen, er und alle Söhne Israel mit ihm, ja, die ganze Gemeinde. (4. Mose 27:21)
Es tröstet, dass Gottes Rede in der Vertrautheit mit ihm langsam, aber zuverlässig offenbar wird: Wer in Gemeinschaft mit dem Herrn steht — nicht als Regelwerk, sondern als lebendige Hingabe — findet, dass Gottes Stimme inmitten des Lebens zu vernehmen ist. Diese Erkenntnis lädt dazu ein, die Gegenwart Gottes als leitende Wirklichkeit zu suchen und in ihr die Antworten zu entdecken, die wirklich Orientierung schenken.
Das Leuchten Christi durch Geist und Kreuz
Der rabbinische Hinweis, dass Öl im Zusammenhang mit dem Urim durch Feuer vom Altar verbrannt wurde, führt zu einer tiefen theologischen Einsicht: Öl steht typologisch für den Geist, das Feuer des Altars für das stellvertretende Wirken des Kreuzes. Damit wird die Erleuchtung, die der Urim symbolisiert, nicht als mechanischer Schein, sondern als Ergebnis des Zusammenwirkens von Geist und Kreuz verstanden. In der Schrift klingt diese Verbindung an, wenn es heißt: «Deshalb heißt es: ‹Wache auf, der du schläfst, und stehe auf aus den Toten, und der Christus wird dir leuchten!›» (Epheser 5:14) — das Leuchten Christi wirkt durch den lebendigmachenden Geist.
Das Öl steht für den Geist; das Feuer aber geht vom Altar aus, der das Kreuz darstellt. Christus als Erleuchter besitzt gewiss das Öl, also den Geist. Dieser Geist brennt durch das Kreuz hindurch. Heute strahlt Christus, der Erleuchter, durch den brennenden Geist. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertsiebenundzwanzig, S. 1421)
Diese theologische Synthese verändert das geistliche Erleben: Innere Klarheit ist nicht unabhängig vom stellvertretenden Werk Christi noch vom Wirksein des Geistes. Der Geist bringt Leben und Vermögen, das Kreuz bringt die Versöhnung und die Rechtfertigung, durch die Gottes Licht bedenkenlos in uns wohnen kann. Die Folgerung betrifft dazu auch die Art, wie wir auf Gottes Führung zugehen: Offenbarung zeigt sich dort, wo die Gnade des Kreuzes angenommen und der Leben gebende Geist empfangen wird; dort entzündet sich das göttliche Licht, das uns Richtung und Leben schenkt.
So bleibt die Urim-Erleuchtung kein bloßer antiker Beamtenakt, sondern ein Bild für das heutige Werk Christi in uns: Der auferstandene Herr als Leben gebender Geist schenkt Einsicht, und sein Kreuz gibt die bedingungslose Basis dafür, dass diese Einsicht befreit und lebensvoll wirkt. Auf diese Weise wird geistliche Erkenntnis zur Quelle von Hoffnung, nicht von Selbstgerechtigkeit, und zur Hilfe in Entscheidungssituationen.
Deshalb heißt es: «Wache auf, der du schläfst, und stehe auf aus den Toten, und der Christus wird dir leuchten!» (Epheser 5:14)
In die Brusttasche für den Rechtsspruch aber lege die Urim und die Tummim, damit sie auf dem Herzen Aarons sind, wenn er vor den HERRN hineingeht! So soll Aaron den Rechtsspruch für die Söhne Israel beständig vor dem HERRN auf seinem Herzen tragen. (2. Mose 28:30)
Das Bild von Öl und Altar kann uns ermutigen: Gottes Licht fällt nicht auf kalte Theorien, sondern auf ein Leben, das vom Geist durchdrungen und vom Kreuz getragen ist. In dieser doppelt begründeten Gegenwart lädt Gott dazu ein, seine Leuchtkraft zu erfahren — nicht als abstrakte Sicherheit, sondern als lebenspendende Wirklichkeit, die Zuversicht und Klarheit schenkt.
Herr Jesus, Du bist unser wahres Zeugnis und das Licht, das Menschenherzen erhellt; lass Dein Zeugnis in uns anstrahlen, forme uns mehr in innere Einheit mit Dir und gib durch Deinen Geist und Dein Kreuz Einsicht und Frieden. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 127