Die priesterlichen Gewänder (11)
Das seltsame, beinahe technischen Detail der Brustplatte des Hohenpriesters – die mit Buchstaben vergleichbaren Steine plus Urim und Thummim – offenbart eine praktische geistliche Wahrheit: Gott redet nicht isoliert, sondern durch sein Volk. Die Frage ist nicht, ob Gott spricht, sondern durch welche Voraussetzungen sein Reden in unserer Gemeinde hörbar wird.
Die Gemeinde als Brustplatte: Gott spricht durch seine Glieder
Das Bild der Brustplatte führt uns zunächst zur nüchternen Beobachtung: vor uns steht ein zusammengefügtes, sichtbares Kleidungsstück, in das die Namen der Stämme Israels eingeschrieben waren und das an der Brust des Hohenpriesters hing. In 2. Mose 28:29 heißt es, man solle „an der Brusttasche für den Rechtsspruch die Namen der Söhne Israel auf seinem Herzen tragen, wenn er ins Heiligtum hineingeht“. Dieses Detail macht deutlich, wie konkret Gottes Reden in der alttestamentlichen Ordnung verankert war – nicht als abstrakte Stimme, sondern als etwas, das an Menschen und Namen gebunden ist.
Die Brustplatte stellt die Gemeinde dar, alle Gläubigen, die zusammen zu einer Einheit aufgebaut sind. Alle verwandelten Gläubigen, die gemeinsam aufgebaut werden, um den einen Leib Christi — die Gemeinde — zu bilden, sind Briefe, durch die Gott zu uns spricht. Das heißt: Im neutestamentlichen Zeitalter spricht Gott heute durch alle Heiligen zur Gemeinde. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertsechsundzwanzig, S. 1408)
Wenn wir die Brustplatte als Bild deuten, erkennen wir, dass Gott heute nicht über abstrakte Institutionen hinweg spricht, sondern durch konkrete, persönlich gezeichnete Glieder. Die versammelten Steine bilden ein lesbares Ganzes: der Leib Christi wird so zur Schrift, in der Gottes Herz für sein Volk lesbar wird. Daraus folgt, dass die Aufmerksamkeit der Gemeinde nicht primär auf Programme oder Theorien gerichtet sein darf, sondern auf die Lebenswirklichkeit der Heiligen, auf ihren Wandel, ihre Treue und die Weise, wie Christus in ihnen sichtbar ist.
So soll Aaron an der Brusttasche für den Rechtsspruch die Namen der Söhne Israel auf seinem Herzen tragen, wenn er ins Heiligtum hineingeht, um sie beständig vor dem HERRN in Erinnerung zu bringen. (2. Mose 28:29)
Es ermutigt zu sehen, dass Gottes Leitung nicht fern und anonym ist, sondern durch die Nähe seiner Kinder geschieht. Wer zuhört, lernt, in den konkreten Brüdern und Schwestern Gottes Stimme zu lesen und damit Gemeinschaft aufzubauen. Möge die Gemeinde ein solcher lesbarer Leib sein: geprägt von Treue, Demut und der Bereitschaft, einander zum Sprachrohr Gottes zu werden.
Voraussetzungen für hörbares Reden: verwandelt, durchsichtig, eingetragen
Nicht jede Stimme in der Gemeinde ist ein klares Orakel; die Brustplatte erinnert uns daran, dass Transparenz und innere Beschriftung Voraussetzungen sind. In der Heiligen Schrift steht von den Urim und Tummim und vom Dienst an Levi: „Deine Tummim und deine Urim sind für den Mann, der dir treu ist“ (5. Mose 33:8). Solche Hinweise zeigen, dass göttliche Unterscheidung mit Treue und Prüfungen verbunden ist; das Licht der Urim wirkt dort, wo Zuverlässigkeit und erprobte Treue vorzufinden sind.
Erst wenn Christus in unser Inneres eingeschrieben ist, werden wir seine lebendigen Briefe. Wie Gott nicht durch die Brustplatte sprechen konnte, solange die Steine nicht mit Buchstaben eingeschrieben waren, so kann er auch nicht durch seine Erlösten sprechen, wenn sie nicht mit Christus eingeschrieben sind. Wir müssen verwandelt und transparent werden; Christus muss in uns eingeschrieben sein. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertsechsundzwanzig, S. 1410)
Aus dieser Beobachtung folgt die Deutung: Damit Gottes Wort durch uns hindurchscheint, muss Christus in unserem Inneren eingetragen und unser Leben durchsichtig geworden sein. Die Metapher vom Eingeschriebenen weist auf den Prozess der inneren Umwandlung durch den Geist hin—nicht bloß auf äußerliche Frömmigkeit, sondern auf ein Leben, in dem die Gedanken, Motive und Entscheidungen von Christus durchdrungen sind. Eine Gemeinde, die in dieser Weise verwandelt ist, wird auf sinnvolle, klare und tragfähige Weise Gottes Führung widerspiegeln.
Und für Levi sprach er: Deine Tummim und deine Urim sind für den Mann, der dir treu ist, den du versucht hast bei Massa, mit dem du gestritten hast bei dem Wasser von Meriba, (5. Mose 33:8)
Die Ermutigung liegt darin, ernst zu nehmen, wie Gottes Licht durch ein ehrliches, durchlebtes Christsein sichtbar wird. Wenn Christen in Treue und Transparenz leben, wird das Reden Gottes nicht nur möglich, sondern verlässlich. Möge die Bereitschaft wachsen, Christus tiefer einschreiben zu lassen, damit unser gemeinsames Zeugnis dem Leib Christi Klarheit schenkt und andere im Glauben stärkt.
Gericht als Grundlage der Leitung: Urim, Thummim und Gottes Reglement
Die Brustplatte wird ausdrücklich als »für den Rechtsspruch« bezeichnet; das verbindet Gottes Reden mit Gericht und Ordnung. In 2. Mose 28:30 heißt es: „In die Brusttasche für den Rechtsspruch aber lege die Urim und die Tummim, damit sie auf dem Herzen Aarons sind…“ und die Geschichte zeigt, dass solche Entscheidungen konkrete Folgen hatten: 4. Mose 27:21 berichtet, wie das Urteil der Urim vor dem HERRN befragt wurde, damit auf dessen Befehl die Gemeinde aus- und einzog. Gottes Leitung steht also nicht außerhalb von Normen und Recht, sondern geschieht innerhalb seiner geordneten Weisheit.
Das Wort »Gericht« in diesen Versen zeigt, dass Gott für alles unter Seinem Volk Ordnungen hat. Alle diese Ordnungen führen zu Gerichten, und diese Gerichte sind die Weise, wie Gott führt. Gottes Führung entspringt also Seinen Gerichten, die auf Seinen Ordnungen beruhen. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertsechsundzwanzig, S. 1413)
Aus dieser Verknüpfung von Gericht und Führung ergibt sich eine praktische Deutung: Leitung in der Gemeinde braucht Unterscheidung, die an Gottes Ordnung gemessen wird. Wer führt, muss die Verfassung und Situation der Gemeinschaft erkennen, sie vor Gott bringen und auf Grundlage göttlicher Maßstäbe urteilen. Solches Urteilen ist nicht bloß Verwaltungsakt, sondern geistliche Praxis, die sowohl das Wohl der Gemeinde als Ganzes als auch die Wahrung göttlicher Heiligkeit im Blick hat.
Und er soll vor den Priester Eleasar treten, und der soll für ihn das Urteil der Urim vor dem HERRN befragen. Auf dessen Befehl sollen sie ausziehen, und auf dessen Befehl sollen sie einziehen, er und alle Söhne Israel mit ihm, ja, die ganze Gemeinde. (4. Mose 27:21)
Das tröstliche Bild ist, dass Gottes Urteil nicht willkürlich, sondern ordnend und belebend wirkt. Wenn Gemeinden Leitung als Dienst verstehen, der auf göttlichem Gericht beruht, entsteht Klarheit und Schutz für das gemeinsame Leben. Möge die Gemeinde darum beten und darum ringen, dass Führung demütig, besonnen und in Treue vor dem Herrn ausgeübt wird, damit sein Wille sichtbar wird.
Herr, schreib Deinen Christus in unsere Herzen, Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 126