Die priesterlichen Gewänder (2)
Die Schrift zeichnet von Anfang an ein Ziel: Gott will ein Haus, einen Wohnort, in dem Sein Leben wohnt und sich weitergibt. Schon in 1. Mose 2 steht der Baum des Lebens im Mittelpunkt; in Exodus wird diese Gedankenlinie durch die Ausstattung des Heiligtums konkretisiert. Gerade die Gewänder des Hohenpriesters geben uns kein bloßes historischen Detail, sondern ein theologisch dichtes Bild dafür, wie Gott baut, schützt und sich offenbart. Vor diesem Hintergrund drängt die Frage: Was lernen wir aus den Priestergewändern über unsere Stellung vor Gott und über das Leben in der Gemeinde?
Die Gewänder als Bild des göttlichen Aufbaus
Wenn man die Beschreibung der priesterlichen Gewänder liest, fällt nicht zuerst die praktische Seite ins Auge, sondern die verknüpfende: das Ephod, die Brustplatte mit den eingefügten Steinen, die Schulterstücke – sie ordnen Namen und Zeichen zu einer sichtbaren Einheit. Es heißt: “Dies aber sind die Kleider, die sie anfertigen sollen: eine Brusttasche und ein Ephod und ein Oberkleid, einen Leibrock aus gewirktem (Stoff), einen Kopfbund und einen Gürtel. Diese heiligen Kleider sollen sie für deinen Bruder Aaron und für seine Söhne anfertigen, damit er mir den Priesterdienst ausübt.” (2. Mose 28:4). Die Ordnung der Teile zeigt, dass das Priestertum nicht isoliert gedacht ist; es lebt von Zusammenfügung und Beheimatung im gemeinschaftlichen Aufbau.
Das Ephod diente ausschließlich dem Aufbau: Es verband das Brustschild mit den beiden Schulterstücken. Diese Teile sind unzweifelhaft ein deutliches Zeichen für den Aufbau; das vom Hoherpriester getragene Brustschild symbolisiert ihn. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertsiebzehn, S. 1339)
Aus dieser Beobachtung folgt eine Deutung: Das Ephod und die Brustplatte sind nicht bloß Schmuck, sondern kommunikative Instrumente des Aufbaus. Indem die Namen der Stämme auf den Schultern und vor dem Herzen getragen werden, wird deutlich, dass das Hören und Antworten Gottes an ein getragenes, verbundetes Priestertum gebunden ist. Es heißt von der Gemeinde, daß sie “als lebendige Steine … zu einem geistlichen Haus … aufgebaut” wird (1. Petr. 2:5). Wenn der Hohepriester als Träger dieser Verknüpfungen auftritt, ist das ein Bild dafür, wie Offenbarung und Leitung in und durch den Bau wirken; ohne die vernetzte Gestalt fehlen Schutz, Kontext und die Fähigkeit, Gottes Willen zu empfangen und zu vertreten.
Dies aber sind die Kleider, die sie anfertigen sollen: eine Brusttasche und ein Ephod und ein Oberkleid, einen Leibrock aus gewirktem (Stoff), einen Kopfbund und einen Gürtel. Diese heiligen Kleider sollen sie für deinen Bruder Aaron und für seine Söhne anfertigen, damit er mir den Priesterdienst ausübt. (2.Mose 28:4)
werdet auch ihr als lebendige Steine als ein geistliches Haus zu einer heiligen Priesterschaft aufgebaut, um geistliche Opfer darzubringen, Gott wohlannehmbar durch Jesus Christus. (1.Petr. 2:5)
Das Bild der Gewänder lädt dazu ein, die eigene Zugehörigkeit als Teil eines geistlichen Baues ernst zu nehmen: Priesterlichkeit geschieht nicht allein, sondern in Verbundensein. Möge die Erkenntnis, dass Namen vor dem Herzen und auf den Schultern getragen sind, uns ermutigen, Gemeinschaft als Ort der Leitung, des Schutzes und der Berufung neu zu achten und so im Leib Gottes fruchtbar zu leben.
Die kostbaren Materialien: Leben, Erlösung und Vollendung
Die Auswahl der Materialien in den Heiligtümern erzählt eine Geschichte von Wert, Verlust und von Ziel: Gold weist auf Herrlichkeit und göttlichen Wert, Silber nimmt uns die Frage der Leistung ab und spricht von Erlösung, Edelsteine und Perlen deuten auf Vollendung und Schönheit der Wiederherstellung. Das biblische Bild bleibt nicht abstrakt; es ist durchzogen von Geschichte – von der Zeit vor dem Fall, in der der Baum des Lebens präsent war, über die Zeit der Stiftshütte mit ihrem Silber, bis hin zur Verheißung einer neuen Welt, in der die Reinheit und Kostbarkeit Gottes offenbar werden.
In der Stiftshütte findet sich anstelle der Perle Silber. Silber steht für die Erlösung. In 1. Mose 2 kommt hingegen eine Perle vor, aber kein Silber, weil die Sünde damals noch nicht eingedrungen war. Ebenso wird im neuen Jerusalem die Perle an die Stelle des Silbers treten; denn dann wird es keiner weiteren Erlösung mehr bedürfen. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertsiebzehn, S. 1334)
Dieser theologische Fächer entfaltet theologisch die Spannung zwischen dem, was Gott ist, und dem, was wir brauchen. Dass Menschen durch Blut erkauft und zu einem Priestertum gemacht wurden, spricht gerade die Dimension des Preises an; es heißt: “Denn Du bist geschlachtet worden und hast durch Dein Blut aus jedem Stamm und jeder Zunge und jedem Volk und jeder Nation Menschen für Gott erkauft” (Offenbarung 5:9). Und weiter: “und hast sie für unseren Gott zu einem Königreich und zu Priestern gemacht; und sie werden auf der Erde regieren” (Offenbarung 5:10). Die Materialien verweisen demnach nicht nur auf göttliche Herrlichkeit, sondern auch auf die kostbare Wirklichkeit der Erlösung, ohne die das Priesteramt nicht zu haben wäre.
Und sie singen ein neues Lied und sagen: Du bist würdig, die Schriftrolle zu nehmen und ihre Siegel zu öffnen, denn Du bist geschlachtet worden und hast durch Dein Blut aus jedem Stamm und jeder Zunge und jedem Volk und jeder Nation Menschen für Gott erkauft (Offenbarung 5:9)
und hast sie für unseren Gott zu einem Königreich und zu Priestern gemacht; und sie werden auf der Erde regieren. (Offenbarung 5:10)
Wenn Gold, Silber und Perlen theologisch gelesen werden, öffnen sie den Blick für Gottes Vorsehung: Wert und Erlösungsbedarf, Anmut und Endziel gehören zusammen. Diese Einsicht tröstet und motiviert zugleich, denn sie zeigt, dass unser priesterschafliches Leben gegründet ist auf dem, was Christus erkauft hat, und zielt auf die Schönheit, die noch kommen wird.
Eingebaut sein: Gemeinde als priesterliche Wohnstätte
Die Schrift spannt die Verbindung zwischen Nahrung durch das Wort und dem Wachsen zum geistlichen Haus: Wachstum ist nicht ein privates Addendum, sondern das Einwachsen in einen Bau. Es heißt: “werdet auch ihr als lebendige Steine als ein geistliches Haus zu einer heiligen Priesterschaft aufgebaut” (1. Petr. 2:5). Diese Sprache macht deutlich, dass persönliches geistliches Leben stets in die Struktur des Leibes eingebettet werden will; die Nahrung formt und fügt zu einem Wohnort Gottes.
Schließlich habe ich erkannt, dass man nur dadurch heilig, geistlich oder mächtig werden kann, dass man in Gottes Bauwerk eingebaut wird. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertsiebzehn, S. 1336)
Die Konsequenz ist klar und bedeutsam für das priesterliche Leben: Nur wer Teil des Baues ist, kann als Teil der Priesterschaft handeln, sprechen und Offenbarung empfangen. Das Bild der Säule im Tempel illustriert das Ziel des Eingebautseins; es heißt von dem Überwinder, daß er zur Säule im Tempel gemacht werde und nicht mehr hinausgehe (Offenbarung 3:12). Wer allein bleibt, läuft Gefahr, seine Funktion zu verfehlen; wer eingebaut ist, findet Stabilität, Identität und die Möglichkeit, gemeinsam Herrschaft und Anbetung in der Welt auszuüben.
Relevante Schriftstellen: 1.Pet. 2:2-5, 1.Pet. 2:9, 1.Kön. 19:18.
Die Einsicht, dass Priesterschaft aus dem Eingebautsein hervorgeht, lädt zu geduldiger Treue und gemeinsamer Hingabe ein. Sie spendet Ruhe für das eigene Ringen und Hoffnung für den Dienst: Eingebettet im Leib wird jeder zum Träger von Gottes Gegenwart und kann mit anderen die Herrlichkeit des Königs widerspiegeln.
Herr, forme uns zu deinem lebendigen Haus: lass dein Wort uns nähren, deine Gegenwart uns verbinden und dein Heiligtum in uns sichtbar werden; stärke die Gemeinde, dass sie als priesterliches Volk dich verherrlicht. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 117