Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die priesterlichen Gewänder (1)

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Im Übergang von der Beschreibung der Stiftshütte zum Dienst der Priester liegt eine theologische Spannung: Warum folgt das Priestertum unmittelbar auf den Ort der Gegenwart Gottes? Die Antwort liegt nicht vorrangig in äußeren Ritualen, sondern in der inneren Gestalt der Gemeinde. Wenn die Schrift die Gemeinde zuerst als Gottes Wohnstätte und dann als Priestertum darstellt, fordert sie uns heraus, das Bild der Kirche nicht als leblosen Bau, sondern als zusammengesetzten, untereinander aufgebauten Leib zu begreifen.

Stiftshütte und Priestertum: dieselbe Realität

Die Schrift stellt das Haus und das Priestertum nicht als zwei getrennte Kategorien, sondern als zwei Seiten derselben Wirklichkeit dar. Grammatisch stehen in 1. Petrus 2:5 »geistliches Haus« und »heiliges Priestertum« in Apposition; dadurch wird deutlich, dass die Gemeinde zuerst Wohnstätte Gottes ist und zugleich die Form des priesterlichen Wirkens trägt. Es heißt in 1. Petrus 2:5: “werdet auch ihr als lebendige Steine als ein geistliches Haus zu einer heiligen Priesterschaft aufgebaut, um geistliche Opfer darzubringen, Gott wohlannehmbar durch Jesus Christus.”

  1. Petrus 2:5 sagt, dass wir zu einem geistlichen Haus, einem heiligen Priestertum, aufgebaut werden. Grammatisch stehen »geistliches Haus« und »heiliges Priestertum« hier in Apposition; das heißt, beide Begriffe bezeichnen dasselbe. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertsechzehn, S. 1326)

Aus dieser Einheit folgt eine theologische Priorität: Das Sein der Gemeinde als Ort, an dem Gott wohnt, begründet das Tun der Gemeinde als Priestertum. Priesterlicher Dienst ist demnach nicht in erster Linie eine Reihe von Aktivitäten oder Funktionen, die man ausführt, sondern das Hervortreten von Gottes Gegenwart durch ein Volk, das von ihm bewohnt ist. Wenn die Stiftshütte in der Schrift das Bild für Gottes Wohnstätte ist, so ist das Priestertum die lebendige Darstellung dessen, wie diese Wohnstätte zu Gott hin dient und Gott zu den Menschen bringt.

werdet auch ihr als lebendige Steine als ein geistliches Haus zu einer heiligen Priesterschaft aufgebaut, um geistliche Opfer darzubringen, Gott wohlannehmbar durch Jesus Christus. (1. Petrus 2:5)

Das Bewußtsein, zuerst Wohnstatt Gottes zu sein und erst aus diesem Sein priesterlich zu handeln, lädt zu einem inneren Stillwerden vor Gott ein: Nicht mehr Leistung, sondern empfangene Gegenwart bildet die Quelle unseres Dienens. Möge die Einsicht, dass Haus und Priestertum identisch sind, dazu führen, dass Gemeinschaft mehr Gewicht erhält als Einzelakte; so kann Gottes Gegenwart sichtbar und anziehend werden.

Die Kirche ist lebendig gebaut

Ein Haus entsteht nicht aus vereinzelten Steinen, sondern aus Steinen, die miteinander verbunden sind; ebenso bildet das Priestertum erst dann eine Wirklichkeit, wenn die Glieder des Leibes ineinander eingefügt sind. Das Neue Testament gebraucht das Bild von lebendigen Steinen: diese stehen nicht lose nebeneinander, sondern werden zu einem geistlichen Haus aufgerichtet. Es heißt in 1. Petrus 2:5: “werdet auch ihr als lebendige Steine als ein geistliches Haus zu einer heiligen Priesterschaft aufgebaut…” – die Betonung liegt auf dem Aufbau, dem fortlaufenden Ineinanderwachsen.

Wir sind kein lebloses Haus. Im Gegenteil: Wir sind ein Haus voller Leben. … Die Gemeinde ist ein Haus, das mit Leben erbaut, mit Leben erfüllt und aus Leben besteht. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertsechzehn, S. 1327)

Dieses Zusammengesetzte ist nicht abstrakt, sondern sichtbar und bezeugend: Ein lebendiges Gotteshaus zeigt Verbindungspunkte, gegenseitige Abhängigkeit und gemeinsame Ausdrucksformen von Anbetung und Dienst. In der Offenbarung wird diese Bestimmung des Volkes Gottes als Priesterreich nochmals bestätigt: “und uns zu einem Königreich gemacht hat, zu Priestern Seinem Gott und Vater” (Offb. 1:6). So entsteht das priesterliche Zeugnis gerade dort, wo die Gemeinschaft in ihrer ganzen Gestalt Gottes Herrschaft und Gegenwart darstellt.

werdet auch ihr als lebendige Steine als ein geistliches Haus zu einer heiligen Priesterschaft aufgebaut, um geistliche Opfer darzubringen, Gott wohlannehmbar durch Jesus Christus. (1. Petrus 2:5)

und uns zu einem Königreich gemacht hat, zu Priestern Seinem Gott und Vater, Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht in Ewigkeit. Amen. (Offenbarung 1:6)

Die Vorstellung, lebendig gebaut zu sein, ist zugleich Einladung und Trost: Einladung, an einem größeren Ganzen teilzuhaben; Trost, weil persönliches Unvermögen im Ganzen aufgehoben wird. Wer als »lebendiger Stein« eingesetzt ist, trägt dazu bei, dass Gottes Haus wächst und sein priesterliches Licht in die Welt fällt. Dieses perspektivische Bewußtsein stärkt Geduld und Hingabe in allen Beziehungen des Gemeindelebens.

Priesterlicher Dienst als koordinierte Gemeinschaftsaufgabe

Priesterlicher Dienst entfaltet seine Kraft nicht im Einzelkämpfertum, sondern in koordinierter Gemeinschaft. Schon im Alten Bund erscheint das Priestertum als ein kollektives Amt: Gott beruft Aaron und seine Söhne, und die Herstellung der priesterlichen Gewänder geschieht durch Menschen mit einem mit Weisheit erfüllten Herzen, die miteinander wirken. Es heißt in 2. Mose 28:3: “Du sollst zu allen reden, die ein verständiges Herz haben, das ich mit dem Geist der Weisheit erfüllt habe, (und ihnen sagen,) daß sie die Kleider Aarons machen sollen, um ihn zu heiligen, damit er mir den Priesterdienst ausübt.”

Die Priester des Alten Testaments dienten nicht isoliert oder individualistisch. Vielmehr dienten sie gemeinsam und koordiniert. Ihr Dienst war nicht auf den Einzelnen ausgerichtet. Selbst wenn ein Priester etwas allein verrichtete, gehörte sein Tun zum Priestertum, zum priesterlichen Leib. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertsechzehn, S. 1330)

Dieses Bild lehrt, dass auch das Neue Testamentspriestertum Gemeinschaft braucht: die Gaben, die Leitung, die Fürsorge und die Ausrichtung entstehen in einem organischen Zusammenwirken. Wenn ein Mitglied wirkt, geschieht dies als Teil des priesterlichen Leibes; individuelle Tätigkeit wird so in eine gemeinsame Funktion eingespannt, die dem Leib dient und ihn sichtbar macht. In diesem Sinne ist priesterliches Wirken immer korporativ, getragen von gegenseitigem Aufbau, wechselseitiger Achtung und gemeinsamer Hingabe an Gottes Gegenwart.

Du sollst zu allen reden, die ein verständiges Herz haben, das ich mit dem Geist der Weisheit erfüllt habe, (und ihnen sagen,) daß sie die Kleider Aarons machen sollen, um ihn zu heiligen, damit er mir den Priesterdienst ausübt. (2. Mose 28:3)

DU aber laß deinen Bruder Aaron und seine Söhne mit ihm aus der Mitte der Söhne Israel zu dir herantreten, damit er mir den Priesterdienst ausübt, Aaron (und mit ihm) Nadab und Abihu, Eleasar und Itamar, die Söhne Aarons. (2. Mose 28:1)

Die Erkenntnis, dass priesterlicher Dienst Gemeinschaft erfordert, schärft den Blick für das Miteinander: Nicht nur einzelne Hände wirken, sondern ein ganzer Leib bringt Leben dar. Möge die Einsicht in die Koordination des Dienstes Ermutigung schenken, an Verbundenheit zu arbeiten und das gemeinsame Priestertum wertzuschätzen, damit Gottes Gegenwart unter uns kraftvoll erfahrbar wird.


Herr, danke, dass Du uns als Wohnort und als Priesterschaft erwählt hast; mach uns zu einer lebendigen, miteinander aufgebauten Gemeinschaft, die Dich beheimatet und Dir als einmütiges Priestertum dient. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 116