Das Wort des Lebens
lebensstudium

Der Vorhang für die Tür des Zeltes (3)

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Beim Lesen von Kapitel 26 in 2. Mose springt sofort ins Auge, dass im Heiligtum zwei verschiedene textile Trennungen vorkommen: der Vorhang für die Tür und der innere Schleier. Diese beiden Elemente sind keine bloßen Dekorationen, sondern symbolisieren verschiedene Stufen dessen, wie Gott zu uns kommt und wie Christus das Problem der Sünde zugrunde richtet. Die Spannung liegt darin, dass viele Gläubige die erste Stufe der Versöhnung erlebt haben — Vergebung und Rechtfertigung — ohne die tiefere Befreiung vom fleischlichen Prinzip zu kennen, die das volle Genießen Gottes im Allerheiligsten ermöglicht. Paulus’ Ausführungen in den Briefen helfen, diese Unterscheidung zu klären und zeigen die praktische Folge für Leben, Zeugnis und Gaben in der Gemeinde.

Zwei Aspekte der Versöhnung: Türvorhang und innerer Schleier

Die Stiftshütte trägt am Eingang einen deutlich sichtbaren Vorhang und weiter innen einen Schleier, der das Heilige vom Allerheiligsten trennt. In 2. Mose 26:36–37 heißt es: „Dann mache für den Eingang des Zeltes einen Vorhang aus violettem und rotem Purpur, Karmesinstoff und gezwirntem Byssus in Buntwirkerarbeit. Für diesen Vorhang stelle fünf Säulen aus Akazienholz her und überzieh sie mit Gold.“ Das Sichtbare der Materialien und die Anordnung der Säulen führen die Aufmerksamkeit auf zwei verschiedene, doch miteinander verwobene Handlungen Gottes, die sich im Werk Christi erfüllen.

Wie wir in den vorangegangenen Botschaften dargelegt haben, bezeichnen diese beiden Vorhänge zwei Aspekte des allumfassenden Todes Christi. Der äußere Vorhang weist darauf hin, dass Christus für unsere Sünden gestorben ist, damit diese vergeben werden und wir vor Gott gerechtfertigt werden. Der innere Vorhang zeigt an, dass Christus für uns gestorben ist, damit unser Fleisch, unsere gefallene Natur, zerrissen wird und wir in das Allerheiligste eintreten, um Gott bis zum Äußersten zu genießen. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertdrei, S. 1195)

Der äußere Vorhang verweist auf das erste und offenkundige Ergebnis des Kreuzes: die Entfernung der Schuld und die Rechtfertigung vor Gott. Paulus formuliert dies so, wenn es in 2. Korinther 5:19 heißt: „nämlich, dass Gott in Christus die Welt mit Sich Selbst versöhnte und ihnen ihre Übertretungen nicht anrechnete und in uns das Wort der Versöhnung gelegt hat.“ Das Bild des Eingangsvorhangs macht deutlich, dass durch Christi Sterben der Weg eröffnet wird, damit Schuld nicht länger zwischen dem Menschen und Gott steht.

Der innere Schleier aber deutet auf ein tieferes, innerliches Geschehen. Hinter ihm liegt das Allerheiligste — die unmittelbare Gegenwart Gottes — und sein Entferntwerden markiert die Notwendigkeit, dass das herrschende fleischliche Prinzip zerrissen wird, damit der Mensch wirklich eintreten kann. Wenn beides zusammengedacht wird, erscheint das Kreuz nicht nur als Tilgung der Schuld, sondern auch als die Macht, die uns frei macht, Gottes Nähe bis zum Äußersten zu genießen. Es bleibt die Einladung, in dem gewirkten Frieden und in der verwandelnden Kraft Christi zu verweilen; darin liegt sowohl Trost als auch die stille Aufforderung zu einem Leben, das von diesem Zugang geprägt ist.

Dann mache für den Eingang des Zeltes einen Vorhang aus violettem und rotem Purpur, Karmesinstoff und gezwirntem Byssus in Buntwirkerarbeit. Für diesen Vorhang stelle fünf Säulen aus Akazienholz her und überzieh sie mit Gold. (2. Mose 26:36–37)

nämlich, dass Gott in Christus die Welt mit Sich Selbst versöhnte und ihnen ihre Übertretungen nicht anrechnete und in uns das Wort der Versöhnung gelegt hat. (2. Korinther 5:19)

Das doppelte Zeichen der Vorhänge öffnet eine Perspektive: Vergebung ist nicht das Ende, sondern die Tür zu einem tiefer gehenden Zugang zu Gott. Wer das Kreuz nur als Schuldtilgung versteht, sieht einen Teil; wer aber auch die Zerreißung des Fleisches in Betracht zieht, erkennt den Weg in die unmittelbare Gegenwart Gottes. Diese Einsicht weckt Hoffnung, weil sie zeigt, dass Gott nicht nur Recht schafft, sondern Menschen zu einer bleibenden Gemeinschaft mit sich selbst ruft.

Gott verurteilt die Sünde im Fleisch

Paulus spricht vom Kreuz nicht allein als einer juristischen Tat, sondern als einem Gericht über das herrschende Prinzip der Sünde im Fleisch. Es heißt in 2. Korinther 5:21: „Er hat den, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in Ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden.“ Diese Paradoxie — der unschuldige Sohn wird zur Sünde gemacht — zeigt, wie gründlich Gottes Urteil gegen das fleischliche Regime vorgeht, das Menschen von Ihm trennt.

Am Kreuz verurteilte Gott die Sünde im Fleisch. Das heißt: Gott hat das Fleisch – einschließlich der Sünde, die in Wirklichkeit Satan selbst ist – gekreuzigt und getötet. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertdrei, S. 1198)

Wenn Gott am Kreuz die Sünde im Fleisch verurteilt, so betrifft dies nicht nur einzelne Verfehlungen, sondern die Machtstruktur, die in der gefallenen Natur wohnt. Paulus’ Gegensetz zwischen ‚nach dem Fleisch‘ und ‚nach dem Geist‘ gewinnt hier an Tiefe: die Durchkreuzung des Fleisches macht es möglich, dass das Gesetz nicht mehr als Ankläger bleibt, sondern der Geist Raum gewinnt, Gottes Anspruch in einem neuen Leben zu verwirklichen. Das ist keine abstrakte Theologie, sondern eine Verheißung, die das Verhältnis von innerer Erfahrung und göttlichem Gericht zusammenführt.

In diesem Licht wird das Kreuz sowohl Gericht als auch Offenbarung: Gericht über das trennende Prinzip, Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes in einem Austausch, der uns innerlich neu richtet. Die Gewissheit dieses Wirkens schenkt Ruhe und Ermutigung — sie zeigt, dass Gottes Ziel nicht die Vernichtung des Menschen ist, sondern die Befreiung von dem, was ihn von der Gemeinschaft mit Ihm abhält.

Er hat den, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in Ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden. (2. Korinther 5:21)

Daher kennen wir von nun an niemand nach dem Fleisch; wenn wir Christus auch nach dem Fleisch gekannt haben, so kennen wir (ihn) doch jetzt nicht mehr (so). (2. Korinther 5:16)

Die Vorstellung, dass Gott die Sünde ‚im Fleisch‘ verurteilt hat, entfaltet eine befreiende Sicht auf Leiden, Versuchung und innere Kämpfe: Sie sind nicht nur private Probleme, sondern liegen in einem größeren geistlichen Rahmen, in dem Gott das trennende Prinzip richtet. Daraus folgt die ermutigende Perspektive, dass persönliche Schwachheit nicht das letzte Wort hat, weil das Kreuz eine tiefere, gerichtliche Wirkung entfaltet, die zur Wiederherstellung und Freiheit führt.

Neue Schöpfung und der Lebenswandel im Allerheiligsten

Die Folge der doppelten Versöhnung ist die neue Schöpfung: ein radikales Neuwerden, das nicht allein in äußerlicher Veränderung bestehen kann. In 2. Korinther 5:17 heißt es: „Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ Wer wirklich ‚neu‘ ist, hat Zugang zum Allerheiligsten; das ist nicht nur ein theologischer Begriff, sondern eine gelebte Lage der Gegenwart Gottes im Innersten des Menschen.

Als neue Schöpfung zu sein bedeutet, völlig neu zu sein — also im Allerheiligsten zu sein. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertdrei, S. 1199)

Paulus malt dieses Bild weiter aus, wenn er die Gemeinde als lebendigen Brief beschreibt und den Schatz in irdenen Gefäßen nennt. 2. Korinther 3:2. sagt: „Unser Brief seid ihr, eingeschrieben in unsere Herzen, erkannt und gelesen von allen Menschen;“ und 2. Korinther 4:7 ergänzt: „Doch wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die Vortrefflichkeit der Kraft von Gott sei und nicht aus uns.“ Die neue Schöpfung bringt nicht nur inneren Wandel, sondern auch einen zeugnisfähigen Dienst, weil Gottes Leben in der Zerbrechlichkeit menschlicher Form offenbar wird.

So führt die Erfahrung des Allerheiligsten zu einem freien, ruhigen Dasein vor Gott — nicht stolz, aber innerlich ausgerichtet auf Sein Geheimnis. Es ist ein Zustand, in dem die Gegenwart Gottes zum Ort der Erneuerung und zur Quelle eines Lebens wird, das andere anzieht und ermutigt. Diese Perspektive schenkt Hoffnung: Gott macht neu und lässt den Menschen in der Verwundbarkeit Seinen Schatz zur Schau stellen.

Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. (2. Korinther 5:17)

Unser Brief seid ihr, eingeschrieben in unsere Herzen, erkannt und gelesen von allen Menschen; (2. Korinther 3:2)

Die Realität der neuen Schöpfung lädt dazu ein, das eigene Leben nicht als endgültige Bilanz zu lesen, sondern als Feld, in dem Gottes Erneuerung wirkt. In der stillen Gewissheit, dass Gott Sein Leben in uns verwahrt, entsteht eine natürliche Bereitschaft, das Heiligtum der Gegenwart Gottes zu suchen—nicht aus Gesetzesstreben, sondern aus einer inneren Bewegung des Genießens und Teilens seiner Herrlichkeit.


Herr Jesus, danke für Dein stellvertretendes Erlösungswerk: für die Vergebung, die uns den Eingang gab, und für das tiefere Gericht über das fleischliche Prinzip, das uns zur neuen Schöpfung macht; möge Dein Geist uns innerlich erneuern, damit wir ungehindert in Deine Gegenwart treten und Dein Leben sichtbar werden lassen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 103