Das Wort des Lebens
lebensstudium

Der Vorhang für die Tür des Zeltes (2)

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Das Zelt Gottes in der Wüste ist mehr als ein sakraler Bau: seine Vorhänge markieren Zugänge in die Gemeinschaft und den Genuss Gottes. Oft übersehen wir, dass gerade die beiden Vorhänge—der äußerliche Schirm und der innere, zerrissene Schleier—eine geistliche Linie zeichnen, die von der Vergebung der Sünden hin zur Erfahrung des durchkreuzigten, auferstandenen Lebens führt. Die Frage ist, wie dieses neutestamentliche Geschehen unser persönliches Leben und das Zeugnis der Gemeinde konkret prägt.

Gottes Wohnstätte ist ein Ort des Genusses

Das Stiftzelt tritt zunächst als Gottes Wohnstätte vor Augen, doch die biblische Darstellung lädt zu einem tieferen Blick ein: Wohnstätte bedeutet hier nicht nur ein Ort des Daseins, sondern ein Raum des Genusses. In der Heiligen Schrift ist Gott kein distanzierter Mieter, der bloß Räume bewohnt; vielmehr gestaltet Er eine Wohnstätte, damit Sein Volk in die Teilhabe an Seiner Person eintreten und Sein Sein als Freude erleben kann. Dieses Erleben verlagert das geistliche Zentrum von der bloßen Ordnung religiöser Formen hin zu einer lebendigen Gemeinschaft, in der Gott selbst zum Genuss der Seinen wird.

Die Stiftshütte ist ein Bild für Gottes Wohnstätte. Wenn wir sie nur als Gottes Wohnort sehen, bleibt unser Verständnis oberflächlich. Wir müssen darüber hinaus erkennen, dass eine Wohnstätte nicht bloß zum Wohnen dient, sondern auch ein Ort des Genusses ist. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertzwei, S. 1187)

Das praktische Gewicht dieser Einsicht zeigt sich, wenn man das Werk Christi in den Blick nimmt. Paulus fasst das Ziel von Christi Tod und Auferstehung in einem Satz zusammen, der auf die innere Wirklichkeit hinweist: „und Er ist für alle gestorben, damit die, die leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und auferweckt worden ist.“ (2. Kor. 5:15). Das heißt: Durch Sein stellvertretendes Sterben hat Christus den Zugang eröffnet, nicht nur zu Gottes Vergebung, sondern zu einem neuen Dasein, in dem die Freude an Gottes Person zur Lebenswirklichkeit wird. Eine Wohnstätte, in der Gott wohnt, soll demnach ein Ort sein, an dem Sein Volk in der Erfahrung Seiner Gegenwart genährt und erquickt wird.

und Er ist für alle gestorben, damit die, die leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und auferweckt worden ist. (2.Kor 5:15)

Wenn Gottes Wohnstätte als Ort des Genusses verstanden wird, verändert das die Haltung gegenüber Gottes Gegenwart: Sie bleibt kein abstraktes Prinzip, sondern wird zur einladenden Wirklichkeit. Möge die Erkenntnis, dass Christus uns nicht nur einen Aufenthaltsort, sondern ein erlebbares Sein bei Gott eröffnet hat, das Herz öffnen für stilles Staunen und für die Freude, in der Gemeinschaft mit Ihm immer tiefer zu wohnen.

Die zwei Vorhänge: Schirm und zerrissener Schleier

Die beiden Vorhänge am Eingang des Stiftzeltes – der Schirm und der Schleier – eröffnen ein doppeltes Bild vom Eintritt in die göttliche Gemeinschaft. Der vordere Vorhang wirkt wie ein Schutz, der das Vergeistigende bewahrt und das Heiligtum vor dem Eindringen des Unpassenden sichert; er markiert den Übergang in eine heilige Beziehung. Dagegen verweist der innere, zerrissene Schleier auf das Gericht und die stellvertretende Erfahrung Christi: Sein Leiden hat die Schranke überwunden, die die Menschen von Gott trennte, und zugleich die zerstörerische Macht der Sünde entlarvt und getragen.

Wir haben gesehen, dass in der Stiftshütte zwei Vorhänge hingen, von denen der eine „Schleier“, der andere „Vorhang“ genannt wurde. Wir müssen um geistliches Verständnis für Schleier und Vorhang beten, denn sie deuten auf sehr wichtige Dinge hin. Sie zeigen, dass Christus durch Seinen allumfassenden Tod der Eingang geworden ist, durch den Gottes auserwähltes Volk in den Genuss Gottes gelangt. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertzwei, S. 1187)

Die Schrift verbindet Tod und Wandel des Lebens, sodass das äußere Zeichen des Vorhangs seine innere Erfüllung im Werk Christi findet. Es heißt: „Er hat den, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in Ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden.“ (2. Kor. 5:21). Hier wird deutlich, dass der zerrissene Schleier nicht nur die Entfernung beseitigt, sondern das innerste Hindernis – die Macht der Sünde – vor Gott zur Verantwortung gebracht wurde, damit das auferstandene Leben in uns wirken und den Weg ins Allerlheiligste öffnen kann.

Er hat den, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in Ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden. (2.Kor 5:21)

Und er machte für den Eingang des Zeltes einen Vorhang aus violettem und rotem Purpur und Karmesinstoff und gezwirntem Byssus, in Buntwirkerarbeit (2.Mose 36:37)

Der doppelte Vorhang erinnert daran, dass Zugang zu Gott von innen und außen zugleich gesichert wurde: außen durch Schutz und Ordnung, innen durch das vollendete Werk Christi. Diese Wahrheit kann still machen und zugleich ermutigen — still, weil sie das Gewicht des Kreuzes offenlegt; ermutigend, weil sie das lebendige Erbe der Auferstehung schenkt, das uns in eine immer tiefere Gemeinschaft mit Gott führt.

Die Säulen: Zeugnisträger und der Weg der Gemeinde

Die Säulen, an denen die Vorhänge befestigt waren, stehen symbolisch für Menschen, die Zeugnis tragen und so den Eingang Christi sichtbar machen. Es sind nicht allein theologische Konstrukte, sondern konkrete Träger des Zugangs: Gemeinden und einzelne Gläubige, die durch Leben und Wort bezeugen, dass Christus der Eintritt in Gottes Genuss ist. Die alttestamentliche Ausstattung betont die Handarbeit, die Ausrüstung und die Standfestigkeit der Säulen – das verweist auf eine Gemeinde, die durch Treue und Zeugnis der Ort wird, an dem Menschen Gottes Gegenwart erleben.

Wir haben immer wieder betont, dass die beiden Vorhänge – der Eingangsvorhang und der Schleier – an Pfeilern befestigt waren. Das weist darauf hin, dass Menschen heute Zugang zum Genuss Gottes haben. Ja, Christus in Seinem allumfassenden Tod ist dieser Zugang. Dennoch erfordert dieser Zugang Pfeiler, die Zeugnis ablegen vom inkarnierten und gekreuzigten Christus. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertzwei, S. 1190)

Die Schrift berichtet von der frühen Gemeinde, in der das gemeinsame Zeugnis und die gelebte Fürsorge den Weg öffneten: „IN diesen Tagen aber, als die Jünger sich mehrten, entstand ein Murren der Hellenisten gegen die Hebräer, weil ihre Witwen bei der täglichen Bedienung übersehen wurden.“ (Apg. 6:1). Die Situation zeigt, dass echte Gemeinschaftsbildung und das verantwortliche Tragen der Notbilder Gottes Zeugnischarakter haben. Das Gehen durch den zerrissenen Vorhang ist folglich ein gemeinsamer Weg, auf dem Leid, Kreuzesweg und gelebte Gemeindeerfahrung miteinander verwoben sind und Menschen in die Tiefe des auferstandenen Lebens hineinführen.

IN diesen Tagen aber, als die Jünger sich mehrten, entstand ein Murren der Hellenisten gegen die Hebräer, weil ihre Witwen bei der täglichen Bedienung übersehen wurden. (Apg. 6:1)

und seine fünf Säulen und ihre Nägel. Dann überzog er ihre Köpfe und ihre Bindestäbe mit Gold; ihre fünf Fußgestelle aber waren aus Bronze. (2.Mose 36:38)

Säulen des Zeugnisses sind nicht perfekt, aber standhaft im Blick auf Christus. Dass Menschen durch ihr Leben den Eingang zur Gemeinschaft mit Gott sichtbar machen, trägt Zuversicht: Es ist möglich, in Gemeinschaft zu wachsen, Leiden gewandelten Sinn zu geben und anderen die Erfahrung des lebendigen Christus zu öffnen. So möge die Gemeinde ein Ort werden, an dem der Zugang zum genießenden Leben Gottes sichtbar wird und Menschen ermutigt, die Tiefe seines Lebens zu suchen.


Herr Jesus, du bist der Eingang in die Freude Gottes: schenke uns, dass wir dein stellvertretendes Leiden und deine auferstandene Kraft nicht nur kennen, sondern innerlich erleben und so als Zeugen deiner Person andern den Weg zum Genuss deiner Gegenwart öffnen; in deinem Namen, Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 102