Der Brandopferaltar (1)
Die Beschreibung des Altars im Bericht von 2. Mose wirkt auf den ersten Blick technisch und schwer zugänglich. Zugleich öffnet gerade dieses Praktische eine Tür zu einer lebensnahen Deutung: der äußere Altar ist nicht nur Möbelstück, sondern ein geistlicher Ausgangspunkt, an dem Gottes Kommen zum Kreuz und das Vermögen dieses Geschehens, Menschen in die göttliche Gegenwart zu bringen, sichtbar werden.
Altar und Abendmahl: Kreuz als Opfer und Tisch
Der Brandopferaltar verbindet auf eindrückliche Weise das stellvertretende Sterben Christi mit der gemeinsamen Mahlzeit der Gemeinde. In der alttestamentlichen Anlage ist der Altar der Ort, an dem Blut vergossen und Opfer verbrannt werden; im Neuen Testament wird dieses stellvertretende Sterben zum Tisch des Herrn, an dem die Gemeinde Anteil nimmt. So heißt es in Hebräer 13:10: “Wir haben einen Altar, von dem zu essen die kein Recht haben, die dem Zelt dienen.” Dieses Wort führt uns hinaus aus einem bloß juristischen Verständnis des Geschehens: Das, was am Kreuz geschah, war nicht nur Gericht und Sühne, sondern wurde zur Nahrung, die das Leben der Versammlung nährt.
Am ersten Tag der Woche versammeln wir uns, um das an diesem Altar dargebrachte Opfer zu essen. Dieser Altar ist der Tisch des Herrn; er ist das Kreuz, und das Kreuz ist der Tisch zu unserem Genuss. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertvier, S. 1208)
Wenn das Kreuz zugleich Altar und Tisch ist, verändert das unsere Vorstellung von Gemeinschaft und Anbetung. Das Opfer, das auf dem Brandopferaltar dargebracht worden ist, wurde nicht ins Vergessen verbannt, sondern wird im Mahl geteilt und genossen; das Opfer wird zum Mittel, durch das Christus in die Gemeinde verspeist und vergegenwärtigt wird. 1. Timotheus 2:5 erinnert uns an die leibliche Realität Christi: “Denn einer ist Gott, und einer ist Mittler zwischen Gott und Menschen, der Mensch Christus Jesus.” Gerade weil der Mittler Mensch geworden ist, kann Sein stellvertretendes Leiden zur Nahrung werden, die unsere Gemeinschaft stärkt und unseren Zugang zu Gott begründet.
Wir haben einen Altar, von dem zu essen die kein Recht haben, die dem Zelt dienen. (Hebr. 13:10)
Denn einer ist Gott, und einer ist Mittler zwischen Gott und Menschen, der Mensch Christus Jesus, (1.Tim. 2:5)
Das Kreuz bleibt die erste Wirklichkeit jeder Begegnung mit Gott: dort wurde stellvertretend die Schuld getragen, und dort wird uns Leben geschenkt. Möge die Erinnerung an den Altar als Tisch unseren Sinn für Gemeinschaft vertiefen und uns ermutigen, im Mahl immer neu die lebendige Gegenwart des auferstandenen Herrn zu kosten.
Material und Maße: Menschheit, Gericht und Dreieinigkeit
Die Materialien und Maße des Altars tragen ein präzises Zeugnis: Akazienholz, überzogen mit Bronze, fünf Ellen mal fünf Ellen in der Grundfläche und drei Ellen hoch. Das Akazienholz weist auf die wahre Menschheit des Herrn hin, die das Kreuz trägt; Bronze als Überzug mahnt an das gerechte Gericht Gottes, das auf das Opfer fällt. In 2. Mose 27:1. steht die nüchterne Anweisung: “DEN Altar sollst du aus Akazienholz machen, fünf Ellen lang und fünf Ellen breit” — die Worte sind einfache Bauanweisung und zugleich ein symbolisches Bild für den Menschen Christus als tragende Wirklichkeit des Heils.
Der Altar war aus Akazienholz gefertigt (2. Mose 27:1a) und symbolisiert den Menschen Christus Jesus (1.Tim. 2:5), der von Gott als unser Stellvertreter gerichtet wurde. Das Rettende liegt nicht im Kreuz als bloßem Gegenstand, sondern in der Person, die für uns am Kreuz gekreuzigt wurde. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertvier, S. 1209)
Die zahlenmäßige Gestaltung vertieft das Bild: Fünf mal fünf kann als voll erfüllte Verantwortung verstanden werden, die Christus in jeder Hinsicht getragen hat; die Höhe von drei Ellen verweist auf das Wirken des Dreieinen Gottes in der Erlösung. In diesem Rahmen ist das Kreuz nicht ein isoliertes Objekt, sondern die geprüfte Menschheit Christi, die unter göttlichem Gericht stand und doch Gottes rettende Absicht vollendet. So bleibt das Rettende im Kreuz an die Person des Herrn gebunden, nicht an einen abstrakten Gegenstand, wie die Schrift und die alttestamentliche Typologie uns leise, aber nachdrücklich lehren.
DEN Altar sollst du aus Akazienholz machen, fünf Ellen lang und fünf Ellen breit (2.Mose 27:1)
Denn einer ist Gott, und einer ist Mittler zwischen Gott und Menschen, der Mensch Christus Jesus, (1.Tim. 2:5)
Die Details des Altars erinnern daran, dass Erlösung leiblich, gerichtet und zugleich in der Gemeinschaft der Dreieinigkeit vollbracht wurde. Möge diese Betrachtung unser Vertrauen stärken, dass das Kreuz nicht nur symbolisch, sondern in der Person Jesu die tragende Realität unseres Heils ist.
Vom Altar ins Allerheiligste: Grundlage für geistliche Erfahrung und Dienst
Dass der Brandopferaltar die Maße und die Bauweise besitzt, andere Geräte und Symbole der Stiftshütte aufzunehmen, eröffnet eine weite Auslegung: Das Kreuz enthält und begründet alle weiteren geistlichen Erfahrungen. Im Bericht von 2. Mose 40:6 wird der Altar ausdrücklich an den Eingang des Zeltes der Begegnung gestellt: “Den Brandopferaltar aber stelle vor den Eingang der Wohnung des Zeltes der Begegnung!” Dieser Ort ist nicht randständig; er ist die Schwelle, durch die die Gemeinde im symbolischen Raum mit Gott in Berührung kommt. Wenn alle Einrichtungsgegenstände symbolisch im Altar präsent sind, bedeutet das: jede Stufe des geistlichen Zugangs, jeder Ausdruck des Heiligtums ruht auf der Erfahrung des Kreuzes.
Alle Geräte und Einrichtungsgegenstände der Stiftshütte — die Bundeslade, der Räucheraltar, der Tisch, der Leuchter und das Waschbecken — hätten in den Brandopferaltar gepasst. Dass der Brandopferaltar all diese Gegenstände aufnehmen kann, deutet darauf hin, dass das Kreuz Christi alle geistlichen Erfahrungen einschließt. Daraus folgt, dass die Erfahrung des Kreuzes die Grundlage jeder geistlichen Erfahrung ist. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertvier, S. 1208)
Die Hörner des Altars und das Auftragen des Blutes an ihnen zeigen, wie untrennbar Macht und Schutz mit dem Opfer verbunden sind. 3. Mose 4:25 schildert liturgisch, wie Blut an die Hörner des Altars gelegt wurde: “Und der Priester nehme mit seinen Fingern (etwas) von dem Blut des Sündopfers und tue es an die Hörner des Brandopferaltars; und sein Blut soll er an den Fuß des Brandopferaltars gießen.” Dieser Akt deutet darauf hin, dass das Gericht Gottes und die rettende Wirkung des Opfers sich nicht nur im Ritus entfalten, sondern kraftvoll in die Wirklichkeit hineinragen; durch den Geist wird das Opfer lebendig, und aus dem Altarstrahlen erwächst die Grundlage für Dienst und Gemeinschaft.
Den Brandopferaltar aber stelle vor den Eingang der Wohnung des Zeltes der Begegnung! (2.Mose 40:6)
Und der Priester nehme mit seinen Fingern (etwas) von dem Blut des Sündopfers und tue es an die Hörner des Brandopferaltars; und sein Blut soll er an den Fuß des Brandopferaltars gießen. (3.Mose 4:25)
Wenn das Kreuz die Mitte ist, von der aus alles Heilige seinen Sinn erhält, dann lädt diese Erkenntnis zu einem stillen Staunen ein: Gottes Weg zu uns ist zugleich Gericht und Gnade, Prüfung und Heimkehr. Möge die Gewissheit, dass alle geistlichen Erfahrungen aus dem einen Werk des Altars erwachsen, unser Inneres zur Ruhe bringen und unseren Dienst mit sanfter Kraft und Demut erfüllen.
Herr Jesus, danke für Dein stellvertretendes Leiden am Kreuz; möge das Feuer Deines Geistes das Werk des Kreuzes in uns lebendig machen, uns in die Tiefe Deiner Gegenwart führen und unseren Dienst aus der Gemeinschaft mit Dir speisen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 104