Der Vorhang für die Tür des Zeltes (1)
Beim Lesen der sorgfältig gearbeiteten Vorhänge des Heiligtums fällt auf, dass Decke, innerer Schleier und Eingangsschirm aus demselben Stoff bestehen — gleich in Farbe, Muster und Werk. Diese optische Einheit verbirgt eine geistliche Spannung: Dieselbe Erscheinung, die wertvolle Dinge abschirmt, ist zugleich das Tor, durch das Sünder in die Nähe Gottes treten können. Wie verträgt sich das Verbergen des Allerheiligsten mit dem Auftrag, in Gottes Wohnstatt einzutreten?
Vorhang und Schirm: Christus als Verhüllung und Zutritt
Schon die äußere Beschreibung des Eingangs zur Stiftshütte führt uns in ein theologisch dichtes Bild: Decke, Schleier und Schirm sind aus demselben Werkstoff gefertigt und dienen doch unterschiedenem Zweck. Wie es heißt, “Und er machte für den Eingang des Zeltes einen Vorhang aus violettem und rotem Purpur und Karmesinstoff und gezwirntem Byssus, in Buntwirkerarbeit” (2. Mose 36:37). Diese materiell einheitliche, aber funktional differenzierte Textur lädt zur Besinnung auf den Christus ein, der einmalig ist und in Seiner Person sowohl verhüllt als auch erschließt.
Wir haben erkannt, dass sowohl die Bedeckung als auch der Schleier Christus sind. Gestützt auf dieses Verständnis können wir mit Recht schließen, dass auch der Vorhang auf Christus hinweist. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhunderteins, S. 1176)
Wenn der Vorhang zugleich verhüllt und Zutritt ermöglicht, liegt darin ein Paradox, das das Wesen des Christus offenbart: Als Schleier verbirgt Er die Heiligkeit des Allerheiligsten und bewahrt vor leichter Berührung mit dem Heiligen; als Schirm hält Er das Unzugängliche in gebührender Distanz. Gerade die einen Stoff teilenden Funktionen deuten darauf hin, dass das, was trennt, zugleich die Bedingung für Zugang ist — denn das gerichtlich Vollzogene an Christus macht die Grenze durchlässig. Die Erwähnung der bronzenen Fußgestelle an den Säulen erinnert daran, dass göttliches Gericht mit im Spiel ist; dieses Gericht ist nicht ausschließlich Trennung, sondern bereitet den Boden für echte Gemeinschaft mit Gott.
Und er machte für den Eingang des Zeltes einen Vorhang aus violettem und rotem Purpur und Karmesinstoff und gezwirntem Byssus, in Buntwirkerarbeit. (2. Mose 36:37)
und seine fünf Säulen und ihre Nägel. Dann überzog er ihre Köpfe und ihre Bindestäbe mit Gold; ihre fünf Fußgestelle aber waren aus Bronze. (2. Mose 36:38)
Mag die Vorstellung trösten, dass dieselbe Gestalt — der Christus —, die Tiefe und Geheimnis des Heiligen wahrt, zugleich Weg und Tür ist. In dieser doppelt wirkenden Gegenwart liegt die Einladung, die Würde des Heiligen zu achten und gleichzeitig die Gnade zu empfangen, durch die Zutritt möglich wurde.
Zwei Aspekte von Christi Tod: für die Sünde und für das Selbst
In der Betrachtung des Todes Christi treten zwei nähere, doch unterscheidbare Wirklichkeiten hervor: Er starb für unsere Sünden, und Er starb für uns. Die erste Formulierung trägt das juristische Gewicht der Sühne; die zweite verweist auf die subjektive, existentielle Teilnahme an Seinem Sterben, das das alte Selbst hinscheidet. Die Notwendigkeit beider Seiten zeigt sich schon in den tiefen Bekenntnissen der Schrift: “Da sprach ich: Wehe mir, denn ich bin verloren. Denn ein Mann mit unreinen Lippen bin ich, und mitten in einem Volk mit unreinen Lippen wohne ich” (Jesaja 6:5). Solche Selbstverortung vor Gott macht die Gerechtigkeit Gottes und damit die Notwendigkeit eines Sündopfers deutlich.
Wenn wir diese Angelegenheit wirklich verstehen wollen, müssen wir erkennen, dass der Tod Christi zwei Dimensionen hat: Einerseits ist Er für unsere Sünden gestorben, damit uns Vergebung zuteil wird; andererseits ist Er für uns gestorben, damit wir ausgelöscht werden. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhunderteins, S. 1180)
Typologisch und bildhaft unterstreichen Narrationen des Volkes Israel die doppelte Wirkung von Gericht und Heilung: Materialien, die mit Tod und Gericht zusammenhängen, werden zum Dienst am Altar verwandelt und zeigen, wie Gericht nicht bloß vernichtet, sondern geheiligt und verwandt wird (vgl. 4. Mose 17:3–4). So wird der Christus als Sündopfer zum Mittel, durch das die strafende Seite Gottes erfüllt und zugleich das Leben des Gläubigen ins Neue geführt wird. Die rechtliche Tilgung der Schuld schafft die Voraussetzung; das subjektive Mitkreuzigen mit Christus öffnet den Zugang in die unmittelbare Gegenwart Gottes, bis hin zum Allerheiligsten.
Da sprach ich: Wehe mir, denn ich bin verloren. Denn ein Mann mit unreinen Lippen bin ich, und mitten in einem Volk mit unreinen Lippen wohne ich. Denn meine Augen haben den König, den HERRN der Heerscharen, gesehen. (Jesaja 6:5)
Die Feuerbecken dieser (Männer), die durch ihre Sünden ihr Leben verloren haben, man mache daraus breitgehämmerte Bleche zum Überzug für den Altar! Denn sie haben sie vor dem HERRN dargebracht, und so sind sie heilig; und sie sollen den Söhnen Israel zum Zeichen sein. (4. Mose 17:3)
In diesem Doppelblick fällt die Spannung von Gerechtigkeit und Gnade zusammen: Das gerichtsvolle Handeln Gottes an Christus nimmt das Hindernis weg, und das Mitvollzogene in unserem Leben lässt uns in eine tiefere Gemeinschaft eintreten. Möge diese Einsicht Mut geben, die bodenlose Sündervergebung zu tragen und zugleich die Einladung anzunehmen, im Tod des Alten das Leben des Neuen zu erleben.
Die Säulen: Gläubige als Öffner der Eingänge
Die Säulen, mit denen der Vorhang am Eingang gehalten wird, sind nicht bloß architektonische Notwendigkeiten, sondern lebendige Bilder für Gläubige in ihren verschiedenen Diensten. In der Heiligen Schrift finden wir, dass Menschen durch das Blut Christi zum Volk Gottes erkauft wurden: “Und sie singen ein neues Lied und sagen: Du bist würdig, die Schriftrolle zu nehmen und ihre Siegel zu öffnen, denn Du bist geschlachtet worden und hast durch Dein Blut aus jedem Stamm und jeder Zunge und jedem Volk und jeder Nation Menschen für Gott erkauft” (Offenbarung 5:9). Die Säulen stehen damit als sichtbare Zeichen derer, die diesen erkauften Zugang anderen eröffnen.
Die an den Vorhang befestigten Pfeiler sind die Evangelisten, kühne Verkünder Christi, die an der Spitze der Gemeinde stehen. Andere Pfeiler stehen im Innern der Gemeinde, in der inneren Kammer; das sind jene, besonders die Ältesten, die Christus auf tiefere Weise erfahren. Tag für Tag verbinden sie sich mit dem zerrissenen, dem gebrochenen Vorhang — mit dem Christus selbst, der in seinem Fleisch den Tod erlitten hat. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhunderteins, S. 1184)
Wer die Rollen der verschiedenen Säulen betrachtet, erkennt ein Zusammenspiel von vorn sichtbarer Botschaft und innerer, erfahrener Reife. Manche stehen an der Schwelle als Verkünder des richtenden Christus; andere sind innere Stützen, deren Leben die Kreuzesrealität bezeugt. Zusammen schaffen sie Eingänge — nicht als Privileg einiger, sondern als Ausdruck eines Gemeindelebens, in dem Zeugnis und Leben, Wort und Praxis einander bedingen. Wo solche Säulen vorhanden sind, wird der Weg in die Wohnung Gottes sichtbar und begehbar.
Und er machte für den Eingang des Zeltes einen Vorhang aus violettem und rotem Purpur und Karmesinstoff und gezwirntem Byssus, in Buntwirkerarbeit (2. Mose 36:37)
Und sie singen ein neues Lied und sagen: Du bist würdig, die Schriftrolle zu nehmen und ihre Siegel zu öffnen, denn Du bist geschlachtet worden und hast durch Dein Blut aus jedem Stamm und jeder Zunge und jedem Volk und jeder Nation Menschen für Gott erkauft (Offenbarung 5:9)
Die Vorstellung, dass Menschen zu Säulen werden können, trägt Hoffnung: Sie weist auf eine Gemeinde, in der Wortverkündigung und innere Erfahrung zusammenwirken und Türen öffnen. So wächst die Überzeugung, dass nicht bloß einzelne heroische Akte, sondern die treue Alltäglichkeit gereifter Gemeinschaft den Zugang zur Tiefe des geistlichen Lebens bereitet.
Herr Jesus, danke, dass Dein Tod sowohl für unsere Sünden als auch für unser Selbst den Weg in Deine Gegenwart bereitet hat; lehre uns, in dieser zweifachen Wahrheit zu ruhen, uns innerlich Dir gleichförmig zu wissen und so anderen den Zugang zu ermöglichen; erfülle uns mit Deinem Geist und Deiner Liebe.
Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 101