Das Wort des Lebens
lebensstudium

Der Schleier innerhalb der Stiftshütte (2)

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Die Stiftshütte überrascht: obwohl die Teile dicht beieinander stehen, gibt es eine scharfe Trennung zwischen dem, was äußerlich geistlich erscheinen kann, und dem unmittelbaren Umgang mit Gott. Paulus sieht die alttestamentliche Stiftshütte nicht nur als einen Bau mit zwei Bereichen, sondern als zwei Wirklichkeiten, die unsere tägliche Erfahrung spiegeln — die Seele und den Geist. Die Frage ist, ob wir bei aller Frömmigkeit wirklich ins Allerheiligste treten, wo Gottes Stimme und unmittelbare Gegenwart wohnen.

Zwei Stiftshütten: Seele und Geist

Das Bild der zwei Stiftshütten in Hebräer entfaltet zuerst eine nüchterne Beobachtung: Es gibt ein vorderes Zelt, ein Heiliges, und dahinter ein Zelt, das Allerheiligste. Heißt es in Hebräer 9:1–2: „ES hatte nun zwar auch der erste (Bund) Satzungen des Dienstes und das irdische Heiligtum. Denn es wurde ein vorderes Zelt aufgerichtet.“ Dieses Gestell ist mehr als bloße Kulisse; es verweist auf eine innere Ordnung des Lebens, in der das Seelische Nahrung, Licht und rituelle Praxis empfängt, während das Tiefere – der von Gott bewohnte Raum – dem Geist gehört. Die Schriftgestaltung macht deutlich, dass hier zwei Grade der Gemeinschaft mit Gott unterschieden werden.

Im gesamten Hebräerbrief ist das erste Heiligtum — das Heiliges — ein Sinnbild unserer Seele, während das zweite — das Allerheiligstes — ein Sinnbild unseres Geistes ist. Wenn die Seele vom Geist getrennt ist, stehen wir an der Schwelle zum Geist. Das heißt: Wir stehen an der Schwelle des Allerheiligsten, in dessen Innerem der Thron der Gnade steht. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundert, S. 1166)

Die Deutung dieser Anordnung führt ins Existenzielle: Wenn die Seele vom Geist getrennt steht, bleiben wir an der Schwelle und erleben Gott eher als Versorger denn als Gegenwart, die innerlich spricht und formt. Hebräer 4:12 erinnert daran, dass Gottes Wort bis zur Trennung von Seele und Geist dringt; heißt es dort: „Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam … und dringt durch bis zur Trennung von Seele und Geist.“ Dadurch wird sichtbar, dass die Stiftshütte nicht nur eine theologische Metapher ist, sondern eine praktische Unterscheidung für unser Glaubensleben: Bleiben wir im Bereich des Empfangens und Denkens, oder treten wir hinein in die unmittelbare Gemeinschaft des Geistes? Die Konsequenz dieser Unterscheidung wirkt auf Glaubensfreude, Entscheidungsfähigkeit und das Hören auf Gottes Stimme.

Ausklang: Es ist tröstlich und ermutigend zugleich zu sehen, dass die Schrift nicht resigniert über unsere Begrenzungen spricht, sondern eine Tür beschreibt, die sich öffnen kann. Die Einladung ist, das innere Gleichgewicht so zu leben, dass die Seele genährt wird und zugleich vom Geist durchdrungen wird, damit das Leben nicht bei kultischer Nähe stehenbleibt, sondern in die lebendige Gegenwart Gottes hineinreift.

ES hatte nun zwar auch der erste (Bund) Satzungen des Dienstes und das irdische Heiligtum. Denn es wurde ein vorderes Zelt aufgerichtet (Hebr. 9:1-2)

Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und es dringt durch bis zur Trennung von Seele und Geist und von Gelenken und Mark, und ist fähig, die Gedanken und Absichten des Herzens zu beurteilen. (Hebr. 4:12)

Die Vorstellung von Heiligem und Allerheiligstem lädt zu einer inneren Bestandsaufnahme ein, nicht als Selbstverurteilung, sondern als Möglichkeit, das Verhältnis von Denken, Gefühl und innerem geistlichen Empfinden zu klären. Es bleibt Raum zur Hoffnung: Gottes Wort kann über die Trennung dringen und den Weg ins Innere öffnen, sodass aus symbolischer Nähe reale Gemeinschaft mit Gott wird.

Der Schleier als Christi Fleisch und seine Zerreißung

Der Vorhang in der Stiftshütte trägt eine doppelte Bedeutung: Er ist sowohl Hülle als auch Symbol. Biblisch wird dieser Vorhang in Beziehung gesetzt zu Christi Leib; so heißt es in Hebräer 10:20: „einen Eintritt, den Er uns eröffnet hat als einen neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang hindurch, das heißt durch Sein Fleisch.“ Dieses Gleichnis macht deutlich, dass das Fleisch des Sohnes nicht nur Sein Leben ist, sondern der Raum, durch den Gott in die Tiefe treten wollte. Zugleich ist es möglich, dass das äußere Fleisch – ob bei Christus in der Menschheit oder bei uns im Alltag – Formen annimmt, die den vollen Zugang behindern.

Obwohl bei der Kreuzigung Christi das Fleisch zerrissen wurde, kann unser Fleisch erfahrungsgemäß dennoch unversehrt bleiben. Vielleicht ist es noch nicht gespalten oder aufgerissen worden. Der Grund, warum wir möglicherweise noch in der Seele, dem ersten Zelt, verharren, ist, dass unser Fleisch nicht gebrochen worden ist. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundert, S. 1170)

Die Evangelien geben eine dramatische Bestätigung: Beim Tode Jesu wurde der Tempelvorhang zerrissen; Matthäus 27:51 berichtet: „Und siehe, der Vorhang des Tempels wurde in zwei Teile zerrissen, von oben bis unten.“ Dieses Zeichen öffnet die göttliche Absicht: Der Weg ins Allerheiligste ist freigelegt. Doch das theologische Ja am Kreuz fordert eine praktische Antwort: das alte Selbst muss innerlich gekreuzigt und das Fleisch der Selbstsucht gebrochen werden, damit die Wirkung des zerrissenen Vorhangs nicht nur in einer historischen Tatsache, sondern in einer erfahrbaren Wirklichkeit für das Leben wird.

Ausklang: Die Zerreißung des Vorhangs ist kein verstaubtes Bild, sondern eine Einladung zur inneren Offenheit. Wenn das, was uns verbindet und zugleich verbirgt, durch die Realität des Kreuzes durchschnitten wird, öffnet sich ein Leben, in dem das Geschenk der Nähe Gottes nicht nur möglich, sondern erfahrbar wird — eine Hoffnung, die Mut macht, die Tiefe des Opfers anzunehmen.

einen Eintritt, den Er uns eröffnet hat als einen neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang hindurch, das heißt durch Sein Fleisch, (Hebr. 10:20)

Und siehe, der Vorhang des Tempels wurde in zwei Teile zerrissen, von oben bis unten, und die Erde wurde erschüttert und die Felsen wurden gespalten, (Mt. 27:51)

Die Verbindung von Vorhang und Fleisch erinnert daran, dass das Erlösungsereignis am Kreuz weit über ein theologisches Dogma hinausgeht: Es zeigt eine Möglichkeit, wie die Schranke zwischen Mensch und Gott gebrochen ist. Dieser Gedanke trägt zu einer inneren Befreiung bei, die nicht durch Leistung, sondern durch die lebendige Wirkung des gekreuzigten Christus vollbracht wird.

Gemeinde und Leiterschaft: Die Bedeutung der pilasterhaften Zerbrochenheit

Die Stiftshütte ist nicht nur individuell zu deuten; sie hat eine gemeinschaftliche Dimension. Beobachtet man die biblische Anlage, so hängen die inneren Vorhänge an Säulen und sind damit mit der Struktur der Versammlung verbunden. In der Deutung der Schriften tragen die ‚Säulen‘ das Zeugnis des Herrn in der Gemeinde. Wenn die führenden Glieder der Versammlung innerlich vom Fleisch her regiert sind, dann bleibt die ganze Gemeinschaft auf der Ebene des Seelischen stehen. In solchen Situationen ist die Freude an Gottes Gegenwart oft gebremst und das Hören auf den Geist beeinträchtigt.

Unter allen Heiligen der Gemeinde tragen die Säulen — die Stärkeren — das Zeugnis von Gott, der im Fleisch offenbar geworden ist. Zweifellos sollten alle Leitenden in der Gemeinde Säulen sein. Nach 1. Timotheus 3:15 muss die Gemeinde die Säule der Wahrheit Gottes sein, die im Fleisch offenbar geworden ist. Wenn das Fleisch der Leitenden, der Stärkeren in der Gemeinde nicht gebrochen worden ist, bleibt die ganze Gemeinde im ersten Zelt und wird daran gehindert, in das zweite Zelt einzutreten. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundert, S. 1171)

Hebräer führt den Gedanken weiter zur praktischen Konsequenz des Zugangs: Heißt es in Hebräer 4:16: „Darum lasst uns mit Freimut hinzutreten zum Thron der Gnade…“ Diese Einladung richtet sich nicht nur an Einzelne; sie betrifft das ganze Haus Gottes. Die Zerbrochenheit der Leitenden — ihre Bereitschaft, das Eigene zu verlieren und dem Geist Raum zu geben — öffnet für die Gemeinde tatsächlich einen ‚Eintritt ins Allerheiligste‘. Umgekehrt hält ungebrochene Selbstsucht die Versammlung in ritualisierter Nähe gefangen und vermindert die Erfahrung der freien Gnade.

Ausklang: Es ist tröstlich, dass die Öffnung zur Tiefe der Gegenwart Gottes nicht allein von institutioneller Perfektion abhängt, sondern von der Haltung des Herzens. Wo Leitende in Wahrheit und Zerknirschung stehen, entsteht ein Raum, in dem die Gemeinde mutig und demütig zugleich die Gnade empfangen kann — ein ermutigender Grund, Gemeinschaft als gemeinsame Suche nach Gottes unmittelbarer Gegenwart zu leben.

Darum lasst uns mit Freimut hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden für rechtzeitige Hilfe. (Hebr. 4:16)

Die Verküpfung von Leiterschaft und Gemeindeleben stellt die Einladung, Verantwortung im Licht der Zerbrochenheit zu betrachten. Nicht als Ideal an Verantwortliche allein, sondern als Perspektive, die Gemeinden befähigt, tiefer in die Gegenwart Gottes zu treten. Hoffnung liegt darin, dass echte Herzenshaltung Raum schafft, in dem die Gnade wirksam wird.


Herr Jesus, öffne unsere Herzen, dass das, was im Inneren noch ungebrochen ist, von Dir durchbohrt und erlöst werde; schenke uns die Erfahrung Deiner direkten Gegenwart und die Demut der Leitenden, damit Deine Gemeinde in das Allerheiligste eintreten kann. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 100