Das Wort des Lebens
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Der Schleier innerhalb der Stiftshütte (1)

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Die Stiftshütte trägt viele Details, die auf den ersten Blick rätselhaft wirken: ein Zelt mit klar getrennten Räumen und ein Vorhang, der das Allerheiligste vom Heiligen abtrennt. Warum genau braucht Gottes Wohnung diese Scheidung, und welche geistliche Wahrheit steckt hinter dem Vorhang, den Farben, den Säulen und den Sockeln? Diese Frage führt zu einer überraschend konkreten Erkenntnis über Christi Fleisch, unsere gefallene Natur und den Weg zur Gemeinschaft mit Gott.

Der Vorhang als Fleisch Christi und als Trennwand

Der Vorhang der Stiftshütte ist kein bloßes Textil; seine Farben und Materialien sprechen von der Person und dem Werk des Herrn. In den himmelblauen, purpurroten und scharlachroten Fäden sowie im feinen Leinen sehen wir zugleich Menschwerdung, königliche Würde und das vergossene Blut. Es heißt: “UND du sollst einen Vorhang anfertigen aus violettem und rotem Purpur und Karmesinstoff und gezwirntem Byssus; in Kunststickerarbeit soll man ihn machen, mit Cherubim.” (2. Mose 26:31). Diese sichtbare Stofflichkeit verweist auf das Fleisch Christi, das in die göttliche Gegenwart eintrat, und zugleich auf die Leiblichkeit, die zwischen Gott und Mensch stehen kann.

Hebräer 10:20 zufolge steht der Vorhang für das Fleisch Christi. Als der Herr Jesus am Kreuz starb, riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten. Das heißt: Durch Seinen Tod wurde der Vorhang des Fleisches Christi gespalten. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft neunundneunzig, S. 1151)

Als praktische Funktion trennt der Vorhang das Heilige vom Allerheiligsten; er markiert die geschiedene Heiligkeit Gottes und die menschliche Ferne von jener Mitte. Es heißt: “So soll der Vorhang für euch das Heilige und das Allerheiligste (voneinander) scheiden.” (2. Mose 26:33). Das rituelle Bild erhält seine dramatische Erfüllung am Kreuz: “Und siehe, der Vorhang des Tempels wurde in zwei Teile zerrissen, von oben bis unten” (Matthäus 27:51). Paulus und die Hebräer bringen dies auf den Punkt, wenn sie sagen, dass uns durch Christi Tod ein neuer und lebendiger Weg eröffnet ist — ein Eintritt, der durch Sein Fleisch geschieht. Doch die Typologie bleibt ambivalent: Der zerrissene Vorhang bedeutet Befreiung von der Trennung, aber die ungeläuterte, fleischliche Natur des Menschen kann weiterhin eine Barriere sein, wenn sie nicht innerlich mit Christus gekreuzigt ist.

Diese Einsicht nimmt Schuld und Vergebung in ihrer ganzen Spannung ernst: Vergebung nimmt die strafrechtliche Trennung weg, doch der pflegliche Weg in die fortdauernde Gemeinschaft mit Gott verlangt die Erfahrung einer durchlösten, nicht mehr herrschenden Fleischlichkeit. So öffnet das Kreuz nicht nur eine juristische Pforte, sondern lädt zur täglichen Christenwirklichkeit ein, in der das Fleisch gemessen, gebrochen und innerlich überwunden wird. Möge die Erinnerung an den zerrissenen Vorhang uns nicht in bloße Frömmigkeit führen, sondern in eine lebendige Praxis der Identifikation mit dem Gekreuzigten, die Trost schenkt und zugleich zur Heiligung treibt.

Und du sollst einen Vorhang anfertigen aus violettem und rotem Purpur und Karmesinstoff und gezwirntem Byssus; in Kunststickerarbeit soll man ihn machen, mit Cherubim. (2. Mose 26:31)

Und zwar sollst du den Vorhang unter den Haken anbringen. Und bringe dorthin, auf die Innenseite (hinter) dem Vorhang, die Lade des Zeugnisses! So soll der Vorhang für euch das Heilige und das Allerheiligste (voneinander) scheiden. (2. Mose 26:33)

Der Vorhang erinnert daran, dass Zugang zu Gott nicht am Wissen allein hängt, sondern an der gelebten Wirklichkeit von Christi Kreuz und der täglichen Erfahrung des innerlich Gebrochenen. Das Kreuz bietet sowohl Rechtfertigung als auch einen Weg zur tieferen Gemeinschaft: beides ist Gnade, beides fordert eine wahrhaftige Antwort des Herzens.

Bretter und Säulen: zwei Arten des Gläubigenstandes

Die Materialien der Stiftshütte sprechen nicht nur vom Herrn, sie sprechen auch von denen, die in der Gemeinde stehen: Bretter und Säulen sind beide aus Akazienholz gefertigt und mit Gold überzogen — ein Bild dafür, dass alle Gläubigen letztlich auf Christi Erlösung gegründet sind. Es heißt: “Den hänge an vier Säulen aus Akazienholz auf, die mit Gold überzogen sind” (2. Mose 26:32). Die gemeinsame Holzbasis verbindet die Vielfalt der Gaben und Stellungen; das Gold überzieht dieselbe menschliche Substanz mit der Herrlichkeit der göttlichen Gegenwart.

Sowohl die Bretter als auch die Säulen sind Gläubige, die auf der Erlösung Christi gegründet sind. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft neunundneunzig, S. 1153)

Innerhalb dieses gemeinsamen Fundaments unterscheidet die Typologie jedoch unterschiedliche Grade der Standhaftigkeit und des Zeugnisses. Bretter stehen für das breite Gefüge des Volkes Gottes, das im Dienst, im Mahl und im Licht lebt; Säulen mit ihren Sockeln verweisen auf einen besonderen Stand, der durch Erprobung und Treue gewachsen ist. Paulus nennt Männer, die als Säulen angesehen werden (vgl. Galater 2:9), und die Offenbarung verheißt dem Überwinder: “Den, der überwindet, werde Ich zu einer Säule im Tempel Meines Gottes machen” (Offenbarung 3:12). Die Säule ist folglich weniger eine Auszeichnung als das Resultat einer geformten, verlässlichen Gemeinschaft, die sowohl die Erlösung als Grundlage als auch die Prüfung als Schmiedewerk kennt.

Aus diesem Zusammenhang erwächst eine nüchterne Hoffnung: Die Gemeinde ist zusammengefügt aus Brettern, die täglich dienen, und aus Säulen, die in Bedrängnis bewährt wurden; beide teilen dieselbe Erlösung, aber die Gestalt ihres Zeugnisses unterscheidet sich. Das Bild ermutigt zur Geduld und zur Treue in der konkreten Gemeindeordnung — nicht als Selbstzweck, sondern als widerspruchsfähige Darstellung dessen, wie Gottes Leben in Menschen Gestalt annimmt und zur sichtbaren Stütze der Wahrheit wird.

Den hänge an vier Säulen aus Akazienholz auf, die mit Gold überzogen sind (2. Mose 26:32)

und als sie die Gnade erkannten, die mir gegeben worden ist, gaben Jakobus und Kephas und Johannes, die als Säulen angesehen werden, mir und Barnabas den Handschlag der Gemeinschaft, damit wir unter die Nationen (gingen), sie aber unter die Beschnittenen. (Galater 2:9)

Die Unterscheidung zwischen Brettern und Säulen zeigt, dass Stand und Reife in der Gemeinde Frucht der Zeit, der Prüfung und der Gnade sind. In dem Bewusstsein, dass alle auf derselben Erlösung ruhen, wächst die Gemeinschaft in Treue und Glaubwürdigkeit; so wird die Gemeinde sichtbar als Ort, an dem Gottes Wahrheit tragfähig geworden ist.

Der geöffnete Weg – Dreieiniger Gott und gelebene Identifikation

Das Zerrissensein des Vorhangs ist mehr als ein historisches Ereignis; es ist die Eröffnung eines wirklichen Zugangs zu Gott. Es heißt: “Darum, Brüder, weil wir in dem Blut Jesu Freimut haben zum Eintritt in das Allerheiligste, einen Eintritt, den Er uns eröffnet hat als einen neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang hindurch, das heißt durch Sein Fleisch” (Hebräer 10:19–20). Diese Schriftworte machen deutlich: Die Gemeinschaft mit Gott ist nun kein ferner Anspruch mehr, sondern ein Weg, der durch das Geheimnis des Todes und der Menschheit Christi gelegt ist.

Die tiefere Bedeutung der Identifikation liegt darin, dass die Möglichkeit für Menschen, Zugang zu Gott zu finden, von der Erfahrung dieser Identifikation abhängt. Ist der Schleier zerrissen, steht der Weg für gefallene Menschen offen; andernfalls bleibt er verschlossen. Als der Schleier zerriss, öffneten sich drei Zugänge. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft neunundneunzig, S. 1160)

Die geöffnete Tür ist trinitarisch gemeint: Der Vater, der Sohn und der Geist sind in jenem neuen und lebendigen Zugang verwoben, und die Erfahrung der Identifikation mit dem Gekreuzigten lässt diese Dreieinigkeit konkret werden. Nicht als abstraktes Dogma, sondern als praktischer, erlebter Verkehr: Im Ergriffensein vom Sohn begegnen wir dem Vater und werden vom Geist geleitet. Das setzt voraus, dass die Identifikation mit Christi Gekreuzigtem nicht nur eine Lehrformel bleibt, sondern innerlich durchlitten und angenommen wird. Dort, wo dies geschieht, entsteht ein gemeinschaftliches Leben, das Zeugnis trägt und den Zugang zur vollen Gegenwart Gottes täglich erfahrbar macht.

Die Öffnung des Weges ist ein Versprechen und eine Herausforderung zugleich: Versprechen der Freimut und Nähe, Herausforderung zur täglichen Wirklichkeit der Identifikation. In dieser Spannung offenbart sich die Tiefe der Gnade, die uns hineinruft in eine fortwährende Gemeinschaft mit dem Dreieinen Gott — eine Gemeinschaft, die tröstet, formt und sendet.

Darum, Brüder, weil wir in dem Blut Jesu Freimut haben zum Eintritt in das Allerheiligste, einen Eintritt, den Er uns eröffnet hat als einen neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang hindurch, das heißt durch Sein Fleisch, (Hebräer 10:19-20)

Weil der Vorhang zerrissen ist, besteht die Einladung, den neuen und lebendigen Weg nicht nur theologisch anzuerkennen, sondern in der konkreten Erfahrung der Identifikation mit Christus zu leben. So wird die Gemeinschaft mit dem Dreieinen Gott zur Quelle geistlicher Kraft und zu einem glaubwürdigen Zeugnis für die Welt.


Herr Jesus, danke, dass Du durch Dein Fleisch und Dein Blut den Vorhang zerrissen und uns den Weg zur Gegenwart des Vaters geöffnet hast. Wir bitten um die Gnade, innerlich mit Dir identifiziert zu sein, dass unser Fleisch gestorben und unser Leben in Dir sichtbar werde. Lebe in uns als unser Hoherpriester, stärke uns zu einem zeugnisfähigen Stand in Deiner Wohnung. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 99