Der Erbauer der Säulen – der geschickte Hiram (1)
Die beiden Säulen in Salomos Tempel werfen Fragen auf: Warum nennt die Schrift ausgerechnet Hiram beim Namen, obwohl seine Herkunft widersprüchlich erscheint? Die Bibel verschwendet keine Worte; die ungewöhnliche Kombination einer Mutter aus Dan und eines Vaters aus Tyrus trägt eine Botschaft für das gemeindliche Leben. Diese Erscheinung fordert uns heraus, unsere eigene Herkunft, unsere Ausbildung und unsere Berufung neu zu sehen — nicht als Widerspruch, sondern als Weg Gottes, Menschen zu befähigen, das Haus Gottes zu bauen.
Hirams Herkunft: Demut erkennen und die Wurzel der Sünde bekennen
Die Biographie Hirams beginnt mit einer eigenartigen, ja demütigenden Kombination: eine Mutter aus Dan und ein Vater aus Tyrus. Solche Details sind kein bloßes Stammbuch; sie wirken wie eine Linse, durch die das Wesen jedes Bauers für das Haus Gottes sichtbar wird. In 1. Könige 7:14 heißt es ausdrücklich über Hiram: „Der war der Sohn einer Witwe aus dem Stamm Naftali, sein Vater aber war ein Tyrer, ein Bronzeschmied. Er war voller Weisheit und Einsicht und Kenntnis, um jegliche Arbeit in Bronze auszuführen.“ Diese nüchterne Offenlegung seiner Herkunft zeigt, dass Gottes ordnendes Wirken oft gerade da beginnt, wo menschliche Herkunft und Schwachheit offenbar werden.
Diese Angaben über Dan zeigen, dass „eine Frau aus den Töchtern Dans“ zu sein bedeutet, eine Mutter in Sünde zu sein. Alle unsere Mütter sind Mütter in Sünde. In Psalm 51:5 sagt David: „In Sünde hat mich meine Mutter empfangen …“ Wenn du ein Erbauer von Säulen werden willst, musst du zuerst eingestehen, dass du ein in Sünde geborener Mensch bist. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft fünfundachtzig, S. 1096)
Die theologische Deutung fordert uns zur Selbstbegegnung: Herkunft ist keine Anklage, sondern Ausgangspunkt. Die Schrift erinnert daran, dass im Fleisch nichts Gutes wohnt (Röm. 7:18) und dass selbst große Gaben auf einer gebrochenen Wurzel stehen. Wer bauen soll, muss zuerst die Wurzel kennen und die Realität der Sünde und Begrenzung eingestehen; nur so kann göttliche Gnade das Natürliche umformen. Aus Hiram spricht keine Selbstgerechtigkeit, sondern eine Demut, durch die seine Fertigkeit von Gott gebraucht werden kann. So löst Erkenntnis nicht Resignation, sondern die Bereitschaft zur Umformung aus.
Der war der Sohn einer Witwe aus dem Stamm Naftali, sein Vater aber war ein Tyrer, ein Bronzeschmied. Er war voller Weisheit und Einsicht und Kenntnis, um jegliche Arbeit in Bronze auszuführen. Und er kam zu dem König Salomo und führte (ihm) alle seine Arbeit aus. (1. Könige 7:14)
Aus der Demut über die eigene Herkunft erwächst die Offenheit, mit der Gott Talent und Schwäche zugleich nimmt und zum Dienst formt. Diese Einsicht ermutigt: Nicht ein makelloser Stammbaum, sondern die ehrliche Anerkennung vor Gott bereitet uns darauf vor, Säulen zu sein, an denen das Haus Gottes Halt findet.
Verwandlung zur ‚Naphtali‘-Gestalt: Vertrauen, Bergesleben und Auferstehungswirklichkeit
Die Verwandlung zur ‚Naphtali‘-Gestalt zeichnet sich durch Bilder ab, die Beweglichkeit, Vertrauen und bergesähnliche Weite verbinden. In Matthäus 4:15 wird von „Land Sebulon und Land Naphtali“ gesprochen, Regionen, die an der Grenze liegen und doch das Licht der Offenbarung empfangen. Solche Topographie sagt etwas über das christliche Leben: wer an den Rändern steht, lernt, auf Gott zu vertrauen, auf Höhen zu laufen und inmitten Widerstandes die Auferstehungswirklichkeit zu leben. Es ist kein bloßes Bildnis von Zartheit, sondern von belastbarer Beweglichkeit.
Naphtali ist der Stamm des Rehs; das Reh steht für einen wiedergeborenen, verwandelten Menschen, der Gott vertraut, auf den Höhen wandelt und in der Auferstehung für das Gemeindeleben lebt. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft fünfundachtzig, S. 1099)
Die Deutung dieses Bildes führt weiter: Naphtali steht für einen Menschen, der nicht von Herkunft oder Umständen determiniert wird, sondern vom auferstandenen Leben. Das ‚Reh‘, mit dem Naphtali biblisch verknüpft ist, deutet auf eine geschmeidige, wache Seele, die in Notlagen still auf Gott setzt und zugleich Ausdruck schenkt — schöne Worte, die das Gemeindeleben stärken. Daraus folgt eine konkrete Konsequenz für die Versammlung: Solche Menschen bringen nicht nur Technik oder Wissen, sondern ein belebtes Wort und eine seelsorgerliche Gegenwart, die andere aufbauen und die Gemeinde als Leib formen.
«Land Sebulon und Land Naphtali, gegen den See hin, jenseits des Jordan, Galiläa der Nationen:” (Matthäus 4:15)
Die Einladung zur ‚Naphtali‘-Gestalt lädt dazu ein, die eigenen Begrenzungen als Orte zu sehen, an denen Gott die Auferstehung leben lässt. Dort, wo Vertrauen wächst und die Höhe gesucht wird, wird das Wort lebendig und die Gemeinde genährt — ein tröstlicher Ausblick, der zum Dienen in Freiheit ermutigt.
Berufung zum Bau: Fähigkeiten erwerben, den ‚Vater‘ sterben lassen und dem Tempel dienen
Hirams Handwerk und die Parallelen bei Mose und Paulus zeigen: weltliche Fertigkeit ist nicht per se weltlich im schlechtesten Sinn; sie kann vielmehr zum Instrument des Tempelbaus werden. Das wird deutlich, wenn in der Apostelgeschichte 7:22 über Mose gesagt wird: „Und Mose wurde unterwiesen in aller Weisheit der Ägypter; er war aber mächtig in seinen Worten und Werken.“ Solche Ausbildung, praktische Kenntnis und Können sind Gnadengaben, die sich in den Dienst Gottes einklinken, wenn die innere Ausrichtung verändert wurde.
Wir müssen jetzt einen entscheidenden Punkt erkennen: Alle ‚Tyrian‘-Väter müssen sterben. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft fünfundachtzig, S. 1101)
Der kritische Punkt liegt in der Umwandlung der Zweckbestimmung: was ursprünglich einem ‚tyrischen‘ oder häuslichen Vater diente, muss nicht zwangsläufig fortbestehen; es gilt, dass frühere Bindungen nicht mehr das Zentrum bestimmen. Das bedeutet nicht moralisches Verwerfen von Fähigkeiten, sondern ihre Heiligung: die Fertigkeit bleibt, doch ihr Ziel verschiebt sich auf den Aufbau des Hauses Gottes. In der Praxis zeigt sich das, wenn Menschen ihr Wissen und Können nicht zur Selbstbehauptung, sondern zur Förderung der Gemeinde einsetzen und dadurch zu wirklichen Baumeistern werden.
Und Mose wurde unterwiesen in aller Weisheit der Ägypter; er war aber mächtig in seinen Worten und Werken. (Apostelgeschichte 7:22)
Und er formte die beiden Säulen aus Bronze: achtzehn Ellen (betrug) die Höhe der einen Säule, und ein Faden von zwölf Ellen umspannte sie; ihre (Wand)stärke war vier Finger(breit, und innen war sie) hohl; ebenso war die andere Säule. (1. Könige 7:15)
Die Vorstellung, dass weltliche Gaben durch die Auferstehung und durch eine veränderte Ausrichtung zum Tempelbau werden, schenkt Hoffnung: Was Gott in uns als Fähigkeit gelegt hat, kann Er für Sein Haus gebrauchen. Das tröstet und ermutigt, die eigenen Gaben dem größeren Bau zuzuwenden, ohne die Person zu verleugnen, die Gott geschaffen hat.
Herr, gib uns die Demut, unsere Herkunft vor Dir zu bekennen; verwandle uns in Naphtali‑Menschen, die in der Not Dir vertrauen, auf die Höhen treten und Leben für die Gemeinde bringen. Schenke uns Weisheit und Fleiß, weltliche Fähigkeiten zu erwerben, und die Bereitschaft, sie wegzugeben, damit sie für Deinen Tempel fruchtbar werden. Leite diejenigen, die berufen sind, als ‚Hirams‘ zu bauen; lass unsere Gaben dem Aufbau Deiner Gemeinde dienen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Genesis, Chapter 85