Der Erbauer der Säulen – der geschickte Hiram (2)
Manche Bibelstellen wirken auf den ersten Blick widersprüchlich – so etwa die Angaben zu Hiram, dem Baumeister der Säulen. Hinter der scheinbaren Schwierigkeit steht eine tiefere geistliche Wahrheit: Gott kann einen Menschen, der aus ungünstigen Verhältnissen kommt und weltliche Fertigkeiten besitzt, auf überraschende Weise in sein Werk einfügen. Welche Konsequenzen hat das für unser persönliches Leben, unsere Talente und unseren Platz in der Gemeinde?
Das Mysterium der Überführung: von Dan und Tyrus zu Naphtali
Hirams Herkunft erscheint auf den ersten Blick widersprüchlich: mütterlich mit Dan verwandt, väterlich aus Tyrus stammend und doch persönlich zu Naphtali gehörig. Diese Dreifaltigkeit von Herkunftselementen ist kein bloß historisches Detail, sondern ein theologisches Zeichen. Beobachtend lässt sich sagen: Dan steht für eine beißende, kämpferische Note; Tyrus für weltlichen Handel und kulturelle Prägung; Naphtali aber wird in der Schrift mit einem losgelassenen Hirsch verglichen, der in seiner Not sein Vertrauen auf Gott setzt und auf die Höhen geführt wird. Es heißt in 1. Mose 49:21: “Naphtali ist eine losgelassene Hirschkuh, der da schöne Worte gibt.” Dieses Bild verlagert die Perspektive von Stammeszugehörigkeit zu geistlicher Mobilität und Vertrauen.
Naphtali ist eine Hirschkuh (1.Mose 49:21), die Gott nützlich ist. Die Darstellung dieser Hirschkuh im Alten Testament ist sehr bedeutsam. Nach der Bibel steht die Hirschkuh für den Menschen, der in einer verzweifelten Lage sein Vertrauen auf Gott setzt. Aus diesem Vertrauen heraus veranlasst der Herr, dass er auf den Höhen wandelt, ja sogar leichtfüßig dort umhergeht (Hab. 3:17–19). Der Titel von Psalm 22 offenbart zudem, dass die Hirschkuh auf Christus selbst hinweist, der, nachdem er das Leiden der Kreuzigung durchlitten hat, um der Gemeinde willen in die Auferstehung eingegangen ist. Hebräer 2:11–12 zeigen, dass der auferstandene Christus für die Gemeinde ist. So steht die Hirschkuh für die Person, die Gott vertraut, auf den Höhen wandelt und durch den auferstandenen Christus zum Aufbau Gottes lebt. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft sechsundachtzig, S. 1108)
Deutend offenbart die Verbindung zu Naphtali, wie Gott unsere natürlichen Linien nicht einfach verwirft, sondern sie in eine neue Zugehörigkeit verwandelt. Die Biographie Hirams zeigt, dass weltliche Herkunft und Gaben nicht automatisch in den Bau des Hauses Gottes überführt werden; vielmehr wird aus dem Rohmaterial des Lebens eine neue Form gestaltet, in der Freiheit, Vertrauen und die Fähigkeit, auf den Höhen zu gehen, Vorrang gewinnen. Wer den Hirsch sieht, erkennt einen Menschen, dessen Leben nicht mehr allein durch Abstammung oder Ausbildung erklärt wird, sondern durch eine überführende Gnade, die ihn der Gemeinde zuwendet. In diesem Licht klingt auch die Aufforderung an, die Qualität des Vertrauens zu suchen, die Habakuk 3 als frohlockendes Gehen auf den Höhen beschreibt.
Der ermutigende Ausklang dieses Abschnitts liegt in der Zusage, dass Herkunft nicht das letzte Wort hat. Wo menschliche Prägungen bestehen, kann Gottes Umwandlung sie übersteigen und in Werkzeuge verwandeln, die für den Bau des geistlichen Hauses tauglich sind. Wer sich von dem Gedanken nähren lässt, dass Gott das Vertraute nicht verschwendet, sondern neu ordnet, findet Trost und Ansporn zugleich.
den Sohn einer Frau von den Töchtern Dan. Und sein Vater war ein Tyrer. Er versteht, in Gold und Silber zu arbeiten, in Bronze, in Eisen, in Steinen und in Holz, in rotem Purpur, in violettem Purpur und in Byssus und in Karmesin und jegliche Gravierung zu machen und jeden Entwurf zu ersinnen, der ihm aufgegeben wird, zusammen mit deinen Künstlern und den Künstlern meines Herrn David, deines Vaters. (2. Chronik 2:13-14)
Naphtali ist eine losgelassene Hirschkuh, der da schöne Worte gibt. (1. Mose 49:21)
Dieser Satz verdeutlicht, wie die geistliche Umwandlung persönlicher Geschichte aussehen kann: Die familiären und kulturellen Linien bleiben als vorhandene Stofflichkeit, werden aber neu in eine göttliche Zugehörigkeit hineinverwandelt, sodass persönliche Fertigkeiten und Erfahrungen der Gemeinde dienen.
Der Tod des ‘tyrischen’ Vaters: weltliche Quellen ablegen, Fähigkeiten behalten
Der kurze, aber bedeutsame Hinweis, dass Hirams Vater von Tyrus gestorben sei, trägt eine theologische Schwere: hier wird die Quelle weltlicher Bindung durchkreuzt. Beobachtet man die Bildersprache, ist der ‚Vater‘ Symbol für die Herkunft jener Fertigkeiten und den Status, den die Welt verleiht. Sein Tod bedeutet nicht, dass Fähigkeiten verschwinden; vielmehr wird die Macht der weltlichen Quelle außer Kraft gesetzt, sodass die Begabungen in neuer Weise verfügbar werden.
Hirams Vater aus Tyrus ist gestorben. Welch ein Unterschied wäre es gewesen, wäre statt seines Vaters seine Mutter gestorben! Wäre dem so, würde dieser Bericht unserer Erfahrung widersprechen, und es wäre unmöglich, diesen Abschnitt des Wortes allegorisch auszulegen. Gelobt sei der Herr, dass unser „Vater“, nicht unsere „Mutter“, gestorben ist. Das bedeutet, dass die Quelle weltlicher Fertigkeit von Gott abgeschnitten worden ist. Der Vater steht für die Quelle der Fertigkeit, die Mutter für das menschliche Dasein. Würde unsere „Mutter“ sterben, während unser „Vater“ lebte, wären wir „Geister“, völlig in die Welt verstrickt. Wir müssen jedoch weiterhin als Menschen bestehen. Selbst Paulus sagt: “Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; und das Leben, das ich jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben, in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt und Sich Selbst für mich hingegeben hat.” (Gal. 2:20) Der alte Mensch, der alte „Vater“, ist gekreuzigt worden; doch wir bestehen weiter. Dieses „Ich“, das fortbesteht, ist die „Mutter“ unseres menschlichen Daseins. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft sechsundachtzig, S. 1111)
Im Weiterdenken tritt die paulinische Wahrheit hinzu: Das alte Ich ist mit Christus gekreuzigt worden, gleichzeitig bleibt das menschliche Leben bestehen und kann nun in der Auferstehung geübt werden. Es heißt in Galater 2:20: “Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; und das Leben, das ich jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben…” So bleibt die Fähigkeit erhalten, aber die Identität, die sie zuvor bestimmte, ist entmachtet. Die Konsequenz ist eine Demut, die nicht die Gaben negiert, sondern sie empfänglich macht für das Wirken des auferstandenen Christus.
Ermutigend bleibt die Perspektive, dass der Verlust weltlicher Autorität kein Verlust an Nützlichkeit ist. Vielmehr öffnet sich Raum, in dem Begabungen nicht länger Selbstbehauptung dienen, sondern Instrumente des Aufbaus werden. Diese Aussicht kann innerlich befreien und zur stillen Zuversicht führen, dass Gottes Werk aus dem Tod des Alten Lebendiges formt.
Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; und das Leben, das ich jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben, in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt und Sich Selbst für mich hingegeben hat. (Galater 2:20)
Die Implikation ist, dass die Entmachtung weltlicher Quellen befähigend wirkt: Fähigkeiten bleiben vorhanden, ihre ursprüngliche Bindung jedoch weicht, so dass sie in Demut und in der Auferstehungsweise des Lebens für die Gemeinde fruchtbar werden können.
Vom Tyros nach Jerusalem: Fähigkeiten in die Gemeinde einbringen
Die zweite Bewegung in Hirams Geschichte ist die Herausholung aus Tyrus und die Einsetzung bei Salomo in Jerusalem. Beobachtend wird deutlich: Talente entfalten ihren eigentlichen Wert nicht im isolierten Erwerb, sondern in der Einbringung in die Gemeinde. Hiram wird nicht als Selbstzweck beschrieben, sondern als Kunsthandwerker, der seine Fertigkeiten in den Dienst des Tempelbaus stellt. Es heißt in 1. Könige 7:13–14: “UND der König Salomo sandte hin und ließ Hiram von Tyrus holen. Der war der Sohn einer Witwe aus dem Stamm Naftali, sein Vater aber war ein Tyrer, ein Bronzeschmied. Er war voller Weisheit und Einsicht und Kenntnis, um jegliche Arbeit in Bronze auszuführen. Und er kam zu dem König Salomo und führte (ihm) alle seine Arbeit aus.”
Die weltlichen Fähigkeiten, die wir erwerben, taugen nur für Gottes Aufbau in der Auferstehung — das heißt erst, nachdem der weltliche Vater gestorben ist und wir in den Stamm Naphtali versetzt worden sind. Nachdem dein „tyrischer“ Vater gestorben ist und deine „danitische“ Mutter verwitwet ist, darfst du nicht länger als natürlicher Mensch verbleiben. Alles Natürliche ist Verschwendung. Statt natürlich zu leben, müssen wir uns darin üben, in jedem Bereich unseres Lebens in der Auferstehung zu sein. Das ist von großer Bedeutung. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft sechsundachtzig, S. 1118)
Die Deutung dieses Zuges führt zu einem einfachen, aber tiefen Prinzip: Gaben werden zu Stützen im Bau, wenn sie in die Gemeinschaft gestellt und durch das Leben des Kreuzes und der Auferstehung geformt werden. Die Verlagerung nach Jerusalem steht für eine sakrale Ortung – nicht unbedingt geographisch, sondern geistlich: Fähigkeiten finden ihre Bestimmung, wenn sie dem Leib übergeben sind und dort in eine gemeinsame Vision eingepasst werden. Das Ergebnis ist, dass handwerkliche Kunst zur Säule im Haus Gottes wird, weil sie an einen höheren Zweck gebunden ist.
Als ermutigender Schluss bleibt die Gewissheit, dass das Einbringen persönlicher Befähigungen in die Gemeinde keine Entleerung darstellt, sondern eine Aufrichtung. Wenn Begabungen nicht zur Selbstverherrlichung dienen, sondern dem gemeinsamen Bau gewidmet sind, entsteht etwas Bleibendes: Kunstfertigkeit wird zum tragenden Element im Zweck Gottes, und das Leben gewinnt dadurch Sinn und Weite.
Und der König Salomo sandte hin und ließ Hiram von Tyrus holen. (1. Könige 7:13)
Der war der Sohn einer Witwe aus dem Stamm Naftali, sein Vater aber war ein Tyrer, ein Bronzeschmied. Er war voller Weisheit und Einsicht und Kenntnis, um jegliche Arbeit in Bronze auszuführen. Und er kam zu dem König Salomo und führte (ihm) alle seine Arbeit aus. (1. Könige 7:14)
Die Darstellung zeigt, wie Fähigkeiten durch ihre Platzierung in die Gemeinschaft ihren höchsten Wert finden: In der Hinordnung zum Bau des Hauses Gottes werden technische Fertigkeiten und Kenntnisse zu tragenden Elementen des geistlichen Aufbaus.
Herr Jesus, Hilf mir, die Bindungen an weltliche Quellen zu durchschneiden – nicht indem ich meine Gaben verachte, sondern indem ich ihre Herkunft begrabe und in Demut zu Dir stelle. Zieh mich aus Tyrus in die Versammlung, damit meine Begabungen Säulen für Dein Haus werden. Lehre mich, im täglichen Leben in der Auferstehung zu handeln und anderen damit zu dienen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Genesis, Chapter 86